Olga Guryanova (CC0 1.0) via unsplash
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Der Sport ist der Mensch, der Sport ist die Gesellschaft

Das Reden über den Sport verlangt eine sicher nicht vage, aber alles in allem begrenzte, genau umrissene Kompetenz. Es verlangt nicht, dass man sich überlegt, wie man persönlich eingreift, da man ja über etwas spricht, das weit außerhalb des eigenen Machtbereichs abläuft. Mit einem Wort, es erlaubt, Politik zu spielen ohne all die Beschwernisse, all die Pflichten, all die schwierigen Fragen der politischen Diskussion.

Von Umberto Eco

Es gibt etwas, das – selbst wenn sie es für notwendig hielte – keine Studentenbewegung, Stadtrevolte, Fundamentalopposition oder wie auch immer jemals wird tun können. Nämlich sonntags ein Sportfeld zu stürmen. Schon der Vorschlag klingt unseriös und absurd, man versuche nur einmal, ihn spaßeshalber zu machen, und man wird ausgelacht; man mache ihn ernsthaft, und man gilt als Provokateur.

Und dies nicht nur aus dem evidenten Grund, dass eine Studentenmenge (irgendwo auf der Welt) schon mal die Jeeps einer Polizei mit Molotowcocktails angreifen kann, was dann schlimmstenfalls einige 40 Tote kostet (zur Verteidigung der Gesetze, der nationalen Einheit, der Autorität des Staats), während der Angriff auf ein Sportstadion (neulich in Paris wurde dies ja vereitelt) zweifellos ein Massaker auslösen würde, dem keiner der Angreifenden entkäme, ein wahl- und gnadenloses Gemetzel, angerichtet von biederen Bürgern, in Rage über den ungeheuerlichen Affront, um nichts Größeres zu verteidigen als jenes angetastete Höchste Recht – und daher bereit zur totalen Lynchjustiz.

Denn man kann eine Kathedrale besetzen, und als Ergebnis hat man einen protestierenden Bischof, ein paar verstörte Katholiken, ein Häufchen applaudierender Atheisten, die Linken schütteln milde den Kopf, und die Altliberalen sind (insgeheim) glücklich.

Man kann die Zentrale einer Partei besetzen, und die anderen Parteien, ob solidarisch oder nicht, werden finden, dass es ihr recht geschieht. Doch wenn man ein Stadion besetzen würde, wäre, ganz abgesehen von den unmittelbaren Reaktionen, die Distanzierung total: Die Kirche, die Linke, die Rechte, der Staat, die Justiz, die Chinesen, die Liga für Ehescheidung und die Anarcho-Syndikalisten, alle würden die Wahnsinnstat an den Pranger stellen. Es gibt also eine Dunkelzone der kollektiven Gefühle, die niemand antasten darf, ob aus Überzeugung oder aus demagogischem Kalkül. Es gibt eine Tiefenstruktur des Sozialen, deren Zerfall jedes mögliche Assoziationsprinzip in die Krise brächte – und somit die Präsenz des Menschen auf Erden, zumindest wie er in den letzten zigtausend Jahren präsent war. Der Sport ist der Mensch, der Sport ist die Gesellschaft. Doch wenn eine globale Revision unserer menschlichen Lebensverhältnisse ansteht, dringe sie vor bis zum Sport: An dieser tiefsten Wurzel wird sie die Inkonsistenz des Menschen als soziales Wesen enthüllen. Hier wird zutage treten, was am Verhältnis der Gesellschaftlichkeit nicht menschlich ist. Hier wird sich zeigen, wie mystifizierend der klassische Humanismus ist, der auf der griechischen Anthropolalie beruht, die ihrerseits nicht auf der Kontemplation beruht, auch nicht auf dem Begriff der Polis oder dem Primat des tätigen Schaffens, sondern auf dem Sport als kalkulierter Verschwendung, als Problembemäntelung, als "Gerede" hoch n, potenziert zum Geräusch.

Um es kurz zu sagen – wir werden das weiter unten erklären –, der Sport ist die größte Aberration und Verselbstständigung der phatischen Rede und somit – im Grenzfall – die Negation jeder Rede, also der Anfang einer Enthumanisierung des Menschen, beziehungsweise die "humanistische" Erfindung eines im Ansatz mystifizierenden Menschenbildes.

