Guillaume Baviere: Havanna (CC BY 2.0) via Flickr

Kuba öffnet sich – Kultur und Bildung als Motor?

Interview mit Bert Hoffmann

Mit dem Tod Fidel Castros steht Kuba dieser Tage im Fokus der Öffentlichkeit. Vorangegangen waren die Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen zu den USA und der Besuch Barack Obamas im März 2016. Der Tourismus wächst stetig und mit den ausländischen Urlaubern fließen Devisen ins Land, die für viele Kubaner eine willkommene Einnahmequelle sind. Eine Öffnung des Landes scheint vielen Beobachtern unaufhaltsam. Kubanische Intellektuelle und Kulturschaffende hoffen auf mehr Freiheit und einen intensiveren Austausch mit dem Ausland. Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik spielt hier eine wesentliche Rolle. Über die Potenziale der deutsch-kubanischen Kultur- und Bildungsbeziehungen sprachen wir mit Bert Hoffmann, Experte des ifa-Forschungsprogramms.

Plakat zum Gedenken an Fidel Castro, Dezember 2016, Kuba © Albia Consul
Plakat zum Gedenken
an Fidel Castro, Dezember
2016, Kuba © Albia Consul

ifa (Institut für Auslandsbeziehungen): Die aktuelle Berichterstattung vermittelt den Eindruck, Kuba vollziehe einen Wandel über Nacht. Sie sprechen in Ihrer Studie "Wandel und Annäherung. Perspektiven deutsch-kubanischer Beziehungen in Kultur und Bildung" von einem Umbruch in Zeitlupe seit der Amtsübernahme durch Raúl Castro vor zehn Jahren. Können Sie dies erläutern? 

Bert Hoffmann: Der wirtschaftliche Umbau geht sehr viel schleppender voran, als es Bilder von schicken neuen Touristenrestaurants in Havanna manchmal vermuten lassen. Den Großteil der Wirtschaft machen noch immer Staatsbetriebe aus. Jahr für Jahr werden hier große Reformen angekündigt und dann doch wieder vertagt. Seit Jahren ist angekündigt, dass die Parallelwährung von abgewertetem normalem Peso, in dem die Löhne bezahlt werden, und dem an den Dollar gekoppelten „konvertiblen Peso“ überwunden werden soll, aber auch das ist noch nicht passiert. Andererseits hat sich das Land in zehn Jahren unter Raúl Castro erheblich verändert, vor allem durch die Öffnung gegenüber den USA. Der Tod Fidel Castros selbst ändert daran nicht viel. Aber welche Folgen die Präsidentschaft Trumps und die Rückkehr einer aggressiven US-Politik gegenüber Kuba haben werden, das steht allerdings in den Sternen. Die kubanische Führung hat am Tag nach Trumps Wahlsieg erst einmal ein fünftägiges militärisches Großmanöver veranstaltet. 

ifa: Mit dem Ausbau des Internets und des Tourismus verändert sich das Straßenbild, insbesondere in Havanna. Kubaner versammeln sich an WLAN-Hotspots und ganze Straßenzüge werden für Touristen umgebaut. Sehen Sie hier ein Konfliktpotential?

Hoffmann: Sicherlich. Gerade die zentralen Bezirke Havannas erleben einen Prozess, den wir hierzulande "Gentrifizierung" nennen würden. Wohnungen werden in "Bed and Breakfasts" umgewandelt. Neue Restaurants für Touristen eröffnet, deren Preise für die meisten Kubaner außer Reichweite sind. Vieles, das im Alltag der Peso-Wirtschaft Mangelware ist, steht für Devisen zur Verfügung. Natürlich schafft das Spannungen. Die Einrichtung von WLAN-Hotspots hat dazu geführt, dass die öffentlichen Plätze tatsächlich wieder sehr belebt sind. Sehr viele Kubaner haben Verwandte, die ins Ausland gegangen sind. Über Facebook und Internet-Telefonie findet hier intensive Kommunikation statt. Schon bei ihrer Entstehung wurden öffentliche Parks ja als Orte der Begegnung und des Austauschs geplant. Genau diese Funktion erfüllen sie nun wieder – wenn auch in anderer Form als früher.

