Sieben Wochen unterstützte Daad Ibrahim die Evangelische Kirchengemeinde in Stuttgart-Obertürkheim. © Christian Püschner, Zeitenspiegel

Kein Fremdeln vor der Fremde

Eine Libanesin will verstehen, was ehrenamtliches Engagement bedeutet, und kommt dafür nach Deutschland. Aus der Lernenden wird auch eine Lehrende.

Ein Porträt von Birte Fuchs

Der Arbeitskreis Asyl in Stuttgart trifft sich. Gemeindehalle, Linoleumboden, Holzvertäfelung. Wie immer. Doch geladen ist heute ein schillernder Gast: Daad Ibrahim erzählt den rund dreißig ehrenamtlichen Flüchtlingshelfern von ihrer Arbeit im Libanon, dem Land mit dem höchsten Anteil von Geflüchteten an der Gesamtbevölkerung weltweit.

Eine Million von gut vier sind in das Land geflüchtet, die meisten aus Syrien. Und trotzdem bricht nicht wieder Bürgerkrieg aus. Wie schaffen die das? Irgendetwas müssen die doch richtig machen!

Daad Ibrahim wirkt gelöst, wenn sie von ihren Schulbesuchen an der Seite ehemaliger Kämpfer erzählt, die Kinder und Jugendliche davon abhalten, mit Waffen Konflikte zu lösen. Von ihren Gesprächen als Psychotherapeutin, die Menschen mit schlimmen Erlebnissen die Seele erleichtern.

Den Aufenthalt Ibrahims in Deutschland ermöglicht das CrossCulture Programm (CCP) des ifa (Institut für Auslandsbeziehungen) in Stuttgart. Für sieben Wochen hospitiert die Libanesin Dank des Stipendiums bei der Evangelischen Kirchengemeinde in Obertürkheim bei Stuttgart, die sehr aktiv in der Flüchtlingsarbeit ist. An diesem Abend gibt sie etwas von ihrer Erfahrung zurück.
    
Seit über zehn Jahren baut das ifa mit dem Programm eine Brücke zwischen islamisch geprägten Ländern und der deutschen Kultur. In diesem Jahr wurde es um das Themenmodul "Flucht und Migration" erweitert. Auch Teilnehmer aus dem Irak, Jordanien, Marokko und der Türkei sind nach Deutschland gekommen.
   
Daad Ibrahim interessierte das Programm, weil "ich ehrenamtliches Engagement verstehen will". So exotisch das für deutsche Ohren klingen mag: Die Flüchtlingshilfe im Libanon müsse fast ohne organisierte Ehrenamtliche auskommen – dort arbeiteten entweder professionelle Hilfsorganisationen wie die beiden, bei denen Ibrahim angestellt ist, oder die Geflüchteten blieben sich selbst überlassen, müssten ohne organisierte fremde Unterstützung Wohnung, Essen, Kleidung besorgen.
   
"Es ist toll, dass so viele Menschen in Deutschland Geflüchteten helfen, ohne dafür eine Gegenleistung zu erwarten", sagt Ibrahim und meint damit zum Beispiel Pfarrerin Friederike Weltzien der Evangelischen Kirchengemeinde in Obertürkheim, die beim Stellen von Asylanträgen hilft, Deutschunterricht organisiert und als Seelsorgerin wirkt. Sieben Wochen lang unterstützte Daad Ibrahim die Pfarrerin bei ihrer Arbeit.
   
Die Erfahrungen der Libanesin inspirierte das Duo zu einer gemeinsamen Idee: Weil sich Pfarrerin Friederike Weltzien nicht um alles kümmern kann, forderte Ibrahim mehr Hilfe zur Selbsthilfe, so wie das im Libanon notgedrungen gemacht werden muss. Schnell kamen die beiden auf den Namen für ihre Idee: "Die Ausbildung". Geflüchtete sollen Mitflüchtlinge und Neuankömmlinge darin anleiten, sich in Deutschland zurecht zu finden. Wer schon lange im Lager ist, kann Neuankömmlingen beim Ausfüllen von Formularen helfen, Tipps geben, welche Ehrenamtlichen Deutsch unterrichten.

© Christoph Püschner, Zeitenspiegel

Freitagmorgen. Der Geruch von Kaffee und Kardamom zieht durch den Raum, Brezeln stehen auf den Tischen. Ein Dutzend Syrer trudelt ein. Vorne sitzen Weltzien und Ibrahim. Arabische Sätze fliegen hin und her, an Wörtern wie "Almaniya" und "Suriya" erkennt man, dass sie über ihre neue und ihre alte Heimat reden. Daad Ibrahim nimmt sich viel Zeit, sich nach dem Befinden der Anwesenden zu erkundigen. Sie weiß aus ihrer Arbeit im Libanon, wie wichtig auch diese seelische Seite in der Flüchtlingshilfe ist. Die Mehrheit der geflüchteten Syrer sei traumatisiert, schätzt sie, stünden unter einem inneren Druck, von ihren Erlebnissen und ihrer Situation in Deutschland erzählen zu wollen. Aber empfänden auch Scham, dies Fremden gegenüber zu tun. "Erkundigt euch immer wieder nach eurem Befinden", fordert sie die anderen auf. "Teilt das mit den anderen. Denen geht es genauso wie euch!"
   
Das sei für ehrenamtliche Helfer in Deutschland nicht immer ganz einfach, weiß sie am Ende ihres Aufenthalts. "Die Deutschen erwarten zu oft, dass die Fremden machen, was hier im Land üblich ist". Weil die Geflüchteten meist wenig Deutsch und die Helfer kaum Englisch und kein Arabisch sprächen, könnten die Ehrenämtler die wirklichen Probleme der Geflüchteten oft nicht verstehen und seien selbst bei Details irritiert. Bei den Treffen in der Kirche verhalten sich viele Flüchtlinge oft so wie sie es in ihrer Heimat gewohnt waren. "Viele Männer lassen nach dem Kaffeetrinken die Tassen stehen. Die Deutschen ärgert das", sagt sie. Das sei jedoch kein Macho-Gehabe arabischer Männer, sondern ein anderes Verständnis von Gastfreundschaft. Als die Geflüchteten die Erwartungen der Deutschen verstanden und schließlich mit aufräumen wollten, sei es den Ehrenamtlichen aber auch nicht recht gewesen – ihre Küchenordnung sollte nicht gestört werden.
   
Daad Ibrahim selbst blickt milder auf diese kulturellen Unterschiede. Im Libanon mit all seinen Religionen und Ethnien auf engstem Raum hat sie eines gelernt: Respekt kommt gerade dadurch zum Ausdruck, dass man Fremde akzeptiert, wie sie sind, und versucht zu verstehen, warum sie so sind.
   
Pfarrerin Friederike Weltzien gefällt ihre neue Mitstreiterin: "Daad ist eine, die rein geht, wahrnimmt und weiterdenkt." Und weil Ibrahim weiß, wie sie helfen kann, drehen sich die Rollen auch um: Die lernende Stipendiatin wird zur Lehrenden.
   
Bevor Ibrahim zwei Tage später zurück in den Libanon fliegt, piept ihr Handy, eine Helferin vom Treffen im Gemeindehaus hat ihr eine Nachricht geschickt: "Kannst du mir ein paar arabische Vokabeln aufschreiben?", bittet sie Ibrahim. Ihr Vortrag bei den Ehrenämtlern hat bereits Spuren hinterlassen.