Emam Abdelgadir arbeitet in der Friedensbildung. Foto: © Uli Reinhardt

Vom Schüler zum Trainer

Zwei Monate arbeitete der Sudanese Emam Abdelgadir für die Organisation "act for transformation" in Aalen – zusammen mit einem deutschen Kollegen, den er seit langem kennt.

Portrait von Rike Uhlenkamp

Emam Abdelgadir muss sich beeilen. Schnellen Schrittes sind die Schülerinnen der zehnten Klasse des Evangelischen Schulzentrums Michelbach unterwegs. Viele Stationen liegen bei der  Stadtrallye in Schwäbisch-Hall vor ihnen. Durch die Innenstadt gehen sie vorbei an der gotischen St. Michael Kirche, durch die Dreimühlengasse, zum Kocher-Ufer, wo Nebel über dem Fluss wabert. "Weißt du, woher viele der Steine kommen, auf denen wir jetzt gerade laufen?", fragt Sophia Feil, eine der Schülerinnen, den Sudanesen. Emam Abdelgadir schüttelt den Kopf. "Fast alle Pflastersteine in Deutschland kommen aus Indien, die werden dort von Kindern geschlagen, unter sehr schlechten Arbeitsbedingungen. Das habe ich erst gestern erfahren", erklärt die 16-Jährige.

Auf der Stadtrallye informieren sich die Schülerinnen über fair gehandelte Produkte in Schwäbisch Hall. Foto: © Uli Reinhardt

Die Stadtrallye ist Teil des zweitägigen Projekts "Fair macht Schule". Sophia Feil und ihre Mitschülerinnen sollen lernen, unter welchen Bedingungen Produkte in ihrer Umwelt hergestellt werden und wie kleine Unternehmen in ihrer Stadt versuchen, fair gehandelte Waren zu unterstützen. Der 37-jährige Emam Abdelgadir hört vieles zum ersten Mal. Mit fairem Handel hat er sich bisher nicht beschäftigt. Im Sudan arbeitet er in der Friedensbildung und ist Trainer im "Alternative to Violence Project" (AVP), ein Gewaltpräventionsprogramm. In ganz Sudan zeigt er Lehrerinnen und Lehrern, Studierenden, Straßenkindern und Geflüchteten, wie sich Konflikte erkennen und gewaltfrei lösen lassen. 

Konfliktprävention durch Bildung

Für Frieden sorgen, Bildungsangebote schaffen, gewaltförmige Konflikte verhindern – in Deutschland teilt Emam Abdelgadir sein Know-How mit "act for transformation", einer gemeinnützigen Genossenschaft, die auch die Stadtrallye in Schwäbisch-Hall veranstaltet und in ganz Baden-Württemberg aktiv ist. Für zwei Monate war Emam Abdelgadir als Stipendiat des CrossCulture Programms Flucht und Migration des ifa hier. Fachkräfte aus elf afrikanischen Ländern und Deutschland kooperieren mit Organisationen im jeweiligen Gastland– beide Seiten gewinnen durch diese Kooperation Erfahrungen, sowie Fach- und Kontextwissen.

Emam Abdelgadir hält Seminare zum Thema Gewaltprävention. Foto: © Uli Reinhardt

Muslime, Christen, Menschen aus unterschiedlichen Regionen des Landes – wenn Emam Abdelgadir im Sudan einen seiner Workshops über Gewaltprävention hält,  ist die Skepsis zunächst groß. Zu stark sind die Vorurteile. "Da muss ich erst Vertrauen schaffen", sagt er. Das gelinge gut über Rollenspiele, denn diese sind auch für Analphabeten wie viele der Straßenkinder verständlich. Teilnehmende seiner Kurse verwandelt er zum Beispiel zu Teilen eines Autobuses: Bremse, Lenkrad, Motor und Fahrer. Schnell wird allen klar, ohne Mitmenschen, die lenken, stoppen und Gas geben, geht nichts, nur zusammen erreichen sie das Ziel.

Auch in Deutschland hat er schon ein Seminar gehalten. Geflüchtete Menschen und ehrenamtliche Flüchtlingshelferinnen- und helfer trafen sich in der Landeskirche in Baden. Doch dieses Mal war Emam Abdelgadir nicht allein: Jürgen Menzel war sein Co-Trainer, der derzeit bei der Arbeitsstelle Frieden als Referent für Friedensbildung arbeitet und im Vorstand von "act for Transformation" ist. Kennengelernt haben sich die beiden vor zwölf Jahren im Sudan, wo Jürgen Menzel ihn  in einem Projekt des Zivilen Friedensdienstes (ZFD) ausbildete. Aus dem ehemaligen Schüler wurde ein geschätzter Kollege: "Ich bin sehr froh, dass wir Emam bei uns haben. Toll zu sehen, wie er sich entwickelt hat, seitdem wir uns das letzte Mal gesehen haben", sagt Jürgen Menzel. 

Konfliktprävention im Schulunterricht

Emam Abdelgadir stammt aus Darfur, der Konfliktregion im Westsudan. Bevor er sich von Jürgen Menzel zum Trainer ausbilden ließ, studierte er Lehramt und Pädagogik in Khartum, der Hauptstadt des Sudans. Dorthin wird er zurückkehren und möchte dem Bildungsminister ein Projekt ans Herz legen: "Wie sinnvoll wäre es das 'Alternative to Violence Programm' landesweit ins Curriculum der Schulen im Sudan aufzunehmen. Dann könnte jeder Lehrer zum Trainer werden."

Bei der Rallye lernen die Schülerinnen ihre Stadt kennen und setzen sich mit komplexen Themen auseinander. Foto: © Uli Reinhardt

Zehn Jahre standen Jürgen Menzel und Emam Abdelgadir nur über E-Mail in Kontakt. In Aalen wohnt der Sudanese bei den Menzels und bekommt auch so Einblicke in die deutsche Kultur. "Dass Männer für die Familie kochen, ist bei uns im Sudan unüblich. Auch das habe ich von Jürgen gelernt."

Die Stadtrallye ist vorbei, der Nebel verflogen. Auf dem Markplatz sammeln sich die Schüler, ihre Stimmen hallen über den Platz. Jürgen Menzel schlägt Emam Abdelgadir auf die Schulter, lächelt ihn breit an: "Na, wie hat dir die Stadt gefallen?". Die Rallye mit den Schülern sei doch eine gute Möglichkeit zu sehen, auf welchem Weg man jungen Leuten kritische Themen näher bringen kann, sagt er. "Aber am Ende wollte ich Emam auch einfach das schöne Schwäbisch-Hall zeigen."