Johannes Haile, Deutschland 1962

MEINE ERINNERUNGEN AN JOHANNES HAILE

Am 21. April 2016 um 11 Uhr abends erhielt ich von Dr. Michael Haile, Johannes Hailes Neffen, die folgende E-Mail: "Liebe Meskerem, ich hoffe, dir geht es gut. Es fällt mir nicht leicht, dies zu schreiben, aber in der vergangenen Woche ist Gash Johannes verstorben. Er soll zu Hause einen Herzinfarkt erlitten haben und dann ins Krankenhaus gefahren worden sein. Ich sende dir die herzlichsten Grüße vom Haile-Clan. Alles Gute, Michael."

Von Meskerem Assegued

Ich konnte es nicht fassen. Ich sprang aus dem Bett und konnte nicht aufhören zu weinen. Er war darauf vorbereitet. Oft hatte er mir gesagt, dass er vielleicht nicht bis zur Ausstellung durchhalten würde, und ich sagte dann immer: "Lass deine Scherze, auf uns wartet eine große Ausstellung und noch viel mehr." Er wollte unbedingt nach Deutschland fliegen. Ich weinte, weniger weil er letztlich Ruhe gefunden hatte, als vielmehr um meinetwegen. Ich hatte meinen guten Freund verloren. Er vermittelte mir viel Vertrauen und war stets um mein Wohlergehen bekümmert. Wenn ich mich einige Tage nicht gemeldet oder ihn besucht hatte, rief er mich an, um sich zu vergewissern, dass alles in Ordnung war.

Meskerem Assegued © Guenet Assegued
Meskerem Assegued, Kuratorin der Ausstellung
"Mit anderen Augen. Deutschland in den
1960er Jahren – Fotografien von Johannes
Haile" © Guenet Assegued

Einmal lud er mich zum Mittagessen im Backyard, einem italienischen Restaurant unweit seines Hauses ein. Er war tadellos angezogen, trug ein schickes graues Jackett und blaue Hosen mit einem weißen Hemd und einer gestreiften Krawatte. Während des Essens blickten wir auf ein Foto von Marilyn Monroe, das an der Wand hing. Er betrachtete es und meinte: "Weißt du, damals in New York habe ich mir mit ihrem Fotografen Milton Greene die Wohnung geteilt." Ich fragte ihn, ob er sie getroffen habe, und er antwortete: "Nein, aber Milton sprach ständig von ihr." In den 1950er Jahren studierte Johannes Haile Fotografie am Pratt Institute in New York und an der University of Southern California in Los Angeles.

"Von Gash Johannes fotografiert zu werden stand für Geschmack und Kultur"

Jedem Bewohner Addis Abebas aus der Generation meiner Eltern oder meiner eigenen Generation ist der Name Johannes Haile geläufig. In unzähligen Wohnzimmern sind die Wände, die Kaminsimse, die Fernseher und die Bücherregale mit gerahmten Schwarzweiß-Porträts von Familienmitgliedern geschmückt. Von Gash Johannes fotografiert zu werden stand für Geschmack und Kultur. Er war exzentrisch. Er hörte Tschaikowski, Chopin und seine Lieblingssinfonien von Beethoven, die 5., 6. und 9. Er kannte jeden der Sätze auswendig und summte bisweilen die Melodien mit. "Hier", sagte er über die 9. Sinfonie, "hör dir diese Emotionen an, die sich immer weiter aufgliedern. Er lässt sie gleichzeitig in die Höhe und in die Tiefe gehen. Er war von Liebe gequält." Er visualisierte und politisierte die Melodien geradezu. Einmal stellte er sich in seinem Wohnzimmer auf und dirigierte für einige Augenblicke die Musik. Man konnte viel Spaß mit ihm haben. Ich denke, unsere Nähe verdankt sich unseren gemeinsamen künstlerischen Vorlieben.

