Maidan in Kiew; Foto: Francisco Anzola (CC BY 2.0) via Flickr

Nach den Maidan-Protesten: Kunst und Kultur in der Ukraine

Im Stadtbild von Kiew fallen blau-gelbe Nationalflaggen auf. Restaurants servieren "Ethnofood" für die gehobene Mittelschicht. Und Kulturschaffende veranstalten Lesungen und Konzerte an der Front im Donbass. Die Maidan-Proteste, die "Krimkrise" und der Ausbruch der gewaltsamen Konflikte im Osten des Landes haben die Ukraine verändert. Wie gehen Kulturschaffende mit der Situation um? Welche Auswirkungen hat der Krieg auf ihre Arbeit? Darüber spricht Karoline Gil, Leiterin des ifa-Bereichs "Integration und Medien", im Interview mit ukrainischen Schriftstellern, Filmregisseuren, Dichtern, Verlegern und Kuratoren.  

Interview von Karoline Gil

Karoline Gil: Seit den Ereignissen im Winter 2013/2014 auf dem Maidan, der Annexion der Krim und dem Beginn des Krieges im Osten der Ukraine, ist das Land mit neuen Realitäten konfrontiert. Wie hat sich die ukrainische Kunst- und Kulturszene seitdem verändert?

Kateryna Mishchenko: Es gibt aktuell unterschiedliche Trends in der Kulturszene. Auf der einen Seite beobachte ich das Aufkommen eines "Sozrealismus" in der Kultur. Das heißt, Künstler bedienen sich pathetischer Bilder und Fotografien von Kriegsveteranen oder von Gewaltszenen, die sie spektakulär in der Kunst und in anderen öffentlichen Räumen in Szene setzen. Im Stadtbild sind viele Fahnen und Nationalsymbole zu sehen. Das zeugt meiner Meinung nach von unserer Hilflosigkeit und einem Propagandacharakter. Auf der anderen Seite können wir eine kulturelle Dezentralisierung beobachten. Es entstehen Freiräume, die auf lokaler Ebene kreativ genutzt werden. Kritische Künstler, wie zum Beispiel Nikita Kadan und Mykola Ridnyj, melden sich zu Wort. Im "Zentrum für visuelle Kultur" in Kiew wird zum Beispiel versucht, die Entwicklungen in der Ukraine im europäischen Kontext zu betrachten. Insgesamt würde ich sagen, dass sich die Kultur seit 2014 stark politisiert hat.

Porträtfoto der ukrainischen Schriftstellerin Kateryna Mishchenko; Foto: Oleksandra Shelesnova
Kateryna Mishchenko lebt als Autorin, Übersetzerin und Verlegerin
in Kiew. Sie ist Mitbegründerin des ukrainischen Verlags ''Medusa''.
Mit dem Fotografen Miron Zownir veröffentlichte sie 2015 das Buch
''Ukrainische Nacht''.
Foto: Oleksandra Shelesnova

Nadia Parfan: Für die Filmbranche spielen die Ereignisse von 2014 eine wichtige Rolle. Ich würde von einer kulturellen Renaissance, einer Art spirituellem Erwachen in der Ukraine sprechen. Die Maidan-Proteste selbst ähnelten einer theatralischen Inszenierung mit großer performativer Energie. In den letzten Jahren sind viele Dokumentarfilme entstanden, die den Krieg thematisieren. Auch die nationale Kulturpolitik hat sich im Hinblick auf die Filmbranche geändert: Russische Filme und Serien wurden aus dem Fernsehen verbannt. Gleichzeitig wurden ukrainische Filmproduktionen staatlich gefördert. Heute müssen wir uns nicht mehr dafür schämen, Ukrainer zu sein. Der vor allem in der sowjetischen Zeit kultivierte Minderheitskomplex, wurde meiner Meinung nach 2014 überwunden. Die ukrainische Kultur ist seitdem wieder international angesagt – sowohl die ukrainische Folklore als auch die avantgardistische Architektur der 1920er Jahre.

Ostap Slyvynsky: Fast jeder ukrainische Schriftsteller hat die Ereignisse der letzten Jahre in irgendeiner Weise künstlerisch thematisiert. Viele gehen zu den Soldaten an der Front im Donbass und veranstalten dort Lesungen und Theatervorstellungen. Ukrainische Schriftsteller, Künstler und Kulturschaffende empfinden die Unterstützung der Soldaten als eine nationale Verpflichtung.

