Papier, Plastiktüten, Pappkartons – pures Gold?

Am 30. November und 1. Dezember 2017 veranstaltete das ifa die internationale Konferenz Trash it? Burn It? Use It! Rubbish Dump or Workshop? Creative Approaches to Trash in Kooperation mit dem Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (MKG). Die Konferenz fand im Rahmen der ifa-Ausstellung Pure Gold – Upcycled! Upgraded! statt und thematisierte die Strukturen einer globalisierten Konsumgesellschaft mit ihren unübersehbaren ökologischen Folgeerscheinungen. Diskutiert wurden Lösungsansätze zur Müllvermeidung sowie zur Ver- und Aufwertung von Abfallprodukten.

Die internationalen Kuratorinnen und Kuratoren der Ausstellung und Experten aus den Bereichen Umwelt, Forschung und Kreativwirtschaft führten in Keynotes in die Thematik ein. Als offene Plattform für Gestalterinnen und Gestalter, für die Maker-Szene und die Zivilgesellschaft bot die Konferenz Workshops, interaktive Diskurs- und Aktionsformate sowie Möglichkeiten der Vernetzung. Sabine Schulze, Direktorin des Museums für Kunst und Gewerbe und Elke aus dem Moore, Leiterin der Kunstabteilung des ifa begrüßten die Gäste. Géraldine de Bastion führte als Moderatorin durch den Abend.

Über die Verschwendung von Zeit

In seiner einleitenden Keynote zum Thema Verschwendung attestiere Friedrich von Borries dem Projekt Pure Gold und den Methoden des Upcyclings eine doppelte Umkehrung des traditionellen Verschwendungsbegriffs: Einerseits definieren sie als Gold, was innerhalb der bestehenden ökonomischen Logik als Müll verstanden wird, andererseits zeigen sie, dass gutes Design durchaus von Verschwendung lebt – nicht von materieller Verschwendung, sondern von einer andern Form der Großzügigkeit: der Verschwendung von Zeit: Die Designerinnen und Designer erproben neue Materialkombinationen und -techniken und schöpfen so einen Wert, dem ein besonderer Glanz innewohnt.

Angeli Sachs beleuchtete in ihrem Vortrag Die Ausstellung als Möglichkeitsraum den theoretischen Hintergrund: Welche Rolle spielen die Objekte im Museum? Wer spricht? Welche Bedeutung haben die Besucherinnen und Besucher? Sind sie Rezipientinnen und Rezipienten oder entsteht ein Dialog? Anders als Kunstwerke werden Designobjekte dem eigentlichen Gebrauch enthoben und erst auf dem Sockel zum Exponat. Museen sind aber zunehmend Orte der Partizipation, Orte gesellschaftlichen Wandels. In diesem Sinne sind Formate wie die im Rahmen von Pure Gold – Upcycled! Upgraded! stattfindenden Workshops, die Konferenz und die digitale Plattform heute integrale Bestandteile einer gelungenen Ausstellung.

© Foto: Anja Beutler

Im Anschluss an die beiden einführenden Keynotes folgte die "Weltreise", in der jede Kuratorin und jeder Kurator in einem kurzen Vortrag regional spezifische Aspekte des Upcyclings in den Fokus stellte. Volker Albus (Frankfurt), hauptverantwortlicher Kurator der Ausstellung, setzte sich dafür ein, dass die Thematik nicht allein rational gefasst werden dürfe. Anspruchsvolle Ästhetik spiele bei Upcycling eine entscheidende Rolle. Die Ausstellung hinterfrage Gemeinplätze von Upcycling als ökologisches Nischenprojekt, in dem Stil- und Formgefühl keine relevanten Faktoren sind. Ganz im Gegenteil produzieren Upcycling-Techniken ästhetisch herausragende Objekte, die Begehrlichkeiten wecken.

Müll als Handelsgut und Ressource für das tägliche Überleben

Aus der Perspektive des "Global South" blickte die Brasilianerin Adélia Borges (São Paulo) auf die Thematik. Sie wies darauf hin, dass die Mehrzahl der Menschen weltweit ihren Lebensunterhalt mit weniger als 10 US-Dollar pro Tag bestreiten muss. Was in westlichen Industrienationen als "Müll" angesehen wird, ist für sie Ressource und tagtägliches Handelsgut. Die Lebenszyklen von Produkten zu verlängern ist schlicht eine Überlebensstrategie. Sicher verwendeten auch prägende brasilianische Architekten und Designer wie Lina Bo Bardi und Aloisio Magalhães Upcycling-Techniken in ihren Entwürfen. Aber, so fragte Borges, müssen wir uns wirklich an berühmten Persönlichkeiten orientieren, um einen derart relevanten Diskurs voranzutreiben?

Tapiwa Matsinde (London) beleuchtete die Thematik für die Region Subsahara-Afrika. Müllhalden, zunehmend auch Elektroschrott, der aus Industrienationen geliefert wird, stellen hier vielerorts ein massives Problem dar. Da die Infrastruktur einer funktionierenden Müllentsorgung oftmals nicht gegeben ist, wird diese Rolle zunehmend von privaten Akteuren ausgefüllt. Initiativen verteilen an Bewohner pro Kilogramm Müll Wertmarken, die in lokal ansässigen Gewerben eingelöst werden können. Der gesammelte Müll wird recycelt oder kann an zentrale staatliche Stellen weiterverkauft werden. Nach Matsinde besitzen diese privaten Initiativen mehrere positive Effekte: Sie wirken auf sozialer Ebene, schaffen Jobs und Einkommen, auf ökologischer, aber auch auf politischer Ebene, indem sie mit einem erwachenden Umweltbewusstsein Druck ausüben. So gibt es erste staatliche Regulierungsmaßnahmen mit Signalwirkung. Staaten wie Eritrea, Ruanda, Somalia, Tansania, Uganda und Kenia haben den Einsatz von Plastiktüten verboten. Die Durchsetzung dieser Gesetze gestaltet sich freilich bisweilen schwierig.

