CCP-Workshop I 2014

"Wie so eine Art Schmelztiegel"

Junge Menschen aus islamisch geprägten Ländern und aus Deutschland trafen sich für drei Tage in Stuttgart – eine Menge Informationen und eine besondere Erfahrung in Sachen Kulturaustausch. Drei Teilnehmer des Programms CrossCulture Praktika, die an diesem Sommer-Workshop teilnahmen, haben uns Eindrücke und die neuen Ideen, die bei diesem Treffen entsanden, verraten.

Interview und Fotos von Dominic Konrad

ifa (Institut für Auslandbeziehungen): Drei Tage Workshop, ihr seid jetzt bestimmt randvoll mit Informationen. Wie fühlt ihr euch heute, was geht in euren Köpfen vor sich?

Samira Sadeque: Ich habe das Gefühl, in einem wirklich starken Netzwerk zu agieren: So viele Menschen aus unterschiedlichen Teilen der Welt, die alle unterschiedliche Hintergründe und Werte haben und die in vielen verschiedenen Bereichen arbeiten. Weißt du, egal wie viel du über andere Länder und Menschen lernen kannst – nichts hat auf dich so einen starken Einfluss wie wenn du dich einfach mit den Menschen auseinandersetzen musst. Dank dieser definitiv vielseitigen Gruppe hier sehe ich jetzt in bestimmten Themengebieten klarer.

CCP-Workshop I 2014

"Nichts hat auf dich so einen starken Einfluss wie wenn du dich einfach mit den Menschen auseinandersetzen musst."

Ulrike Zillmer: Wir haben in den drei Tagen so viele Themen angesprochen. Ich fühle mich, als könnte ich noch drei weitere Monate so weitermachen. Wir würden die ganze Zeit zusammenbleiben und unseren Austausch mit Menschen aus der gesamten islamisch geprägten Welt weiterführen. Ich würde das total gerne machen.

Saddik Abdelhaq: (lacht) Ich würde mir sogar wünschen, dass wir drei Jahre so weitermachen. Ich denke, die Art und Weise, wie unsere Workshop-Leiterin unseren Kurs organisiert, ist sehr interessant und in einer subtilen Art informativ. Sie lässt uns neue Ideen entwickeln statt sie uns auf direktem Weg vorzusetzen. Das finde ich wirklich spannend.

ifa: Ulrike hat ja bereits erwähnt, dass der Workshop ein "Austausch mit Menschen aus der islamisch geprägten Welt" ist. Doch ich glaube, es ist eigentlich ziemlich schwierig, über die "eine islamische Welt" zu sprechen. Es gibt schließlich so viele Unterschiede, etwa zwischen den Menschen aus Nordafrika und Bangladesch. War es für euch einfach, mit Menschen mit so vielen unterschiedlichen kulturellen Hintergründen zusammenzuarbeiten?

CCP-Workshop I 2014

"Ich denke mir, wenn du an einem Ort bist, wo Leute aus vielen Ländern zusammentreffen, dann stellst du fest, dass du einzigartig bist, so wie jeder andere auch."

Ulrike: Nun, für mich ist das mein täglich Brot. Ich arbeite mit internationalen Studenten in Deutschland zusammen, meistens mit asiatischen und europäischen Studenten. Und das ist auch einer der Gründe, warum ich mich für dieses Programm beworben habe: Ich wollte selbst noch einmal diese Erfahrungen machen; Länder entdecken und mich mit Menschen von einem anderen Ort der Erde unterhalten. Ich werde nun im kommenden Jahr nach Marokko gehen. Das wird mein erstes Mal in Nordafrika sein. Bisher habe ich eher Kontakt mit Japanern und Amerikanern gehabt.

