Olaf Nicolai: GIRO, 2015 © VG Bild-Kunst

Olaf Nicolai: GIRO

Das Dach als politischer Ort und Ort der Freiheit

Olaf Nicolais Beitrag stellt vorbereitende Studien und gesammeltes Material seiner temporären Performance GIRO vor, die während der Laufzeit der 56. Biennale von Venedig auf dem Dach des deutschen Pavillons stattgefunden hat. Ausgangspunkt seiner Arbeit war eine Bildrecherche über die Ikonographie von Dächern – verstanden als ein Ort, an den Menschen sich zurückziehen, als dialektischer Ort von Freiheit aber auch von Bedrohung. Diese umfangreiche Sammlung umfasst aktuelle Medienbilder ebenso wie kunsthistorische Darstellungen. Seine Montage verbindet unterschiedliche Motive des Ausbruchs miteinander, etwa Befreiung, Aufstieg, Flucht, Himmelfahrt, aber auch Rückzug, Verteidigung und Bestrafung. Der Motor seiner Erzählung ist das Motiv des Bumerangs und seiner Flugbahnen, das das große Wandbild durchzieht, alles ordnet sich der Idee des Zirkulierens unter an, oder wie Slavoj Žižek schreibt:

Olaf Nicolai: GIRO, 2015 © VG Bild-Kunst

"Der Bumerang symbolisiert den Augenblick des Entstehens von Kultur, den Augenblick, da der Instinkt sich in Trieb verwandelt: den Augenblick der Aufspaltung zwischen goal und aim, den Augenblick, da das wahre Ziel (aim) nicht mehr ist, das Ziel (goal) zu treffen, sondern die Kreisbewegung von dessen wiederholtem Verfehlen aufrechtzuerhalten."

Die große Wandarbeit wird von zwei Videoprojektionen gerahmt. Sie zeigen das von kleinen, an Bumerangs montierten Kameras aufgezeichnete Bildmaterial, das 2015 während Nicolais Aktion auf dem Dach des Pavillons entstanden ist. So führt seine Arbeit die zentralen Motive dieser Ausstellung zusammen: Das Dach als politischer Ort und die globale Zirkulation von Bildern, Menschen und Dingen.

Olaf Nicolai; Foto © Hans-Günther Kaufmann

Olaf Nicolai, geboren 1962, lebt und arbeitet als Künstler in Berlin. Er entwickelt vielfältige interdisziplinäre Projekte, welche die elementaren Erfahrungen von Raum, Zeit und Körperlichkeit hinterfragen. Sei es ein Science-Fiction-Roman, ein Musikstück oder Prozesse des Industriehandwerks: Nicolai handelt als Mittler zwischen gegebenem Raum und Ideenformen, um soziales Verhalten in der Spannung zwischen konkreter Erfahrung und abstrahierender Kontextualisierung zu thematisieren. Indem er mit Wiederholungen und Sequenzierungenarbeitet, entwickelt er eine eigene Repräsentationskritik und macht unbekannte Kontexte sichtbar. Durch das Herstellen künstlicher Landschaften, die archivarisches Gedächtnis, Handwerkspraxen und fiktionale Szenarien mit alltäglichen Konstellationen kombinieren, betont er die Variabilität der Konzeption von Natur.

Nicolai ist Professor für Bildhauerei und Grundlagen des dreidimensionalen Gestaltens an der Akademie der Bildenden Künste München. Seine Arbeiten waren zuletzt zu sehen in: Anticipation 4, Fondation Lafayette, Paris (2014), Lepigment de la lumière, Innengestaltung für die neuen Meisterhäuser Gropius und Moholy-Nagy, Bauhaus Dessau (2014), (Innere Stimme), Museum Angewandte Kunst, Frankfurt am Main (2013), Escalier du Chant, Musée du Louvre, Paris (2013). Er nahm an der Biennale di Venezia 2001 und 2005 und an der documenta X (1997) teil.

Fabrik. Venedig, Biennale 2015, Deutscher Pavillon. – Stuttgart: ifa, 2015. – 220 S

Ausstellungskatalog

Fabrik. Venedig, Biennale 2015, Deutscher Pavillon. – Stuttgart: ifa, 2015. – 220 S. Bestellen auf ifa Media