Carla Mikhael, Beraterin für Flüchtlingslager im Libanon (u.a. für UNHCR) und Susanne Heinke, BICC

Freiräume: Kulturarbeit in Flüchtlingslagern

Podiumsdiskussion auf der Frankfurter Buchmesse
14.10.2015 | Frankfurt/M.

Freiräume schaffen, Identitäten stärken, Perspektiven entwickeln – Kulturarbeit in Flüchtlingslagern

Von Dorothea Grassmann

Menschen auf der Flucht überwinden viele Grenzen, gleichzeitig wird ihr Leben in immer engere Grenzen gepresst, sowohl in geografischer, politischer, kultureller, sprachlicher als auch persönlicher Hinsicht. Allein im Libanon müssen dies derzeit mehr als 1,5 Millionen Menschen – Syrer und Palästinenser – erfahren. Der Fall der palästinensischen Flüchtlinge im Libanon zeigt, dass sich der Aufenthalt in Flüchtlingslagern auch auf mehrere Jahrzehnte erstrecken kann. Was kann Kulturarbeit beitragen, um das Leid der Menschen zu mindern und Freiräume zu schaffen?

Diese Frage diskutierten Peter Mares, ifa-zivik, Carla Mikhael, Beraterin für Flüchtlingslager im Libanon u.a. der UNHCR, ifa-Country Representative im Libanon und derzeit RAVE-Stipendiatin in Berlin sowie Susanne Heinke, BICC – Bonn International Center for Conversion, mit Karin Schädler, freie Journalistin, auf der Frankfurter Buchmesse am 14. Oktober 2015. Zur Podiumsdiskussion luden das ifa und BICC ein.

Raus aus der Opferrolle

"Kulturelle Teilhabe ist ein Menschenrecht. Es ermöglicht auch in scheinbar aussichtslosen Situationen, eigene Narrative auf künstlerischer Ebene zu schaffen und aktiv zu sein", erklärte Peter Mares. Um den Menschen zu helfen über Kultur neue Perspektiven zu entwickeln, sei es wichtig, dass Hilfsorganisationen auf Bedarfe reagieren und nicht mit fertigen Angeboten kommen, bei denen die Betroffenen das Gefühl bekommen, lediglich "ruhig gestellt" zu werden. "Hilfsorganisationen dürfen die Flüchtlinge nicht als Opfer, sondern sollten diese als Gestalter wahrnehmen", so Mares.

Kultur übersetzt Gefühle in Bilder

Carla Mikhael, die seit vielen Jahren mit unterschiedlichen Flüchtlingsgruppen im Libanon arbeitet, betont, dass Kultur ein wichtiges Instrument sei, die eigene Identität zu stärken und neue Identitäten zu entwickeln. "Kultur schafft es, Gefühle in Bildern auszudrücken, und somit auch die eigene Situation zu reflektieren und verarbeiten zu können." Kultur könne bei den palästinensischen Flüchtlingen, die seit vielen Jahrzehnten im Libanon leben, zum Traditionserhalt beitragen – einer Tradition, die viele der Flüchtlinge nie kennengelernt haben, weil sie in Flüchtlingslagern geboren wurden. Bei den syrischen Flüchtlingen, die unmittelbare Fluchterfahrungen haben, kann Kultur helfen, Traumata zu überwinden. "Gemalte Bilder helfen, das Geschehene aus der Distanz zu sehen", so Mikhael.

Brücken bauen zur Aufnahmegesellschaft

Die Tatsache, dass jeder Vierte der insgesamt sechs Millionen Menschen im Libanon ein Flüchtling ist und zudem Syrien die ehemalige Besatzungsmacht des Libanon ist, führt zu Spannungen zwischen den Flüchtlingen und der Aufnahmegesellschaft. "Hier kann Kultur helfen, Möglichkeiten zum Dialog mit der Aufnahmegesellschaft zu schaffen", erklärte Susanne Heinke. Als Beispiel nannte sie das Theaterprojekt "Antigone of Syria" des international gefeierten syrischen Dramaturgen Mohammad Al Attar. "Al Attar lässt syrische Frauen aus den Flüchtlingscamps Sabra, Shatila und Bourj el Barajneh die Geschichte des syrischen Konflikts selber erzählen. Das Stück wurde im Al-Madina Theater in Beirut aufgeführt", so Heinke. Neben der Brücke zur Aufnahmegesellschaft, leistet das künstlerische Projekt auch einen Beitrag zur Selbstverortung der Frauen und öffnet Perspektiven. "Der Regisseur begegnete den Laienschauspielern auf Augenhöhe, die Frauen erhielten wie professionelle Schauspielerinnen auch eine Gage für ihre Arbeit", betonte Heinke.

Um das Leiden der geflohenen Menschen in der Region zu mindern, aber auch einer weiteren Destabilisierung der Region entgegen zu wirken, kann Kultur einen wertvollen Beitrag leisten, sofern sie die Bedarfe der Menschen vor Ort deckt, sei es als Instrument zur Traumaverarbeitung, sei es zur Stiftung von Gemeinsamkeit in den Flüchtlingslagern, zur Selbstverortung jenseits der Flüchtlingsidentität oder als Möglichkeit zur Herstellung eines Dialogs zur Aufnahmegesellschaft.

Die Zeder der libanesischen Flagge in einer weißen Taube – beides Symbole für Frieden; @ ifa/Grassmann

Perspektiven und Freiräume schaffen
Kulturgeografin Leila Mousa über die Frage, was Kulturarbeit in Flüchtlingslagern leisten kann.