Podiumsgäste bei der ifa-Veranstaltung "Angekommen? Identitätsfindung und Selbstorganisation nach der Flucht" (© Wolfgang Borrs)
Podiumsgäste bei der gemeinsam organisierten Veranstaltung des ifa, dem Leibniz-Zentrum Moderner Orient (ZMO), der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit und Qantara.de

"Der größte Unterschied ist die Freiheit"

Was bedeutet es anzukommen? Wie beeinflusst Flucht unsere Identität? Welche Möglichkeiten und Perspektiven haben Geflüchtete in Deutschland? Darüber diskutierten Vertreter der Zivilgesellschaft, Politik und Medien mit geflüchteten syrischen ifa-Stipendiaten am 13. Dezember 2016 im Sharehaus Refugio in Berlin.

Ein Bericht von Neda Pouryekta

 

 

Mit der Veranstaltung "Angekommen? Identitätsfindung und Selbstorganisation nach der Flucht" setzte das ifa (Institut für Auslandsbeziehungen) ein Ausrufezeichen hinter ein erfolgreich abgeschlossenes Pilotprojekt: Erstmals konnten im Herbst 2016 drei syrische Geflüchtete am CrossCulture Programm (CCP) teilnehmen. In Berlin berichteten sie über ihre Fluchterfahrungen und neue Lebenswelten in Deutschland.

Den Auftakt machte der Historiker Hussam Al-Hassoun aus Aleppo, CCP-Stipendiat am Leibniz-Zentrum Moderner Orient (ZMO) in Berlin. Al-Hassoun berichtete, dass er in Syrien nie daran gedacht hätte, seine Heimat je zu verlassen. Er war damals Doktorand an der Universität Damaskus in der Fakultät für moderne und zeitgenössische Geschichte. Letztlich zwangen ihn die Unruhen und der Krieg aus seinem Land zu fliehen. Sein Ziel war Deutschland, wo er zunächst in einer Flüchtlingsunterkunft in Berlin lebte. Die erste Zeit des Ankommens fiel ihm schwer, doch er gab die Hoffnung nicht auf und glaubte an sich. Die Zusage für ein CCP-Stipendium am Leibniz-Zentrum Moderner Orient war für ihn eine großartige Nachricht und Bestätigung seiner Bemühungen.

"Vieles ist anders in Deutschland“, sagt Al-Hassoun. "Der größte Unterschied ist die Freiheit, die Freiheit als Forscher. In Syrien hatten wir immer Angst, unsere Arbeit zu verlieren, denn es gibt rote Linien und diese roten Linien sind wie Fallen.“ Es habe verbotene Bücher gegeben, die nicht zitiert werden durften. "Man hätte dafür seinen Job verlieren können oder wäre sogar ins Gefängnis gegangen", erzählt Al-Hassoun. Heute habe er mehr Möglichkeiten und ein internationales Netzwerk an Kollegen, das ihm erlaubt zu sagen: "Ich mache einen Neuanfang.“

Identitätskrise als Wurzel des Extremismus

Nach den Erfahrungen von Al-Hassoun interviewte Loay Mudhoon, Leiter des Internetportals Qantara.de, die CCP-Stipendiatin Salma Alaabed und die freie Journalistin Kristin Helberg. Salma Alaabed erläuterte die alltäglichen Schwierigkeiten, wie das Erlernen der deutschen Sprache, die essentiell für das Leben in Deutschland ist. Auf der anderen Seite betonte sie, dass sie die Offenheit in Deutschland sehr schätze – ganz im Gegensatz zu jener verschlossenen Gesellschaft Syriens. Ihrer Ansicht nach könnte eine Identitätskrise besonders bei jungen Geflüchteten dazu führen, sich zu radikalisieren und extremistischen Gruppierungen anzuschließen. Deshalb plädierte sie für spezielle Programme zur Weiterqualifizierung von Geflüchteten. Während ihres CrossCulture-Praktikums bei Qantara.de erlebte sie, wie redaktionelle Beiträge Stereotype durchbrechen und Brücken zu einem anderen Kulturkreis bauen können.

Leben und Sterben – ein Gefühl des Verrats

Den Abschluss stellte eine Podiumsdiskussion zum Thema Selbstorganisation dar, moderiert von Beate Apelt, Leiterin Regionalreferat Südost- und Osteuropa/ Nordafrika und Mittlerer Osten der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit. Gesprächspartner der Runde waren Urban Beckmann, Leiter der ifa-Abteilung Dialoge, Medea Daghstani, CCP-Stipendiatin bei der Friedrich-Naumann-Stiftung, Jamshid Hussein, Soziologe und Sozialpädagoge bei Lebenswelten e.V. sowie Mohamad Hajjaj, Mitglied des Landesbeirats für Integration und Migration beim Berliner Senat. Daghstani erklärte, dass es für viele Syrer ein Gefühl des Verrats sei, einfach weiterzuleben und gleichzeitig zu wissen, dass die Geliebten in Syrien sterben. "Das Ankommen in der neuen Gesellschaft wird zudem durch mangelnde Sprachkenntnisse sowie durch die Unwissenheit über die Gesetzeslage und langwierige bürokratische Prozesse erschwert", erzählte Daghstani.

Im Anschluss hatten die mehr als 130 Gäste Gelegenheit, sich bei syrischen Spezialitäten mit den Podiumsteilnehmern auszutauschen und weitere Themen zu vertiefen.

Foto: Wolfgang Borrs
Eva Sodeik-Zecha, Leiterin des CrossCulture Programms, begrüßt die Gäste im Sharehaus Refugio, Berlin. (alle Fotos: Wolfgang Borrs)
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Der Historiker Hussam Al-Hassoun kam aus Aleppo nach Deutschland.
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(v.l.) Kristin Helberg und Salma Alaabed im Gespräch mit Chefredakteur Loay Mudhoon.
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Erweiterter Gesprächskreis mit Urban Beckmann, Mohamad Hajjaj, Beate Apelt, Jamshid Hussein und CCP-Stipendiatin Medea Daghstani (v.l.).
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Über 130 Besucher nahmen an der Veranstaltung im Sharehaus Refugio teil.
Foto: Wolfgang Borrs
Für den kulinarischen Höhepunkt des Abends sorgte "Über den Tellerrand kochen", eine Initiative gegründet von Berlinern und Geflüchteten aus Syrien.