Die Zeder der libanesischen Flagge in einer weißen Taube – beides Symbole für Frieden; @ ifa/Grassmann

Perspektiven und Freiräume schaffen – Kulturarbeit in libanesischen Flüchtlingslagern

Das Interview führte Dorothea Grassmann

Jalla, Jalla – Menschen drängen sich durch dichte kleine Gässchen, dazwischen das Hupen eines Rollerfahrers und ein Mann mit einer Karre frischen Gemüses, die alle durch das dünne Nadelöhr zweier Häuserblöcke möchten. An den offenen Türen links und rechts stehen Menschen, schauen dem Treiben zu oder unterhalten sich, dazwischen ein kleiner Imbissstand. Über mir ein Gewirr aus Kabeln, die sich wie Muskelfasern eines riesigen Tiers durch die engen Häuserschluchten schlängeln. Der Himmel ist hierdurch kaum sichtbar, die Sonne wirft Muster durch die Kabelritzen auf den feuchten Steinboden. An vielen Hauswänden hängen Plakate von politischen Persönlichkeiten so z.B. von Jassir Arafat. Ich befinde mich in Burj Al Barjneh, einem palästinensischen Flüchtlingslager im Süden von Beirut. Hier leben nach Angaben der UNRWA (United Nations Relief and Works Agency for Palestine Refugees in the Near East) 16.000 Palästinenser. Der Stadtteil gilt als das am dichtesten besiedelte Flüchtlingslager in der Region um Beirut.

Plakate von politischen Figuren im palästinensischen Flüchtlingslager Burj Al Barjneh; ©ifa/Grassmann

In einem erst vor zwei Monaten eröffneten Café eines Musikers in Burj Al Barjneh soll in Zukunft ein kulturelles Programm auf die Beine gestellt werden, eine kleine Bibliothek gibt es bereits. Hier treffe ich mich mit Leila Mousa, Expertin des ifa-Forschungsprogramms "Kultur und Außenpolitik" für das Forschungsprojekt "Auswärtige Kultur und Bildungspolitik für Flüchtlingslager?", um über die Situation der Flüchtlinge im Land, die Reaktionen des Staates und der Bevölkerung zu sprechen, aber auch zu fragen, was Kulturarbeit hier leisten kann, und worin die Herausforderungen dabei liegen.

ifa (Institut für Auslandsbeziehungen): Wie viele Flüchtlinge leben im Libanon?

Leila Mousa: Wenn man den offiziellen Zahlen des UNHCR, des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen, folgt, ist etwa jeder Vierte der knapp sechs Millionen Einwohner des Libanon seit 2014 ein Flüchtling. Darunter fallen etwa 1,2 Millionen Syrer, 45.000 syrische Palästinenser und die etwa 280.000 bereits seit Jahrzehnten im Land lebenden Palästinenser. Daneben findet man noch die kleineren Gruppen der irakischen (6.000) und sudanesischen Flüchtlinge (170). Inoffiziellen Schätzungen zufolge liegt die Zahl der im Land verweilenden Syrer aktuell bei etwa 2 Millionen, d. h. man hat es mit einer relativ hohen Dunkelziffer zu tun. Der libanesische Staat hat sich auserbeten, diese nicht als Flüchtlinge, sondern als Vertriebene (im Arabischen "nasihe") zu bezeichnen.

"Jeder vierte Einwohner im Libanon ist ein Flüchtling."

ifa: Was bedeutet diese Kategorisierung als "nasihe" für die syrischen Syrer und die Palästinenser aus Syrien, die sich im Land befinden?

