Weit mehr als ein Aushängeschild deutscher Kultur

Die Tourneeausstellungen des ifa bieten in weit entfernten Regionen der Welt oftmals erste Einblicke in Bereiche der Kunst, Architektur oder Fotografie, die dort auf andere Weise kaum zu erlangen wären.
Wie werden diese Ausstellungen in anderen Kulturkreisen wahrgenommen? Antworten dreier Direktorinnen von Ausstellungshäusern in Singapur, Pakistan, Usbekistan und ein Künstlergespräch in China geben Einblicke.

Von Dietrich Heißenbüttel

"Eine Kakophonie unwahrscheinlicher Materialkombinationen"

"50 Jahre / Years documenta 1955 – 2005", Singapur 2007
"50 Jahre / Years documenta 1955 – 2005",
Singapur 2007
Foto: ifa (Institut für Auslandsbeziehungen)

Lee Chor Lin, bis vor kurzem Direktorin des Nationalmuseums von Singapur, verweist auf die Eröffnung des Goethe-Instituts 1979, mit der eine lange Reihe von mehr als 80 ifa-Ausstellungen einsetzt. Zwei Jahre zuvor war das Singapore Arts Festival ins Leben gerufen worden, das sie seit Mai 2013 leitet. "Meine frühen Begegnungen mit Ausstellungen des ifa fanden in den späten 1980er Jahren statt, als ich als junge Kuratorin am Nationalmuseum arbeitete", erinnert sich Lee. "In der kurzen Zeitspanne von fünf Monaten präsentierte das Goethe-Institut vier Ausstelllungen, darunter das ifa-Projekt 'Poesie durch Material, Licht und Bewegung' über kinetische Kunst aus Deutschland. Kinetische Kunst war damals zweifellos eine Neuheit. Im spartanisch ausgestatteten Galerieraum des Museums gab die Ausstellung mit 27 zeitgenössischen Künstlern für viele weitere den Ton an: optisch fesselnd, konzeptuell eine Herausforderung, eine Folge ständig wechselnder Ansichten."

Zu "Prinzip Collage" 1989 schreibt Lee: "23 Gegenwartskünstler aus Deutschland zeigten Arbeiten jenseits von Skulptur und Malerei, vorwiegend aus den 1970er Jahren: ein visuelles Fest von Texturen, kleinteiliger Handarbeit und einer Kakophonie unwahrscheinlicher Materialkombinationen. Viele von uns hatten noch nie in diesem Umfang Mixed-Media-Kunst gesehen, eine ästhetische Richtung, die sicher den Arbeiten singapurischer Künstler wie Thomas Yeo, Eng Tow oder Lin Hsin Hsin zugrundeliegt." 1991 war Lee für eine Käthe-Kollwitz-Ausstellung verantwortlich, die parallel zu Joseph Beuys gezeigt wurde. Kollwitz erscheint ihr wie eine Verkörperung jener Impulse, die über Lu Xun, der ihre Holzschnitte in den 1930er Jahren in China bekanntmachte, auch die Kunst Singapurs prägten.

2006 übernahm Lee die Leitung des umgebauten Nationalmuseums mit einem neuen, tausend Quadratmeter großen, stützenfreien Ausstellungsraum. "Die ifa-Ausstellung 'Das szenische Auge' war die erste, die dieses Potential zur vollen Entfaltung brachte. Die Deckenhöhe von sechs Metern kam Werken wie Qin Yufens 'Die Legende der Farbe' zugute. Gelbe und blaue Mao-Jacken schwebten in übertriebener Höhe im Raum – einer der stärksten Eindrücke der Ausstellung. 'Das szenische Auge' wirkte in mancher Hinsicht wie ein Echo der visuellen Poetik der Ausstellung zur kinetischen Kunst 1987."

