Die Sudanesin Sally Elgizouli brachte ihre Erfahrungen als Traumatherapeutin in einer Einrichtung für Jugendliche in Stuttgart ein. Foto: Uli Reinhardt

Mit Kunst gegen Blockaden

Die Traumatherapeutin Sally Elgizouli will verstehen, was Flüchtende aus ihrer Heimat an Erlebnissen nach Europa mitnehmen. In einer Wohngruppe für Minderjährige in Stuttgart wird sie fündig

Von Philipp Mausshardt 

Als Sally Elgizouli im April 2017 eine Mail vom Leiter des Goethe-Instituts in Khartum (Sudan) erhält, arbeitet sie gerade im Traumazentrum der Ahfad-Frauen-Universität. Sie entwickelt dort eine neue Methode für Kinder und Jugendliche, mit der sie durch künstlerische Ausdrucksformen ihre traumatischen Erlebnisse bearbeiten können. Die Mail macht sie neugierig: Ob sie Interesse an einem interkulturellen Programm zur Flüchtlingsarbeit habe - in Deutschland würden dazu gerade einige Stipendien vergeben.

Wie ergeht es Menschen weiter?

Sally fragt sich seit langem, was mit Geflüchteten geschieht, die nur kurz im Sudan einen Zwischenstopp einlegen, um weiter zu fliehen nach Europa, in die USA oder in ein benachbartes afrikanisches Land, das ihnen eine bessere Perspektive bietet. Wie geht es ihnen dort? Wer kümmert sich um sie? Rund eine halbe Millionen Menschen leben derzeit vorwiegend in Camps der UN-Flüchtlingsorganisation UNHCR im Sudan, und fast noch einmal vier Mal so viele, mehr als 2 Millionen Menschen gelten als Vertriebene im eigenen Land, als "Internal Displaced Persons (IDP)".

Aus beiden Gruppen hat Sally Elgizouli in den letzten Jahren Patienten behandelt. Vor allem Frauen, Kinder und Jugendliche, die keine Worte mehr fanden, für das, was sie erlebt hatten. Es waren Flüchtlinge aus Syrien, Eritrea, Äthiopien, dem Süd-Sudan, aber auch Sudanesen, die durch ethnische Konflikte im eigenen Land vertrieben worden waren.
"Als ich die Mail vom Goethe-Institut las, wusste ich sofort: Das muss ich machen," sagt Sally Elgizouli. Das CrossCulture Programm des ifa, auf das sich die Mail bezog, schien wie maßgeschneidert auf sie.

In der Wohngruppe wird Sally schnell bewusst, dass jeder seine individuellen Probleme hat. Foto: Uli Reinhardt

Verschiedene Jugendliche, unterschiedliche Probleme

Als Sally das erzählt, sitzt sie im Wohnzimmer einer Stuttgarter Wohngruppe für männliche Jugendliche, unter denen sich auch unbegleitete minderjährige Geflüchteten befinden. Sallys Aufenthalt in der Einrichtung St. Josefs-Gesellschaft neigt sich schon dem Ende zu. Fast drei Monate hat sie bei von Franziskanerinnen gegründeten Organisation den Umgang mit Jugendlichen beobachtet – nicht nur von Geflüchteten, sondern auch von deutschen Heranwachsenden, die mit unterschiedlichen Problemen zu kämpfen haben. Vor allem ein Wort fällt häufig, wenn sie über ihre Erfahrungen spricht: "Intervention". "Diese Methode, jeden Jugendlichen als Individuum zu sehen und auf seine speziellen Bedürfnisse einzugehen, hat mich beeindruckt. Das nehme ich mit."

In den Gesprächen mit jungen Geflüchteten habe sie aber auch fest gestellt, wie wichtig es ist, die kulturellen Hintergründe der Jugendlichen zu kennen und zu verstehen. Zum Beispiel bei Mohamed, der vor zwei Jahren als unbegleiteter Minderjähriger nach einer traumatischen Flucht aus Syrien schließlich in Stuttgart landete. "Es war für mich als Muslimin vielleicht etwas einfacher, zu ihm und anderen arabischen Jugendlichen mit einem ähnlichen Schicksal ein Vertrauensverhältnis aufzubauen."

Dabei hat es Sally zu keinem Zeitpunkt als Einschränkung empfunden, dass sie als Muslimin in einer christlichen Organisation ihr Praktikum absolvierte. "Religion war kein Thema, hier ist man offen für alle", sagt sie. Gerade das Zusammenleben so vieler junger Menschen mit kulturell ganz verschiedenen Hintergründen hat sie fasziniert. Diese Erfahrung will sie mitnehmen, wenn sie nach einem kurzen Berlin-Aufenthalt Anfang Dezember zurück in den Sudan fliegt. 

Sally Elgizouli in einer Besprechung mit ihrem Stuttgarter Kollgium. Foto: Uli Reinhardt

Eine Bereicherung für beide Seiten

Auch für ihre Gast-Organisation, die gemeinnützige St Josefs-Gesellschaft, war die Zusammenarbeit mit der sudanesischen Trauma-Expertin eine neue Erfahrung. Stella Gellner vom Therapeutischen Fachdienst fand den Austausch mit ihrer afrikanischen Kollegin spannend: "Aufschlussreich war es vor allem in Bezug auf die Materialien in der Trauma- und Kunsttherapie, die interkulturellen Schnittstellen und Unterschiede. Sally hat außerdem mit Jugendlichen ein Projekt durchgeführt zum Thema Umgang mit Konflikten, indem auch theatertherapeutische Ideen integriert waren. Insgesamt eine gelungene Zusammenarbeit und tolle Erfahrung – sowohl persönlich als auch fachlich."

Doch jetzt muss sich Sally erst einmal von ihren jungen Schützlingen der Stuttgarter Wohngruppe verabschieden. Sie haben sich mit ihr zum Kaffeetrinken verabredet, Tee, Kaffee und Käsekuchen stehen auf dem Tisch und das Verständigungsproblem wird durch Englisch überwunden. Sally und die Jugendlichen im Alter zwischen 14 und 20 Jahren sprechen es fast fehlerfrei.

Zurück im Sudan warten nicht weniger Aufgaben auf die junge Trauma-Spezialistin. Sie will weiter an einer Methode arbeiten, über künstlerische Ausdrucksformen die inneren Blockaden ihrer Patienten aufzubrechen. Dazu bringt Sally auch Erfahrungen aus der eigenen Familie mit. Ihr Vater ist Kunst-Dozent an der Ahfad-Frauen-Universität von Khartum, ihre Mutter arbeitet mit Kindern aus schwierigen sozialen Verhältnissen. Durch das Stipendium konnte sie ein breites Netzwerk auch mit Migrationsexperten anderer Länder aufbauen. Es ist ihr wichtig, dieses an ihrem Institut in Khartum weiter zu pflegen.

"See you again und good luck", wünscht sie ihrer Kurzzeit-Betreuerin zum Abschied. Dann schwingt sich Sally ihren langen Wollschal um den Hals und geht winkend in den kalten Wintertag hinaus.