Saddik: Ich denke, das hier ist eigentlich mehr wie so eine Art Schmelztiegel, denn hier treffen so viele verschiedene Kulturen zusammen. Du lernst während der Workshop-Situation dazu, aber vor allem auch dadurch, wenn jemand in einer bestimmten Situation völlig anders reagiert als du es tun würdest. Am ersten Tag des Workshops haben wir darüber geredet, wie sich Menschen an den verschiedenen Orten der Welt begrüßen: einige benutzen ihre Nasen, andere küssen sich, wieder andere umarmen sich. Das ist jetzt nur ein kleines Beispiel unter vielen. Ich denke mir, wenn du an einem Ort bist, wo Leute aus vielen Ländern zusammentreffen, dann stellst du fest, dass du einzigartig bist, so wie jeder andere auch.

Samira: Einmal hat mir meine Mitbewohnerin gesagt, dass es bestimmt einige Herausforderungen für uns geben wird, weil wir so unterschiedlich sind. Aber was ich gelernt habe, ist, dass die Leute eine weitreichendere Akzeptanz füreinander entwickeln und sehr gut miteinander auskommen können. Wie Saddik schon gesagt hat, nur die Gesten sind andere. Die eine mag in einer Kultur oder einem bestimmten Kontext anstößig sein, für jemand anderen ist sie aber vielleicht sogar ein Zeichen von Respekt. Man muss einfach offen für andere Weltanschauungen sein.

ifa: Ihr drei befindet euch ja in ganz unterschiedlichen Stadien eurer CrossCulture-Praktika. Saddik, du bist bisher bereits am längsten in Deutschland. Inwiefern hat sich dein Eindruck von Deutschland verändert?

Saddik: Ich bin sehr dankbar, dass mir CCP die Möglichkeit gegeben hat, nach Deutschland zu kommen. Das ist schon eine große Nummer. Seit ich meine Füße auf deutschen Boden gesetzt habe, hat ein ziemlicher Lernprozess angefangen. Du siehst andere Kulturen, Sachen, die du selbst anders tust oder die hier vielleicht gar nicht erst getan werden. In Bezug auf das Praktikum – ich finde es sehr interessant, denn ich habe hier die Möglichkeit, zu erfahren, wie Lehrer an deutschen Schulen unterrichten. Es ist wirklich interessant zu sehen, wie Lehrer aus Deutschland, aber auch aus anderen Ländern, ihre Schüler weiterbilden. Für mich war das eine gute Gelegenheit, mir etwas von ihnen abzuschauen – neue Techniken, die ich nun in meine Unterrichtsstunden einbaue.

ifa: Samira, du absolvierst dein Praktikum in einer vollkommen anderen Fachrichtung als die, in der du arbeitest. Welche neuen Perspektiven versprichst du dir dadurch?

Samira: In Bangladesch arbeite ich als Journalistin. Hier bin ich nun in einer NGO, die sich mit Wahlen auseinandersetzt. Das sind unterschiedliche Felder, aber sie haben definitiv viele Überschneidungen. Ich hoffe, dass ich mich in diesem Arbeitsfeld weiterbilden oder sogar spezialisieren kann, denn es ist etwas, was ich in meiner Arbeit in Bangladesch sehr gut gebrauchen kann. Wahlen sind derzeit ein besonders sensibles Thema in Bangladesch. Wir haben erst vor kurzem Wahlen gehabt, die nicht den demokratischen Grundsätzen entsprochen haben.

CCP-Workshop I 2014

"Ich bin ziemlich froh, dass ich zwei Monate von meinem eigentlichen Beruf pausiere und hier etwas völlig Neues tue. Und CrossCulture hat mir die Chance gegeben, das zu tun."

Es ist ein Thema, das noch immer sehr präsent ist und ich möchte hier genug über das Thema lernen, genug Recherche betreiben. Ich bin dem CCP-Team sogar sehr dankbar, dass sie mich an diese Organisation vermittelt haben. Eigentlich wollte ich mein Praktikum bei einem Verlagshaus absolvieren, doch da ich kein Deutsch spreche, war das nicht möglich. Ich bin ziemlich froh, dass ich zwei Monate von meinem eigentlichen Beruf pausiere und hier etwas völlig Neues tue. Und CrossCulture hat mir die Chance gegeben, das zu tun.

ifa: Ulrike, dir steht dein Praktikum noch bevor. Denkst du, der Workshop hat dir einen Eindruck davon vermittelt, das auf dich zukommt, wenn du nach Marokko fliegst und dort mit einer anderen Kultur konfrontiert bist?