Havanna, Kuba © Albia Consul
Havanna, Kuba © Albia Consul

ifa: Wie werten die Kubaner selbst den Wandel? Gibt es Stimmen, die dem Zulauf aus dem Ausland skeptisch gegenüber stehen?

Hoffmann: Das ist bei vielen ambivalent. Zum einen führen die Touristen ein Konsumniveau vor, das für die Kubaner unerreichbar ist. Andererseits suchen viele im Tourismus Arbeitsplätze, die Zugang zu Devisen und besserer Bezahlung bedeuten. Wo Kubas Industrie und auch weite Teile der Landwirtschaft seit Jahren in einer strukturellen Krise stecken, ist der Tourismus einer der wenigen Wachstumssektoren, der das Land über Wasser hält. Auch die Finanzierung des öffentlichen Bildungs- und Gesundheitssystems ist ohne die Einnahmen aus dem Tourismus gar nicht mehr denkbar.

ifa: Wie sieht die Lage aktuell für Kulturschaffende aus? 

Hoffmann: Grundsätzlich waren die Künstler Vorreiter der Wirtschaftsreform. Sie konnten früher als andere selbständig ihr Werk und Wirken vermarkten. Die ausländischen Besucher und insbesondere die erneute Annäherung an die USA haben ihnen viele neue Einnahmemöglichkeiten eröffnet, vom Kunsthandwerk bis zur Musik. Viele Maler und bildende Künstler in Havanna erleben geradezu einen Boom. In den Provinzen sieht die Situation jedoch ganz anders aus. Und Schriftsteller, die keine Verbindung zu internationalen Verlagen haben, können kaum von ihrer Arbeit leben. Politisch ist die Toleranz gegenüber der Kulturszene sehr viel größer als es viele erwarten, die zum Beispiel die osteuropäischen Erfahrungen vor Augen haben. Trotzdem gibt es Tabuthemen. Vor allem aber ist die nötige Infrastruktur – Verlage, Konzertsäle, Kinos – in staatlicher Hand und hier werden klare Grenzen gezogen. Unter Kubas Filmemachern gibt es eine starke Bewegung, die mehr Autonomie und Freiräume für unabhängige Produktionen fordert.

El Mejunje, Club in Santa Clara, Kuba © Siri Gögelmann
El Mejunje, Club in Santa Clara, Kuba © Siri Gögelmann

ifa: Welche Akteure auf kubanischer Seite sind an einer Zusammenarbeit mit Deutschland interessiert? Gibt es bereits Dialogprojekte?

Hoffmann: Es gibt sehr viele Kooperationsprojekte. In fast allen Bereichen gibt es deutsch-kubanische Zusammenarbeit, ob im Theater oder auf Filmfestivals, in der Musik oder im universitären Austausch und gemeinsamen Summer Schools. Sie reicht von Grassroots-Initiativen bis zum Deutschen Akademischen Austauschdienst, der seit mehr als 25 Jahren auf Kuba aktiv ist. Die genannte Studie führt eine ganze Reihe von Beispielen deutsch-kubanischer Projekte auf, doch auch das ist nur ein kleiner Ausschnitt. Auch das Goethe-Institut führt seit langem Projekte auf Kuba durch – wenn auch unter dem Dach der Botschaft und nicht mit einem eigenen Gebäude.

ifa: Derzeit laufen Verhandlungen zu einem Kulturabkommen zwischen Deutschland und Kuba. Welchen Beitrag könnte ein solches Abkommen leisten?

Hoffmann: Da geht es zum einen um eine grundsätzliche Absichtserklärung, die politische Signalwirkung haben soll. Und zum anderen geht es um eine Vielzahl kleinteiliger, administrativer Dinge, die die praktische Arbeit vor Ort und mit den kubanischen Partnern erleichtern sollen, von Visa-Fragen bis zur zollfreien Einfuhr von Bücherspenden. Denn Interesse aus der Gesellschaft heraus besteht zweifelsohne, sowohl am künstlerischen Austausch als auch an Sprachkursen. Gerade jetzt, wo der Einfluss durch die USA wieder wächst, wollen viele keine neue Abhängigkeit, sondern ein breites Netz an Kontakt und Kommunikation zur ganzen Welt.

ifa: Welche Schwerpunkte ließen sich in Zukunft in der Zusammenarbeit mit Kuba setzen, thematisch und geographisch?

