Das Amerika Haus in Berlin-Charlottenburg, bis 2006 in amerikanischer Hand
Foto: © Raimond Spekking/ CC-BY-SA-3.0 (via Wikimedia Commons)

Eine lokale Ebene der deutsch-amerikanischen Beziehungen

Dr. Reinhild Kreis beschäftigte sich in ihrer Dissertation mit der Bedeutung der Deutsch-Amerikanischen Institute (DAI) und Amerikahäuser in der Bundesrepublik Deutschland während des Kalten Krieges. Für die Arbeit mit dem Titel "Orte in Amerika" erhält Reinhild Kreis am 18. Juli den diesjährigen ifa-Forschungspreises Auswärtige Kulturpolitik.

Das Interview führte Dominic Konrad.

ifa (Institut für Auslandsbeziehungen): Frau Dr. Kreis, herzlichen Glückwunsch zur Auszeichnung!

Reinhild Kreis: Herzlichen Dank, ich habe mich sehr darüber gefreut.

ifa: Ihre Dissertation "Orte für Amerika" beschäftigt sich mit der Geschichte der Deutsch-Amerikanischen Institute und der Amerikahäuser in der Bundesrepublik Deutschland zwischen 1960 und 1986. Wie sind Sie zu diesem Thema gekommen?

Kreis: Ich bin dazu gekommen, als ich mir den Aktenbestand des Deutsch-Amerikanischen Instituts Nürnberg angeschaut habe. Die Akten wurden an das dortige Stadtarchiv abgegeben. Beim Durchsehen sind mir verschiedene Dinge aufgefallen: Zum einen sind die Jahre nach 1955 viel mehr als nur die Nachgeschichte der bekannten Reeducation-Maßnahmen und sollten als Zeitraum eigenen Rechts untersucht werden, zum anderen ist die Geschichte der Deutsch-Amerikanischen Institute viel mehr als eine reine Institutionsgeschichte. Es ist eine deutsch-amerikanische Interaktionsgeschichte.
Die Amerikahäuser und die Deutsch-Amerikanischen Institute haben einen großen Vorteil als Untersuchungsgegenstand. Sie waren viele Jahre und Jahrzehnte in der Bundesrepublik präsent, es gab daher eine sehr hohe Kontinuität und ein sehr weit gespanntes deutsch-amerikanisches Netzwerk, das sich über die Jahrzehnte entwickelt hat. Es geht in der Arbeit also darum, was der Blick auf die Amerikahäuser in Deutschland sichtbar macht, nämlich eine Ebene der deutsch-amerikanischen Beziehungen vor allem auf lokaler Ebene.

John F. Kennedy; Foto: White House Press Office (WHPO)

ifa: Welche besondere Bedeutung hatten die Häuser für die deutsch-amerikanischen Beziehungen nach dem Zweiten Weltkrieg?

Kreis: Zunächst war das Ziel die Demokratisierung, also die Reeducation der deutschen Bevölkerung, die man mit den USA vertraut machen wollte. Auch die Immunisierung gegen den Kommunismus spielte da eine Rolle. Das funktionierte auch ziemlich gut, die Häuser kamen gut an. Ein Grund dafür war sicher, dass die Amerikahäuser nicht so belehrend daherkamen und ihre Botschaft nicht mit dem erhobenen Zeigefinger vermittelten. Viele Städte empfanden große Dankbarkeit für diese Häuser und sahen sie quasi als Geschenk der Amerikaner. In den Jahren nach der Demokratisierungsphase wandelte sich die Funktion der Amerikahäuser schrittweise. Es ging nicht mehr so stark darum, zwischen unterschiedlichen Wertordnungen zu vermitteln, jetzt sollte das westliche Bündnis nach innen stabilisiert werden. Man wollte die westdeutsche Bevölkerung für dieses westliche Bündnis unter amerikanischer Hegemonie einnehmen.

ifa: Die außenpolitische Doktrin wandelte sich unter John F. Kennedy. Welche Absichten verfolgten die USA in dieser Zeit in Westdeutschland?

