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Dokumentarfotografie
Interview mit der deutschen Fotografin Valentina Seidel




Valentina Seidel (rechts) mit Leah King-Smith und Le Vu

 

Kunstkollaborateure

Stillgestanden und lächeln – Fotografieren wie auf dem Apellplatz. Seit den 1990er-Jahren haben die Fotografen die Begegnung mit dem Modell entdeckt, das als Co-Autor Schauplatz und Inszenierung bestimmt. Valerie Hammerbacher sprach mit Valentina Seidel über Foto-Modelle als Kollaborateure und Harry-Potter-Kulissen in Australien.

Institut für Auslandsbeziehungen: Der Fotografietheoretiker Ulf Erdmann Ziegler beschreibt im ifa-Katalog "Die Welt als Ganzes" die junge Dokumentarfotografie als subjektiv, zeitintensiv und penibel recherchiert. Charakterisiert das auch Ihre Arbeit?

Valentina Seidel: Ja, in gewisser Weise sicherlich, wobei in meinem Fall der Weg zum Bild bereits das Ziel beinhaltet: Ich arbeite so, weil ich am künstlerischen Prozess des Bildermachens interessiert bin und diesen mit Hilfe meiner Kollaborationspartner auch thematisiere.

ifa: Das Foto ist das Resultat einer Begegnung. Kann es dabei so etwas wie einen Stil von Valentina Seidel geben?

Seidel: Einen dezidierten Stil kann es schon deshalb nicht geben, weil die Personen und die Bedingungen mit denen ich arbeite, sich immer wieder ändern.

ifa: In der Serie "exchange" porträtieren Sie seit 2001 Künstlerkollegen. Entstehen die Kontakte durch zufällige Begegnungen?

Seidel: Normalerweise recherchiere ich die Künstler, die mich interessieren und kontaktiere sie dann im Hinblick auf eine gemeinsame Arbeit. Aber natürlich lasse ich mich auch durch Begegnungen beeinflussen. Und, gerade im Ausland und bei Personen, die mir noch nicht gut bekannt sind, bin ich neugierig und lasse spontane Kollaborationen in der Regel gerne zu.

ifa: Sie führten "exchange" 2003 in Belgien, 2004 in Japan und 2005 bei "artconnexions" in Australien durch. Welche Unterschiede in den Selbstinszenierungen ihrer Modelle sind Ihnen in den verschiedenen Ländern aufgefallen?

Seidel: In Deutschland und Belgien war es ein teilweise langwieriger Prozess bis es zu Bildergebnissen kam. Ich finde auch, dass man den deutschen Bildern eine gewisse Ernsthaftigkeit und Wahrhaftigkeit ansieht. Bei den belgischen Inszenierungen finde ich das multikulturelle und nicht einzuordnende Element entscheidend. In Japan lief vieles schneller und unbewusster ab, einfach schon durch die sprachlichen Differenzen. Außerdem hatte ich durch die stringente Organisation weniger Zeit für die Bilder, meist gab es nur ein paar Stunden für die Arbeit mit den Portraitierten. In Australien empfand ich bisher die größte Freiheit und bei meinen Kollaborationspartnern einen sehr spielerischen Umgang mit sich selbst.

ifa: Bei "artconnexions" trafen 18 Künstler in unterschiedlichen Konstellationen in Südostasien aufeinander. Sie trafen Le Vu aus Vietnam und Leah King-Smith aus Melbourne. Wie haben Sie auf die Arbeit der beiden Künstler reagiert?

Seidel: Ich empfand erstmal eine große Distanz zu beiden Künstlern, da sie aus sehr unterschiedlichen Kontexten kamen. An Leah King-Smiths Arbeit interessierte mich ihre australische Herkunft, die ja mit den Aborigines verbunden ist. Durch die Zusammenarbeit mit ihr entstand ein völlig neues Bild in meiner Serie. Sie wollte einfach unsere beider Schatten in der Natur Australiens aufnehmen, ohne ein direktes Portrait in Erwägung zu ziehen.
Bei Le Vu war seine Sichtweise auf alles Westliche dominierend. Er sprach ausführlich über die verschiedenen Grüntöne in den Parks von Melbourne oder filmte stundenlang in den zahlreichen Shoppingmalls. Sein Foto ist Ausdruck kontemplativen Staunens.

ifa: Melbourne ist sehr westlich geprägt. Was war fremd, was war vertraut?

