Your Body is Yours

Wolfgang Tillmans, Love (hands in hair), 1989

Die Idee, "sich nicht vor dem eigenen Körper zu fürchten", ist zentral in meiner Arbeit. Zu oft sind der Körper und dessen Bild irgendwie kontrolliert. Die Medien, die Werbung, unsere Eltern und gesellschaftliche Konventionen schreiben uns vor, wie wir unseren Körper zu rasieren oder zu bedecken haben, wie ein Körper genutzt werden sollte. Das Bedürfnis, diesen Schönheitsstandards zu entsprechen, ist  für viele Menschen zur Zwangsjacke geworden. Aber der Körper ist frei und nur du verfügst über ihn. Und das ist etwas, was Fotografie verstärken kann. Sie gibt mir ein Werkzeug, um unterschiedliche Vorstellungen von Schönheit zu porträtieren, um mit mir selbst im Frieden zu sein.

Truth Study Center

Die Veränderung des politischen Klimas nach 9/11 und dem Irakkrieg hat mich sehr beeinflusst – die generelle Verschiebung zurück zu dogmatischen Ideen, Ideologien und insbesondere zu Wahrheitsbehauptungen. Ich habe Zeitungsartikel gesammelt, die mir wichtig erschienen. Ich habe sie ausgestellt, weil sie das, was ich fühlte, besser ausdrücken konnten als meine Fotografien. 2005 hatte ich eine Ausstellung in London. Auf einer Etage waren ausschließlich abstrakte Arbeiten ausgestellt. Die anderen Räume zeigten eine Auswahl dieses Materials unter dem Titel "truth study center". Der Titel war kein Anspruch, sondern vielmehr eine Erinnerung an die Unmöglichkeit der absoluten Wahrheit. Diese Collagen sind seither ein fester Bestandteil meiner Ausstellungen. Sie bringen die unmittelbar politische Welt in meine eher persönliche Welt der Fotografie. Die Tische ordnen Dinge in einen Kontext ein und betonen gleichzeitig die Bedeutung von Beobachtung, Untersuchung und Sichtbarkeit.

Installationsansicht von Fragile, Musée d’Art Contemporain et Multimédia, Kinshasa, 2018 Foto: Wolfgang Tillmans

Ein Porträt zu machen, ist ein wesentlicher künstlerischer Akt – und der Prozess ist ein sehr direkter menschlicher Austausch. Diese Dynamik verändert sich nie, egal wie berühmt der Fotograf oder das Modell ist. Man hat es immer mit Verletzlichkeit zu tun, mit Ausgesetzsein, Verlegenheit und Ehrlichkeit. Was ich bei Menschen am reizvollsten finde, ist, wie sie sich ihrer eigenen Fragilität bewusst und dennoch stark und unabhängig sind. Ich möchte diese Komplexität in ihrer Gänze kommunizieren, dieses Fehlen einer einzigen Lesart, und den vielschichtigen Charakter und Wiedersprüche innerhalb einer Persönlichkeit darstellen – wie sie sich in der Kleidung zeigen, im Stil, in Haltungen und in der Art und Weise, wie eine Person lebt. Es ist die gebrochene Realität der Identität, die mich fasziniert.

Porträt

Wolfgang Tillmans, Anders pulling splinter from his foot, 2004

Werkgruppen (Auswahl)

Selbstporträt

Wolfgang Tillmans, August self portrait, 2005

Das Bild, das ich als meine erste Arbeit ansehe, ist Lacanau (self), 1986. Es ist ein Selbstporträt, das ich am Stand in Frankreich aufgenommen habe, indem ich meinen Körper von oben herab fotografierte. Man sieht eine rosa Form, die mein T-Shirt ist, ein bisschen Schwarz und Weiß von meiner Hose, einen Teil meines Beins und eine große Fläche Sand drum herum. Es ist auch mein erstes abstraktes Bild. Gleichzeitig ist es sowohl eine Darstellung einer Person als auch die Aufnahme einer Erfahrung, die ich hatte: Die Bejahung meiner selbst. Ich sagte: "Ich bin." Es war, als ob ich mich in diesem Moment vor mir selbst als Künstler outete. Seither mache ich immer wieder Selbstporträts, die inzwischen zu einer eigenen Werkgruppe innerhalb meiner Arbeit geworden sind.

Gemeinschaft

Wolfgang Tillmans, Lutz, Alex, Suzanne & Christoph on beach (b/w), 1993

Mit Freunden oder befreundeten Menschen zusammen zu sein, ist wahrscheinlich eines meiner größten Bedürfnisse. An anderer Stelle habe ich von der Liebe zu den Dingen gesprochen, für das bedruckte Papier, die Beobachtung, die Faszination für die Objekte, die ich schaffe. Aber die andere andauernde Faszination dreht sich wirklich um Menschen, um eine Liebe zu Menschen und Gemeinschaft – uns selbst ohne Angst zu entdecken: Menschen, die gemeinsam Spaß haben, oder nicht unbedingt immer Spaß haben. Ich versuche, dieses Zusammensein einzufangen, abzubilden oder manchmal auch zu inszenieren. Für mich sind gestellte Fotos nicht unbedingt weniger authentisch, denn es kommt auf die Intention an, die authentisch sein muss. Es gibt keine Regel, die "Authentizität" definiert.

Freischwimmer / Greifbar

Diese Bilder wecken im Betrachter eine Vorstellung von Fluidität, obwohl sie im Grunde "trocken" erstellt wurden – nur mit Licht und meinen Händen. Sie wurden in der Dunkelkammer ohne Negative und Kamera erzeugt, ausschließlich durch die Manipulation von Licht auf Papier. In diesem Sinne sind ihre eigene Realität, der Schaffensprozess und die Schaffenszeit von großer Wichtigkeit für ihre Bedeutung: Es geht um die Zeit, die ich mit dem Material verbringe, in der ich verschiedene Effekte erkunde und verstärke. Sie haben eine besondere Bedeutung aufgrund ihrer Körperlichkeit. Obwohl sie "malerisch" erscheinen, ist es wichtig, dass diese abstrakten Bilder auf Fotopapier eben fotografisch und nicht gemalt sind. Sie sind nur möglich aufgrund ihrer fotografischen Präsenz.

Wolfgang Tillmans, Greifbar 29, 2014

paper drop

Wolfgang Tillmans, paper drop Prinzessinnenstrasse, a, 2014

Eines Abends im Jahr 2000 ging ich in meinem Studio auf und ab, und hatte dabei die Erkenntnis, dass alles, was ich mache, auf Papier ist. Kurz darauf machte ich ein Bild von diesem großen roten Fotopapier, das ich nur an einer Ecke aufgehängt hatte.  Ich beobachtete, wie es sich wellte und wie es, vom gleißenden Sonnenlicht gestreift, fast zu fallen schien. So kam ich auf den Namen "paper drop" (Papierfall/Papiertropfen). 2005 begann ich dann wieder, große Bögen belichteten Papiers zu betrachten. Ich hatte ein Papier zurückgebogen, sodass sich die Kanten berühren, und sah darin diese tropfenartige Form. Ich habe sie so fotografiert, dass nur die Kanten des Papiers scharf gestellt waren, alles davor und dahinter lag außerhalb des Fokus.  Ich habe Fotografien immer als Objekte gesehen und nicht als glatte Flächen.