Beherrschend in der sportlichen Aktivität ist die Idee der "Verschwendung". Im Prinzip ist jede sportliche Handlung eine Verschwendung von Energien: Wenn ich einen Stein werfe, aus purem Vergnügen am Werfen, nicht um irgendein nützliches Ziel zu erreichen, verschwende ich Kalorien, die ich durch Nahrungsaufnahme akkumuliert habe, wozu mich eine geleistete Arbeit befähigt hat.

Nun ist diese Verschwendung – das sollte klar sein – etwas durchaus Gesundes. Sie ist die Verschwendung des Spiels. Und der Mensch hat, wie jedes Tier, ein sowohl physisches wie psychisches Spielbedürfnis. Es gibt also eine spielerische Verschwendung, auf die wir nicht verzichten können: Sie betreiben heißt frei sein, sich befreien von der Tyrannei der unentbehrlichen Arbeit.

Wenn, während ich den Stein werfe, ein anderer neben mich tritt, um ihn noch weiter zu werfen, nimmt das Spiel die Form des "Wettkampfes" an. Auch er ist eine Verschwendung, sowohl von physischer Energie wie von Intelligenz, um Regeln für das Spiel aufzustellen, doch diese spielerische Verschwendung mündet in einen Gewinn. Rennen meliorieren die Rassen, Wettbewerbe entwickeln und kontrollieren das Konkurrenzverhalten, lenken die Uraggressivität in ein System und formen die rohe Kraft zur Intelligenz.

Doch bereits in diese Definition hat sich der Wurm eingenistet, der das Spiel an den Wurzeln aushöhlt: Der Wettkampf diszipliniert und neutralisiert die Kräfte der Praxis. Er dämpft zwar übermäßigen Tatendrang, aber faktisch ist er ein Mechanismus zur Neutralisierung des Handelns. Aus diesem Kern von zwiespältiger Gesundheit (die nur bis zu einer gewissen Grenze "gesund" ist – so wie man am Übermaß jener unverzichtbaren und befreienden Übung sterben kann, die das Lachen ist, und Margutte zerbirst vor übertriebener Gesundheit) reifen die ersten Degenerationen des Wettkampfs – wie beispielsweise die Züchtung von menschlichen Wesen zu Wettkampfzwecken. Der Athlet ist bereits ein Wesen, das ein einziges Organ hypertroph entwickelt hat, das seinen Körper zum exklusiven Sitz und Quell eines Dauerspiels macht.

Der Athlet als Monstrum

Der Athlet ist ein Monstrum, er ist der lachende Mann, die Geisha mit den verstümmelten Füßen, zurechtgestutzt zur totalen Instrumentalisierung. Doch der Athlet als Monstrum entsteht, wenn der Sport ins Quadrat gehoben wird, das heißt, wenn er aus dem persönlich und selber gespielten Spiel, das er war, zu einer Art Rede oder Diskurs über das Spiel wird, beziehungsweise zu einem Schauspiel für andere und damit zu einem Spiel, das andere spielen, und dem ich als Zuschauer beiwohne. Der Sport hoch zwei ist das Sportspektakel.

Wenn der betriebene Sport gesund ist, so gesund wie die Nahrungsaufnahme, dann ist der gesehene Sport die Mystifizierung dieser Gesundheit. Wenn ich zusehe, wie andere spielen, tue ich nichts Gesundes und vergnüge mich lediglich vage an der Gesundheit anderer (was bereits ein schaler Voyeurismus ist, als sähe ich zu, wie andere sich lieben); denn faktisch ziehe ich dann das größte Vergnügen aus den Unfällen derer, die da Gesundheitsübungen treiben, und somit aus der Krankheit, die diese praktizierte Gesundheit untergräbt (als sähe ich zu, wie nicht zwei Menschen sich lieben, sondern zwei Bienen, in der Erwartung, den Tod der Drohne zu sehen).

Verlust von Menschlichkeit

Gewiss, wer zusieht, wie andere Sport treiben, regt sich beim Zusehen auf und schreit und zappelt und betreibt somit eine physischpsychische Übung und baut Aggressionen ab und diszipliniert Konkurrenzverhalten. Doch dieser Abbau wird nicht wie im praktizierten Sport durch einen Zuwachs an Energie und einen Erwerb von Selbstkontrolle und Selbstbeherrschung belohnt, denn während die Athleten immerhin noch im Spiel wetteifern, wetteifern die Voyeure im Ernst (und fallen dann wütend übereinander her oder sterben an Herzinfarkten).

