Mein deutscher Ururgroßvater

Ein Blog über Familiengeschichten der Deutschen in Russland 

In den Achtziger- und Neunzigerjahren siedelte ein großer Teil der deutschen Minderheit in der ehemaligen Sowjetunion in die Bundesrepublik Deutschland über. Die "Russlanddeutschen" sind heute akzeptierter und selbstverständlicher Teil der deutschen Gesellschaft. Es leben aber auch weiterhin etwa 500.000 Menschen deutscher Abstammung in Russland, meist in Dörfern und Kleinstädten im Süden der Oblast Omsk in Sibirien. Viele der heute in Sibirien lebenden Deutschen wurden während des Zweiten Weltkriegs in diese dünn besiedelte Region deportiert, als Reaktion auf die Aggression Deutschlands. An dieses Schicksal erinnert der "Tag der Russlanddeutschen" am 28. August. In dem multimedialen Blog Sibiriendeutsche erzählen Russlanddeutsche ihre Familiengeschichte und gewähren so einen Einblick in das Leben von Deutschen 5.000 km außerhalb Deutschlands. Autorin des Blogs ist Magdalena Sturm, Redakteurin des ifa. Sie lebt und arbeitet seit 2015 in Omsk in Westsibirien.

Interview von Mind_Netz-Redakteur Carsten Fiedler

Magdalena Sturm, Redakteurin des ifa. Foto: privat
Magdalena Sturm, Redakteurin des ifa. Foto: privat

Mind_Netz: Frau Sturm, wie lebendig ist deutsches Leben in der Region um Omsk?

Sturm: Der Großteil der Russlanddeutschen lebt noch heute hinter dem Ural, vor allem im Gebiet Omsk und in der Region Altai. Etwa 40 Kilometer südwestlich von Omsk wurde 1992 der Deutsche Nationalrajon Asowo (eine Art Landkreis / Anm. d. R.) gegründet. Von den dort lebenden Russlanddeutschen fühlen sich viele heute noch als Deutsche, auch wenn sie oft gar nicht mehr Deutsch sprechen. Die Sprache ist für die meisten nicht das wichtigste Kriterium. Ausschlaggebend sind die Familiengeschichte und auch als deutsch empfundene Eigenschaften wie Fleiß, effizientes Wirtschaften oder Ordnungssinn. Auch wenn die jüngere Generation kaum noch Deutsch spricht: In den Dorfläden rund um Asowo kann man noch heute eine deutsche Dialektform hören, meist eine Mischung aus Hessisch und Sächsisch. Es gibt auch Jugendgruppen wie "Miteinander", "Blitz" oder "Über das Limit", die Deutsch lernen und sich mit der russlanddeutschen Geschichte auseinandersetzen. Sie treffen sich im "Deutsch-Russischen Haus" in Omsk. Das Haus wurde im Mai 2016 eröffnet.

Mind_Netz: In Ihrem Blog kommen viele Russlanddeutsche zu Wort, deren Vorfahren von der Wolga nach Sibirien deportiert wurden.

Sturm: Ja, manche jener Russlanddeutschen, die heute in Sibirien leben, waren schon Anfang des 20. Jahrhunderts aufgrund von Hungersnöten an der Wolga nach Sibirien gezogen. Sie wollten dort das Land erschließen. Der Großteil der Russlanddeutschen wurde aber während des Zweiten Weltkriegs aufgrund des Erlasses des Obersten Sowjets deportiert. Am 28. August 1941 siedelte man alle Russlanddeutschen von der Wolga nach Sibirien, Kasachstan oder in das Gebiet am Ural um. Bruno Reiter, Leiter des Deutschen Nationalrajon Asowo von dessen Gründung 1992 bis 2010, erzählte mir, dass es bei der Gründung des Nationalrajons in erster Linie um die Wiederherstellung von Gerechtigkeit ging. Viele Russlanddeutsche wurden ungerecht behandelt und kollektiv des Verrats beschuldigt. Ihre Heimat an der Wolga haben sie verloren und sie wollten mit der Gründung des Nationalrajons dieser Ungerechtigkeit entgegenwirken und wieder eine Gemeinschaft gründen. Herr Reiter meinte aber auch, dass die Frage der Rehabilitation der Russlanddeutschen eine schwierige und bis heute nicht vollständig geklärt sei. Die Vorfahren der meisten Russlanddeutschen, mit denen ich bislang gesprochen habe, empfanden die Wolgaregion als ihre Heimat und viele sehnten sich nach ihrem dortigen Leben.

