Die Ukraine geht in die Verlängerung

An den Orten, wo im Jahr 2012 die Fußball-EM stattfand, herrscht heute trotz Waffenruhe Krieg. Wo die Ideale der Völkerfreundschaft hochgehalten wurden, wird gekämpft. Zerstoben sind damit die Hoffnungen der Ukraine, mit der gemeinsamen Austragung des Megasport-Events mit dem EU-Land Polen ein Stück nach Mitteleuropa zu rücken. Was ist geblieben? Der Schriftsteller und Fußballfan Serhij Zhadan berichtet aus einem kriegsmüden Land am Rande Europas.

Von Serhij Zhadan

Es ist seltsam, heute über die Ukraine "vor dem Krieg" zu reden. In der Wendung "vor dem Krieg" liegt ein gewisser Katastrophismus. Es ist klar, dass nach dem Krieg viele Dinge niemals so sein werden wie davor. Es ist klar, dass der Krieg die krasseste und wichtigste Markierung ist, die man sich für uns alle nur denken kann. Der Krieg verändert alles – die Menschen, das Land, die Umstände.

Selbst nach Kriegsende, dessen Möglichkeit gegenwärtig obendrein unsicher und verschwommen erscheint, wird man nicht so tun können, als sei nichts gewesen, als sei nichts passiert. Vielleicht bricht deshalb immer häufiger diese Formulierung – "vor dem Krieg" – aus uns heraus. Man möchte sich an Dinge erinnern, wie sie vor all diesen Toten waren, vor all diesem Blut, vor der Ankunft der bewaffneten Fremdlinge in unserem Land. Was war da, vor drei, vier Jahren? Was ist geblieben?

Vor vier Jahren lebte die Ukraine für den Fußball. Das klingt ein wenig lächerlich, aber tatsächlich: Vor vier Jahren diskutierte man in der Ukraine ernsthaft über den Fußball als die einzige nationale Idee, die uns derart unterschiedliche und ungleiche Ukrainer verbinden kann. Vor vier Jahren bereitete die Ukraine sich auf die Fußball-Europameisterschaft vor. Allein die Möglichkeit, diese Meisterschaft überhaupt durchzuführen, stellte sich als jene Idee heraus, welche die Ukraine als ein etabliertes und zukunftsträchtiges Land zeigte. Natürlich sah eine Reihe von Umständen wenig rosig aus, und schon damals hätte man einigen alarmierenden Momenten, die das Fest trübten, die Aufmerksamkeit widmen sollen.

Erstens sollte man sich daran erinnern, dass das Land sich unter der Führung von Präsident Viktor Janukowitsch auf die Europameisterschaft vorbereitete – einem Politiker, dessen Popularität in der Gesellschaft schon damals rapide sank, und dessen Ruf in der Welt unter einem großen Fragezeichen stand.

Ich kann mich noch gut an unzählige Diskussionen unter EU-Europäern erinnern, wie man sich zu der Meisterschaft stellen soll. Einerseits war sie eine reale Chance, unser Land in seinen Bemühungen, sich für den europäischen Weg zu entscheiden, zu unterstützen. Andererseits formierte sich in der Ukraine ein Regime, das mit den Ideen von Demokratie und europäischer Integration wenig kompatibel war.

Einerseits mussten europäische Spitzenpolitiker, die das Fest des Sports mit ihrer Anwesenheit beehren wollten, die Hand Janukowitschs drücken. Andererseits brachte dieser Präsident gerade seine wichtigste politische Konkurrentin ins Gefängnis – Julija Tymoschenko.

Der Präsident war in den Augen der Europäer – und ehrlich gesagt auch in den Augen vieler Ukrainer – immer schwieriger mit zivilisierten und gleichberechtigten partnerschaftlichen Beziehungen in Zusammenhang zu bringen. Das heißt, das "Fest des Sports" war von Anfang an politisiert.

Im Prinzip war die Ukraine dabei kein einzigartiges Beispiel. Sport ist in der einen oder anderen Form immer mit großen Geld gekoppelt, also auch mit großer Politik. Grob gesagt sollte die Weltmeisterschaft als ein riesiges ambitioniertes Projekt das Image des Landes und in erster Linie seines Präsidenten verbessern. Das war ein sehr wichtiger Moment in der Geschichte der unabhängigen Ukraine.