Das Element der Disziplinierung des Konkurrenzverhaltens, das im betriebenen Sport noch die zwei Gesichter der Zunahme und des Verlusts von Menschlichkeit hatte, behält im Sportvoyeurismus nur noch das eine, das negative. Der Sport präsentiert sich hier wieder als das, was er immer schon war: instrumentum regni, Herrschaftsinstrument. Man weiß es und kennt es seit Langem: Circenses halten die unkontrollierbaren Energien der Massen im Zaum.

Doch dieser Sport hoch zwei (auf den bereits Spekulationen und Märkte, Börsen und Transaktionen, Verkaufsstrategien und Konsumzwänge einwirken) generiert einen Sport hoch drei, nämlich das Reden über den Sport als Spektakel. Dieses Reden ist in erster Instanz die Rede der Sportpresse und der Medien, aber es generiert seinerseits ein Reden über Sportpresse und Medien, also einen Sport hoch n. Das Reden über die Rede der Sportpresse und Medien ist das Gerede über ein Reden über das Sehen des Sporttreibens anderer als einer Rede.

Der heutige Sport ist im Wesentlichen das Reden über die Sportpresse (und die "Sportschau", A.d.Ü.). Irgendwo hinter drei Trennscheiben gibt es noch den real betriebenen Sport, aber im Grenzfall bräuchte er gar nicht mehr zu existieren. Angenommen, die Olympischen Spiele in Mexiko hätten, infolge teuflischer Machenschaften der Regierung und des Senators Brundage, im Bündnis mit allen Fernsehanstalten der Welt, in Wirklichkeit gar nicht stattgefunden, sondern wären nur Tag für Tag und Stunde für Stunde mit fiktiven Bildern fingiert worden, es hätte nichts am internationalen Sportsystem geändert und auch die Sportdiskutierer würden sich nicht getäuscht fühlen.

So gesehen gibt es den Sport als Praxis gar nicht mehr, oder es gibt ihn nur noch aus ökonomischen Gründen (weil es billiger ist, echte Athleten laufen zu lassen, als einen Film zu drehen mit Schauspielern, die Athleten spielen). Es gibt nur noch das Gerede über das Gerede über den Sport. Das Gerede über das Gerede der Sportpresse und der Medien ist ein genau geregeltes Spiel, man höre nur einmal jene Sonntagvormittags-Radiosendungen, in denen so getan wird, als redeten ein paar Bürger über Sport, während sie beim Friseur sitzen (womit der Sport in die Potenz n hoch n gehoben wird). Oder man gehe hin und höre sich die Reden dort an, wo sie geführt werden. Man wird entdecken, was im Übrigen jeder schon weiß, dass die Bewertungen, die Abwägungen, die Argumente, die polemischen Spitzen, die Verleumdungen und die Triumphe einem verbalen Ritual folgen, das zwar komplexe Formen, aber einfache und präzise Regeln hat. In diesem Ritual entladen und neutralisieren sich die intellektuellen Energien – die physischen Energien sind nicht mehr im Spiel. Infolgedessen verlagert sich der Wettkampf auf die rein "politische" Ebene. Tatsächlich hat das Gerede über das Sportgerede alle Merkmale des politischen Redens (zumal des Stammtischpalavers): Man beredet, was die Regierenden hätten tun sollen, was sie getan haben, was man wünscht, dass sie täten, was geschehen ist und was geschehen wird – nur ist der Gegenstand nicht das Gemeinwesen (und die Korridore im Regierungspalast), sondern eben das Stadion mit seinen Kulissen.

So ist dieses Gerede scheinbar die Parodie der politischen Diskussion, doch da sich in dieser Parodie alle Kräfte entladen und erschöpfen, die dem Bürger für die politische Diskussion zur Verfügung stehen, ist das Gerede in Wirklichkeit der Ersatz der politischen Diskussion, ja, es wird selbst zur politischen Diskussion, da es ihren Platz so vollständig besetzt, dass ihr danach kein Raum mehr bleibt.

