Souleimane Sagna aus dem Senegal in der Flüchtlingsunterkunft Benjamin Franklin in Mannheim. Foto: Uli Reinhardt

Nach der Flucht ist vor der Flucht

"Die Menschen in Afrika haben oft ein falsches Bild", sagt Souleymane Sagna aus dem Senegal. Deswegen will er seinen Landsleuten ein realistisches Bild vom Leben als Geflüchteter in Deutschland vermitteln. Der Menschenrechtsanwalt ist einer von 24 Stipendiaten des CrossCulture Programms Flucht und Migration und erhält Einblicke in die Arbeit des Freundeskreises Asyl in Karlsruhe.

Von Tilman Wörtz

Die Afrikanerin redet in klaren Sätzen: "Mein Sohn fuhr mit Rollschuhen in die Kantine. Da kam ein Aufseher und wollte ihn am Arm rausziehen. Ich habe am anderen Arm gezogen. Der darf doch nicht einfach an meinem Sohn zerren!"

Im "Benjamin Franklin Village", einer Unterkunft für Geflüchtete in Mannheim gehören solche Spannungen zum Alltag. Fast 800 Menschen leben derzeit in den fünfstöckigen Kästen einer ehemaligen amerikanischen Kaserne. Sie haben keine Arbeit, die Kinder wenig Spielräume. Da fährt schon mal ein Junge mit Rollschuhen in die Kantine...

Einer hört der Afrikanerin aufmerksam zu. Auch er Afrikaner, Souleymane Sagna aus dem Senegal, ein Mann mit feinen Gesichtszügen, schmaler Brille und Schiebermütze auf dem ergrauten Haupt.
Für zweieinhalb Monate ist er über ein Austauschprogramm für Fachleute im Bereich „Flucht und Migration“ nach Deutschland gekommen. In seiner Heimat arbeitet er als Menschenrechtsanwalt. In Deutschland lernt er die Arbeit des "Freundeskreises Asyl" kennen. Sitz der Vereinszentrale und Geschäftsstelle liegt in Karlsruhe, eine der Beratungsstellen in Trägerschaft der Landeserstaufnahmeeinrichtung (LEA)-Verfahrens- und Sozialberatung ist in Mannheim in einem ehemaligen Klassenraum der Kasernen-High School untergebracht.

Sechs Tische sind in einem Halbkreis angeordnet. An jedem sitzen Mitarbeitende mit besonderer Sprachkenntnis: Arabisch, Französisch, Chinesisch oder Englisch, aber auch Wolof oder Amharisch. Das Surren eines Kopierers und das Gemurmel der Berater und Beraterinnen erfüllen den Raum. Sie helfen den Geflüchteten beim Ausfüllen der vielen Anträge in Deutsch, erteilen Rat zum Leben im Lager, nehmen Beschwerden entgegen.

Organisiert hat den Austausch zwischen Souleymane Sagna und dem Freundeskreis Asyl das Institut für Auslandsbeziehungen (ifa). Der Gedanke: Wenn sich Expertinnen und Experten aus Deutschland und Afrika austauschen, entstehen neue Impulse, Ideen, Projekte. Im CrossCulture Programm Flucht und Migration vergibt das ifa in diesem Jahr Stipendien an 24 Expertinnen und Experten aus Ländern entlang der afrikanischen Flucht- und Migrationsrouten.

Foto: Uli Reinhardt

Souleymane Sagna spricht mit der Frau Französisch. Wird es emotional, schwenken sie auf Wolof um – die Muttersprache der beiden. Sie kommt aus Gambia, dem Nachbarland des Senegal. Souleymane Sagna nimmt ihre Beschwerde auf, der Freundeskreis Asyl wird den Vorfall gegenüber der Lagerverwaltung ansprechen.