Juri Durkot: Auch die ukrainischen Soldaten bestätigen, wie wichtig es für sie ist, dass Künstler an die Front kommen. Die "Romantik des Krieges" ist nach mehr als drei Jahren vorbei. In einem brutalen Alltag wird schnell vergessen, wozu und warum gekämpft wird. Der Krieg ist zur Routine geworden. Die Soldaten suchen Worte für den Sinn des Krieges, die Künstler finden sie.

Porträtfoto des ukrainischen Schriftstellers Serhij Zhadan; Foto: Ekaterina Zershikova
Serhij Zhadan ist Schriftsteller, Dichter und Sänger einer
Band. Er wurde 1974 in der Region Luhansk geboren. Für
"Die Erfindung des Jazz im Donbass" erhielt er 2014 den
Jan Michalski Literaturpreis. Zhadan lebt in Charkiw.
Foto: Ekaterina Zershikova

Karoline Gil: Serhij Zhadan, Sie engagieren sich für die ukrainischen Soldaten, sind oft an der Front und organisieren humanitäre Hilfe. Warum ist das Ihnen wichtig?

Serhij Zhadan: Ich komme ursprünglich aus der Region Luhansk im Osten der Ukraine. Die Region ist heute Schauplatz des Krieges. Die Ukraine ist mein Land. Ich fahre regelmäßig mit meinen Freunden und meiner Band "Sobaky w kosmosi" (übersetzt: Hunde im Kosmos) an die Frontlinie und gebe Konzerte, besuche Kindergärten und Internate und spreche mit den Soldaten. Für die Soldaten ist Kultur und Literatur wichtig, weil sie sie mit dem "normalen" Leben verbinden – einem Leben ohne Krieg. In der Isolation hat die Aufmerksamkeit, die wir den Soldaten mit unseren Konzerten oder Lesungen schenken, enorme Bedeutung.

Ostap Slyvynsky; Foto: Ekaterina Zershikova
Ostap Slyvynsky wurde 1978 in Lemberg in der Westukraine
geboren. Er ist Dichter, Übersetzer, Kritiker und
Literaturwissenschaftler. In seinen Gedichten setzt er sich
mit dem russisch-ukrainischen Krieg im Donbass und den
Maidan-Protesten 2014 auseinander.
Foto: Ekaterina Zershikova

Gil: Vor den Protesten auf dem Maidan konnte sich niemand einen Krieg in der Ukraine vorstellen. Wie beurteilen Sie die Entwicklungen im Nachhinein?

Ostap Slyvynsky: In Lemberg, meiner Heimatstadt, haben wir in den letzten Tagen des Maidan eine Art Bürgerwehr organisiert. Die Polizei war in der Stadt praktisch nicht mehr präsent. Mit Fahrrädern und Armbinden haben wir versucht, die Rolle der Ordnungshüter zu übernehmen. Trotz dieser Situation habe ich zu dem Zeitpunkt nicht erwartet, dass der militärische Konflikt solch eine Form annehmen wird. Nach dem Ausbruch des Krieges waren in einem regelrechten Schockzustand. Uns war klar, dass wir keine Chance gegen das russische Militär haben würden.

Juri Durkot: In einem Artikel, den ich direkt nach dem Maidan geschrieben habe, äußerte ich die Vermutung, dass Russland versuchen würde, die Kontrolle über die Ukraine zurückzugewinnen. Ich verwies damals auch auf die Krim, als eine mögliche Hintertüre für Russland. Was kurz darauf tatsächlich passierte, war jedoch vollständig außerhalb meiner Vorstellungskraft. Im Nachhinein würde ich bei der Krimkrise und der darauffolgenden Eskalation im Donbass durchaus einen Vergleich zum georgisch-russischen Konflikt ziehen: Beide Konflikte waren die Folgen einer schwachen Reaktion des Westens auf russisches Vorgehen.

Karoline Gil: Am 14. Oktober 2017 verfolgte ich in Kiew die Feierlichkeiten zum "Tag des Verteidigers der Ukraine". Auf meterhohen Leinwänden und Bannern waren Fotografien von Soldaten der Streitkräfte als Nationalhelden stilisiert zu sehen. Ganze Häuserzeilen waren mit dem Slogan "Freedom is our religion" bedeckt. Wie diskutieren Künstler und Kulturschaffende die Instrumentalisierung von Kunst zu Propagandazwecken?