Und da sich, wer über Sport diskutiert, wenn er nicht wenigstens das täte, möglicherweise bewusst würde, dass er ein gewisses Maß an brachliegender Urteilskraft, verbaler Aggressivität und politischer Streitlust hat, die er irgendwie nutzen sollte, überzeugt ihn das Sportgerede davon, dass er diese Energien zu einem bestimmten Zweck eingesetzt und verausgabt hat. Der Zweifel legt sich, der Sport erfüllt wieder seine Rolle als falsches Bewusstsein.

Da zudem das Gerede über den Sport beim Redenden die Illusion erzeugt, er sei am Sport interessiert, vermischt sich der Begriff des Betreibens von Sport mit dem des Beredens von Sport: Der Redende hält sich für sportlich und merkt überhaupt nicht mehr, dass er gar keinen Sport betreibt. Sowenig wie er noch merkt, dass er es gar nicht mehr könnte, da ihn die Arbeit, die er tut, wenn er nicht über Sport redet, viel zu sehr auslaugt, als dass er noch Kraft und Zeit zum Sporttreiben hätte.

Das Gerede, um das es hier geht, ist somit eben jenes, dessen Funktion Heidegger in "Sein und Zeit" behandelt hat: "Das Gerede ist die Möglichkeit, alles zu verstehen ohne vorgängige Zueignung der Sache. Das Gerede behütet schon vor der Gefahr, bei einer solchen Zueignung zu scheitern. Das Gerede, das jeder aufraffen kann, entbindet nicht nur von der Aufgabe echten Verstehens, sondern bildet eine indifferente Verständlichkeit aus, der nichts mehr verschlossen ist ... Hierzu bedarf es nicht einer Absicht auf Täuschung. Das Gerede hat nicht die Seinsart des bewussten Ausgebens von etwas als etwas ... Das Gerede ist sonach von Hause aus, gemäß der ihm eigenen Unterlassung des Rückgangs auf den Boden des Beredeten, ein Verschließen."

Gewiss, Heidegger dachte nicht an eine totale Negativität des Geredes: Das Gerede ist die alltägliche Weise, in der wir von der präexistenten Sprache gesprochen werden, statt sie uns zu Zwecken des Verstehens und Entdeckens herzurichten. Und es ist ein normales Verhalten.

Doch dem Geredeten "liegt daran, dass es geredet wird", und hier sind wir bei jener Funktion der Sprache, die für Jakobson die "phatische" oder Kontaktfunktion ist. Am Telefon (wenn wir mit "ja, nein, sicher, gut" antworten) oder auf der Straße (wenn wir jemanden mit "wie geht’s" begrüßen, dessen Wohlergehen uns nicht interessiert, was er auch weiß, weshalb er nur knapp "gut, danke" erwidert) führen wir phatische Reden, die unentbehrlich sind, um eine Verbindung zwischen den Sprechenden herzustellen.

Doch diese phatischen Reden sind eben deswegen unentbehrlich, weil sie uns die Möglichkeit zu weitergehender Kommunikation offenhalten, also zum Austausch anderer und substanziellerer Mitteilungen. Wenn ihre Funktion sich verselbständigt, haben wir einen Dauerkontakt ohne jede Botschaft – wie ein Radio, das angeschaltet, aber nicht eingestellt ist, so dass nur ein Grundrauschen und ein paar Krächzer ertönen, die uns zwar anzeigen, dass wir in einer gewissen Kommunikation mit irgendetwas sind, aber aus denen wir nichts erfahren.

Dauerkontakt ohne Botschaft

Das Gerede wäre somit die zum Selbstzweck gewordene phatische Rede. Aber das Sportgerede ist noch etwas mehr, nämlich eine phatische Dauerrede, die sich trügerisch als eine Rede über das Gemeinwesen und seine Ziele ausgibt.

Entstanden als Erhebung in die n-te Potenz jener anfänglichen (und vernünftigen) Energieverschwendung, die das sportliche Spiel einmal war, ist das Sportgerede nun die Verherrlichung der Verschwendung an sich und folglich der Gipfel des verselbstständigten Konsums. Mit ihm und in ihm konsumiert der Mensch der Konsumgesellschaft sich selbst (und zugleich jede Möglichkeit einer Thematisierung und Beurteilung des Konsumzwangs, der ihm aufgedrängt und dem er unterworfen wird). Als Ort der totalen Ignoranz konstituiert das Sportgerede den Bürger derart tiefgreifend, dass er in Grenzfällen (und die sind zahlreich) sich weigert, diese seine alltägliche Dauerbereitschaft zur leeren Diskussion zu diskutieren. Daher wäre kein politischer Aufruf imstande, Eindruck auf eine Praxis zu machen, die nichts anderes ist als die totale Verfälschung jeder politischen Disponibilität.

