Foto: Mohammad Hassan Ettefagh

Die Brücke der Natur

Teheran – eine Metropole mit etwa zwölf Millionen Einwohnern, unzähligen Straßen und lauten Highways. Mittendrin: die Tabiat-Brücke (Persisch "Natur") – eine Fußgängeroase, schwebend über einer Autobahn. Entworfen wurde die mehrfach ausgezeichnete Brücke von Leila Araghian. Was sie inspirierte, auf welche Hürden sie mit ihrem Projekt stieß und was Menschen an der Brücke fasziniert, erzählt die iranische Architektin bei einem Besuch in der ifa-Galerie Stuttgart.

Interview von Juliane Pfordte, Podcast von Siri Gögelmann

ifa (Institut für Auslandsbeziehungen): Stellen wir uns einmal vor, ich wäre in Teheran zu Besuch und Sie wären meine Taxifahrerin – Was würden Sie mir zeigen?

Leila Araghian: Das kommt ganz darauf an, was Sie interessiert. Teheran hat viele Gesichter: zum Beispiel die historische Altstadt mit dem Großen Basar und dem Golestan-Palast, dem einstigen Regierungssitz der Kadscharen-Dynastie. Oder die steilere Bergregion im Norden der Stadt mit den vielen Teehäusern und Restaurants, die viel zum typischen Ambiente beitragen. Wenn Sie die ganze Stadt von oben sehen möchten, würde ich Sie zum Milad Tower fahren, dem höchsten Turm des Landes. Von dort hat man einen unglaublich schönen Blick auf ganz Teheran. Aber zu allererst würde ich Ihnen natürlich meinen derzeitigen Lieblingsort zeigen: die Tabiat-Brücke.

ifa: Was ist das Besondere der Brücke, abgesehen davon, dass Sie die Architektin sind?

Araghian: Die Tabiat-Brücke ist mehr als nur eine Brücke. Sie ist ein öffentlicher Ort mit Sitzbänken und Ecken, in denen Menschen verweilen und Zeit verbringen können. Es ist die längste Fußgängerbrücke in Iran und das Interessanteste für mich ist: Sie ist mystisch. Sie ist so gebaut, dass man sie immer wieder auf neue Art und Weise erleben und entdecken kann – je nachdem, welche Route man wählt. Es ist keine klassische Brücke, die über einem Fluss verläuft, wie die berühmte Khaju-Brücke in Isfahan. Das ist etwas völlig anderes.

ifa: Warum genau?

Araghian: Ein Fluss ist immer schon dagewesen. Er ist Teil der Natur, etwas Schönes, das eine Stadt lebendig macht. Eine Brücke über einem Highway hingegen dient letztlich nur den Autos, die dadurch schneller fahren können. Wir haben unsere Stadt mit Highways zugepflastert, aber wir können sie nicht mit Brücken retten. 

ifa: Die Tabiat-Brücke war Ihr erstes großes Projekt, das mit dem renommierten Architizer A+ Award ausgezeichnet wurde. Als Sie die Brücke entwarfen, waren Sie 26 Jahre alt. Wie ist die Idee dazu entstanden?

Araghian: Die Idee hatte ich vor fast elf Jahren, als ich mit einem Freund, Alireza Behzadi, über eine Brücke ging. Wir entdeckten ein altes Sofa, das jemand auf dem Gehweg abgestellt hatte. Wir zogen es in die Mitte der Brücke, setzten uns und schauten Richtung Fluss. In dem Moment wurde mir klar, dass wir es eigentlich gewohnt sind, Brücken in eine konkrete Richtung zu überqueren. Wenn man aber in der Mitte anhält und in die entgegengesetzte Richtung schaut, eröffnet sich einem ein völlig neuer Raum. Das war das erste, das mir in den Sinn kam, als ich am Wettbewerb für die Brücke teilnahm.

ifa: Damals waren Sie mitten im Architektur-Studium – ein beliebtes Fach bei Studenten. Wollten Sie immer schon Architektin werden?

