Muna Abdelbaqi aus Jordanien bei BORDA in Bremen; hier, in Amman, soll nach Möglichkeit demnächst ein Borda-Büro entstehen. © Sascha Montag, Zeitenspiegel

Helfen ohne Grenzen

Eine junge Ingenieurin stellt sich technischen Problemen in Flüchtlingslagern und verknüpft dabei Erfahrungen aus Jordanien, Irak und Deutschland.

Ein Porträt von Jan Rübel

Diese Weltkarte ist ein einziger Widerspruch. Alle ihre sieben, in blasses Wasserblau getauchten Kontinente kommen ohne Grenzen aus – auf acht Quadratmetern trotzt sie offensichtlich den staatlichen Realitäten der Welt außerhalb des Flurs in dem Bremer Bürohaus, durch das Muna Abdelbaqi eilt. Doch die Ingenieurin, 1986 in Amman geboren, hat gerade eine Verabredung mit genau der konfliktreichen Wirklichkeit, die das Wandbild zu leugnen scheint.

"Warte einen Moment", ruft sie auf Englisch ins Handy. Einen Augenblick später sitzt sie in ihrem Büro vor einem Bildschirm, auf dem eine Exceltabelle aufschimmert. "Wir sollten uns etwas näher mit dem Lager Mamilian in Niniveh beschäftigen", sagt sie, "wegen der Nähe zu Mossul wird es bald sicherlich mehr Flüchtlinge aufnehmen müssen".

Tobias Ulbrich, ihr Gesprächspartner aus dem nordirakischen Dohuk, stimmt zu. "In Ordnung", sagt er, "aber kriegst du noch mehr Daten über die Situation vor Ort heraus?" Muna Abdelbaqi verspricht es dem Kollegen, der als Projektkoordinator für die Hilfsorganisation "BORDA" arbeitet. Die "Bremen Overseas Research & Development Association" entwickelt nachhaltige Technologien in den Bereichen Wasser, Abwasser, Energie und Abfall.

Am Jahresende 2016 ist Muna Abdelbaqi nach Jordanien zurückgekehrt, wo sie im Flüchtlingslager Zaatari unweit der Grenze zu Syrien im Auftrag der japanischen Hilfsorganisation JEN den Bau von Abwassernetzen koordiniert. 80.000 Menschen leben dort. Bis zu Beginn der Arbeiten hat sie die Tabelle der Lager im Nordirak fertiggestellt, in denen BORDA eine aktive Rolle spielen wird. Die Liste gehört zu den Ergebnissen ihres zweimonatigen Stipendiums, das sie im Rahmen des CrossCulture Programms (CCP) absolviert hat. Das CCP wird bereits seit zehn Jahren vom ifa (Institut für Auslandsbeziehungen) organisiert. Seit Sommer 2016 wurde es um das Themenmodul "Flucht und Migration" erweitert. In den vergangenen Wochen hat Muna Abdelbaqi Flüchtlingsunterkünfte in Deutschland besucht und ihre Infrastruktur studiert, sich mit Abwasserexperten ausgetauscht und viele Kontakte geknüpft. "Ich werde einen Sack an neuen Ideen mit nach Jordanien nehmen", schwärmt sie.

Bei BORDA hat sie mit Kollegen eine Liste der Kriterien entwickelt, die zeigen, welche Lager im Nordirak für einen Einsatz in Frage kommen. "Wir vergeben Punktzahlen je nach Bedarf, bereits vorhandener Infrastruktur, Zahl der Bewohner und anderen Parametern." Denn BORDA zeichnet eine Strategie aus, die Abdelbaqi fasziniert: Die Organisation setzt auf dezentrale, kostengünstige Konzepte. "Ich habe in meinem Berufsleben einiges gesehen, was schief gelaufen ist", sagt die Jordanierin mit palästinensischen Wurzeln, "aber DEWATS ist ein Erfolgsmodell."

DEWATS steht für "Dezentralised Wastewater Treatment Solutions". Wo es wie in vielen entlegenen Gegenden keine Kanalisation gibt, setzt BORDA auf die Reinigung der Abwässer zur Wiedernutzung. Zurück bleiben Klärschlamm und gereinigtes, mit Nährstoffen angereichertes Wasser; beides lebenswichtige Elemente in der Landwirtschaft – eine wartungsarme, effektive und nachhaltige Lösung.

Foto © Sascha Montag, Zeitenspiegel

Noch vor drei Jahren hat Abdelbaqi Einkaufszentren gebaut, heute scheinen ihr diese Projekte wie aus einem früheren Leben zu stammen. Inzwischen baut und managt sie Abwassersysteme in Flüchtlingslagern. "Diese Arbeit gestaltet sich viel kommunikativer als auf einer konventionellen Baustelle", sagt sie. "Jeden Tag sind neue Probleme zu lösen. Jeden Tag stellen sich neue technische Herausforderungen."

Ingenieurswesen – den Beruf kennt sie seit Kindesbeinen. Die Mutter war Chemieingenieurin, der Vater Maschinenbauingenieur. Einen anderen Beruf erträumte sie sich nicht, gute Schulleistungen qualifizierten sie dafür. Dann bekam sie die Möglichkeit zu bauen. Und schließlich noch die Chance Menschen zu helfen.

Im langen Flur von BORDA, an dessen Türen Schilder hängen wie "Hanoi", "Daressalam" oder "Mexico City" – die Namen der Einsatzgebiete der Organisation –, springt Abdelbaqi von Raum zu Raum. Es gibt in den letzten Tagen vor ihrer Abreise noch viel zu besprechen: "Kommst du heute Abend zur Besprechung?", fragt Matti Hanisch, verantwortlich für Lateinamerika und Südafrika. Anlass ist ein Vortrag, den sie vor Freiwilligendienstlern über Jordanien gehalten hat.

"Ja, bis später", ruft Abdelbaqi und rauscht weiter. Nebenan brütet Sven Meyer über das Engagement  von BORDA am Weltwassertag, der im März 2017 stattfinden wird. "Ich schicke Dir Themenvorschläge", sagt Abdelbaqi – dann ist sie am Ende des Flurs angelangt. Die letzte Tür auf der rechten Seite zeichnet das Zimmer als "Ruheraum" aus. Nicht mehr lange: Ein Schreibtisch ist halb montiert, eine Lampe steht noch ohne Birne darauf. Der Teppich riecht nach Reiniger. "Dies wird bald das neue Büro für Jordanien", sagt sie. BORDA expandiert, auch in ihrer Heimat gibt es viel zu tun.