CCP-Stipendiatin Ashwaq Al-Gobi beim Workshop in Stuttgart, November 2017 © ifa / Kuhnle

"Jemen braucht Frieden, um durchzuatmen"

"In Deutschland gibt es Entwicklung, während man in Jemen nur Zerstörung vorfindet", sagt Ashwaq Al-Gobi. Die CrossCulture Stipendiatin kommt aus dem krisengeschüttelten Jemen. Im südlichsten Land der Arabischen Halbinsel herrscht seit 2015 eine der weltweit größten humanitären Krisen. Im November trafen wir Ashwaq während des interkulturellen Workshops, um über den Konflikt und über ihre Erfahrungen in Deutschland zu sprechen.

Interview von Christina Palau

ifa (Institut für Auslandsbeziehungen): Hierzulande wird viel über die Situation im Jemen berichtet, insbesondere über die Hungerkrise und die Choleraepidemie. Wie würdest du die aktuelle Situation im Jemen beschreiben?

Ashwaq Al-Gobi: Allem voran, muss ich sagen, dass meine Ansicht eine sehr subjektive ist und es im ganzen Land keinen Zugang zu Medien gibt. Als Privatperson und während meiner Arbeit für die Organisation für Migration (IOM) kann ich Fälle von Menschenrechtsverletzungen bezeugen, nicht zuletzt da ich aufgrund meiner Tätigkeit bei IOM täglich UN-Berichte über die humanitäre Krise und ihre Opfer lese. Während der letzten Jahre, also seit Beginn des Krieges, hat sich die Lage für die Zivilgesellschaft im Jemen drastisch verändert. Wenn man bedenkt, dass der Jemen bereits vor dem Krieg auf humanitäre Hilfe angewiesen war, ist die jetzige Situation als große Katastrophe zu sehen: Es gibt weder Nahrungsmittel noch sauberes Wasser, Strom, Benzin oder Infrastruktur. Krankenhäuser sind zerbombt und Schulen geschlossen.

ifa: Was brauchen die Menschen im Jemen im Hinblick auf diese Situation derzeit am meisten?

Ashwaq Al-Gobi: Was wir am meisten brauchen ist Frieden. Besonders nachdem der inländische Konflikt sich durch die Intervention der von Saudi-Arabien geführten Militärkoalition zu einem internationalen Konflikt ausweitete, gibt es meines Erachtens momentan nichts Wichtigeres als Frieden. Nach dieser Intervention sind die Auswirkungen des Krieges noch stärker zu spüren und die Millionen, die die Vereinten Nationen zur humanitären Hilfe bereitstellen, können den erhöhten Bedarf nicht mehr decken. Trotzdem benötigt das Land dieses Geld für die humanitäre Notfallversorgung. Die Jemeniten benötigen also zuerst Frieden, um einmal tief durchzuatmen und sich bewusst zu werden, dass sie noch am Leben sind. Im Anschluss daran kann mit dem Wiederaufbau des Landes begonnen und ein erneuter Dialog mit Einbezug aller Konfliktparteienbegonnen werden.

CCP-Stipendiatin Ashwaq Al-Gobi beim Workshop in Stuttgart, November 2017 © ifa / Kuhnle

ifa: Wie lebt die Zivilgesellschaft unter diesen Umständen?

Ashwaq Al-Gobi: Neben den Bombardements leiden die Menschen im Jemen auch an strategischen Behinderungen des täglichen Lebens wie geschlossenen Häfen und Flughäfen. Zusätzlich gibt es einen Mangel an medizinischer Versorgung, da Krankenhäuser nicht einmal ausreichend Medikamente und medizinische Ausstattung für die Notfallversorgung haben. Schulen sind aufgrund von Lehrer- und Schülermangel geschlossen. Einerseits werden Lehrer nicht mehr bezahlt und sind somit nicht bereit weiterzuarbeiten. Andererseits hat Bildung derzeit keine Priorität in der Bevölkerung. Aufgrund der Einkommenssituation und des Bedarfs an grundlegenden Bedürfnissen, sind Kinder dazu gezwungen, ihre Familien bei der Einkommensbeschaffung, ob durch Arbeit auf dem Markt oder durch Betteln auf der Straße, zu unterstützen. Die verzweifelte Lage führt in einigen Fällen zu Familien- oder Gruppensuizid.

ifa: Wie ist die Stimmung in der Bevölkerung in Bezug auf den Konflikt?