Kreis: Kennedy steht für einen Abbau der auswärtigen Kulturpolitik in Westeuropa und in der Bundesrepublik. Es gab in der Bundesrepublik noch eine ganz starke Präsenz aus der Reeducation-Zeit. Kennedy verschob den Fokus auf andere Weltregionen, zum Beispiel auf Afrika, das für ihn stärker in den Mittelpunkt rückte.  Dass es in der Bundesrepublik weiterhin so viele Amerikahäuser gab, geht eher auf die deutsche Seite zurück. Die Deutschen wollten verhindern, dass diese Häuser geschlossen wurden und beteiligten sich dann in einigen Fällen an den Kosten. Also müsste man eigentlich auch fragen, welche Absichten die Deutschen mit den Häusern verfolgten…

Das 1952 als Amerikahaus gegründete DAI Tübingen besteht bis heute fort.Foto: Vux / CC-BY-SA 3.0 (Via Wikimedia Commons)

ifa: Welche verfolgten sie denn?

Kreis: Für die USA ging es ja darum, die Westdeutschen für die amerikanische Außenpolitik einzunehmen. "Soft power" besagt ja, dass ein Hegemon seine Politik nicht über Zwang durchsetzt, sondern mit seiner Anziehungskraft und Attraktivität. Die Amerikahäuser sollten dabei helfen, diese Attraktivität zu vermitteln. Auf der deutschen Seite kann man ein ganzes Motivbündel erkennen: Dankbarkeit und Stolz, aber auch außenpolitische Motive. Gerade nach dem Mauerbau sollte niemand in der westdeutschen Bevölkerung den Eindruck bekommen, dass die Amerikaner sich zurückziehen. Es ging insgesamt darum, die Häuser als Orte zu erhalten, wo eine Auseinandersetzung mit den USA stattfand. Es ist ja wirklich erstaunlich, wie lange das gehalten hat. Anfang der 1960er-Jahre, Mitte der 1980er-Jahre und dann wieder nach dem Ende des Kalten Krieges strichen die USA Gelder für die Einrichtungen. Die Deutschen hätten die Häuser schließen lassen können. Sie hätten zu verschiedenen Zeitpunkten ohne jeglichen Gesichtsverlust aus der Finanzierung aussteigen können, aber sie taten es nicht. Einige dieser alten Amerikahäuser – sogar recht viele – bestehen ja in veränderter Form bis heute weiter.

ifa: Man kann sagen, dass es in Westdeutschland in der Zeit des Kalten Krieges ein positives Amerikabild vorherrschte. Beeinflusste die amerikanische Präsenz vor Ort das Amerikabild?

Kreis: Ich glaube, dass diese Frage im Detail ganz schwer zu beantworten ist. Präsenz ist ja etwas anderes als ein theoretisches, abstraktes Wissen. Präsenz bedeutet immer auch Interaktion. Das ist ein ganz wichtiger Faktor. Ich würde schon sagen, dass die Präsenz in der Bundesrepublik das Amerikabild vieler Deutscher sicherlich verbessert hat, ganz stark sogar, wenn man das über einen langen Zeitraum hinweg verfolgt. Aber natürlich gab es auch immer wieder Phasen und Konstellationen, wo die amerikanische Präsenz auch zu einem negativen Image der USA geführt hat. Man muss auch ganz klar zwischen verschiedenen Präsenzformen, beispielsweise den amerikanischen Truppen, McDonalds, Hollywood oder eben den Amerikahäusern, unterscheiden. Da ist es dann in der Praxis aber ganz schwer, Kausalzusammenhänge herzustellen und zu sagen, welche Elemente zu welchem Amerikabild konkret beigetragen haben.

ifa: An den Amerikahäusern hat sich stellenweise auch die Wut der Bürger entladen. Man denke an die Demonstrationen während des Vietnamkriegs.

Kreis: Ja, auf alle Fälle. Es gibt keine lineare Entwicklung und auch keine reine Abfolge von Phasen, sondern oft ist es ein Nebeneinander von verschiedenen Amerikabildern.

ifa: 1986 wurden unter Präsident Ronald Reagan die amerikanischen Mittel für die Deutsch-Amerikanischen Institute komplett gestrichen. Wieso änderte sich kurz vor Ende des Kalten Krieges die Europastrategie der USA?