Ulrike: Ich selbst betreue diese Art von Workshops, daher war es für mich eine gute Sache zu sehen, wie andere Trainer Leute für ihren Auslandsaufenthalt vorbereiten. Ich plane auch einen einwöchigen Workshop wie diesen in Marokko – an jedem Tag soll ein anderer Aspekt von Kultur und interkultureller Kommunikation im Fokus stehen. Ich möchte dort die marokkanische Art zu kommunizieren kennenlernen und Dinge einbringen, die ich über Deutschland weiß. Ich werde an der Universität von Rabat mit Deutschstudenten arbeiten – also mit marokkanischen Studenten, die deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft studieren. Ich war so glücklich, den CCP-Flyer in der Zeitschrift KULTURAUSTAUSCH zu finden. Weißt du, ich bin nun jenseits der dreißig und dieses Programm ist das einzige, das ich kenne, wo auch junge Berufstätige über dreißig teilnehmen dürfen. Ich war so froh, diese neue Möglichkeit zu bekommen und selbst nochmal die Position derjenigen einnehmen zu können, die ins Ausland gehen und neue Erfahrungen sammeln. Ich will mich noch gar nicht zu viel vorbereiten, denn ich will alles so erleben, wie es die ausländischen Studierenden in Deutschland erfahren, wenn sie ankommen.

"Ich war so froh, diese neue Möglichkeit zu bekommen und selbst nochmal die Position derjenigen einnehmen zu können, die ins Ausland gehen und neue Erfahrungen sammeln."

ifa: Ihr habt jetzt drei Tage zusammengearbeitet. Könnt ihr euch für die Zukunft vorstellen, mit den anderen Workshop-Teilnehmern zusammenzuarbeiten?

Ulrike: Aber sicher doch. Wir hoffen wirklich, dass wir in Kontakt bleiben können. Sowohl auf privater wie auch auf beruflicher Ebene.

Wir haben schon darüber gesprochen, welche Art der Kooperation sinnvoll sein könnte. Ich hoffe wirklich auf eine interdisziplinäre Zusammenarbeit: Jeder einzelne von uns hat einen ganz individuellen beruflichen Hintergrund. Hier gibt es Künstler, Lehrer, Wissenschaftler und Journalisten genauso wie Menschen, die in der Bildung arbeiten. Ich habe Kulturwissenschaften studiert, dort ist die interdisziplinäre Herangehensweise ziemlich  angesehen. Daher freue ich mich gerade total, dass wir das hier anwenden. Ich freue mich darauf, all unsere Fähigkeiten und unser Wissen eines Tages in einigen Projekten zu kombinieren.

Saddik: Ich denke, dass Zusammenarbeit die essenzielle Frucht dieses Workshops sein sollte. Wir haben gestern damit angefangen, dass jeder sich mit seiner Gast- und seiner Heimatorganisation vorgestellt hat. Es ist wirklich interessant, denn du bekommst einen guten Blick dafür, wie wir zusammenarbeiten können und von unseren unterschiedlichen Erfahrungen profitieren können.

ifa: Letzte Frage: Was denkt ihr, welchen Einfluss hat euer CrossCulture-Praktikum auf euch persönlich und in eurem Berufsleben?