© Foto: Anja Beutler

Bahia Shehab (Kairo) widmete sich in ihrem Vortrag dem informellen Stadtviertel Manschiyyet Nasser in Kairo, das auch unter dem Namen "Garbage City" bekannt ist. Straßen sind mit Abfall übersäht, der Gestank ist nahezu unerträglich. Hier werden 80 Prozent des Mülls der ägyptischen Hauptstadt recycelt. Nicht in hoch technisierten Fabriken, sondern von verschiedenen Kleinbetrieben. Unter diesen widrigen Umständen hat eine Gruppe engagierter koptischer Frauen 1983 die Association for the Protection of the Environment gegründet. Sie organisieren Webereien, Papier-, Metall- und Elektronikwerkstätten, aber auch infrastrukturelle Maßnahmen wie Schulen. Die historische koptische Höhlenkirche des Viertels ist Sinnbild für dezentrale Organisationsformen, wo staatliche Stellen versagen.

Auch der thailändische Designer Eggarat Wongcharit (Bangkok) betonte, dass Upcycling kein Kulturexport aus dem Westen ist, sondern – wie an einer ganzen Reihe an Beispielen aus Thailand, Laos, Myanmar, Malaysia und Indonesien aufgeführt – in der asiatischen Kultur fest verankert ist. Dass diese Techniken auch im Wettbewerb mit ästhetischen Ansprüchen Europas bestehen können, beweisen nicht zuletzt Wongcharits eigene Objekte, die unter anderem auf dem Salone del Mobile in Mailand ausgestellt wurden.

Handwerk im Zeitalter der Technifizierung

Die Chinesin Jie Zhang (Peking) setzte sich für die Erhaltung traditioneller chinesischer Handwerkstechniken ein, denen sie im Zeitalter der Rationalisierung und Technifizierung eine neue Lebensgrundlage schaffen will. Diese verwenden selbstverständlich natürliche, nachwachsende Ressourcen auf sparsame Weise und schonen so die Umwelt. Dabei gab sie zu bedenken, dass sie im modernen chinesischen Lifestyle bisher kaum Beachtung finden. Dennoch blieb sie angesichts erster Veranstaltungen wie dem Zero Waste Festival in Peking optimistisch.

Nach der Weltreise der Kuratorinnen und Kuratoren nahm der Innovationsbeauftragte der Hamburger Abfallwirtschaft, Reinhard Fiedler, das Publikum in seinem Vortrag Geschichte(-n) aus dem Müll mit auf eine kulturhistorische Reise. Dabei kam er zur wohl berühmtesten Mülldeponie der Weltgeschichte, die schon im Neuen Testament genannt wird: Gehenna, einem Tal vor den Toren Jerusalems. Als "Tal des ewigen Feuers" war es Inbegriff des Abscheulichen schlechthin und, so Bibelkundler Wolfgang Schneider, etymologischer Ursprung des Wortes Hölle.
Wohin mit dem Müll? Diese Frage beschäftigt den Menschen also seitdem er sesshaft wurde. Während antike Städte immer wieder auf ihrem eigenen Müll errichtet wurden – berühmtestes Beispiel ist Troja, das über die Jahrhunderte neun Meter in die Höhe wuchs – ist sie für moderne Gesellschaften eine Frage schierer Effizienzmaximierung. Seit dem 19. Jahrhundert wurde die zentrale Müllverbrennung priorisiert. Dabei kann auch die Müllsortierung wirtschaftlich sein. Fiedler verweist auf die Kupferhütte Aurubis in Hamburg, die paradoxerweise Europas größter Goldproduzent ist. Sie stellt Kupfer aus Elektroschrott her, das Gold – in 50.000 Handys steckt ein Kilogramm des Edelmetalls – ist dabei nur ein Nebenprodukt.

Dass Upcycling auf vielfältige Weise Mehrwert für die Gesellschaft leistet, betont Axel Kufus in seinem Vortrag "Cycling Up Design". Er appellierte an eine globale Vernetzung von Designern, Makern und der interessierten Öffentlichkeit. Die Konferenz in Hamburg sieht er dafür als impulsgebenden Startschuss.

Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg

Das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (MKG) beschäftigt sich seit vielen Jahren mit gesellschaftskritischen Themen und betrachtet neben der kunsthandwerklichen Herstellung von Objekten auch die industriellen Produktionsprozesse vom Rohstoff bis zum Endprodukt. Nach einer Ausstellung über die Ursachen und Folgen von Plastikmüll tourt seit 2015 "Fast Fashion. Die Schattenseiten der Mode" um die Welt. Aktuell beleuchtet die Ausstellung "Food Revolution 5.0" die globale Lebensmittelindustrie und das Verbraucherverhalten kritisch.
www.mkg-hamburg.de