Ashwaq Al-Gobi: Ich denke, die Wahrnehmung des Konflikts durchlief verschiedene Stationen. Im ersten Kriegsjahr stand die Wahrung der jemenitischen Identität an erster Stelle. Auch nach Eingreifen der Militärkoalition verteidigten die Menschen den Jemen als Land  mit seinen verschiedenen Stämmen, eingeschlossen den Huthis. Es ging – zumindest im Norden, wo ich selbst herkomme – vielmehr darum, die ausländische Intervention zu stoppen und sich gegenseitig so gut wie möglich mit Essen, Geld oder Benzin zu helfen. Im zweiten Kriegsjahr war dann jeder einzelne von den Folgen des Krieges betroffen. Die Bomben fielen willkürlich, was die Menschen ängstigte und psychische Auswirkungen hatte. Dies war auch der Punkt, an dem die Militärkoalition die Häfen und Flughäfen schloss und keine humanitären Hilfsgüter mehr importiert werden konnten. Die Menschen hungerten, die medizinische Versorgung wurde knapp und die Menschen schotteten sich vom Geschehen um sie herum ab. Das Leben des Nachbars war nun nicht mehr von Bedeutung, sondern vielmehr das eigene und das der eigenen Familie. Auch die Identität spielte an dieser Stelle keine Rolle mehr, da Grundgüter wie sauberes Wasser, Nahrung oder Strom zur Priorität wurden. Nun befinden wir uns im dritten Kriegsjahr und damit an der Grenze des Machbaren für jeden einzelnen im Jemen Lebenden.

ifa: Wie sind die Erwartungen an Europa bezüglich dessen Rolle im gesamten Konflikt und der Konfliktlösung?

Ashwaq Al-Gobi: Wenn möglich, sollte Europa für Frieden werben. Europäische Länder wie Deutschland oder Großbritannien haben in der Vergangenheit bereits Projekte mit IOM finanziert und der jemenitischen Gesellschaft damit in bestimmtem Maße geholfen. Gleichzeitig löst diese Art von Hilfe das eigentliche Problem nicht, denn die Opfer zu zählen kann nicht mit Friedensbemühungen und Dialogfindung zwischen den Konfliktparteien verglichen werden. Für die an der Militärkoalition beteiligten Länder gilt das gleiche Prinzip. Würden die zum Bombardement eingesetzten Gelder zur Entwicklung des Landes eingesetzt werden, so wäre der Jemen in einer besseren Lage.

CCP-Stipendiatin Ashwaq Al-Gobi beim Workshop in Stuttgart, November 2017 © ifa / Kuhnle

ifa: Wie arbeiten internationale Organisationen, insbesondere IOM im Jemen?

Ashwaq Al-Gobi: Sie versuchen alles in ihrer Macht stehende zu tun, um den Menschen im Jemen zu helfen. Jedoch ist es eine große Herausforderung für UN- und internationale Nichtregierungsorganisationen (INGOs), die rund 20 Millionen Menschen zu versorgen, die auf humanitäre Hilfe angewiesen sind. Aufgrund dessen verloren viele Menschen ihr Vertrauen in deren Arbeit, was die humanitäre Hilfeleistung extrem beeinflusst. Es gab zum Beispiel einen Vorfall, in dem unsere Bereitstellung von Chlortabletten zur Wasserreinigung mit dem Vorwurf abgelehnt wurde, wir würden im Auftrag der Militärkoalition das Wasser verunreinigen. Daraufhin mussten wir unsere Arbeit in diesem Bezirk einstellen, obwohl dort die Cholera sehr verbreitet ist. Andererseits gibt es aber auch Bezirke, die mehr Hilfe von uns erwarten, als wir leisten können.

ifa: Wie genau sehen diese Forderungen aus?