Falsches Bild vom Leben nach der Flucht

Wichtiger aber ist ein anderer Punkt im Gespräch mit der Gambierin: Sie lebt seit sechs Monaten in Deutschland und wird innerhalb der nächsten Tage und Wochen in ihre Heimat abgeschoben. Die Quote für Anerkennung für Gambier liegt zwischen ein oder zwei Prozent. "Die Probleme hören nicht auf, wenn man in Deutschland angekommen ist", sagt Souleymane Sagna. Geflüchtete dürfen sich nur in einem Radius von 35 Kilometern um ihr Aufnahmelager bewegen, sind meist von ihren Familien getrennt und das Essen nicht gewohnt. Souleymane Sagna kennt die Hoffnungen und Enttäuschungen vieler Geflüchteten nur zu gut: "Die Menschen in Afrika haben oft ein falsches Bild", sagt er. "Sie sehen Selfies von geflüchteten Verwandten auf Facebook, die vielleicht eine schöne Jacke kaufen konnten – dafür aber das Geld aus ihrer Essenskasse abgeknapst haben. Dass sie nun Hunger haben, sehen die Verwandten in Afrika nicht."

An diesem verzerrten Bild will er etwas ändern: Zurück im Senegal will er mithilfe von Video-Aufnahmen die Leute "sensibilisieren". Er kann dazu auf ein Netz von Menschenrechts-Clubs an senegalesischen Hochschulen zurückgreifen, das er mit aufgebaut hat. Dem Freundeskreis Asyl hat er bereits eine entsprechende Projektskizze vorgelegt.

"Es gibt Menschen, denen bleibt keine andere Wahl als die Flucht." Frauen, die vor Beschneidung und Zwangsheirat flüchten, politisch Verfolgte und Menschen, die wegen ihrer sexuellen Orientierung unterdrückt würden. "Aber es gibt auch Menschen, die sich wegen falscher Vorstellungen auf den Weg machen", sagt er. Die will er erreichen. Als jemand, der Englische Literatur im Senegal und später Menschenrechte in Budapest und Conflict Resolution in Bradford studiert hat, sieht er sich gegenüber weniger gebildeten Landsleuten in der Pflicht. "Sie denken einfach zu wenig über Risiken nach. Über die in Europa schon gar nicht. Die Flucht scheint vorüber zu sein, wenn sie Libyen verlassen haben. Aber so ist es nicht."

Jessica Ruhe, die Leiterin der Beratungsstelle, kann seinen Eindruck bestätigen: "Wir müssen viele Menschen desillusionieren." Dann haben sie schon Jahre der Flucht hinter sich und müssen wieder zurück. Früheres Desillusionieren wäre besser.

Die Würde des Menschen ist unantastbar

Auch Souleymane Sagnas Kolleginnen und Kollegen vom Freundeskreis Asyl hat sein Aufenthalt etwas gebracht: "Ich wusste vorher nicht, dass fast 30.000 Menschen aus Mauretanien als Geflüchtete im Senegal leben", sagt André Bleu, der aus der Elfenbeinküste stammt, aber seit zwanzig Jahren in Deutschland lebt. Er arbeitet Schulter an Schulter mit Souleymane Sagna und zwanzig Kolleginnen und Kollegen vom Freundeskreis der Beratungsstelle. Sie kommen aus dem Irak, dem Iran, China, Eritrea und Äthiopien.

Ein Teil der Mitarbeitenden fährt im Minibus nach Karlsruhe zurück. Auch Souleymane Sagna pendelt jeden Tag auf dieser Strecke. Die Kolleginnen und Kollegen tauschen sich über die Ereignisse des Tages aus. Eine Iranerin erzählt vom Fall eines Jungen, der den Rasenplatz beschädigt hat. Ein irakischer Kollege bemüht sich den Umzug eines Familienvaters zu ermöglichen, der in Köln untergebracht ist und gerne bei seiner Frau und den drei Töchtern in Mannheim leben würde. Fast alle Mitarbeitenden haben selbst eine Migrationsgeschichte und vermitteln zwischen Geflüchteten und deutscher Bürokratie.

Ein Satz, der Souleymane Sagna bei diesen Gesprächen immer wieder in den Sinn kommt und ihn begeistert, weil er den Anfang des deutschen Grundgesetzes bildet, lautet: "Die Würde des Menschen ist unantastbar."