Man sollte anmerken, dass gerade die übermäßige Politisierung der "Euro 2012" dazu führte, dass sogar in der ukrainischen Gesellschaft selbst die Haltung zur EM nicht eindeutig war. Ein Teil der Ukrainer trat mehr oder weniger kategorisch dafür ein, die Meisterschaft zu boykottieren, oder sie bestenfalls zu ignorieren. Die Argumentation ging folgendermaßen: Die Meisterschaft ist nur ein Imagespielchen der ukrainischen Staatsmacht, die sich auf Kosten des Fußballs eine gewisse Legitimität verleihen und ihr durchkorrumpiertes Wesen reinwaschen will. Somit warfen die EM-Vorbereitungen in der ukrainischen Gesellschaft viele Fragen auf, die vor allem die Transparenz und Effizienz der aufgewendeten Gelder betrafen. Die "Euro 2012" kam vielen wie ein teures Spielzeug vor, welches riesige Zuschüsse erforderte.

Spiegel der Gesellschaft

Und wo großes Geld ist, wird der Appetit auch demensprechend größer. In der ukrainischen Realität bedeutete das, dass einige sich unbedingt mit dem Fußball die Hände vergolden wollten. Das wiederum minderte Vertrauen und Enthusiasmus. Es stellte sich heraus, dass die bloße Idee der Durchführung einer EM nicht ohne eine ganze Reihe schwieriger Fragen auskommt.

Daran ist nichts verwunderlich: Großer Sport ist ein Spiegel der Gesellschaft, oft charakterisiert er sie präziser und objektiver, als es ihre Kultur tut. Im Fall der Ukraine war das Beispiel besonders prägnant: Der Fußball konnte naturgemäß nicht den traditionellen Bestandteilen des politischen und gesellschaftlichen Lebens der Ukraine entrinnen – dem Populismus der Staatsmacht, der Korrumpierbarkeit der Beamten, der Oligarchie in der Wirtschaft.

Genau so bereitete sich die Ukraine auf das wichtigste Ereignis in seiner Geschichte vor. Und an dieser Stelle lohnt es sich, die Politik für eine Minute auszuklammern und ein wenig über den Fußball zu sprechen. Wenn ich die Europameisterschaft das wichtigste Ereignis der Geschichte des unabhängigen ukrainischen Staats nenne, übertreibe ich natürlich. Aber nur wenig. Der Fußball war in der Ukraine immer etwas Größeres als einfach nur Sport.

Das ist leicht zu erklären. Wie jede Gesellschaft, die ihre Unabhängigkeit bekam und auf der Suche nach ihrer Identität war, bemühte sich auch die ukrainische Gesellschaft nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion hektisch und nervös, jene Säulen zu finden, die ihr Gleichgewicht und Harmonie geben könnten.

Als Erbe der Sowjetunion bekam die Ukraine nicht nur riesige Ressourcen und dementsprechend gewisse Perspektiven, sondern auch krasse und umfangreiche Probleme, die mit den Besonderheiten der historischen Entwicklung und den Unterschieden in den weltanschaulichen und politischen Prioritäten der unterschiedlichen Bevölkerungsschichten im Zusammenhang stehen.

Die Ukraine war tatsächlich nie ein monolithisches und in ihren Bedürfnissen und in ihrer Suche nach dem eigenen Weg geeintes Land. Auf wundersame Weise verbanden sich in der ukrainischen Gesellschaft eine recht aufrichtige Sowjetnostalgie, gemischt mit pro-russischen Sympathien und pro-europäischen Intentionen. Den Politikern passten solche inneren Widersprüche und Auseinandersetzungen – so scheint es mir. Mit Gegenüberstellung und Trennung kann man immer zusätzliche Stimmen gewinnen, und das taten die ukrainischen Politiker auch eine lange Zeit, unabhängig von ihrer politischen Orientierung. Freilich konnte die Gesellschaft selbst nicht von einer solchen andauernden Konfrontation profitieren. Das Land erinnerte besonders in der Regierungszeit von Janukowitsch an ein Boot, dessen Passagiere sich nicht darüber einig werden konnten, wohin es segeln soll. Die Zeit hat gezeigt: Während die Passagiere sich stritten, trieb das Boot in einer langsamen und unerbittlichen Strömung auf eine schreckliche Klippe zu – deren Existenz die Passagiere sich nicht vorstellen konnten.

