Florian Börner und Ahmed Al-Shaikhli im Wohnbereich im Flüchtlingszentrum Mertensstrasse der Berliner Stadtmission. © Sascha Montag, Zeitenspiegel

Ein Fall für Zwei

Florian Börner und der Iraker Ahmed Al-Shaikhli leben tausende Kilometer voneinander entfernt. Für einen Monat aber arbeiten sie Hand in Hand in einer Unterkunft für Geflüchtete in Berlin-Spandau.

Ein Porträt von Jan Rübel

Dieses Wohnzimmer ist so groß, dass der Blick sich verliert. Ein Fußballfeld findet hier Platz – und auch ein paar Dutzend Geflüchtete. Insgesamt wohnen 750 in der Unterkunft der Stadtmission in Berlin Spandau, einer ehemaligen Zigarettenfabrik, die aus mehreren Hallen besteht. Sie sitzen auf Holzsofas, schlendern unter den Metalldachstreben, alles in einem langen Adagio. Die Weite des Raums schüchtert ein.

Wie anders dagegen das Tempo der Beiden, die nun um die Ecke biegen. Florian Börner und Ahmed Al-Shaikhli schauen synchron auf ihre Smartphones, reden im Stakkato und zeigen auf unfertige Holzwände in der Anschlusshalle links gegenüber. Börner im schwarzen T-Shirt, mit Kurzhaarschnitt und guter Laune, Al-Shaikhli in blauem Hemd und Anzughose. "Dort kommen 40 Kabinen hin", sagt Börner, "für je sechs Personen." Al-Shaikhli schaut auf. "Wann sollen die fertig sein? Da wird ja noch gebohrt und gesägt." Börner lacht: "Offiziell morgen."

Börner, 34, und Al-Shaikhli, 35, arbeiten hier. Börner leitet die Organisation der Einrichtung, Al-Shaikhli ist Stipendiat des Förderprogramms CCP Flucht und Migration, das vom ifa (Institut für Auslandsbeziehungen) getragen wird. In Zusammenarbeit mit dem Auswärtigen Amt organisiert das ifa diesen interkulturellen Austausch und stärkt damit die Partnerschaft zwischen Deutschland und islamisch geprägten Ländern. Alle 13 Teilnehmer des Programms sind Experten im Bereich Flucht und Migration.

Ahmed Al-Shaikhli im großen Aufenthaltsraum im Flüchtlingszentrum Mertensstrasse der Berliner Stadtmission. © Sascha Montag, Zeitenspiegel

Im Irak geht Al-Shaikhli als Mitarbeiter der NGO "Al-Mortaqa Foundation for Human Development" in Flüchtlingslagern ein und aus, arbeitet als Trainer zu Fragen der Bürgerrechte, der Partizipation und Zivilgesellschaft. In den vergangenen vier Wochen aber lernte er den Mikrokosmos der Stadtmissions-Unterkunft in Spandau kennen. Und ist mittendrin in einem Engagement, "von dem ich einige Impulse mit nach Bagdad nehmen werde".

Florian Börner im Flüchtlingszentrum Mertensstrasse der Berliner Stadtmission, im Hintergrund eine Karte der Flüchtlingsunterkunft. © Sascha Montag/Zeitenspiegel

Auch der Deutsche Florian Börner ist Stipendiat des Förderprogramms CCP Flucht und Migration und formt mit Al-Shaikhli ein Tandem. Vor drei Wochen ist er aus dem Nordirak zurückgekehrt, er hat dort seinerseits einen Monat lang die Arbeit von "Al-Mortaqa" studiert und "viele Gemeinsamkeiten festgestellt".

Es riecht nach frisch gesägtem Holz und Leim. In einigen Kabinen à elf Quadratmeter stehen bereits drei Doppelstockbetten aus Metall. Die Menschen werden auf engstem Raum leben – im Gegensatz zu ihrem derzeitigen arenaartigen "Wohnzimmer". Ein Fortschritt, aber noch nicht gut genug, findet Börner. "Ich habe ein Jahr lang mit der Behörde verhandelt", sagt er. "Nun habe ich die Erlaubnis, dass ich im kommenden Jahr ein Doppelstockbett wieder rausnehmen darf – dann sind in jeder Kabine nur vier Bewohner." Al-Shaikhli nickt.

Beide ähneln sich in ihrem Werdegang. Beide sind Quereinsteiger, kamen übers Ehrenamt in ihre aktuellen Berufe. Al-Shaikhli studierte Informatik, gab als Student Mathekurse für Kinder der Nachbarschaft. Neben seinem Studium fing er bei "Al-Mortaqa" als Trainer an, wurde dann Projektmanager, bildet nun selbst Trainer aus und kümmert sich um Fundraising und Organisation.