Mousa: Im Wesentlichen bedeutet das, dass sie nicht im klassischen Sinne unter die Schutzkategorie von UNHCR fallen, sondern viel mehr wie Touristen behandelt werden und regelmäßig ihren Aufenthaltsstatus verlängern müssen. Die damit verbundenen Kosten können viele nicht aufbringen und rutschen damit in die Illegalität. Darüber hinaus gibt es eine lange Geschichte der Gastarbeit für Syrer im Libanon. Bisher reisten diese Gastarbeiter alle sechs Monate aus dem Land aus, um ihren Aufenthaltsstatus zu erneuern. Seit Anfang des Jahres hat der libanesische Staat die Grenzen jedoch zugemacht, um jede weitere Zuwanderung zu unterbinden. Für Palästinenser aus Syrien war das bereits im Herbst 2014 der Fall. Über diese neue Regelung sind nun auch viele Gastarbeiter und Syrer, die sich nicht als Flüchtlinge registriert haben, zusätzlich in die Illegalität gerutscht. Der libanesische Staat hat UNHCR dazu angehalten, jede weitere Registrierung von Flüchtlingen einzustellen. Ohne Registrierung haben sie einen erschwerten Zugang zu den für die Flüchtlinge zur Verfügung stehenden Unterstützungen. Menschenrechtsakteure betonen die Tatsache, dass der Libanon explizit darum gebeten hat, den Begriff des Flüchtlings zu vermeiden und sich mit der Umgehung des Begriffs klar von der damit verbundenen Schutzkategorie distanziert sowie von den rechtlichen Ansprüchen, die Flüchtlingen in der Genfer Konvention zugesprochen werden. Daran gebunden ist auch, dass es keine offiziellen Lager gibt, sondern lediglich sogenannte informelle "Gatherings".

Streetart in der Innenstadt von Beirut; © ifa/Grassmann

ifa:  Worin unterscheiden sich diese informellen "Gatherings" von einem "Flüchtlingslager"?

Mousa: Während ein Lager durch ein UN-Organ und das Aufnahmeland anerkannt wird, ist dies bei den "Gatherings" nicht der Fall. Damit entfallen auch die Verwaltung durch eine UN-Organisation oder durch die Regierung und der damit verbundene Schutz. "Gatherings" sind somit jede Form von Flüchtlingsansammlungen, die nicht von offizieller Seite verwaltet werden.

ifa: Wie macht sich die Syrienkrise im Alltag der Menschen bemerkbar?

Mousa: Die syrischen Flüchtlinge haben sich auf etwa 1.600 Gemeinden im Libanon verteilt. Wer es sich leisten kann, hat sich eine Wohnung angemietet. Viele leben jedoch in den unterschiedlichsten Notunterkünften, von leerstehenden Rohbauten über Shops und Garagen oder ehemalige Schulgebäude bis hin zu Zeltansammlungen. In den Städten haben sich viele Palästinenser aus Syrien, aber auch Syrer in den schon bestehenden palästinensischen Lagern Wohnungen oder Zimmer angemietet, da dort der Wohnraum günstiger ist als in der Umgebung. Konkret heißt das, dass sich die Zahl der Menschen in einigen palästinensischen Lagern teilweise verdoppelt hat, Wohnraum dort knapp wird und Mieten immer teurer. Aber auch in einigen libanesischen Ortschaften hat sich die Einwohnerzahl verdoppelt.

ifa: Und welche Folgen hat die Restriktionspolitik auf die Menschen?

Mousa: Die Restriktionspolitik wirkt sich vor allem darin aus, dass die Zahl derer, die illegal im Land verbleiben, stetig anwächst. Diese sind weitaus anfälliger für jede Form von Missbrauch, werden selbst im Billiglohnsektor ausgebeutet, mieten Stellplätze für Zelte zu völlig überhöhten Preisen und stehen Übergriffen ungeschützt gegenüber. Während die Palästinenser aus Syrien in das System der UNRWA-Schulen eingegliedert wurden, stellt eine der größten Herausforderung die Eingliederung von syrischen Kindern in das libanesische Schulsystem dar. Zurzeit ist nur etwa jedes vierte Kind im schulfähigen Alter an öffentlichen libanesischen Schulen untergekommen, d. h. zumeist findet der Unterricht für syrische Kinder am Nachmittag statt. Es überwiegt jedoch die Zahl derer bei weitem, die von einer Vielzahl von lokal organisierten alternativen Lehrangeboten zumeist nur in den Fächern Mathematik, Englisch und Arabisch unterrichtet werden oder gar nicht zur Schule gehen.

ifa: Wie ist das Verhältnis der Flüchtlingsgruppen zur libanesischen Bevölkerung?