Idee des Konsenses

Aber was hat all das mit dem Fußball zu tun? All die Jahre zwischen der Unabhängigkeitserklärung und dem Beginn der Kiewer Maidan-Revolution 2014 hatten die Ukrainer nicht viele verbindende Faktoren. Und das ist nicht verwunderlich. Was hätte denn die russischsprachige Bevölkerung der Krim mit den Bewohnern Galiziens oder Transkarpatiens verbinden können? Die Geschichte? Die sollte sie eher spalten. Die Sprache? Auch nicht. Die Kirche? Wieder nein.

Die Kultur der unabhängigen Ukraine wurde aus einer Reihe von objektiven und subjektiven Gründen nie zu jenem verbindenden Glied, das zu Einigung und Verständigung hätte beitragen können. Jede ukrainische Region stimmte für ihre eigenen Politiker und lebte ihr eigenes Leben. Jegliche Bemühungen des Staats, einen einheitlichen politischen, kulturellen und informationellen Raum aufzubauen, scheiterten in den meisten Fällen an Propaganda – einheimischer oder russischer.

Dennoch blieb die Idee eines gesellschaftlichen Konsenses immer aktuell. Eine Idee, die ukrainischsprachige, griechisch-katholische Bewohner der Westukraine und russischsprachige Bergleute aus dem Donbass verbinden könnte, blieb immer interessant. Die Nachfrage dafür lag in der Luft und fand hin und wieder Ausdruck im Alltag des durchschnittlichen Ukrainers. Denn die Ukraine führte stets vor, dass man in jeder Situation eine Lösung, einen Schnittpunkt gesellschaftlicher Interessen finden kann.

Zweifellos versuchen die Ukrainer, sich in ihrem Land selbst zu finden, ihre eigene Identität zu entdecken. Und diese Suche war oft schon ziemlich erfolgreich. Eines dieser Elemente der Formierung der neuen ukrainischen Identität war der Sport. Weil der Sport, anders als die Sprache oder die Religion, genug Raum für Kompromisse bietet, für ein Zugehörigkeitsgefühl ohne Verzicht auf eigene Prinzipien und Überzeugungen. Man kann Fan der Nationalmannschaft sein, ohne aus dem Russischen ins Ukrainische zu wechseln. Man kann den Klitschko-Brüdern zujubeln, ohne für die europäische Integration zu sein.

Es waren gerade die Siege der ukrainischen Sportler, die in vielen Fällen das Land verändert haben. Plakate mit dem Porträt von Andrej Schewtschenko oder den Klitschko- Brüdern hingen in ukrainischen Kinderzimmern – im Osten wie im Westen des Landes. Politik war hier machtlos. Ich kann mich gut an die WM 2006 in Deutschland erinnern, die erste und vorerst letzte WM, an der die ukrainische Nationalmannschaft teilgenommen hat. Ich erinnere mich, wie nach jedem Sieg des ukrainischen Teams im russischsprachigen und angeblich "unukrainischen" Charkiw die Menschen voller Stolz für ihr Land mit Ukraine-Flaggen auf die Straßen drängten.

Sie können auch siegen

Die neue Generation der Ukrainer formierte sich nicht in Schulen oder Bibliotheken, sondern in Stadien und bei Rock- Konzerten. Der Staat hatte keine nationale Idee, die Fußball- und Rock-Stars hatten eine, und sie bestand darin, dass es "cool" ist, Ukrainer zu sein, darin, dass Ukrainer erfolgreich und wohlhabend sein können, dass sie siegen können, dass sie interessant sein können. Vielleicht eine etwas schlichte, dafür aber aufrichtige Idee. Die Idole der jungen Ukrainer waren weder Politiker noch zivilgesellschaftliche Akteure, sondern Fußball- Angriffsspieler und Rocksänger. Politiker zogen da den Kürzeren.

Ich erinnere mich, wie ukrainische Präsidenten im Rahmen der EM-Vorbereitungen die Stadien eröffneten. Ich weiß noch, wie es in Charkiw war, als Viktor Jutschschenko anreiste, um ein vom örtlichen Oligarchen Alexander Jaroslawski renoviertes Stadion zu eröffnen. In Charkiw hatte niemand für Jutschschenko gestimmt, der Präsident war damals im letzten Jahr seiner Amtszeit. Von ihm waren selbst jene enttäuscht, die 2004 auf dem Maidan gestanden hatten.

