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Brauchen wir in Zeiten der Globalisierung noch binationale Beziehungspflege? Und haftet nicht gerade den deutsch-italienischen Beziehungen etwas Rückwärtsgewandt-Nostalgisches an? Haben sie Zukunftspotential? Es gibt gute Gründe, die erste Frage mit "Ja", die zweite mit "Nicht nur" und die dritte dementsprechend wieder mit "Ja" zu beantworten. Welches sind diese Gründe?
Von Francesco Traniello und Christiane Liermann
Die Globalisierung ist ein historischer Prozeß, wie es heißt, ein irreversibler. Die Grenzen der alten Nationalstaaten sind immer mehr zu Fiktionen geworden, durchlässig für Menschen, Waren, Kommunikation jeder Art, selbst da, wo sie es nicht sein wollen. Die Europäer verfügen im Guten wie im Bösen über eine lange Erfahrung mit dieser Art von dichtem Austausch. Daher bieten sie der globalisierten Welt Modelle strukturierter Vernetzung und steuern zugleich das Wissen bei, daß Regulierung erforderlich und sinnvoll ist, daß aber historische Dynamik (zum Glück) nicht immer steuerbar ist. Um das zu erkennen und daraus positive Anreize für die Praxis zu schöpfen, müssen sich Geschichtsbewußtsein und Zukunftserwartung miteinander verbinden. Gesellschaften, die an kollektivem Alzheimer leiden, weil sie sich nicht mehr erinnern können, wie ihre gegenwärtige Welt zustande gekommen ist, werden es vermutlich schwerer haben als andere, sich mit Partnern über eine gemeinsame Zukunftsgestaltung abzustimmen. Sich selbst und die anderen in ihren Besonderheiten anzuerkennen, verhilft nicht nur dem Individuum zu sozialer Kompetenz, sondern auch kulturellen Gemeinschaften, vielleicht sogar staatlichen Verbänden. Aber gibt es "uns" und "die anderen" als klar konturierte Entitäten in der globalisierten Welt überhaupt? Gab es sie jemals? Sind das nicht bloß Konstrukte oder optische Täuschungen?
Das realitätsstiftende Potential solcher Wahrnehmungen läßt sich an binationalen Beziehungen überprüfen. Und hier kommt die italienisch-deutsche Konstellation ins Spiel. Seit Jahrhunderten scheint es ein tiefes Bedürfnis zu sein, sich die Köpfe darüber heißzureden, was dieses spezielle Verhältnis ausmacht, warum es diese besondere Anziehung-Abstoßung gibt und was nicht alles "die" Italiener von "den" Deutschen unterscheidet, egal ob man dann die pauschalen Charakterisierungen auf klimatische, geopolitische, religiöse, genetische, hormonelle, kulinarische oder sonstwie kulturelle Gründe zurückführt; egal ob es sich um Eliten, Gastarbeiter, Fußballer, Pilger oder Massentouristen handelt. Die "Anderen" scheinen jedenfalls in dieser Beziehung besonders "anders" und zugleich besonders attraktiv zu sein, aus deutscher wie aus italienischer Sicht. Das kann herrlich reiz- und lustvoll sein. Das kann aber auch extrem stören, wenn das Unvertraute einfach nur als sperrig und irrational wahrgenommen wird. Und es verstört besonders, wenn diese "Andersheit" emotional belastet wird, durch Vorwürfe, enttäuschte Liebe, Neid, Arroganz, Ängste, Konkurrenzdruck. Legion sind bekanntlich die Bücher und TV-features, die davon handeln, daß dem deutsch-italienischen Verhältnis eine besondere Spannung innewohnt, die selbst noch in Phasen vermeintlicher "Gleichgültigkeit" für Erregung sorgt. Man denke auch an all die freundlichen, mehr oder weniger ironischen Ratgeber, wie "Gebrauchsanweisung für Italien" (Henning Klüver), "La deutsche Vita" (Antonella Romeo), "Anleitung, die Deutschen zu lieben" (Roberto Giardina), die helfen sollen, das Fremde irgendwie etwas weniger fremd erscheinen zu lassen. Tatsächlich sind die deutsch-italienischen Beziehungen ein wunderbares Terrain, um die Dynamiken im Verhältnis zweier Kulturen zu beobachten, die sich bei näherem Hinsehen jeder stereotypen Charakterisierung und jeder Festlegung auf einen "Ist-Zustand" entziehen.
Genau hier liegen die Schwerpunkte des neugeschaffenen Forums online: Es soll abbilden, was sich tut in der Kulturpolitik, im Kulturaustausch, in der Wissenschafts- und Bildungskooperation zwischen Italien und Deutschland. Es ist gedacht als offener Markt für Sachinformationen, aber auch für Stimmungen, Perzeptionen, Begegnungen, atmosphärische Beobachtungen. Jede Wortmeldung ist willkommen, die sich der kleinen Mühe unterzieht, über den eigenen Tellerrand hinauszugucken, die eigenen Maßstäbe ein wenig zu relativieren, das Reden in Stereotypen ironisch zu unterlaufen und sich fragen zu lassen, woher eigene Denkgewohnheiten und kulturelle Praktiken eigentlich kommen und wie andere sie erleben. Das ist kulturelles Training für eine globalisierte Welt! Mit anderen Worten: Wünschenswert ist, daß in Bezug auf die deutsch-italienische Gesprächsbereitschaft Gianna Nanninis berühmter Song-Titel "Bello e impossibile" also gerade keine Alternative bezeichnet, sondern daß wie im Original "schön und unmöglich" als Motto gilt. Schließlich heißt es ja auch in Nanninis Lied weiter: "Vor dieser Wahrheit will ich mich gar nicht mehr retten!" 
Va bene?! Eine Initiative, um die Liebe zwischen Italien und Deutschland neu zu entfachen
"Va bene?!" hat zum Ziel, die gegenseitige Wahrnehmung beider Länder zu untersuchen, und ihr mit Intelligenz und Ironie zu begegnen. So soll das Interesse und die Neugier an- und aufeinander gesteigert werden. "Va bene?!" zeigt sich mit zahlreichen Veranstaltungen und Initiativen in Deutschland und Italien: Austausch von Redaktionen und Journalisten, ein Wettbewerb für Nachwuchsjournalisten; Schriftsteller, die über das eigene Land schreiben; Karikaturisten, die mit spitzer Feder die deutsch-italienischen Beziehungen aufs Korn nehmen ... Die Projekte gipfeln in zwei großen Konferenzen: 2010 in Rom und 2011 in Berlin wird Bilanz gezogen und die Ergebnisse von "Va bene?!" in Ausstellungen, Diskussionen und Workshops vorgestellt und debattiert.
Als Kooperationspartner von "Va bene?!" liefert das ifa mit seinem Online-Dossier zu den deutsch-italienischen Kulturbeziehungen einen zentralen Beitrag zum Erfolg der Initiative. 
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