Hoffmann: Thematisch kann man in Kuba in sehr vielen Feldern kompetente und interessante Partner finden. Eine Reihe von Fragen – etwa der erwähnte Wandel im städtischen Raum – bieten sich zweifelsohne für eine verstärkte Bearbeitung aus ganz unterschiedlichen Perspektiven an. Geographisch verschärft Kubas Außenöffnung und der wachsende Tourismus den Zuzug in die Hauptstadt Havanna – insofern geht es da vor allem darum, dieser Schieflage ein Stückweit entgegenzuwirken und auch den kulturellen und wissenschaftlichen Austausch mit den übrigen Provinzen zu stärken.

Placa de la Revolucion, Havanna, Kuba © Albia Consul
Placa de la Revolucion, Havanna, Kuba
© Albia Consul

ifa: Wie ist Ihre Zukunftsprognose?

Hoffmann: Die Glaskugel haben wir ja alle nicht. Im Moment erlebt Kuba zwar keinen Übergang zu Demokratie und Marktwirtschaft westlicher Bauart, aber doch einen tiefgreifenden Wandlungsprozess, der alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens betrifft. Und der Abtritt der "historischen Generation" der Revolution steht bevor. Raúl Castro wird Anfang 2018 das Präsidentenamt abgeben – in weniger als anderthalb Jahren! Der mittelfristige Horizont in Kuba ist damit offener als er es lange Zeit war. Das wird ein Prozess mit erheblichen sozialen und politischen Spannungen werden, keine Frage, und der Ausgang ist ungewiss. Aber ich bin sicher, dass Kubas Künstler und Kulturschaffende ganz wichtig dafür sein werden, wie sich das Land in der Zeit nach der "historischen Generation" entwickelt – und wie es sicher auch seine Identität neu erfinden wird.

Prof. Bert Hoffmann

Prof. Bert Hoffmann ist Senior Researcher am GIGA German Institute of Global and Area Studies, Leiter des GIGA Berlin-Büros und Professor für Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Seit mehr als 25 Jahren arbeitet er zur Entwicklung in Kuba. Seine Publikationen umfassen Bücher wie die Landeskunde "Kuba" (C. H. Beck Verlag) oder den Band "Debating Cuban Exceptionalism" (Palgrave, zus. mit L. Whitehead), sowie zahlreiche wissenschaftliche Artikel (z. B. "Charismatic Authority and Leadership Change: Lessons from Cuba’s Post-Fidel Succession", in: "International Political Science Review, 30, 3, 2009, 229-248", Policy Papers und journalistische Beiträge.
Kontakt: Bert.Hoffmann(at)ifa.de

ifa-Edition Kultur und Außenpolitik

Bert Hoffmann: Wandel und Annäherung. Perspektiven deutsch-kubanischer Beziehungen in Kultur und Bildung / Institut für Auslandsbeziehungen (Hg.). – Stuttgart , 2016. – 72 S. – (ifa-Edition Kultur und Außenpolitik).

Bert Hoffmann: Wandel und Annäherung. Perspektiven deutsch-kubanischer Beziehungen in Kultur und Bildung / ifa (Hg.). – Stuttgart, 2016

Für Deutschland ist Kuba ein besonderer Partner: Die Bundesrepublik ist auf der Insel nicht zuletzt Erbe der DDR, die mit dem sozialistischen Bruderstaat in der Karibik vielfältige Beziehungen unterhielt. Gleichwohl gestalten sich die deutsch-kubanischen Beziehungen seit den 1990er Jahren in der Praxis schwierig. Wie kann Kultur die aktuellen Veränderungen des Inselstaates begleiten? Welche Initiativen können im Rahmen der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik gefördert werden? Die vorliegende Studie gibt anhand von Beispielen verschiedener Kulturakteure Einblicke in die kubanische Kultur- und Bildungslandschaft und zeigt Potentiale für deutsch-kubanische Kultur- und Bildungskooperationen auf.

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Zwischen Krise und Kapitalismus

Havanna; Foto: Bryan Ledgard (CC BY 2.0), via Flickr

Interview | Bert Hoffmann im Gespräch mit dem Deutschlandfunk