Samira: Die letzten Monate in Deutschland haben für mich bedeutet, dass ich ziemlich unabhängig geworden bin. Das war ich gar nicht gewohnt. Jetzt lebe ich allein in Berlin. Da, wo ich herkomme, ist das ziemlich ungewöhnlich. Der Workshop war eine ziemlich gute Erinnerung daran, wie einfach es doch ist, mit Menschen aus verschiedenen Kulturen zu interagieren. Es ist immer ziemlich einfach, ein ganzes Land oder ein ganzes Volk in ein vorgefertigtes Stereotyp zu quetschen. Das steht im kompletten Gegensatz zu dem Thema unseres Workshops: Bleib offen gegenüber anderen Menschen und ihren Ländern.

CCP-Workshop I 2014

"Wir hoffen wirklich, dass wir in Kontakt bleiben können. Sowohl auf privater wie auch auf beruflicher Ebene."

Saddik: Ich denke, für mich persönlich hat sich einiges geändert. Ich bin die Art Mensch, die normalerweise überhaupt nicht organisiert ist. Hier in Deutschland ist alles gut organisiert, alles hat seinen korrekten Platz. Das finde ich wirklich gut, denn es macht das Leben so viel leichter. Wir in Marokko haben das nicht, etwa in Bezug auf den öffentlichen Nah- und Fernverkehr. Bei uns sind die Busse und Züge niemals pünktlich. Das ist ein ziemlich großer Unterschied und war für mich eine ziemliche Lektion. Als ich hierhergekommen bin, hatte ich bereits eine Vorstellung von Deutschland und Europa. Das gilt, glaube ich, für die meisten Menschen, zumindest die aus dem arabischen Raum. Sie denken, Europa ist eine Art Eldorado. Jeder würde gerne nach Europa gehen und hier Arbeit finden. Doch ich denke, vielleicht ist Marokko für mich doch besser. Ich möchte gerne bei meiner Familie sein, habe gerne mein Lieblingsessen und so weiter…

Ulrike: Für mich war das Ganze vielleicht ein bisschen anders als für die anderen, denn ich weiß, was auf mich zukommt. Interkulturelle Kommunikation ist mein Hauptfach. Daher ist das ganze wie ein Zusatztraining. Natürlich kann ich nicht jedes Land der Welt bereisen, aber ich kann mir wenigstens ein paar Orte aussuchen. In dieser Hinsicht bin ich vielleicht schon sehr deutsch: Ich habe bereits alles geplant. Ich habe meinen Flug schon gebucht und ich habe angefangen, ein bisschen Arabisch zu lernen, damit ich mich im Supermarkt verständigen kann. Ich hoffe, dass ich bei meinem Aufenthalt auch mein Englisch, mein Französisch und mein Arabisch ein bisschen verbessern kann. Da interkulturelle Fragestellungen in meinem Beruf zentral sind, werde ich versuchen, mich verstärkt auf die Sprachen zu konzentrieren. Das ist vielleicht eine der großen Chancen, die ich im CrossCulture-Programm sehe. Zudem ist das Stipendium ziemlich großzügig. Ich weiß nicht, ob ich jemals so eine Reise unternommen hätte ohne CCP. Das finde ich sehr, sehr gut. Danke vielmals!

CrossCulture Praktika

Das ifa-Programm CrossCulture Praktika ermöglicht jungen Berufstätigen aus Deutschland und Ländern der islamisch geprägten Welt Aufenthalte im jeweils anderen Kulturkreis.

Samira Sadeque

Samira Sadeque schreibt in ihrer Heimat Bangladesh für den Dhaka Tribune. Von August bis Oktober 2014 absolviert sie ihr CrossCulture Praktikum bei Democracy Reporting International in Berlin.

Saddik Abdelhaq

Saddik Abdelhaq engagiert sich in Skoura (Marokko) für die Association Culturelle. Von Juli bis September 2014 konnte er bei seinem CrossCulture Praktikum in der  F+U Academy of Languages in Heidelberg deutsche Ansätze und Lehrmethoden kennenlernen.

Ulrike Zillmer

Ulrike Zillmer  arbeitet in Berlin für das Deutsche Studentenwerk. CrossCulture Praktika schickt sie von Januar bis März 2015 an die Université Mohammed V in Rabat, Marokko.