Mousa: Anfänglich wurden die syrischen Flüchtlinge sehr offen von der lokalen Bevölkerung aufgenommen. Mit zunehmender Dauer und steigenden Flüchtlingszahlen sind aber die Spannungen gewachsen. Häufig werden als Grund das Gefühl der Überfremdung genannt, aber auch die Konkurrenz um Wasser, Strom und Arbeitsplätze. Auch hat die Art wie anfänglich Hilfe verteilt wurde wohl viel Schaden angerichtet, da Leistungen ausschließlich den syrischen Flüchtlingen zu Gute kamen, während in den ärmeren Regionen des Libanon sowie in den palästinensischen Lagern die mindestens ebenso mittellose Aufnahmegesellschaft nicht bedacht wurde. Das hat dazu geführt, dass in den Augen vieler Libanesen und Palästinenser die Syrer ihre Arbeitsplätze wegnehmen und zudem noch Unterstützung durch die internationalen Helfer erhalten, während die lokale Bevölkerung leer ausgeht. Man darf auch nicht vergessen, dass das Verhältnis zu Syrien als ehemaligem Besatzer kein einfaches ist und man zudem im Libanon auf eine lange gemeinsame und problematische Vergangenheit mit den palästinensischen Flüchtlingen zurückschaut. Die palästinensische Flüchtlingsbevölkerung, die bereits seit Jahrzehnten im Libanon lebt, und die häufig als Sicherheitsrisiko thematisiert wurde, scheint indirekt durch die Präsenz der Syrer ein wenig an Sympathien gewonnen zu haben.

"Ausdrucksformen wie Malen, Singen und Schreiben eröffnen den Menschen Freiräume, sich auszudrücken und ihre Geschichten zu erzählen."

Olivenbaum aus Stacheldraht und Holz des Künstlers Abdulrahman Katanani, aufgewachsen im palästinensischen Flüchtlingslager Sabra im Libanon; ©ifa/Grassmann

ifa: Entwurzelt, unerwünscht und ohne Perspektiven… Können kulturelle Angebote hier helfen?

Mousa: Auf jeden Fall. Sport, Musik und Theater, Schreiben, Malen, Filmen … all das macht Spaß und beschäftigt, leistet aber noch einiges mehr. Ausdrucksformen wie Malen, Singen und Schreiben eröffnen den Menschen Freiräume, sich auszudrücken und ihre Geschichten zu erzählen. Das ist vor allem dort wichtig, wo andere Möglichkeiten der Mitsprache, der Teilnahme an Entscheidungen, der Selbstbestimmung und der Entwicklung nicht möglich sind. Unter anderem bieten sie die Möglichkeit, die eigenen Wurzeln zu pflegen sowie Identität zu (re-)formulieren, aber auch sich gegen genau solche Zuschreibungen von Hilflosigkeit und Reduzierung auf das Flüchtlingsdasein zu wehren. Vor allem im Kontext der Syrer wird deutlich, dass es vielen Künstlern ein Anliegen ist, dass sie als Syrer und Künstler wahrgenommen und nicht auf die Rolle des Flüchtlings reduziert werden. Ich denke dabei zum Beispiel an einige der Theaterproduktionen, die sehr professionell produziert und dann vor einem weiten Publikum gespielt wurden. Diese haben wichtige Themen angestoßen, mit denen die Flüchtlingsgemeinschaft aktuell zu tun hat, wie den Verlust naher Angehöriger oder die Frage der Weiterreise in ein Drittland. In diesen Produktionen ging es aber auch darum, Stereotypen und Vorurteile abzubauen sowie Brücken zur einheimischen Bevölkerung zu bauen. Dies gilt auch für einige Projekte aus den palästinensischen Lagern in den letzten Jahren, darunter zum Beispiel einige Hip Hop-Produktionen. Auch Sport kann eine wichtige Rolle zukommen. So hat die Vertreterin einer NGO, die alternativen Schulunterricht anbietet, davon berichtet, dass das gemeinsame Fußballspiel in der "Schule" einige der syrischen Kinder dazu mobilisiert hat, wieder am Schulunterricht teilzunehmen.

ifa: Vor welchen Herausforderungen stehen Kulturakteure in der Umsetzung von Projekten in den "Lagern"?