Araghian: Das hat sich eher zufällig ergeben. Es war nicht so, als wäre ich stets von Architekten umgeben gewesen. Bis zum Studium wusste ich nicht einmal, was Architektur überhaupt ist. Alle anderen Fächer kamen mir damals langweilig, steif und irgendwie "kühl" vor, daher habe ich mich für Architektur entschieden. Es war das künstlerischste Fach von allen und gleichzeitig realer als andere Kunstgattungen wie zum Beispiel Literatur: Gegen Schwerkraft kommt man nicht an, ein Gebäude muss aufrecht stehen. Man muss auf alle Naturgewalten eingehen.

ifa: Sich mit Naturgewalten, mit der Realität auseinandersetzen: Der Kurator der diesjährigen Architektur-Biennale in Venedig, Alejandro Aravena, hat kritisiert, Studierende würden heute kaum darauf vorbereitet, Antworten auf dringliche globale Fragen wie Armut und Bevölkerungswachstum zu finden. Würden Sie dem zustimmen?

Araghian: Architektur ist ein so breites Berufsfeld, dass man unmöglich auf alle Probleme eingehen kann. Schulen und Universitäten sind Orte, um Fragen zu stellen und herauszufinden, was einen persönlich interessiert. Aber ich würde zustimmen, dass soziale Aspekte allgemein nicht so sehr hinterfragt werden in den Architekturschulen weltweit – zumindest soweit ich weiß. Als Architekten und Stadtplaner sind wir aber für das Leben anderer Menschen verantwortlich. Menschen sind überall und permanent von Räumen umgeben. Sie beeinflussen uns körperlich und seelisch. Wenn beispielsweise das Geländer auf der Tabiat-Brücke zu niedrig wäre, hätten Besucher womöglich Angst herunterzufallen. Wenn es zu hoch wäre, könnte es den Eindruck eines Gefängnisses vermitteln. Wenn wir schlechte Fußwege bauen, auf denen Menschen hinfallen und sich etwas brechen, oder wenn wir nicht ausreichend Parkplätze schaffen, sodass sich die Menschen deswegen streiten – dann ist das unsere Verantwortung.

ifa: Ihre Arbeit erinnert an die deutscher Architekten wie Günther und Stefan Behnisch oder Frei Otto. Haben Sie Vorbilder?

Araghian: Mich haben iberische Architekten wie Alvaro Siza inspiriert. Ich bin ein großer Fan seiner Arbeit, von der Qualität seiner Räume: Sie sind minimalistisch und geben einem gleichzeitig die Möglichkeit, neue Räume zu entdecken. Im Bereich Membranstrukturen hat mich natürlich Frei Otto beeinflusst. Ich glaube, niemand hat den Bereich der Seilnetzkonstruktionen so vorangebracht wie er. Seine mehr als 50 Jahre alten Arbeiten zählen noch immer zu den besten der Welt, er war ein Meister.

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Zeltdachkonstruktion von Diba Tensile Architecture, Dreamland Theme Park in Isfahan © Mohammad Hassan Ettefagh
Sternwellenzelt des Kölner Tanzbrunnens von Frei Otto; Foto: Willy Horsch, HOWI (Eigenes Werk, CC BY 3.0), via Wikimedia Commons
Sternwellenzelt des Kölner Tanzbrunnens von Frei Otto; Foto: Willy Horsch, HOWI (Eigenes Werk, CC BY 3.0), via Wikimedia Commons

ifa: Auf Membranstrukturen ist auch Ihre Firma Diba Tensile Architecture spezialisiert, die Sie 2005 mit Ihrem Freund Alireza Behzadi gründeten. Ein Jahr später verhängten die Vereinten Nationen Sanktionen, die unter anderem den Wirtschafts- und Finanzsektor betrafen. Inwiefern haben diese Ihre Arbeit beeinflusst?

