Foto: Sascha Montag

"Wir helfen allen"

Halloween feiern die Menschen jedes Jahr im Herbst, um böse Geister zu verschrecken. Aus einem ockerfarbenen Haus in Brandenburg aber vertreibt man sie jeden Tag: In einer deutschen Erstaufnahmeeinrichtung des Roten Kreuzes kümmert sich Isatou Joof aus Gambia um Frauen in Not.

Ein Porträt von Jan Rübel

Isatou Joof, 27, öffnet langsam eine Zimmertür, mit breitem Lächeln und noch größeren Augen. "Hey, wie fandest du die Halloween-Feier gestern?" Auf der unteren Matratze eines Etagenbetts sitzt eine junge Frau, in ihren Armen ein Baby. "Gut, es brachte mich auf andere Gedanken, für einen Moment", sagt sie und lächelt scheu. "Dabei haben wir in Kenia gar kein Halloween." Isatou Joof lacht. "Wir in Gambia auch nicht. War dennoch schön."

Foto: Sascha Montag

Eine Zuflucht für Frauen irgendwo bei Berlin, ihre Adresse soll zum Schutz vor Partnern und Ex-Partnern hier nicht stehen, 86 Frauen, viele von ihnen traumatisiert: von ihren Männern, der Flucht; vom Grauen der Länder, denen sie entflohen – wie die junge Mutter, die hochschwanger vor drei Monaten ankam. "In Nairobi war ich meines Lebens nicht sicher", sagt sie "es gab keine Zukunft". Isatou Joof setzt sich zu ihr auf die Bettkante, sie ist für knapp drei Monate Stipendiatin im CrossCulture Programm Flucht und Migration des ifa. Daheim arbeitet sie im Desaster Management mit "Flucht und Migration" als Teilbereich. Isatou Joof trainiert Lehrerinnen und Lehrer und Gemeinschaftsmitglieder wie zum Beispiel Dorfälteste in Desaster- und Gesundheitsprävention. In Brandenburg setzt sie sich mit deutscher Flüchtlingshilfe auseinander; das Programm tauscht Beispiele guter Hilfsangebote über Ländergrenzen hinweg aus.

Als Isatou Joof in Deutschland das blaue T-shirt mit dem Logo des Roten Kreuzes überzog, "da wusste ich, dass ich in einer Familie bin. Als Rotkreuzlerin aus Gambia teile ich mit den Kolleginnen und Kollegen hier die gleichen Werte: Wir sind humanitär, unparteiisch, neutral und unabhängig. Wir helfen jedem."

Die Einrichtung ist die erste Adresse für Geflüchtete, hier bleiben sie bis zu sechs Monate. Isatou Joof gehört zum Betreuungsteam, sie checkt die Räumlichkeiten, begleitet die Geflüchteten zu Gesprächen mit Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern, übersetzt für sie zuweilen – und hat vor allem ein offenes Ohr für alles, was sie bedrückt.

Photo: Sascha Montag

In der Küche kochen vier afghanische Frauen Reis und Huhn für sich und die anderen Hausbewohner. Eine DRK-Mitarbeiterin schenkt einer von ihnen ein Foto mit ihr, von der gestrigen Halloween-Feier. Die Frau stutzt, bricht dann in Tränen aus. Wenig später setzt sich Isatou Joof zu ihr und beide versinken in ein Gespräch. "Ein bisschen betreibe ich hier Seelsorge", sagt sie beim Essen, "auf den Geflüchteten lastet ein hoher Druck: Da sind die Schrecken der Vergangenheit und die Ungewissheiten der Zukunft."

Objektleiter Stefan Bley schaut herein. "Wir lernen vom Austausch mit Isatou Joof eine Menge", sagt er. "Zum einen sind wir in der gleichen Organisation, das schärft unser Gefühl der Gemeinsamkeit. Zum anderen hat sie uns einiges voraus." Isatou Joof studierte Entwicklungswissenschaften und ist für "Disaster Management" qualifiziert. Sie hat Erfahrung in der Humanitären Hilfe als Reaktion auf Massenmigration und im Management von Camps ohne Strom und fließendes Wasser von bis zu 10 000 Menschen. "Nächste Woche trifft sie sich mit unseren Leuten von der Katastrophenhilfe und kann uns Impulse für Vergleichbares in Deutschland geben, wenn es zum Beispiel einen längeren Blackout geben sollte."

"Mich beeindruckt, wie man sich um die Menschen in Deutschlands Aufnahmeeinrichtungen kümmert", sagt Isatou Joof. "Wie sie betreut und beschäftigt werden. Das sollten wir bei uns in Gambia einführen." Bisher werde Flüchtlingshilfe beim Roten Kreuz ihres Landes von zwei Abteilungen gemanagt: eine sei zuständig für Öffentlichkeitsarbeit, die andere für Katastrophenhilfe. "Wenn ich zurück bin, werde ich mich für eine Abteilung stark machen, die beides bündelt."

Draußen senkt sich die Sonne. Sie scheint durch viele große Fenster des Hauses – auch auf eine Wand, die handgemalte Blumenwiesen und eine knallgelb gepinselte Sonne zieren. In diesem Moment sind die Geister weit weg.