CCP-Stipendiat Amur Alrawahi beim Workshop in Stuttgart, Juli 2017 © ifa / Kuhnle
CCP-Stipendiat Amur Alrawahi beim Workshop in Stuttgart, Juli 2017 © ifa / Kuhnle

Raus aus der omanischen Wüste, rein in den deutschen Wald

"Die Eintönigkeit des omanischen Tourismusangebots hat mich auf die Idee gebracht eigene Konzepte zu entwickeln", sagt Amur Alrawahi. Im Rahmen des CrossCulture Programms lernen er und andere junge Berufstätige durch ein zwei- bis dreimonatiges Praktikum den Arbeitsalltag in einem anderen Land kennen. Die meisten von ihnen kommen aus überwiegend muslimisch geprägten Ländern nach Deutschland. So auch Amur Alrawahi aus dem Oman. Im Interview spricht er über seinen Weg vom Beamten zum Inhaber seines eigenen Reiseunternehmens. Er erzählt von seinen bisherigen Erfahrungen im deutschen Naturtourismus und den Dingen, die er für seine Arbeit im Oman mitnehmen möchte.

Interview von Leontine Päßler

ifa (Institut für Auslandsbeziehungen): Mit 25 Jahren hast du dein eigenes Reiseunternehmen "Arab Adventures" gegründet. Wie kam es zu der Entscheidung so jung in die omanische Tourismusbranche einzusteigen?

Amur: Mit 12 Jahren bin ich zum ersten Mal einem ausländischen Touristen begegnet und seitdem war ich überzeugt von der Idee, irgendwann selbst im Tourismusbereich zu arbeiten. Ich bin in einer bergigen Region weit außerhalb der Hauptstadt Muskat aufgewachsen, von daher war es für mich eine ganz neue Erfahrung mit Touristen aus dem Ausland in Kontakt zu treten. Insbesondere die Frage nach den Beweggründen und der Perspektive der Touristen hat mich neugierig gemacht. Trotzdem habe ich nach der Schule erst mal Informatik studiert und parallel für das omanische Verteidigungsministerium gearbeitet. Die Mehrheit der Arbeitnehmer im Oman arbeitet ihr ganzes Leben für den Staat. Ich habe mich jedoch irgendwann gegen diese sichere Option entschieden und bin langsam in die Tourismusbranche übergewechselt. Dort habe ich mich hochgearbeitet, vom Fahrer bis zum Reiseleiter. In dieser Zeit habe ich für verschiedene Reiseunternehmen gearbeitet und musste feststellen, dass alle die gleichen "klassischen Programme" anbieten. Diese Eintönigkeit habe ich als Chance gesehen um eigene Touristenprogramme auf den Markt zu bringen.

"Etwas ganz Besonderes ist für mich mein täglicher Arbeitsweg. Ich fahre hier jeden Morgen mit dem Rad zur Arbeit, das ist ein viel entspannter Start in den Tag als mit dem Auto zu fahren!" Amur Alrawahi, 2017
"Etwas ganz Besonderes ist für mich mein täglicher Arbeitsweg. Ich fahre hier jeden Morgen mit dem Rad zur Arbeit, das ist ein viel entspannterer Start in den Tag als mit dem Auto zu fahren!" Amur Alrawahi, 2017

ifa: Wie verlief die Anfangsphase deines Unternehmens? Warst du direkt erfolgreich?

Amur: 2011 habe ich "Arab Adventures" gegründet, aber mein erstes Jahr verlief überhaupt nicht erfolgreich. Mir fehlte es an Kontakten und Wissen um Kunden an Land zu ziehen. Um mir erst einmal eine Kundenbasis aufzubauen habe ich angefangen mich im Oman mit der Tourismusszene, den größeren Unternehmen und dem Tourismusministerium zu vernetzen. Der wichtigste Schritt war für mich jedoch die Entwicklung eigener Reiseangebote. Nach der Anfangszeit habe ich außerdem angefangen meine Angebote und mein Unternehmen auf der Internationalen Tourismusbörse in Berlin zu bewerben. Auch wenn meine Familie zuerst nicht besonders glücklich über meinen Entschluss war den Ministeriumsjob aufzugeben, war es die beste Entscheidung! Der Schritt ins Ungewisse hat mich auf jeden Fall stärker und freier gemacht.

ifa: In diesem Sommer hast du deine Unabhängigkeit als Selbstständiger eingetauscht um am CrossCulture Programm des ifa teilzunehmen. Wie gefällt dir deine Arbeit im "Nationalpark Hainich" bisher?