Börner studierte Geschichte und Politik, engagierte sich nachts in der Kältehilfe der Stadtmission. Irgendwann erkannte man dort sein Organisationstalent. Er übernahm die Leitung der Notunterkunft der Kältehilfe am Hauptbahnhof. Im Oktober 2015 suchte das Land Berlin verzweifelt Unterkunft für die Geflüchteten, es war die Zeit der von Kanzlerin Angela Merkel geöffneten Grenzen. Man lud die Stadtmission zur Besichtigung der Zigarettenfabrik ein und gab 24 Stunden Bedenkzeit. Die Stadtmission willigte ein – und fragte Börner. 19 Stunden später kamen die ersten 400 Menschen, "es war ein wilder Ritt", erinnert sich Börner. Seitdem versucht er, in dieser Einrichtung den Menschen so viel Würde wie möglich zu ermöglichen.

"Die Menschen in den Lagern im Irak leben viel unabhängiger", sagt Al-Shaikhli. "Im Nahen Osten organisieren die Geflüchteten in den Zelten ihren Haushalt selbst, sie erhalten Nahrungsmittel zur eigenen Zubereitung. Hier wird alles serviert.“ Das erscheint auf den ersten Blick schön und gut, entmündigt aber auch, stärkt Untätigkeit und Passivität. "Wir versuchen, dagegen zu steuern", erwidert Börner. Die Farben an den tristen Wänden, die Möbel, auch die Schuhbeutel aus Stoff vor den Schlafkabinen sind von den Geflüchteten selbst angefertigt. "Gäste" pflegt Börner die Geflüchteten zu nennen. "Wir haben Werkstätten gegründet, in denen die Gäste aktiv werden können."

Während seiner Zusammenarbeit mit der Gastorganisation Al-Mortaqa im Nordirak imponierte Börner das pragmatische Management in der Arbeit mit Geflüchteten. "Dort agieren oft mehrere Hilfsorganisationen miteinander und nebeneinander. Da halten sie so genannte Cluster-Meetings zu Themen wie Bildung ab – es kommen dann um die 20 Organisationen zusammen, tauschen sich aus und besprechen das weitere Vorgehen. Sehr gut genutzte Zeit."

Florian Börner zeigt Ahmed Alshaikhli im Bürotrakt im Flüchtlingszentrum Mertensstrasse der Berliner Stadtmission die Wandsprüche, die Mitarbeiter angeschrieben haben. © Sascha Montag, Zeitenspiegel

Börner und Al-Shaikhli wollen mehr gemeinsam mit den "Gästen" tun, als nur für sie zu sorgen. Deutlich wurde der Unterschied bei der Vorbereitung zur Jobmesse in der Unterkunft in Berlin-Spandau. „Irgendwann merkte ich, dass wir uns nur um die Logistik kümmerten“, sagt Börner, "aber die Gäste nicht auf die Veranstaltung vorbereitet waren." Also führte Al-Shaikhli Interviews mit denen, die Interesse an Freiwilligenarbeit hatten, schrieb mit ihnen Lebensläufe. „Diese Bildungsarbeit ist nicht nur Integration pur, sondern der Start in ein selbstbestimmtes Leben“, sagt er. Die Idee einer Jobmesse, gepaart mit der gezielten Suche nach ihren Talenten und Interessen will Al-Shaikhli zurück in den Irak nehmen. "Nicht für die Lager, da herrscht Notmanagement, aber wir haben zigtausende Binnenvertriebene, die privat untergekommen sind. Die könnten so gefördert werden."

Es ist Mittag, als beide das „Verfügungsbüro“ erreichen, auch „White Box“ genannt – weiß angemalte Kabinen, in denen Sozialarbeiter in festen Sprechstunden den Geflüchteten zuhören, ihnen helfen, weiter vermitteln.

Sozialarbeiterin Annika Meyer, eine Kollegin von Börner, berät gerade den gelernten Maurer Hamoudi aus Aleppo, Syrien. Al-Shaikhli übersetzt, und Börner geht die Personalakte Hamoudis durch. Der Mittdreißiger will sich ehrenamtlich engagieren. Etwas machen. Joberfahrungen sammeln. "Ich würde gern kochen, vielleicht Pizzabacken lernen", sagt er. "Das faszinierte mich schon immer und hat bestimmt Zukunft in Deutschland.“ Seit einem Jahr lebe er schon hier. "Das Deutschlernen in dieser Enge fällt mir schwer, in den Kabinen wird zu viel gequatscht. Da kann ich mich nicht konzentrieren." Börner greift zum Handy, es stehen eigentlich viele weitere Termine an: ein Treffen mit den Dolmetschern der Unterkunft zur Absprache der nächsten Schichten; die Sichtung von Bewerbungsunterlagen - mit dem Wachsen der Unterkunft braucht es auch mehr Stellen in der Betreuung. Aber Zeit für ein kurzes Telefonat mit Kontaktpersonen gibt es immer.

"Er kann in der Kältehilfe anfangen", freut sich Börner, als er das Handy in der Hosentasche verstaut. Auf Freiwilligenbasis, ehrenamtlich, acht Stunden die Woche. "Ein Geflüchteter kocht und serviert Obdachlosen das Essen – das ist doch ein Signal."