Araghian: Für uns war es eine Medaille mit zwei Seiten. Wir hatten dadurch keine internationale Konkurrenz. Wir starteten eine Industrie in einem damals völlig neuen und leeren Markt. Das gab uns die Möglichkeit zu wachsen. Aber natürlich hatten wir auch Schwierigkeiten. Zum Beispiel, als wir eine Software aus Australien benötigten: Es dauerte drei Monate, bis wir und das ganze Projekt autorisiert wurden, nur um sicherzugehen, dass wir damit keine Bomben bauen würden. Andere Unternehmen antworteten gleich per E-Mail: "Entschuldigen Sie, wegen der Sanktionen sind wir nicht an einer Zusammenarbeit interessiert."
Letztes Jahr wollten wir an einem internationalen Wettbewerb teilnehmen, dem World Architecture Festival. Wir konnten uns aber nicht einmal registrieren, weil Iran von der Länderliste genommen wurde. Ich denke, die Idee hinter den Sanktionen war, uns zu isolieren und zu unterdrücken, damit wir schwach, hilflos und verzweifelt werden. Aber in Bezug auf unsere Brücke und die internationale Aufmerksamkeit, die sie erreicht hat, haben wir es geschafft haben, uns der Welt zu zeigen. Das gibt mir ein gutes Gefühl, ein Gefühl von Kraft.

ifa: Inwiefern hat sich die Situation durch die Aufhebung der Wirtschafts- und Finanzsanktionen im Januar 2016 geändert?

Araghian: So etwas ändert sich natürlich nicht von heute auf morgen. Am Ende geht es immer um Geld und dafür sind die Banken zuständig. Viele Banken in Europa akzeptieren Geld aus Iran nach wie vor nicht – obwohl die Sanktionen aufgehoben wurden. In unserer Firma haben wir derzeit ernsthafte Probleme deswegen. Man liest zwar viel über den Besuch von EU-Delegationen und unterzeichnete Abkommen, aber gerade die finanzielle Isolierung ändert sich nur sehr langsam.

ifa: Die aktuelle ifa-Ausstellung "Dem Gestern ein Morgen geben" fragt unter anderem danach, wie eine Gesellschaft mit ihrem kulturellen Erbe umgeht. Wie wichtig ist es für Sie als Architektin, die Vergangenheit, das kulturelle Erbe zu bewahren?

Araghian: Sehr wichtig, man muss seine Vergangenheit kennen, um in die Zukunft gehen zu können – lautet ein bekanntes Sprichwort. Ich finde es tragisch, dass die alten Gebäude abgerissen werden, nur um neuen Einkaufszentren Platz zu machen. So etwas passiert in Teheran leider häufig. Wir hätten weitaus mehr Architektur erhalten können, wenn die Kriterien für das Weltkulturerbe breiter gefasst wären, zum Beispiel all die alten Wohnhäuser.

Blick auf die Tabiat-Brücke in Teheran; Foto: Mohammad Hassan Ettefagh

ifa: Was wäre Ihre persönliche Antwort auf Le Corbusiers Frage: Wie können wir dem Gestern ein Morgen geben?

Araghian: Ich sage ja immer, dass ich eine Amateurin und ungebildete Architektin bin. Ich bin nicht gut darin, philosophische Antworten zu geben. Wir leben permanent in der Zukunft unserer Vergangenheit und diese Vergangenheit war wiederum einmal die Zukunft ihrer Vorvergangenheit. Ich glaube an die Tatsache, dass gute Architektur zeitlos sein muss. Architektur muss immer und überall akzeptiert werden und die Grundbedürfnisse des Menschen berücksichtigen, die körperlichen und die seelischen. Wenn uns das gelingt, sind unsere Räume universal, in der Gegenwart und in der Zukunft. Dann gibt es kein Gestern oder Morgen, sondern die bloße Möglichkeit, den Moment zu leben und in der Gegenwart zu verweilen.

ifa: … verweilen und den Moment leben – heutzutage notwendiger denn je. Dazu lädt Ihre Brücke ein. Ich bedanke mich für das Interview.

ifa-Galerie Stuttgart

Charlottenplatz 17
70173 Stuttgart
Tel. +49.711.2225.161
alber(at)ifa.de

Dienstags – sonntags 12 – 18 Uhr
Montags und an Feiertagen geschlossen

Ausstellungskatalog

Dem Gestern ein Morgen geben ... Iran: Architektur und Kunst Stuttgart: Institut für Auslandsbeziehungen (ifa), 2016. – 79 S.

Dem Gestern ein Morgen geben ...

Iran: Architektur und Kunst

Stuttgart: Institut für Auslandsbeziehungen (ifa), 2016. – 79 S. – bestellen

Podcast

"Dem Gestern ein Morgen geben"

Bericht | Die iranische Gesellschaft zwischen Tradition und Moderne