Kreis: Ich würde sagen, es haben vor allem die Mittel der Informations- und Kulturpolitik verändert. Es war ja kein reiner Abbau, denn es gab in den 1980er-Jahren auch viele neue Initiativen, zum Beispiel das parlamentarische Patenschaftsprogramm "Congress Bundestag Youth Exchange" oder die Koordinatorenstellen für die deutsch-amerikanische Zusammenarbeit. Allerdings rückten die Informations- und Kulturzentren in den Hintergrund  und erschienen nicht mehr so wichtig. Der Direktor der United States Information Agency (USIA) unter Reagan, Charles Wick, setzte stark auf andere Medien. Für ihn war Fernsehen ganz wichtig. Geld spielt natürlich eine große Rolle. Generell war in den USA der Gedanke, im Ausland staatlich finanzierte Kulturpolitik zu betreiben, nie wirklich attraktiv. Das war ein sehr umstrittenes Projekt. Die USIA musste immer wieder Gelder einsparen.

Unter dem Dach des ifa befindet sich das Deutsch-Amerikanische Zentrum StuttgartFoto: Institut für Auslandsbeziehungen

ifa: Das führte 1999 schließlich zur Schließung der Behörde. Nicholas Cull hat zur Geschichte der USIA ein entscheidendes Werk verfasst. Im zweiten und letzten Band schreibt er, dass die Schließung der USIA zur Verschlechterung des weltweiten Amerikabildes geführt hat. Wurde durch den Verlust des bilateralen Austauschs in Deutschland die antiamerikanische Stimmung des vergangenen Jahrzehnts befeuert?

Kreis: Ich würde nicht so weit gehen zu sagen, dass die Schließung einer Behörde sofort die Verschlechterung des Amerikabildes bewirkt. Erstens endet damit nicht sämtliche Informations- und Kulturpolitik der USA, die ja im U.S. State Department zumindest in Teilen weitergeführt wird, und zweitens ist Kultur- und Informationspolitik nur einer von sehr vielen Kanälen, über die Menschen mit den USA in Kontakt kommen können. Damit die USIA hätte weiterhin erfolgreich arbeiten können, hätte sie einen Weg finden müssen, sich als eine Behörde zu definieren, die auch außerhalb des Kontextes des Kalten Krieges wichtig ist. Damit hatte diese Behörde aber große Schwierigkeiten. Mit der Schließung der USIA gingen nicht nur Experten verloren, sondern auch jahrzehntelange Netzwerke und Kommunikationskanäle wurden unterbrochen. Das ist schon ein substantieller Verlust. Das hätte man reaktivieren und an die neue Situation anpassen müssen.

ifa: Würden Sie sagen, dass die Präsidenten seit Reagan und Clinton, der die USIA auflöste, die Bedeutung der auswärtigen Kultur- und Informationspolitik verkannt haben?

Kreis: Als staatliche Aufgabe sicherlich. Ich glaube, der Staat sollte sich aus solchen Aufgaben nicht so weit zurückziehen, wie die USA es getan haben. Am Beispiel Deutschland hätte man diese Bedeutung erkennen können. Interessant ist, dass in Deutschland nach dem Ende der USIA trotz allen Kürzungen an diesen Institutionen festgehalten wurde. Die Deutsch-Amerikanischen Institute bestehen ja auch weiterhin. Das Alleine ist ein mehr als deutliches Zeichen dafür, dass es ein Bedürfnis nach solchen Institutionen gibt.

ifa: Frau Kreis, nochmal zu ihren aktuellen Projekten: Sie forschen derzeit an der Universität Augsburg. Welche Bereiche beschäftigen Sie im Moment?

Kreis: In meiner Habilitation beschäftige ich mich mit einem konsumgeschichtlichen Thema, also mit etwas ganz anderem. Es geht um das Selbermachen im Konsumzeitalter vom späten 19. bis ins späte 20. Jahrhundert. Die auswärtige Kultur- und Informationspolitik tritt daher derzeit in bisschen in den Hintergrund, aber sie beschäftigt mich auch weiter. Kürzlich habe ich etwas über die Zusammenhänge veröffentlicht, in denen die Koordinatoren für die deutsch-amerikanischen Beziehungen in den 1980er-Jahren eingesetzt worden sind. In diesem Sinn ist der ifa-Forschungspreis für mich eine große Ehre. Ich finde es toll, dass es diesen Preis gibt, denn er wendet den Blick auf ein Forschungsfeld, das ein bisschen unterschätzt wird. Auswärtige Kulturpolitik ist viel mehr als nur die "kulturelle Begleitmusik" der Außenpolitik.

Reinhild Kreis: Orte für Amerika.

Deutsch-Amerikanische Institute und Amerikahäuser in der Bundesrepublik seit den 1960er Jahren. Stuttgart: Franz Steiner Verlag, 2012. 424 S.

ifa-Signatur: 33/289