Polizist aus Ghana © Johannes Haile
Polizist aus Ghana, Mitglied der Streitkräfte der
Vereinten Nationen, auf einer Straße in
Leopoldsville, Republik Kongo, zur Wieder-
herstellung von Ruhe und Ordnung im Land
(1960) © Johannes Haile

Für diejenigen, die ihm nahe standen, war er ein disziplinierter Gentleman von außerordentlicher Moral und Großzügigkeit. In der Öffentlichkeit war er wegen seiner Direktheit und seiner Ernsthaftigkeit gefürchtet. Dennoch kamen die Leute in Scharen zu ihm, um sich in seinem Fotostudio porträtieren zu lassen. Sobald jemand für ein Porträt in seinem Atelier saß, nahm Gash Johannes sich die Zeit, bis der Kunde die Kamera vergaß und sich entspannte. Er mochte kein falsches Lächeln und wusste genau, wann er abzudrücken hatte. Er war zufrieden, wenn er einen unbeschwerten Ausdruck eingefangen hatte. Dann legte er den Schwarzweiß-Film auf einen Lichtkasten mit über dem Betrachtungsfeld angebrachter Lupe, um die Porträts zu begutachten und nachzubessern. Mit einem speziellen Stift retuschierte er die Pickel, Narben und kleineren Falten. Diese Technik ist heutzutage durch Digitalkameras und Photoshop abgelöst worden.

Sein Atelier befand sich im Erdgeschoss des im Piassa-Viertel gelegenen historischen fünfstöckigen Stuckgebäudes, das als das Electric House bekannt ist und Ende der 1930er Jahre während der fünfjährigen italienischen Besatzungszeit Äthiopiens errichtet worden war. Ironischerweise waren es die italienischen Besatzer, welche ein Fotostudio in Harar betrieben, von denen Gash Johannes im Alter von elf Jahren seine erste Kamera erhielt und die Kunst des Fotografierens lernte. Schon als er das erste Mal eine Kamera in den Händen hielt, so erzählte er mir später, wusste er, dass er Fotograf werden wollte. Er erzählte mir auch, dass er als Junge mit seinem Fahrrad immer von Harar nach Dire Dawa fuhr und auf dem Weg Fotos machte. Auch wenn er als offizieller UN-Fotograf unzählige Aufnahmen gemacht hat, wurden sie bei ihm immer zu künstlerischen Fotografien. Die Bilder zeugen von seiner Leidenschaft und seiner Liebe zur Fotografie.

Eines Nachmittags ...

Der Leser wird sich sicherlich fragen, weshalb ich ihn Gash Johannes nenne. Ich kannte ihn mein ganzes Leben lang, und in meiner Muttersprache Amharic leitet sich "Gash" von "Gasha" ab, was (Schutz-)Schild bedeutet. In unserer Kultur wird von den Jüngeren erwartet, einen älteren Mann mit dem Vorsatz "Gash" vor dem Vornamen anzusprechen. Eines Nachmittags vor ungefähr acht Jahren ging ich zu seinem Haus und traf ihn neben der Einfahrt sitzend vor, wie er Rollen um Rollen von Negativen verbrannte. Verblüfft fragte ich ihn nach dem Grund. Er sagte, dass es sich um Porträtfotos handele, die er über viele Jahre in seinem Atelier aufgenommen habe. Die Kunden hatten die Abzüge bereits erhalten, und er wollte nun verhindern, dass die Negative nach seinem Tod missbraucht würden. Die Privatsphäre der Leute bloßzustellen, verlief gegen seine Moral. Ich war sprachlos. Ich setzte mich zu ihm und schaute ihm dabei zu, wie er eine Negativrolle nach der anderen in die Flammen warf, während wir über die Bienen in seinem Hof sprachen. Er hatte dort Bienenstöcke aufgestellt, um Honig zu gewinnen, den er in Gläsern abfüllte. Oft gab er mir einige Gläser mit, die er in seinem Esszimmerschrank aufbewahrte.

© Johannes Haile, Deutschland 1962
Straßenverkäufer posieren für Johannes Haile.
In ihren Posen zeigt sich ihr Stolz, von einem
Fremden portraitiert zu werden © Johannes
Haile, Deutschland 1962

An der Wand in seinem Wohnzimmer hingen einige Familienfotos, ein Gemälde und Tiergeweihe. Hinter seinem Esstisch hing ein Foto von ihm und Jeanne Moreau, wie sie sich in Langano umarmen, einem berühmten Seeerholungsgebiet südöstlich von Addis Abeba. Das war im Jahr 1967, als die Schauspielerin sich in Äthiopien aufhielt, um in dem britischen Filmdrama The Sailor from Gibraltar (Nur eine Frau an Bord) unter der Regie von Tony Richardson mitzuwirken. Immer wenn er über sie sprach – was oft der Fall war –, glänzten seine Augen. Ich fragte ihn nie danach, wie tiefgehend diese Beziehung war, aber es war unschwer zu erkennen, dass er sie liebte. Allerdings fragte ich ihn, warum er nie geheiratet und keine Kinder habe. Er lächelte dann und sagte, dass sein Bruder und seiner Schwester verheiratet seien und er froh sei, seine Neffen und Nichten als seine Kinder zu haben. Er wollte sich stets seine Freiheit bewahren. Er sagte immer: "Welche Frau würde mit mir in die Wildnis gehen und mich tun lassen, was ich will? Wenn ich auf meiner Freiheit bestehe, verletze ich die Gefühle der Frau, also habe ich mich gegen die Heirat entschieden." Einmal zeigte er mir das Foto eines hübschen jungen amerikanischen Mädchens, das er beinahe geheiratet hätte. Ich fragte ihn nie danach, warum es nicht dazu gekommen war. 