Mousa: Eine der größten Herausforderungen hinsichtlich eines kulturellen Angebots für syrische Flüchtlinge ist die Tatsache, dass diese über das gesamte Land verteilt sind. Man muss sich daher sehr genau überlegen, wen man eigentlich erreichen möchte und welchen Zweck das erfüllen soll. Eine weitere Herausforderung ergibt sich durch die problematische Rechtssituation und die damit verbundenen fehlenden Perspektiven: Die meisten der syrischen und palästinensischen Kulturakteure und etablierten Künstler verlassen den Libanon, wenn sich für sie eine solche Gelegenheit ergibt.

ifa: Lassen sich die Angebote der Palästinenser auch auf die syrischen Flüchtlinge übertragen?

Mousa: Die kulturelle Situation der beiden Gruppen unterscheidet sich grundlegend. Die Palästinenser, die seit Generationen im Land leben, sehen große Defizite in ihrem Bildungssystem und fordern solidere Kenntnisse in grundlegenden Bereichen wie den Sprachen Arabisch und Englisch, aber auch eine Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. Der Großteil der kulturellen Aktivitäten, von denen es zahlreiche in den Lagern gibt, findet im Rahmen der lokalen NGOs statt. Dabei geht es zumeist um die Beibehaltung palästinensischer Traditionen. Es fehlen jedoch eine solide Bildung als Basis sowie Aktivitäten und Räume, in denen kreative, kritische und konstruktive Potentiale wachsen können. In Bezug auf die syrischen Flüchtlinge muss man sehr unterscheiden zwischen einer sich entwickelnden Kulturszene, in der Künstler sich von dem Image des Flüchtlings distanzieren und kulturelle Produktionen entwickeln und jenen Aktivitäten, die Kultur als ein Instrument sehen, soziale Veränderungen herbeizuführen, sei es in der Aufarbeitung von Traumata, als Beschäftigung für Kinder oder um Brücken zwischen der Flüchtlingsgemeinschaft und den Aufnahmegesellschaften zu bauen. Insgesamt ist ihre Situation noch sehr volatil, Strukturen wenig verfestigt. Dennoch wird auch hier besonders hervorgehoben, dass jede Form von kultureller Bildung nur Sinn macht, wenn auch die grundlegende Bildung gewährleistet ist.

"Jede Form von kultureller Bildung macht nur Sinn, wenn auch die grundlegende Bildung gewährleistet ist."

ifa: Was sind die Erwartungen an internationale Organisationen?

Mousa: Einheimische NGOs, aber auch kulturelle Aktivisten in den Flüchtlingsgemeinden wünschen sich von internationalen Organisationen keine fertigen Konzepte, die sie als Marionetten umsetzen sollen, sondern eine finanzielle Unterstützung, die ihnen ermöglicht, eigene Projekte nach ihrem Bedarf umzusetzen. Zudem fordern sie dazu auf, in den Aufbau langfristiger Kulturprojekte und kultureller Infrastrukturen zu investieren, das heißt in kulturelles capacity-building. Ihnen geht es darum, Räume zu schaffen, in denen Platz für kreative Entwicklung und authentische Auseinandersetzungen geschaffen wird.

Die Ergebnisse des laufenden Forschungsprojekts "Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik für Flüchtlingslager?" werden publiziert in der ifa-Edition Kultur und Außenpolitik. Voraussichtliches Erscheinungsdatum: Herbst 2015

Leila Mousa

Leila Mousa, M.A. der Geographie, beschäftigt sich seit 2004 intensiv mit den Flüchtlingslagern des Libanon. Ihre Arbeit verortet sich an der Schnittstelle von Kultur- und Politischer Geographie sowie Refugee Studies. Im Rahmen ihrer Tätigkeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Dozentin der Universität Heidelberg (2006-2010) hat sie das DFG-geförderte Forschungsprojekt "Urban Governance in Humanitären Räumen" zu den palästinensischen Lagern im Libanon koordiniert und durchgeführt und dabei eng mit diversen lokalen NRO und Initiativen zusammengearbeitet. Aktuell arbeitet sie an ihrer Dissertation zu diesem Projekt.
Kontakt: mousa(at)ifa.de