Und darum hätte kein Revolutionär je den Mut, die Bereitschaft zum Sportgerede zu revolutionieren: Der Bürger würde den kritischen Einspruch entweder integrieren, indem er seine polemischen Spitzen in polemische Spitzen des Sportgeredes verwandelt, oder ihn rundweg ablehnen, voller verzweifeltem Misstrauen gegen den Einbruch der Vernunft in seine ach so vernünftige Anwendung höchst vernünftiger Rederegeln.

Darum sind die Studenten 1968 in Mexiko-Stadt umsonst gestorben, als sie gegen die Olympischen Spiele protestierten. Und darum erschien es vernünftig, als ein italienischer Sportler nobel erklärte: "Wenn sie noch mehr umbringen, springe ich nicht." Doch wie viele sie noch hätten umbringen müssen, um ihn am Springen zu hindern, ist nicht festgelegt worden. Dass, wenn er dann nicht gesprungen wäre, es den anderen genügt hätte, zu bereden, was passiert wäre, wenn er gesprungen wäre.

Doch kommen wir nun zu einer der populärsten Sportarten, dem Fußball. Viele misstrauische und boshafte Leser werden, wenn sie mich hier so distanziert und naserümpfend und (sagen wir’s ruhig) angewidert über das edle Spiel des Fußballs herziehen sehen, den platten Verdacht haben, dass ich den Fußball nicht liebe, weil der Fußball nie mich geliebt hat, mich als einen, der schon im zarten Kindesalter zu jener Sorte von Stieseln gehörte, die, kaum dass sie den Ball berühren – vorausgesetzt, sie gelangen soweit –, ihn stante pede ins eigene Tor expedieren oder im günstigsten Falle dem Gegner zuspielen, wenn sie ihn nicht mit zäher Beharrlichkeit über Hecken und Zäune hinaus ins Gelände schießen, wo er in Kellerlöchern verschwindet, in Bächen davonschwimmt oder zwischen den klebrigen Köstlichkeiten des Eisverkäufers versinkt – so dass die Kameraden sie wegschicken und nicht einmal in den leichtesten Kämpfen mitspielen lassen. Nie ist ein Verdacht der Wahrheit näher gekommen.

Ich bekenne noch mehr. Bemüht, mich so wie die anderen zu fühlen (vergleichbar einem kleinen terrorisierten Homosexuellen, der sich immerzu einredet, dass ihm die Mädchen gefallen "müssen"), bat ich des Öfteren meinen Vater, einen gemäßigten, aber beständigen Fußballfan, mich ins Stadion mitzunehmen. Und eines Tages, dieweil ich verwundert die unsinnigen Bewegungen auf dem Spielfeld verfolgte, ward mir auf einmal ganz sonderbar ums Gemüt und mir schien, als tauchte die hohe Mittagssonne Menschen und Dinge jäh in ein gleißendes Licht, das alles erstarren ließ, dergestalt, dass sich vor meinen Augen ein sinnloses Welttheater entspann. Es war dasselbe Gefühl, das ich später, als ich Ottiero Ottieri las, als das Gefühl der "alltäglichen Irrealität" entdecken sollte, doch damals war ich erst 13 und interpretierte es mir auf meine Weise: Zum ersten Mal zweifelte ich an der Existenz Gottes und hielt die Welt für eine Fiktion ohne Zweck und Ziel.

Verstört begab ich mich, kaum aus dem Stadion getreten, zur Beichte bei einem wissenden Kapuziner, der mir kopfschüttelnd zu verstehen gab, dass meine Idee recht sonderbar sei, denn an Gott hätten, ohne zu schwanken, immerhin so vertrauenswürdige Leute wie Dante, Newton, Manzoni, Gioberti und Fantappié geglaubt.

Verwirrt durch solchen Konsens der Großen verschob ich meine Glaubenskrise um rund ein Jahrzehnt – doch seither, ich kann es nicht leugnen, hat sich Fußball für mich stets mit der Abwesenheit von Zweck und Ziel verbunden, mit der Vanitas allen Strebens und mit dem Gedanken, dass Gott nichts anderes sein (oder nicht sein) kann als ein Nichts. Und darum habe ich (wohl als einziger unter den Lebenden) Fußball stets mit den negativen Philosophien assoziiert.