Kateryna Mishchenko: Leider reagieren nur wenige Künstler und Kulturschaffende auf die Instrumentalisierung von Kunst kritisch. Durch den Krieg entsteht eine gewisse Loyalität gegenüber den staatlichen Institutionen. Im Kulturbereich herrscht – wie auch in anderen Bereichen – eine fragmentierte Demokratie.

Filmregisseurin Nadia Parfan; Foto: Natalka Diachenko
Nadia Parfan ist Filmregisseurin, Produzentin und
Festivalkuratorin. 2014 gründete sie zusammen mit
anderen das Filmfestival "86" in Slawutytsch. Parfan
wurde 1986 in Iwano-Frankiwsk geboren und lebt
heute in Kiew. Foto: Natalka Diachenko

Karoline Gil: In den letzten Jahren eröffneten zahlreiche neue Restaurants, Clubs und Bars in Kiew, die neben Schlagstöcken, Zeltteilen aus dem Krieg und Fotos von den Maidan-Protesten ukrainisches "Ethnofood" für die gehobene Mittelschicht serviert. Wie sehen Sie die Kommerzialisierung des Maidan?

Nadia Parfan: Ich war 2014 selbst auf dem Maidan. Mein Freund wurde dort getötet. Für mich ist das alles sehr schmerzvoll. Deswegen meide ich diese Orte. Gleichzeitig ist es wichtig, nicht zu vergessen was passiert ist und im öffentlichen Raum einen vernünftigen Umgang damit zu finden. Die Restaurants und Bars bieten die Möglichkeit, sich an die Ereignisse zu erinnern – wenn auch auf eine kitschige Art und Weise.

Kateryna Mishchenko: Meiner Meinung nach kommerzialisieren die Restaurants und Bars nicht nur, sondern sie instrumentalisieren. Der Maidan ist zu einem Ort geworden, auf dem heute große Attraktionen und Ereignisse stattfinden. Wir haben noch keine institutionalisierte Erinnerungskultur, keinen Raum, die Erinnerung zu verarbeiten. Da auch die Stadtverwaltung keine Vision dazu hat, entsteht das, was Sie beobachtet haben.

Journalist und Übersetzer Juri Durkot; Foto: Pawlo Titko
Juri Durkot, 1965 in Lemberg geboren,
ist freier Journalist, Publizist und
Übersetzer. Er schreibt für
deutschsprachige regionale und
überregionale Zeitungen. Durkot lebt und
arbeitet in Lemberg. Foto: Pawlo Titko

Karoline Gil: Haben Sie die Hoffnung, dass sich die Situation in der Ukraine bald verbessern wird?

Ostap Slyvynsky: Ich denke, dass die Kämpfe in absehbarer Zeit aufhören werden. Aber ich vermute, dass dann die Stabilisierung sehr oberflächlich sein wird. Vielleicht ein "frozen conflict", so ähnlich wie in der Republik Abchasien. Die Zeit friert in solchen Regionen wie in einem Science-Fiction-Film ein, nichts wird wiederaufgebaut, nichts passiert. Vielleicht ist das noch nicht mal das schlechteste Szenario.

Juri Durkot: Meine Einschätzung ist etwas pessimistischer: Da die Kosten des Krieges für Russland überschaubar sind, könnte es sein, dass der Krieg mit abwechselnd ruhigeren und intensiveren Phasen andauert. Es gibt genug Söldner, die nicht aus Idealismus, sondern für Geld kämpfen. Ich glaube nicht, dass sich Russland bald zurückziehen wird. Immer noch sterben beinahe jeden Tag Menschen in der Ukraine. Wir kommen heute hochgerechnet auf 400 bis 500 Opfer pro Jahr – eine schreckliche Zahl. Ich würde mich gerne irren, aber vom "Einfrieren" sind wir noch weit entfernt.

Serhij Zhadan: Solange sich nichts wirklich ändert, können wir nur gemeinsam unsere Leute an der Front unterstützen. Wir müssen zusammenhalten.

Das Interview wurde am Rande der Tagung "Helden unserer Zeit?" im Dezember 2017 geführt. Im Fokus der Veranstaltung stand die Instrumentalisierung von Helden in Kriegs- und Krisenzeiten, insbesondere in Osteuropa. Die Tagung wurde von der Evangelischen Akademie Tutzing organisiert und vom Auswärtigen Amt im Rahmen der "Östlichen Partnerschaft" gefördert. 

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