Man kann sich unschwer vorstellen, wie das Stadion auf den Präsidenten reagierte. Jutschschenko trug seine Rede unter totalem, vernichtendem Getöse der Tribünen vor. Umgekehrt ist Jutschschenkos Nachfolger Viktor Janukowitsch zur Eröffnung des Stadions im westukrainischen Lemberg (Lwiw) gar nicht erst erschienen – er hielt seine Rede per Videoleinwand, begleitet von dem Getöse auf den Tribünen. Die Stadt hat Politiker nie gemocht. Die Fans sahen in ihren Auftritten richtigerweise weniger eine Liebe zum Spiel der Millionen denn den Wunsch, billig Werbung für sich selbst zu machen.

Der Fußball selbst hingegen verband die Menschen tatsächlich. Die Nationalmannschaft spielte in unterschiedlichen ukrainischen Städten und wurde im Prinzip überall unterstützt. Verständlich, dass in Donezk oder Charkiw bei Weitem nicht das ganze Stadion die Nationalhymne sang, aber so oder so - die Nationalmannschaft spielte für alle, egal, ob sie den Text kannten oder aus Prinzip nicht kennen wollten. Die EM in ukrainischen Stadien empfanden die meisten Fans wie ein Riesengeschenk und ein Riesenglück, unabhängig davon, für welchen ukrainischen Klub sie eintraten.

Aber es gibt noch einen weiteren wichtigen Punkt. Ein paar Jahre vor der "Euro 2012" begann die aktive Entwicklungsphase der sogenannten Ultra-Bewegung in der Ukraine. Ukrainische Klubs hatten immer ihre Superfans, aber organisierte und strukturierte Fan-Gemeinschaften sind ein relativ neues Phänomen mit ihren Attributen und Ritualen wie Bannern, Gesängen, Flashmobs und Ideologie.

Es ist interessant, all das im Kontext der vergangenen beiden Jahre zu analysieren – von der Revolution in Kiew bis zur russischen Intervention auf der Krim und im Donbass. Es geht um Ereignisse, an denen die Ultras der ukrainischen Klubs direkt mitgewirkt haben.

Die Rede ist nicht nur von den Fans von Dynamo Kiew oder von Karpaty Lwiw, die von Anfang an die ukrainische Revolution unterstützt haben. Es geht auch um Ultras von anderen ukrainischen Teams, um Ultras aus der Ostukraine, aus Charkiw, Dnipropetrowsk, Odessa und Donezk, die letztlich auf die Straße gingen, und eine wichtige Rolle in den frühen Ereignissen des Winters und Frühlings von 2014 spielten. Es ist wichtig zu verstehen, dass dieses ganze Umfeld – Aktivisten, Freiwillige, Volontäre – sich unter anderem auf Stadiontribünen bildete. Das heißt, der Fußball spielte unter anderem eine ideologische Rolle, so seltsam es klingt.

Blinde Liebe, blinder Hass

Wenn man über die Fan-Bewegung spricht, muss man verstehen, dass sie sich in der Ukraine kaum von denen anderer europäischer Länder unterschied. Die gleiche blinde Liebe zum eigenen Klub und der nicht minder blinde Hass auf seine Gegner, die gleiche kategorische Rhetorik, radikale Botschaften, eine ganze Reihe von harten Verhaltensregeln. Die gleichen Fankriege. Allerdings betrafen die Kriege nie die Nationalmannschaft. Im Prinzip ist es Brauch, dass alle für die Nationalmannschaft eintreten, und das muss man im Hinterkopf behalten, wenn man über die EM 2012 spricht. Weil – und hier wiederhole ich mich – die EM ein großer Moment für die Formierung der nationalen Identität von Millionen Ukrainern war.