Amur: Der Nationalpark bietet einen unglaublichen Reichtum an verschiedenen Baum- und Tierarten. Die Vielfalt der Natur ebenso wie das Besucherangebot beeindruckt mich sehr. Insbesondere den 44 Meter hohen Baumkronenpfad finde ich faszinierend! Bei meiner Ankunft in Thüringen wurde ich direkt sehr herzlich empfangen. Netterweise kann ich beim Leiter des Nationalparks, Herrn Grossmann, wohnen. Das gibt uns viel Gelegenheit um uns über die Arbeit im Park und die deutsche Kultur auszutauschen. Etwas ganz Besonderes ist für mich mein täglicher Arbeitsweg. Ich fahre hier jeden Morgen mit dem Rad zur Arbeit, das ist ein viel entspannterer Start in den Tag als mit dem Auto zu fahren!

ifa: Wie sieht deine Arbeit vor Ort genau aus?

Amur: Aktuell arbeite ich an einem Projekt der Forschungsabteilung, das sich mit dem Lebensraum der Wildschweine im Park beschäftigt. Mit verschiedenen GPS-Geräten zeichne ich ihre tägliche Bewegung auf und erfahre so mehr über das Leben und die Aktivitäten der Wildschweine. Wir beobachten rund 60 Wildschweine und eine Gruppe an Rothirschen mittels GPS. Eine ganz andere Erfahrung war es mit einer Schulklasse im Nationalpark zu zelten. Die Kinder haben zwei Tage im Nationalpark Hainich verbracht. Tagsüber habe ich mit ihnen den Wald erkundet und nachts haben wir nachtaktive Tiere wie die seltenen Wildkatzen beobachtet.

Auch das ZDF-Mittagsmagazin war schon zu Gast im "Nationalpark Hainich". In einem kleinen Auftritt schildert Amur Alrawahi seine Eindrücke. Zum Video

ifa: Du wirst noch über anderthalb Monate im "Nationalpark Hainich" arbeiten, wofür möchtest du diese Zeit noch nutzen?

Amur: Durch meine Arbeit im Oman habe ich schon vor dem CrossCulture Programm viel von Deutschen über Deutschland gehört, allerdings möchte ich die Zeit hier jetzt nutzen um mir ein eigenes Bild von Deutschland und der deutschen Kultur zu machen. Denn zwischen Erzählungen und der Wirklichkeit gibt es natürlich eine große Differenz. Besonders wichtig ist es mir Deutschland mit meinen eigenen Augen zu sehen, um meine europäischen Kunden – insbesondere die Deutschen – besser verstehen zu können. Was haben sie für Bedürfnisse? Was geht in ihren Köpfen vor? Wie sehen ihre kulturellen Identitäten aus? Außerdem möchte ich, dass auch meine Angestellten im Oman von meinen Erfahrungen hier profitieren können. Vielleicht schaffe ich es auch die ernste und gleichzeitig innovative "deutsche Arbeitsmoral" in meiner Firma zu etablieren.

ifa: Vielen Dank, dass du uns mehr über dich und deine Arbeit erzählt hast!

Amur Alrawahi

Amur Alrawahi ist ein omanischer Jungunternehmer. In Muskat betreibt er seine eigene Reiseagentur "Arab Adventures". Im Rahmen des CrossCulture Programms verbrachte er den Sommer 2017 im "Nationalpark Hainich" In Bad Langensalza, Thüringen. Dort bekam er Einblicke in die Details und die Bedeutung des Naturtourismus.

CCP-Stipendiatin aus Bahrain

Saba Salem kam im Spätsommer 2016 nach Deutschland, um beim Landesamt für Denkmal-pflege in Esslingen am Neckar mehr über Methoden und Möglichkeiten zum Erhalt historisch-kultureller Schätze zu lernen. Zum Interview