Die Zukunft mitgestalten

Gemeinsam sind wir stark. Empowerment von Jugendlichen ist ein wichtiges Ziel des Projekts "InterKultural- Vernetz dich ohne Grenzen" des ifa. Sich vernetzen, austauschen und andere Perspektiven wahrnehmen: Während des viertägigen Programmes lernten die teilnehmenden Jugendlichen aus verschiedenen Gruppen der rumänischen Gesellschaft wie sie aktiv die Zukunft mitgestalten können. Eine begeisterte Teilnehmerin war Roma-Aktivistin Ene Tabita. In einem Interview sprach sie über die Situation Jugendlicher Roma in Rumänien.

Interview von Monica Kovats

Monica Kovats: In Rumänien stellen die Roma die zweitgrößte Minderheit dar. Die meisten haben einen erschwerten Zugang zu vielen Bereichen der Gesellschaft. Auch Jugendliche sind davon betroffen. Mit welchen Problemen und Herausforderungen sind die jungen Angehörigen der Roma- Minderheit in Rumänien konfrontiert?

Ene Tabita: Ich glaube, das größte Problem in Rumänien ist der Mangel an Arbeitsplätzen. Die Roma sind davon besonders betroffen. Laut einer Umfrage brechen viele junge Roma vorzeitig ihre Schule beziehungsweise ihre Ausbildung ab, was zwangsläufig ihre Chancen auf dem rumänischen Arbeitsmarkt sinken lässt. Da die meisten Eltern keinen Zugang zur Arbeit haben, können sie nur schwer die Grundbedingungen sichern wie etwa Geld für Kleidung, Essen und Vorräte. Dazu kommt noch, dass die meisten Roma-Gemeinschaften in den Außenbezirken der Städte leben; oft in einem Stadtteil ohne Anschluss zum öffentlichen Verkehrsnetzwerk. Andere Eltern hingegen sehen die Chancen von Bildung für ihre  Kinder nicht und ziehen es vor, sie zur Arbeit zu schicken. Außerdem werden Roma-Kinder im Schulsystem selbst häufig diskriminiert. Ein weiteres Problem ist die Jugendkriminalität. In den meisten Fällen hängt dies mit schlechten Lebensbedingungen und dem erwähnten frühzeitigen Schulabbruch zusammen.  

Roma-Aktivistin Ene Tabita in einem traditionellen Kleid der Roma Frauen. Foto: Stefy Bacea

Kultur und Sprache sind sehr wichtig für die ethnische Identität der Roma. In wie weit kann man als Roma in Rumänien seine eigene Identität im öffentlichen Raum zum Ausdruck bringen?

In der rumänischen Mehrheitsgesellschaft sind Elemente der Roma Kultur eher negativ besetzt. Sie werden oft als einheitliche Gruppe beurteilt ohne die Vielfältigkeit der Roma Gemeinschaft wahrzunehmen. Dabei sind Grundelemente der Roma-Kultur insbesondere auf individueller Ebene sehr schwer zu erkennen. Ihre farbige Kleidung, Hautfarbe und Sprache gelten als charakteristisch. 
In der öffentlichen Wahrnehmung gelten sie oft als "Parasiten der Gesellschaft". Vorurteile und  Stereotype wirken sich leider negativ auf das Selbstwertgefühl der Roma aus. Deshalb drücken viele aus Angst vor Diskriminierung und Ausgrenzung ihre ethnischen Zugehörigkeit nicht offen aus.

Doch es gibt auch positive Entwicklungen: Viele der Jugendlichen aus der Roma Minderheit haben eine große Vorliebe für Musik, und spielen besonders begabt verschiedene, eher klassische, Musikinstrumenten, wie z.B. die Geige. In den zwei Musikschulen in Bukarest, die Dinu Lipatti und George Enescu Kollegien findet man viele Schüler aus der Roma Minderheit. Derzeit gibt es auch eine Gruppe junger Roma in Rumänien, die die sozialen Bedingungen überwinden wollen, eine höhere Bildung haben, in Vereinen organisiert sind und sich aktiv für die Bildung und Rechte der Roma-Gemeinschaften einsetzen.

Rumänien feiert in diesem Jahr 10 Jahre Mitgliedschaft in der Europäischen Union. Hat sich die Situation der Roma-Minderheit in dieser Zeitspanne verbessert?

Die wichtigsten Grundsätze der europäischen Integration sind wirtschaftliche, politische Stabilität und die Achtung von Minderheiten. Beim letzten Punkt müssen wir die rumänische Regierung immer wieder auffordern, die Minderheitenrechte gerade bei der Roma-Minderheit einzuhalten und zu schützen. In öffentlichen Einrichtungen beispielsweise kommen immer wieder Fälle von Diskriminierung vor.

Sie haben schon zum zweiten Mal an dem Projekt "Interkultural" des ifa teilgenommen. Es gibt Jugendlichen aus verschiedenen Gruppen der rumänischen Gesellschaft die Möglichkeit, sich zu vernetzten, auszutauschen und sich eine Stimme zu geben. Was haben Sie persönlich aus dem Projekt gewonnen?

Das interkulturelle Projekt hat mir sehr geholfen, die Bedürfnisse und Probleme anderer Minderheiten aus Rumänien besser zu verstehen. Außerdem habe ich gelernt, kritisch zu denken und Sachverhalte nicht oberflächlich zu beurteilen. Meiner Meinung nach lernen wir im Laufe der Zeit immer etwas Neues, und durch die Teilnahme an Veranstaltungen und Projekten entwickeln wir uns als Individuum weiter.

Ene Tabita ist eine Roma-Aktivistin. Sie studiert Öffentliche Verwaltung in Bukarest und engagiert sich für den Verein "E-ROMNJA, der Frauen der Roma-Minderheit fördert und unterstützt.

Monica Kovats ist ifa-Regionalkoordinatorin für Rumänien, Ungarn und Serbien des Bereichs Integration und Medien.

InterKultural – Vernetz Dich ohne Grenzen

Empowerment  von Jugendlichen aus der deutschen Minderheit, Roma-Minderheit, ungarischen Minderheit und aus der Mehrheitsgesellschaft

Das vom ifa organisierte Projekt gibt Teilnehmern aus Gruppen der rumänischen Gesellschaft die Möglichkeit, sich zu vernetzen und ihre eigenen Interessen durch gezielte Fortbildungen in Zukunft besser artikulieren und vertreten zu können. Im Oktober 2016 und 2017 fanden unter dem Titel "InterKultural" Workshops für jeweils 30 Jugendliche zwischen 16-24 Jahren statt.

Mit seinem Bereich Integration und Medien unterstützt das ifa deutsche Minderheiten in Mittel-, Ost- und Südosteuropa und in der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten. Minderheiten, die gesellschaftlich anerkannt sind und über attraktive Programme verfügen, sind Mittler zwischen den Kulturen. Sie geben wertvolle Impulse für ein Zusammenleben in Vielfalt. Mit seinen Projekten und Programmen will das ifa zum europäischen Einigungsprozess und zu den kulturellen Beziehungen innerhalb und außerhalb Europas beitragen.