Gash Johannes liebte Einfachheit und Bequemlichkeit. Seine Ernährung war leicht – zumeist Hühnchen, Fisch, Obst, Gemüse und dazu ein Glas Wein oder ein Bier. Nach dem Mittagessen hielt er gerne eine Siesta. Er verbrachte seine Jugend damit, verschiedene Teile Äthiopiens sowie der Welt zu bereisen. Er ging gern zur Jagd, aber letztlich, so sagte er mir, sympathisierte er mit den Naturschützern. Durch die Jagd bewahrte er eine Verbundenheit mit der Wildnis und den Dorfbewohnern. Immer wenn ich ihn besuchte, saßen wir in seinem Wohnzimmer vor dem Kamin und betrachteten seine Fotografien. Es bereitete ihm Vergnügen, sie mir zu zeigen und die dazugehörigen Geschichten zu erzählen. Ich sagte ihm oft, dass er sie ausstellen solle, aber daran war er nicht interessiert.

 

Mit anderen Augen: Die Ausstellung

Eines Tages, ungefähr im Mai 2012, rief er mich an und bat mich zu sich. Als ich ankam, war sein Kaffeetisch mit zahlreichen Fotografien überdeckt, die ich nie zuvor gesehen hatte. Wir betrachteten sie, und er erzählte mir die Geschichten dazu. Auf dem Boden standen einige Kästen voller Negative. Wenn ich seine Fotos ausstellen wolle, sagte er zu mir, dann würde er mir die Kästen auf dem Boden geben, in denen sich die Negative befanden, die er 1962 in Deutschland aufgenommen hatte. Da er seine Vergrößerungsapparate eingelagert und somit keine Möglichkeit hatte, Abzüge zu machen, betrachtete ich sie mithilfe des Leuchtkastens. Von da an habe ich jede Möglichkeit versucht, einen passenden Ausstellungsort in Deutschland zu finden. Zunächst fragte ich Ihre Exzellenz Lieselore Cyrus, die deutsche Botschafterin in Äthiopien, ob sie Gash Johannes besuchen wolle, um seine Fotos anzuschauen. Sie willigte ein und kam in sein Haus. Sie war sowohl von den Fotografien wie von seiner Persönlichkeit beeindruckt. Sie stimmte dann zu, eine Autorin aus Deutschland damit zu betrauen, Gash Johannes zu interviewen und seine Geschichte zu dokumentieren. Durch einen gemeinsamen Freund lernte ich die Journalistin, Übersetzerin und Autorin Marie Luise Knott kennen. Sie kam nach Äthiopien und führte ein Interview mit ihm. Dann stellte ich das Projekt dem Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) vor und bekam eine positive Antwort.

Ausstellungskatalog

Mit anderen Augen. Deutschland in den 1960er Jahren – Fotografien von Johannes Haile. – Berlin: ifa (Institut für Auslandsbeziehungen), 2016. – 88 S.

Mit anderen Augen – With Different Eyes

Deutschland in den 1960er Jahren – Fotografien von Johannes Haile. – Berlin: ifa, 2016. – 88 S. – bestellen

ifa-Galerie Stuttgart

Charlottenplatz 17
70173 Stuttgart
Tel. +49.711.2225.161
alber(at)ifa.de

Dienstags – sonntags 12 – 18 Uhr
Montags und an Feiertagen geschlossen

Veranstaltungen

23.11.2017, 19:00 Uhr - 20:00 Uhr | ifa-Galerie Stuttgart
Brinda Somaya: India. My Architectural Canvas
Vortrag 
30.11.2017, 19:00 Uhr - 21:00 Uhr | ifa Weltraum
Gaza Surf Club
IFAKINO
08.12.2017, 16:00 Uhr - 17:00 Uhr | ifa-Galerie Stuttgart
Studio Mumbai Architects
Führung