Ich werde hier nicht detailliert auf die Skandale und Streitigkeiten eingehen, die die EM 2012 begleiteten. Es ist interessanter, über die Atmosphäre der Meisterschaft zu sprechen. Die Aufmerksamkeit von ganz Europa war zum ersten Mal auf die Ukraine gerichtet, und zwar nicht wegen einer neuen Revolution oder wegen eines Korruptionsskandals, sondern aus einem positiven und sympathischen Grund: Unmengen von Touristen kamen in die Ukraine. Die Ukrainer wollten ein positives Bild von sich selbst und ihrem Land vermitteln. Einfach gesagt: Sie wollten gefallen. Und so kam es im Prinzip auch. Uns in Charkiw sind hauptsächlich die riesigen Massen von Holländern in Erinnerung geblieben. Die holländischen Fans wurden offiziell auf einer Insel am Stadtrand untergebracht, doch in Wirklichkeit okkupierten sie die ganze Stadt, sie veranstalteten Märsche, sie füllten von Zeit zu Zeit alle Bars und Restaurants. Das war wirklich lebhaft und strahlend, im Wortsinne, weil die strahlend orangenen T-Shirts der Holländer einem in jedem Park und an jedem Strand entgegenleuchteten.

Doch die T-Shirts waren nicht das Wichtigste, sondern das Gefühl der Festlichkeit. In diesem Kontext gab es einige überflüssige und eigentlich wenig auffällige Politikerpatzer. Vor dem Spiel Portugal gegen Holland führte Cristiano Ronaldo einen kleinen Jungen in Fußballtrikot auf den Rasen. Wie es eben kam, stellte sich der Junge als der Sohn des Gouverneurs heraus. Purer Zufall, nichts Persönliches. Dann gab es noch den wenig geglückten Auftritt des ukrainischen Teams, das es nicht schaffte, aus seiner Gruppe herauszukommen. Es gab Verständnis dafür, dass dieses Fußballfest den Haushalt des Landes eine ziemlich große Summe kostete. Doch das Fest fand statt, die Gäste fuhren nach Hause, und wir blieben zurück, von Angesicht zu Angesicht mit den neuen Stadien und den alten Oligarchen. Bis zum Beginn des Krieges sollten weniger als zwei Jahre vergehen.

Politische Willkür, gesellschaftliche Apathie

Und was kam nach der EM? Politische Willkür und gesellschaftliche Apathie, die Stärkung des Janukowitsch-Regimes und das Gefühl, alles werde beim Alten bleiben – die Macht der "Partei der Regionen" schien fest und stabil. Niemand fühlte sich geschützt. Selbst der bereits erwähnte Charkiwer Oligarch Jaroslawski sah sich gezwungen, seinen Fußballklub an Janukowitschs Männer zu verkaufen. Das Fest war vorbei, der Alltag begann. Die Meisterschaft hinterließ uns neue Stadien und Flughäfen, mit diesen effektvollen, aber bloß lokalen Veränderungen hörte alles auf. Die Ukraine verschwand wieder von der Agenda – die ukrainische Staatsmacht weckte in niemandem einen innigen Wunsch, mit ihr zu tun zu haben.

Die ukrainische Gesellschaft gab auch keine besonderen Signale. Die Menschen gingen weiterhin zu Fußballspielen, die Fans unterstützten ihre Klubs wie bisher. Die Nationalmannschaft der Ukraine  bemühte sich, zur WM zu fahren. Im Herbst 2013 schafften es die Ukrainer in die Play-offs und sollten gegen die Franzosen antreten. Das erste Spiel fand in der Ukraine statt, ein sensationeller Sieg der Ukrainer mit 2:0. Präsident Janukowitsch war beim Spiel zugegen, und freute sich so über das Tor, dass er in seinem Sitz stecken blieb – das löste eine Welle von Ironie und Sarkasmus aus. Aber mit Sarkasmus war es auch getan. Beim Rückspiel siegten die Franzosen 0:3 und fuhren zur WM. Und in der Ukraine begann die Revolution.

Heute wirken die Ereignisse vor zwei Jahren ein wenig seltsam und ungestüm. Was sind all die Korruptionsskandale und die Arroganz der ukrainischen Oligarchen wert, wenn jeden Tag Menschen sterben? Was ist unser Fußball wert, verglichen mit Artilleriebeschuss und Minenkrieg? Alle unsere damaligen Probleme wirken heute lächerlich und naiv. Aber was kommt heraus, wenn man doch noch die Ereignisse zu analysieren und zu bewerten versucht? Hätte die EM das Land verändern können? Natürlich nicht. Fußball, besonders der ukrainische, ist ein Bestandteil des wirtschaftlichen und sozialen Lebens des Landes wie jedes andere Business auch.

