Dadbeh Bassir: Ohne Titel (Tehran Series), Polyptychon, Leuchtkasten, 2005–2014; © Dadbeh Bassir, mit Genehmigung des Künstlers; Aaran Gallery (Teheran) & La Caja Blanca (Palma de Mallorca).

"Dem Gestern ein Morgen geben"

Die iranische Gesellschaft zwischen Tradition und Moderne

Von Marina Schulz

"Dem Gestern ein Morgen geben" – unter diesem Motto steht die aktuelle Ausstellung in der ifa-Galerie Stuttgart. Präsentiert werden zeitgenössische Kunst und Architektur aus Iran, einem Land, das auf eine Jahrtausende alte Hochkultur zurückblickt und dessen kulturelle Identität in den vergangenen 500 Jahren verschiedenen Einflüssen und Brüchen unterzogen war. Die Fotografien von Dadbeh Bassir, die Videoarbeiten von Mehraneh Atashi sowie die Collagen und die Installation von Mona Hakimi-Schüler fragen: Wie geht die iranische Gesellschaft mit ihrem kulturellen Erbe um? Wie gelingt die Verbindung von Moderne und Tradition? Hakimi-Schüler widmet sich in ihrem Werk der Rolle der Frau im Iran, Bassir nimmt die Entwicklung iranischer Städte und die daran geknüpfte Lebensqualität in den Blick. Im Folgenden stehen die Arbeiten dieser beiden Künstler im Fokus.

Zwischen Konformität und Emanzipation

Mona Hakimi-Schüler, A Short Path between Holy Shrine and Bazaar, Installation, 2013; © Mona Hakimi-Schüler, Foto: M. Klaus

Betritt man die Ausstellungsräume der ifa-Galerie Stuttgart erblickt man zunächst die Installation "A short path between holy shrine and bazaar" von Mona Hakimi-Schüler. Die Arbeit der in Berlin lebenden Künstlerin hinterfragt verschiedene gesellschaftliche Normen, insbesondere die Rolle der Frau und die Kleiderordnung. Zu sehen ist eine „"Kettenrüstung" für Frauen, bestehend aus einer traditionellen, religiösen Männerrüstung, die mit Dior- und Chanel-Logos besetzt ist. Unter ihr, auf dem mit Spiegeln besetzten Boden, liegen Geldscheine. Indem traditionelle Dinge aus ihrem ursprünglichen Kontext gelöst und zu etwas Neuem geformt werden, zeigt Hakimi-Schüler die Konfrontation von Tradition und Moderne.

Mona Hakimi-Schüler: A short path between holy shrine and bazaar, Installation (Detail), 2012-13; Foto: M. Klaus

Die Kleidung ist dabei Schutz und Waffe zugleich – eine Art der Emanzipation und Rebellion der Frauen im Iran. Thematisiert wird die Diskrepanz zwischen Konsum, religiöser Überzeugung und Tradition. Laut der Künstlerin stehen die Symbole des Konsums für den Wunsch, sich für internationale Entwicklungen zu öffnen. "Ich wollte damit die Gegensätze in Iran aufzeigen. Es gibt große Unterschiede zwischen der Idealvorstellung des Regimes und den Wünschen der Bevölkerung", erklärt die Künstlerin ihr Werk. Sie habe sich bewusst nicht nur mit dem Kopftuch auseinandergesetzt, das im Westen oft mit der Unterdrückung der Frau gleichgesetzt werde. "Iranische Frauen sind sehr selbstbewusst. Sie legen die Regeln so frei wie möglich aus", sagt Hakimi-Schüler. Viele Iranerinnen trügen das obligatorische Kopftuch zum Beispiel nur lose am Hinterkopf, ohne ihr Haar vollständig zu bedecken. "So versuchen sie die Gesellschaft sanft zu verändern, ohne Konfrontation."

Stadt(t)räume zwischen Utopie und Wirklichkeit

Dadbeh Bassir, Ohne Titel (Tehran Series), Polyptychon, Leuchtkasten, 2005–2014 © Dadbeh Bassir, mit Genehmigung des Künstlers, Aaran Gallery (Teheran) & La Caja Blanca (Palma de Mallorca), Foto: argelola

Hinter der Arbeit von Hakimi-Schüler reihen sich an einer langen Wand die Fotografien von Dadbeh Bassir aneinander. Sie zeigen den Wandel Teherans auf eine scheinbar irritierende Weise. "Lass den Himmel sich auf der Erde widerspiegeln, auf dass die Erde den Himmel berühren möge", zitiert Azita Ebadi, Kuratorin der Ausstellung, den persischen Dichter Dschalal ad-Din Muhammad Rumi. Bassirs Aufnahmen seien wie eine moderne Umsetzung dieser traditionellen Verse. Die Stadt scheint in seinen Fotografien auf Wolken gebettet. Durch einen Spiegel projiziert er den Himmel in den unteren Teil der Bilder und zeigt damit den urbanen Raum auf eine außergewöhnliche Art und Weise.

Dadbeh Bassir, Ohne Titel (Tehran Series), Polyptychon, Leuchtkasten, 2005–2014; © Dadbeh Bassir, mit Genehmigung des Künstlers, Aaran Gallery (Teheran) & La Caja Blanca (Palma de Mallorca)

Die iranische Hauptstadt ist in den letzten Jahren explosionsartig gewachsen: von etwa 7,5 Millionen im Jahr 2006 auf mehr als 12 Millionen im Jahr 2011, so die Angaben des Nationalen Statistikamts. In der Millionenmetropole, ehemals berühmt für ihre Gärten, mussten alte Gebäude in kürzester Zeit neuem Wohnraum weichen. "Das Problem ist, dass Raum 'gebaut' und nicht 'geschaffen' wurde", erklärt die Kuratorin Azita Ebadi. "Wenn man durch Teheran läuft, hat man das Gefühl, von der Enge erdrückt zu werden." Mit seiner Serie gebe der Fotograf Dadbeh Bassir Teheran seine Leichtigkeit zurück. Es sei fast schon eine Utopie: Mit seinem Blick auf das Stadtbild und die Architektur der Stadt hinterfrage er den Fortschritt, den die Moderne gebracht hat. "Wer seine alten Bauwerke nicht schützt, der vergisst auch seine traditionellen Werte", sagt Ebadi. Bassir schafft damit einen 'Stadt(t)raum' zwischen Wirklichkeit und Traumvorstellung, der auch die Frage nach den Werten, die auf dem Weg zwischen Tradition und Moderne, dem Gestern und Morgen, verloren gehen.

ifa-Galerie Stuttgart

Charlottenplatz 17
70173 Stuttgart
Tel. +49.711.2225.161
alber(at)ifa.de

Dienstags – sonntags 12 – 18 Uhr
Montags und an Feiertagen geschlossen

Ausstellungskatalog

Dem Gestern ein Morgen geben ... Iran: Architektur und Kunst Stuttgart: Institut für Auslandsbeziehungen (ifa), 2016. – 79 S.

Dem Gestern ein Morgen geben ...

Iran: Architektur und Kunst

Stuttgart: Institut für Auslandsbeziehungen (ifa), 2016. – 79 S. – bestellen

22.04.2016 – 03.07.2016

Extra

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