Seidel: Ich fühle mich in einer multikulturellen Stadt wie Melbourne ziemlich schnell wohl und kaum fremd. Faszinierend fand ich den sehr europäischen Einfluss im Stadtbild, z.B. bei der Architektur der Universität. Da fühlte ich mich wie nach Oxford, England versetzt: Dass ich in einem Speisesaal wie in einer Harry Potter-Kulisse mein Frühstück zu mir nehme, war wirklich nicht das, was ich mir unter Australien vorgestellt hatte.

ifa: In den Fotografien, die in Melbourne entstanden, fällt auf, dass sich motivische Darstellungsmuster einschleichen: Van Eycks "Arnolfinihochzeit", das Herrscherporträt mit Hunden, die sich als Symbole von Treue lesen lassen. In der Serie, die in Japan entstand, sind jedoch keine westlichen Bildmuster unterlegt. Haben die japanischen Künstler asiatische Bildcodes unterlegt, die dem westlichen Blick verborgen bleiben?

Seidel: Die Australier, die ich traf, hatten alle spezifische Verbindungen zu Europa. Eine Frage, die ich den meisten Leuten dort gestellt habe, war: What are your roots? Diese Frage würde mir in Europa eher selten auf den Lippen liegen, in Australien jedoch schien sie mir völlig berechtigt. Deshalb fand ich es naheliegend, dass sich in den Arbeiten sichtbare Bezüge zu westlich-europäischen Motiven aus Kunst und Kultur entwickelten. Japan dagegen ist eine wesentlich homogenere Kultur, die sich an tradierten Regeln und Mustern orientiert, die für Europäer eine geheimnisvolle Anmutung haben können.

ifa: Den Fotografien sieht man an, dass sie in einer sehr intimen Situation entstanden sind. Gibt es Vorgespräche?

Seidel: Ja, mindestens eins, oftmals mehrere. Meist ist es ein Besuch im Atelier und dann auch ein gemeinsames Treffen an den möglichen Aufnahmeorten. Manchmal gibt es mehrere Anläufe für die Fotos, je nachdem, wie sehr man involviert ist, oder wieviel Zeit vorhanden ist.
Ein Shooting dauert ein bis drei Stunden. Es entstehen erst Vorskizzen, die ich mit der Digitalkamera mache und über die wir uns dann gleich vor Ort abstimmen. Erst wenn wir uns einig sind,  fange ich an, mit der Hasselblad zu fotografieren. Es entstehen dabei in der Regel um die 30 Bilder.

ifa: Verwenden Sie zur Nachbearbeitung Software, oder sorgt eine Crew für die perfekte Aufnahmesituation?

Seidel: Ich bearbeite meine Fotos nie, stimme hauptsächlich Helligkeit und Farbigkeit der Prints ab. Ich bin in der Regel allein mit meinen Foto-Partnern. Entweder wir lassen uns auf die momentane Situation von Wetter und Licht ein, weil es zeitlich anders nicht geht, wie es oftmals in Japan der Fall war, oder wir arbeiten an der perfekten Aufnahmesituation.

ifa: Diskutieren Sie mit ihren Modellen die Entscheidung, welche Fotografien ausgewählt werden?

Seidel: Ja, sehr intensiv sogar, anhand der Kontaktabzüge oder einer Auswahl von Abzügen. Ich würde nie ein Bild in meiner Arbeit verwenden, das von meinen Kollaborationspartnern nicht befürwortet wurde!

ifa: Sie delegieren die Inszenierung an ihre Modelle. Wieviel Spielraum haben Sie als Autorin bei der Wahl von Location und Tageszeit und weiteren Umständen?

Seidel: Mir wird als professioneller Fotografin meist viel Vertrauen in das technische Know-How, die Bildgestaltung, usw. entgegengebracht. Es ist manchmal eher so, dass ich meine Partner zu mehr Eigenverantwortung  und –Initiative für das Bild ermutige. Ich versuche, die im Gespräch und als Versuch entstehenden Bildideen optimal in gemeinsamer Arbeit umzusetzen, konzeptionell und technisch.

ifa: Haben Sie sich einer Aufnahmesituation bereits verweigert?

Seidel: Die Notwendigkeit hierzu kam noch nicht vor.

ifa: Wo und in welcher Tätigkeit würden Sie sich selbst fotografieren?

Seidel: Im Laufe meines Studiums habe ich eine große Zahl von Selbstportraits angefertigt. Im Rahmen des Projektes "exchange" geht es darum, ein gemeinsames Bild entstehen zu lassen, somit finde ich mich in jeder Arbeit ein wenig selbst wieder.



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