Ein Land, das vollends von Oligarchen und Korruption kontrolliert wird, hätte ein Fußballwettbewerb wohl kaum verändern können, insbesondere wenn er von den gleichen Oligarchen finanziert wird. Gespräche mit den Bürgern der Schengen-Zone hätten die Stimmung und die grundlegenden Positionen der Ukrainer kaum transformieren können. Die EM 2012 blieb ein Ausnahmeereignis, an das sich heute angesichts der Realität des Krieges kaum jemand erinnert. Wahrlich – heute haben wir andere Sorgen als den Fußball.

Was ist denn überhaupt der moderne Fußball? Ein teures Spielzeug, gekauft von Reichen aus einer Laune heraus. Die Reichen sind bereit, Dinge zu finanzieren, die keinen echten Gewinn abwerfen, einfach so, aus Spaß und für den Aplomb.

Die heutige Situation des Fußballs in der Ukraine illustriert die Situation des Landes: "Schachtar" aus Donezk, der Club des Oligarchen Rinat Achmetow, entkam der okkupierten Stadt und trainiert heute in Lwiw. Die "Donbass-Arena", ganzer Stolz von Achmetow und der ganzen Region, steht leer. Manchmal tauchen im Netz Fotos auf – im Hintergrund das leer stehende Stadion, davor bewaffnete Separatisten beim Foto-Shooting. Das Stadion fasst im Übrigen niemand an, genau wie die Mehrheit der Achemtow-Betriebe – die Rolle des wichtigsten ukrainischen Oligarchen in diesem Krieg wirft bis heute jede Menge Fragen auf.

Verräter und Helden

Der Präsident von "Metallist Charkiw", jener Janukowitsch-Mann, der den Charkiwer Oligarchen Jaroslawski zum Verkauf des Klubs zwang, floh aus der Ukraine zusammen mit Janukowitsch. Die richtige Finanzierung des Klubs hörte sofort auf, die spielführenden Legionäre des Charkiwer Klubs liefen sofort davon, der Klub selbst dümpelt auf den unteren Rängen der Spieltabelle vor sich hin.

Mit der Ukrainemeisterschaft passieren ebenfalls nicht ganz sympathische Dinge – die Teams aus dem Donbass, und das sind gleich mehrere Klubs, mussten die okkupierten Gebiete verlassen. Die Zahl der Teams in der Meisterschaft wurde kleiner, es gibt kaum Aufmerksamkeit dafür, obwohl die Nationalmannschaft der Ukraine es zur EM schaffte, die im Sommer in Frankreich stattfindet. Viele Ultras zogen in den Krieg. Viele Fußballer helfen den Militärs. Die Position des Einzelnen wird in erster Linie im Kontext des Krieges bewertet, im Kontext des Kampfs der Ideologien.

Zum Beispiel: Der Angriffsspieler der Nationalmannschaft, Ewgeni Selesnew, der unlängst von "Dnipro" zu einem der russischen Klubs wechselte, wurde gleich zum Verräter erklärt. Und der Torwart der Nationalmannschaft, Denis Bojko, der in seinem alltäglichen Sprachgebrauch demonstrativ aus dem Russischen ins Ukrainische wechselte, wurde sofort zum Helden. Der Krieg diktiert seine Regeln und Verhaltensnormen, egal, wer du bist - ein Profi-Fußballer oder ein Fußballfan. Anders kann es wohl nicht sein. Anders wird es nach dem Krieg sein.

Womit soll man denn "nach dem Krieg" rechnen? Also in der mehr oder weniger fernen Zukunft? Der ukrainische Fußball wird wohl kaum aufblühen, die Wirtschaft des Landes ist leider in einem beklagenswerten Zustand, und der Politik der ukrainischen Staatsmacht nach zu urteilen, sollten wir alle kaum mit Veränderungen rechnen. Besonders, wenn es um positive Veränderungen geht. Man kann annehmen: Der Fußball wird versuchen, irgendwie zu überleben.

Auch der Einfluss des Fußballs auf die Gesellschaft wird kaum so sein, wie er vor dem Krieg war. Für viele Ukrainer veränderte der Krieg den Blick auf sehr viele Dinge. Besonders auf den Patriotismus. Früher war das Singen der Nationalhymne im Stadion eine bestimmte Position (oder bloße Pose), eine Provokation, eine Deklaration. Heute sind die Worte der Hymne für viele Bürger des Landes weit mehr geworden als einfach ein Songtext.

