Mary Gina Angaun arbeitet bei der Organisation "International Rescue Committee (IRC)". Foto: Sascha Montag

Die Allrounderin

Mary Gina Angaun hilft in Uganda armen Bauern und Gemeinden. In Deutschland will sie lernen, wie die Integration von Geflüchteten funktioniert.

Von Jan Rübel

Bei ihrer Arbeit in Karamoja, der Savanne im Nordosten Ugandas, steuert Mary Gina Angaun gewöhnlich ein Motorrad über Sandpisten von Dorf zu Dorf. In Berlin dagegen navigiert sie heute mit schnellen Klicks ihre Teammitglieder durch die IRC RescueNet Website. "Und hier sind wir", sagt sie und zeigt auf ein Unterkapitel namens "Economic Recovery", während der Beamer eine Liste mit einem Dutzend Projekten an die Wand wirft. "Das ist meine Abteilung, all das tun wir in Karamoja."

Im fünften Stock eines modernen Bürobaus in Berlin-Mitte haben die Kolleginnen und Kollegen viele Fragen. Wie weit voneinander entfernt liegen die Dörfer in der Karamoja-Region? Wäre es nicht einfacher, Smartphones zu verteilen? Wie sieht die Hilfe konkret aus?

Eine Organisation, unterschiedliche Aufgabenbereiche

Mary Gina Angaun, 29, hat denselben Arbeitgeber wie die Leute im Raum, das "International Rescue Committee" (IRC): eine global agierende Hilfsorganisation für Geflohene und Kriegsopfer. Doch während sich die Kolleginnen und Kollegen von IRC Deutschland für Gewaltschutz in deutschen Unterkünften für Geflüchtete engagieren oder internationale Hilfsprojekte begleiten, realisiert sie in einer der ärmsten Regionen Ugandas Fortbildungen zur Stärkung der wirtschaftlichen Situation und Gewaltpräventionsarbeit gegen Frauen.

Mary Gina Anguan erzählt von iihrer Arbeit beim IRC in Uganda. Foto: © Sascha Montag

Heute erklärt Mary Gina Angaun den elf  Mitarbeitenden des Berliner Büros des IRC ihren Job in Uganda. Sie ist für knapp drei Monate Stipendiatin im CrossCulture Progamm Flucht und Migration des ifa. Ziel des Programmes ist der praktische Austausch im Bereich Flucht und Migration über Ländergrenzen hinweg, sowie ein internationalen Netzwerkes von Personen und Institutionen zu stärken.

"Uns geht es um Empowerment", fasst Mary Gina Angaun ihren Vortrag zusammen. "Wir ermuntern Bauern, Inhaberinnen und Inhaber von kleinen Geschäften und Viehhalter Dorfbanken zu gründen und gemeinsam über Investitionen nachzudenken, um die finanzielle Sicherheit zu erhöhen." Außerdem haben die Mitarbeitenden des IRC effektivere Methoden der Landwirtschaft als die Viehwirtschaft im Gepäck, die bisher noch die Region dominiert.

Etwas über die eigene Organisation lernen

Am Ende des Vortrags sind die Berliner beeindruckt. "Nun wissen wir mehr über unsere eigene Organisation", sagt Esther Wolf, Referentin für internationale Programme. Die Gründung des Berliner Büros wurde erst vor eineinhalb Jahren beschlossen, das Team wächst gerade. "Der Input von Mary Gina ist eine Art Aufbauhilfe für uns."

Als sich die Mitarbeitenden wieder auf ihre Büros verteilen, widmet sich Mary Gina Angaun erneut der IRC-Website und scrollt sich durch Länderprogramme, Projektberichte und Statistiken. "Ich untersuche die Auswirkungen von Bargeldhilfen, die IRC zuweilen bereitstellt. Wir haben vor kurzem damit auch in Regionen in denen viele Geflüchtete in Uganda leben begonnen. Ich will wissen, wann es in anderen Projekten Zeit wurde, diese Hilfen zu stoppen, um die Selbsthilfe der Menschen nicht zu hindern und sie nicht von Transferzahlungen abhängig zu machen."

Die studierte Sozialarbeiterin ist eine Allrounderin, wenn es um die Arbeit mit Gemeinschaften in unterschiedlichen Kontexten geht. Sie berät Dorfbewohner über Finanzen, Landwirtschaft, Bildungsfragen und über Themen wie gemeinsame Entscheidungsfindung auf Haushaltsebene, gemeinsamen Zugang zu finanziellen Ressourcen und zu Besitztümern. 

Gegenseitiges Lernen: Mary Gina tauscht sich mit einer Kollegin des IRC in Berlin aus. © Sascha Montag

Frische Eindrücke gewinnen

Nach Deutschland ist sie gekommen, um frische Einblicke zu bekommen. "Ich will raus aus meiner beruflichen Komfortzone, in der ich mich mittlerweile auskenne. Ich möchte Neues lernen und kann mir vorstellen, künftig mit Geflüchteten zu arbeiten", sagt sie. Also studiert sie deren Integration in deutschen Unterkünften, Förderinstitutionen und Jobcentern.

"Mich beeindruckt der systematische Weg, Geflüchteten berufsorientierte Fort- und Ausbildung anzubieten." Nach Uganda mitnehmen werde sie neues Wissen über die Duale Ausbildung und das Buddy-Prinzip in Förderinstitutionen und Partnerorganisationen des IRC in Deutschland, wo junge Geflüchtete ein persönliches und wöchentliches Coaching und Mentoring erfahren. "Das ist auch eine Art Therapie für diese Leute."

Deutschland könne auch einiges von Uganda, einem kleinen ökonomisch instabilen Land lernen, das selbst über eine Mission Geflüchtete aufgenommen hat. "In Berlin erzählte mir eine Geflüchtete, dass sie sich hier manchmal unwohl fühlt, wie eine Bettlerin", erzählt sie. Die bürokratischen Verfahren in Deutschland dauerten zuweilen sehr lang. Die Deutschen könnten sich stärker bewusst machen, dass eine gute Aufnahme und Ausbildung von Geflüchteten allen langfristig nutzt.