Nun muss ich jedoch betonen, dass ich keineswegs gegen die Fußball-Leidenschaft bin. Im Gegenteil, ich begrüße sie und halte sie für einen Segen. Jene verzückten Massen, die sich allwöchentlich brüllend im Stadion drängen, übereinander herfallen oder vom Schlag getroffen zusammenbrechen, jene wackeren Schiedsrichter, die sich für einen Sonntag Berühmtheit wüsten Beschimpfungen aussetzen, jene von weither angereisten und zu Recht so genannten Schlachtenbummler, die blutend aus ihren Bussen quellen, verletzt von zerschlagenen Schaufensterscheiben und Schlägereien, jene grölenden Fans, die abends sieges- und biertrunken durch die Straßen karriolen, ihre Klubfahnen aus den Fenstern des überladenen Fiat 500 schwenkend, bis sie an einem Lastzug zerschellen, jene hochgezüchteten Recken, seelisch zerrüttet durch peinvolle sexuelle Abstinenzen, jene zerstörten Familien, wirtschaftlich ruiniert durch Kartenkäufe zu irrsinnig überzogenen Schwarzmarktpreisen, jene Enthusiasten, die sich mit ihren eigenen Knallfröschen blenden, sie alle erfüllen mein Herz mit Freude.

Ich bin für die Fußball-Leidenschaft, wie ich für Autorennen bin, für Mopedrennen am Rande von Abgründen, für das fanatische Fallschirmspringen, den mystischen Alpinismus, die Überquerung der Ozeane auf Gummibooten, das russische Roulette und die Droge.

Tod der Besten

Rennen meliorieren die Rassen, und all diese Spiele führen glücklicherweise zum Tod der Besten, so dass die Menschheit hernach in Ruhe weiter ihren Geschicken nachgehen kann mit normalen, durchschnittlich entwickelten Protagonisten. In gewissem Sinne würde ich jenen Futuristen zustimmen, die einst den Krieg als die einzige wahre Hygiene der Welt bezeichneten – lediglich mit einer kleinen Korrektur:

Er wäre es, wenn er sich nur mit Freiwilligen führen ließe. Unglücklicherweise zieht er jedoch auch die Widerstrebenden mit hinein, und deshalb ist er den Sportspektakeln moralisch unterlegen. Wohlgemerkt, ich spreche von Sportspektakeln und nicht vom Sport. Der Sport, verstanden als eine Tätigkeit, in der einer ohne Gewinnstreben und durch unmittelbaren Einsatz des eigenen Körpers physische Exerzitien betreibt, die seine Muskeln üben, sein Blut zirkulieren und seine Lungen voll durchatmen lassen, der Sport, sage ich, ist eine sehr schöne Sache, zumindest so schön wie der Sex, die philosophische Reflexion und das Glücksspiel mit Erbsen als Einsatz.

Doch der als Spektakel organisierte Fußball hat nichts mit einem so verstandenen Sport zu tun. Nicht für die Spieler, die als Profis einem Leistungsdruck unterliegen, der kaum geringer ist als der eines Fließbandarbeiters (abgesehen von ein paar kleinen Einkommensunterschieden), nicht für die Zuschauer – also die große Mehrheit –, die sich exakt so verhalten wie Horden geiler Voyeure, die regelmäßig zugucken gehen (nicht bloß einmal im Leben in Amsterdam, sondern jedes Wochenende), wie Paare sich paaren oder so tun als ob (oder wie jene ärmsten Kinder in meiner Jugend, denen man versprach, sie sonntagnachmittags mitzunehmen zum Zugucken, wie die Reichen Eis löffeln).

Nach diesen Prämissen wird man verstehen, wieso ich mich zurzeit von Fußball-Weltmeisterschaften so entspannt fühle. Nicht so neurotisiert wie jeder von uns durch die schlimmen Weltereignisse, wo man viele Zeitungen lesen und dauernd am Fernseher hocken muss im Warten auf die Verheißung einer weiteren Eskalation des Terrors, kann ich in den Wochen, in denen "König Fußball regiert", getrost aufs Zeitunglesen und Fernsehgucken verzichten, es genügt ein rasches Überfliegen der achten Seite nach Meldungen, der Rest ist voll von jenen Dingen, über die ich nichts wissen will.