Der Vater baut mit seinem Sohn das Spinnrad seiner Großeltern auf. Foto: privat
Der Vater baut mit seinem Sohn das Spinnrad seiner Großeltern auf.
Foto: privat

Mind_Netz: Sprechen die Menschen offen mit Ihnen über ihre Familiengeschichten?

Sturm: Meist vereinbaren wir im Voraus ein Gespräch per E-Mail und ich verweise auf den Blog. Meine Interviewpartner wissen also, dass ich sehr persönliche Geschichten sammle. Sie sagen zu, weil es ihnen nichts ausmacht, darüber zu sprechen, und sie ihre Geschichte gern teilen möchten. Ich höre zu und frage nach, aber wenn ich merke, dass jemand etwas nicht erzählen möchte, bestehe ich natürlich nicht darauf. Die Geschichten müssen nicht vollständig sein. Jeder soll das erzählen, was er oder sie noch weiß und auch erzählen möchte. Eine der Personen, die ich interviewte, wollte ihre Geschichte dann nicht veröffentlichen. Das akzeptiere ich natürlich.

Mind_Netz: Viele Russlanddeutsche sind seit den Achtzigerjahren nach Deutschland ausgewandert.

Sturm: Ja, sie wollten in das Land ihrer Vorfahren zurückkehren. Für viele war das der richtige Schritt und sie fühlen sich heute in Deutschland zu Hause. Andere sind nach einigen Jahren wieder nach Russland zurückgekehrt, weil sie sich in Deutschland nicht heimisch fühlten oder nicht Fuß fassen konnten. Und andere haben Russland auch gar nie verlassen. Die 19-jährige Polina Popp meinte im Interview, dass sie sich anfangs immer entwurzelt gefühlt hatte und nicht wusste, wohin sie gehörte. Inzwischen hat sie die Vorteile beider Kulturen entdeckt und ist stolz darauf, Russlanddeutsche zu sein. Ihre Eltern bleiben in Russland, Polina möchte aber nach Deutschland gehen, um dort zu studieren.

Magdalena Sturm auf Recherchereise in Serebropolje; Foto: privat
Magdalena Sturm auf Recherchereise in Serebropolje; Foto: privat

Mind_Netz: Welche Verbindung haben die Menschen nach Deutschland?

Sturm: Das ist ganz unterschiedlich. Manche wissen um ihre deutschen Wurzeln, es spielt aber für sie im Alltag keine Rolle mehr, weil sie in Russland unter Russen leben und auch Russisch sprechen. Andere sehen sich aufgrund ihrer Familiengeschichte nach wie vor als Deutsche und wollen deshalb auch in Deutschland leben. Wiederum andere bleiben in Russland, es ist ihnen aber wichtig, die deutsche Sprache und Kultur an die jüngere Generation weiterzugeben und so das Deutschtum in Russland am Leben zu erhalten.

Mind_Netz: Denken Sie, dass das deutsche Leben in Sibirien eine Zukunft hat?

Sturm: Es ist keine leichte Aufgabe, die russlanddeutsche Kultur lebendig zu halten. Jene, für die der hier gesprochene deutsche Dialekt Muttersprache ist, werden immer weniger. In manchen Familien sprechen die Großeltern mit den Kindern noch im Dialekt und auch an manchen Schulen im deutschen Nationalrayon wird noch Dialekt gesprochen. Die Dörfer sind heute aber bei weitem nicht mehr nur von Deutschen besiedelt und die Kinder haben automatisch auch ein russischsprachiges Umfeld. Oft sprechen die Eltern mit den Kindern Russisch und auch die „deutschen“ Festivals und Veranstaltungen finden größtenteils auf Russisch statt. Das deutsche Leben in Sibirien, wie es das im 19. Jahrhundert gab, wird es so nicht mehr geben. Solange es möglich ist, die russlanddeutsche Kultur und Sprache weiterzugeben und solange es noch Jugendliche gibt, die sich für dieses Thema interessieren, sollte man das  aber auch pflegen.

Link zum Blog Sibiriendeutsche

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