Was die Landesfahne anbetrifft – nachdem die ukrainische Fahne von Verwaltungsgebäuden heruntergerissen und von Kugeln an der Front durchlöchert wurde, wird sie nicht mehr als ein Attribut des Fußballfans angesehen. Viele Dinge sehen wir heute anders – vielleicht ernsthafter oder verantwortungsbewusster. Der Fußball als nationale Idee, als eine Idee der Verständigung, wird einfach überflüssig. Die Verständigung wird nach einer sehr blutigen und brutalen Konfrontation geboren, als Folge des Kampfes gegen einen sehr hinterhältigen Feind, für den fair play einfach nicht existiert.

Ein Land, das keinem passt

Heute kann man einfach sagen – natürlich, die Ukraine war nicht bereit für den Krieg. Sie bereitete sich nicht darauf vor. Sie brauchte den Krieg nicht. Aber wenn man die Entwicklung des Landes in den letzten 25 Jahren anschaut, versteht man, dass jene Ukraine, 25 Jahre lang von ukrainischen Politikern aufgebaut, niemandem passte. Weder den Sowjetnostalgikern noch jenen, die den europäischen Entwicklungsvektor als die einzige Zukunftsperspektive des Landes sahen.

Ich denke, ich liege nicht falsch, wenn ich sage, dass das verfaulte, von Korruption zerfressene politische und ökonomische System der postsowjetischen Ukraine niemanden zufriedenstellte. Darauf war im Grunde auch die Revolution ausgerichtet. Es ist doch lächerlich, anzunehmen, dass Menschen sich von Polizeiknüppeln für die EU-Assoziierung malträtieren ließen.

Die Menschen gingen auf den Maidan, weil sie nicht in der damaligen "Vorkriegs"- Ukraine leben wollten, weil sie Veränderungen wollten. Und weil es in den letzten zwei Jahren nicht viele Veränderungen gegeben hat, kann man vermuten, dass diese Geschichte längst nicht zu Ende ist, dass die Zukunftsfrage der Ukraine offenbleibt, also wäre es für uns alle verfrüht, uns zu entspannen. Wir dürfen auf keinen Fall stehen bleiben.

In diesem Kontext erscheint die "Euro 2012" als eine Art Nachbild aus der Vergangenheit, ein Emblem eines Landes, das es nicht mehr gibt. Eines Landes mit allen seinen Vorzügen und Nachteilen. Man kann in der Vergangenheit nur Vorzüge sehen, oder man kann versuchen, ohne die Vorzüge aus dem Blick zu lassen, die Nachteile zu analysieren, um sie zu überwinden. Es liegt auf der Hand, dass das Land nie wieder so sein wird, wie es war. Es wird anders sein. Wie es sein wird, hängt von uns selbst ab. Und auch der Fußball wird ganz anders sein, naturgemäß. Es wäre zu wünschen, dass er fair sein wird. Wie alles andere in unserem Land.

Globales Spiel – Sport, Kultur, Entwicklung und Außenpolitik / EUNIC, … (Hg.). – Göttingen: Steidl, 2016. (Kulturreport, EUNIC-Jahrbuch)

Globales Spiel – Sport, Kultur, Entwicklung und Außenpolitik / EUNIC,... (Hg.). – Göttingen: Steidl, 2016. (Kulturreport, EUNIC-Jahrbuch)

Serhij Zhadan, 1974 in Starobilsk/Gebiet Luhansk (Ukraine) geboren, ist der populärste ukrainische Lyriker und Autor seiner Generation. Er promovierte über den ukrainischen Futurismus und gehört zu den Akteuren der alternativen Kulturszene in Charkiw. Seit 1995 publizierte er zahlreiche Gedichtbände, seit 2003 auch Prosa. Im Frühjahr 2012 erschien die von ihm herausgegebene Anthologie "Totalniy Futbol. Eine polnisch-ukrainische Fußballreise" im Suhrkamp Verlag. Der vorliegende Text wurde von Pavel Lokshin, n-ost, aus dem Russischen übersetzt.

Serhij Zhadan; © Isolde Ohlbaum

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