Andacht der Massenmedien

Man braucht sich auch nicht zu fragen, warum die WM in so krankhafter Weise das Interesse des Publikums und die Andacht der Massenmedien auf sich zieht: Von der bekannten Geschichte der Komödie des Terentius, der die Zuschauer wegliefen, weil es das Schauspiel mit den Bären gab, über die scharfsinnigen Betrachtungen römischer Imperatoren zur Nützlichkeit der Circenses bis hin zum gezielten Gebrauch, den seit jeher die Diktaturen von den großen Wettkampfereignissen machen, ist es dermaßen klar und offenkundig, dass die Mehrheit sich lieber mit Fußball und Radrennen als mit der Abtreibungsfrage befasst, daß es die Mühe nicht lohnt, sich darüber noch groß Gedanken zu machen. Doch da ich nun einmal durch äußeren Anstoß dazu gebracht worden bin, ein bißchen darüber nachzudenken, sei ein Gedanke denn hier geäußert: Nie hat die öffentliche Meinung, besonders in Italien, eine schöne Weltmeisterschaft so dringend gebraucht wie gerade jetzt.

Tatsächlich ist ja, wie ich schon zu bemerken Gelegenheit hatte, die Sportdiskussion (ich meine das Sportspektakel, das Reden über das Sportspektakel, das Reden über die Journalisten, die über das Sportspektakel reden) der bequemste Ersatz für die politische Diskussion. Anstatt sich ein Urteil über die Operation des Finanzministers zu bilden, fragt man sich, ob das WM-Finale durch Zufall oder durch spielerisches Können oder durch diplomatische Alchimien zustande kommt. Das Reden über den Fußball verlangt eine sicher nicht vage, aber alles in allem begrenzte, genau umrissene Kompetenz; es erlaubt Stellungnahmen, Meinungsäußerungen, Lösungsvorschläge, ohne dass man sich der Verhaftung, dem Radikalenerlaß oder jedenfalls dem Verdacht aussetzt. Es verlangt nicht, dass man sich überlegt, wie man persönlich eingreift, da man ja über etwas spricht, das weit außerhalb des eigenen Machtbereichs abläuft.

Mit einem Wort, es erlaubt, Politik zu spielen: Politik als Führung der Causa Publica ohne all die Beschwernisse, all die Pflichten, all die schwierigen Fragen der politischen Diskussion. Es ist für erwachsene Männer so etwas wie das Hausfrau-Spielen für kleine Mädchen: ein pädagogisches Spiel, das lehrt, den eigenen Platz in der Gesellschaft zu finden.

Betrachten wir uns doch einmal selbst, wir als kritische Italiener und Europäer in Momenten wie heute, in denen die Beschäftigung mit der Causa Publica (der wahren) so traumatisch ist? Die ganzen Fußball-Meisterschaften sind für uns wie der Parmesan auf den Makkaroni. Endlich mal was, das nichts mit den Terrorismus zu tun hat! Vielleicht müsste man auch weniger allgemeine politische Diskussionen führen und stattdessen mehr Soziologie der Circenses betreiben. Auch weil es Circenses gibt, die nicht auf den ersten Blick als solche erscheinen: zum Beispiel gewisse Zusammenstöße zwischen Polizei und "Extremisten", die in manchen Zeiten immer nur samstags stattfinden, nachmittags zwischen fünf und sieben.

Globales Spiel – Sport, Kultur, Entwicklung und Außenpolitik / EUNIC, … (Hg.). – Göttingen: Steidl, 2016. (Kulturreport, EUNIC-Jahrbuch)

Globales Spiel – Sport, Kultur, Entwicklung und Außenpolitik / EUNIC,... (Hg.). – Göttingen: Steidl, 2016. (Kulturreport, EUNIC-Jahrbuch)

Umberto Eco, Jahrgang 1932, war Schriftsteller, Kolumnist, Philosoph und Medienwissenschaftler. Sein umfassendes Werk reicht von der "Geschichte der Schönheit" bis zum Roman "Der Name der Rose", durch den er zu Weltruhm gelangte. Der vorliegende Beitrag ist anlässlich seines Buchs "Über Gott und die Welt" entstanden (aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber), das auf Deutsch im Münchner Carl Hanser Verlag erschienen ist. Umberto Eco starb im Februar 2016.

Foto: Umberto Eco © Carolin Seeliger

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