Ashwaq Al-Gobi: Der Hauptgrund besteht in der großen Anzahl an Binnenflüchtlingen im Land. Obwohl der Jemen fast überall bombardiert wird, flüchten die Leute auf der Suche nach Sicherheit und Schutz von einem Bezirk zum nächsten. Dadurch kommt es zu Problemen zwischen den Geflüchteten und der Gastgemeinschaft, welche aus unterschiedlichen Verhältnissen kommen. Unsere Arbeit beinhaltet daher auch die Unterstützung und Initiierung eines Umdenkens, von Akzeptanz der Anderen und bildungsspezifische Aspekte.

ifa: Wie waren die ersten Eindrücke nach deiner Ankunft in Deutschland?

Ashwaq Al-Gobi: Wie man sich vorstellen kann, komme ich aus einem Land in dem alles zerstört ist und bis zum letzten Moment vor dem Abflug verfolgten mich Bilder der Zerstörung. Das erste was ich nach meiner Ankunft in Frankfurt am Main wahrnahm, waren die intakten Gebäude und die vielen Menschen verschiedener Nationalitäten. Es fühlte sich an, als ob sich die ganze Welt um mich herum versammelte. Im Jemen hingegen fühlte ich mich, ohne Zugang zu Medien oder Menschen internationaler Herkunft, von dem Rest der Welt abgeschnitten. Als ich schließlich in Mainz ankam, sah ich Baustellen und freute mich unglaublich über den Baustellenlärm. Es ist lange her, dass ich den Bau eines Gebäudes miterlebte, und dies zu sehen, machte mich überglücklich – es ist für mich gleichbedeutend mit Zukunft.

ifa: Welche Erfahrungen konntest du während deiner dreimonatigen Zeit in Deutschland sammeln?

Ashwaq Al-Gobi: Es ist mir bewusst, dass man Deutschland und den Jemen nicht miteinander vergleichen kann. In Deutschland gibt es Entwicklung, während man im Jemen nur Zerstörung vorfindet. Doch es gab einen Moment der Hoffnung, als wir nach Berlin reisten, wo wir die Berliner Mauer, sowie russische und amerikanische Checkpoints besichtigten. Dabei hörten wir von der deutschen Geschichte, dem Zweiten Weltkrieg und davon, dass auch Deutschland einmal vom Krieg zerstört war. Das erweckte in mir die Hoffnung, dass sich der Jemen einmal so entwickelt wie es Deutschland in den Jahren seit dem Krieg getan hat. Deutschland bedeutet für mich daher Hoffnung.

Vielen Dank für das Gespräch!

Über Ashwaq Al-Gobi

Ashwaq Al-Gobi arbeitet seit 2013 bei der Internationalen Organisation für Migration (IOM) in Sana’a, Jemen. Zuvor war sie bereits mehrere Jahre in verschiedenen Menschenrechtsorganisationen und als Englischlehrerin tätig. Ihren CrossCulture Aufenthalt absolvierte Ashwaq beim Malteser Hilfswerk in Mainz. Ihre Motivation besteht darin, die Arbeit der Zivilgesellschaft in Deutschland kennen- und verstehen zu lernen.

Über den Konflikt im Jemen

Nach dem Scheitern des Transitionsprozesses 2011 im Rahmen des "Arabischen Frühlings" und dem Eingreifen einer von Saudi-Arabien geführten Militärkoalition (SGK) 2015  herrscht im Jemen eine der weltweit größten humanitären Krisen: laut Informationen des Auswärtigen Amts sowie der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) haben von ca. 27 Mio. Menschen 17 Mio. keinen sicheren Zugang zu Nahrung, ca. 900.000 sind von der weltweit größten Cholera-Epidemie betroffen, ca. 3 Mio. Binnenflüchtlinge werden in verschiedenen Lagern im Land versorgt. Nach dem Scheitern der letzten Friedensgespräche 2016 kämpft die schiitisch-zaiditische Huthi-Bewegung weiter gegen die international anerkannte Übergangsregierung, welche von der SGK unterstützt wird. Weitere Informationen zum Konflikt im Jemen bietet die Bundeszentrale für Politische Bildung (bpb) und das Auswärtige Amt.

Kontakt

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