Im September 2006 eröffnete die erste Singapur-Biennale. Eine Ausstellung zur Geschichte der Documenta im Jahr darauf schien Lee "wie eine Anmerkung zur Genealogie des Phänomens der Biennalen". Aus den folgenden Jahren hebt sie "Neues Bauen international 1927 – 2002" und "Come-in" über Innenarchitektur hervor, letztere sehr gut besucht "vielleicht weil Inneneinrichtung das Konsumdenken junger Singapurer ansprach." Lee schließt: "Die kontinuierliche Präsentation bahnbrechender Ausstellungen zeitgenössischer Kunst durch das ifa in den vergangenen drei Jahrzehnten hat dazu beigetragen, neue Perspektiven zu eröffnen."

"Ich schwor mir, Polke in die V. M. Art Gallery zu bekommen."

"Distanz und Nähe", Karatschi 2008; Foto: Riffat Alvi
"Distanz und Nähe", Karatschi 2008
Foto: Riffat Alvi
"Sigmar Polke. Musik ungeklärter Herkunft", Karatschi 2009; Foto: Riffat Alvi
"Sigmar Polke. Musik ungeklärter Herkunft", Karatschi 2009
Foto: Riffat Alvi

Riffat Alvi leitet die V. M. Art Gallery in Karatschi seit deren Gründung im Jahr 1987. Als Künstlerin war sie bereits in den 1990er Jahren in Deutschland gewesen. Für die Zusammenarbeit mit dem ifa seit 2008 ist Alvi auch deshalb besonders dankbar, weil es in Pakistan eine öffentliche Kunstförderung kaum gebe. "'Distanz und Nähe' von Bernd und Hilla Becher und weiteren Künstlern", berichtet Alvi, "war die erste hochwertige Fotoausstellung, die in der V. M. Art Gallery zu sehen war. Sie zog sehr viele Besucher an und war ein Leckerbissen für Fotografen aus Karatschi und Kunststudenten. 'Distanz und Nähe' bot lokalen Fotografen eine Erfahrung, aus der sie lernen konnten."

"Auf einem Besuch in New York hatte ich einige Arbeiten des großen Meisters Sigmar Polke kennengelernt", so Alvi weiter: "Sie waren atemberaubend. Ich schwor mir, Polke in die V. M. Art Gallery zu bekommen." Dies gelang im April 2009 mit der Ausstellung "Musik ungeklärter Herkunft". "Sigmar Polke war Stadtgespräch. V. M. gewann an Reputation. Aus Polkes Biografie lernte ich, dass der Meister 1974 nach Karatschi gereist war. Sigmar Polke jongliert mit Gedanken, aber vor allem mit Techniken. 40 brillant ausgeführte Gouachen provozierten die Betrachter, gängige Kriterien in Frage zu stellen. Eine Rekordzahl von Besuchern erschien zur Eröffnung. Kunststudierende aus anderen Städten kamen nach Karatschi. Schulklassen genossen das kunstpädagogische Programm und imitierten Polkes Stil in Gemälden und Zeichnungen."

"Die jüngste ifa-Ausstellung war 'subjektive fotografie' mit 22 Fotografen, darunter Otto Steinert, der den Begriff 1951 geprägt hat. Die Fotografen des kriegszerstörten Nachkriegsdeutschland gaben ihren inneren Eindrücken mit Fotoreportagen eine Stimme und fügten damit dem Fotojournalismus und der Werbefotografie eine neue Dimension hinzu. Die Ausstellung mit einhundert Arbeiten füllte alle drei Räume der Galerie, ein zweiter Teil war im Goethe-Institut zu sehen."

"Was hat mich motiviert, ifa-Ausstellungen in der V. M. Art Gallery zu zeigen?" fragt Alvi. "Internationale Kunstausstellungen mit moderner und zeitgenössischer Kunst von diesem Format sind hier sonst schlicht nicht zu sehen. Sie waren alle hoch informativ, mit begleitenden Katalogen und weiteren Materialien. Zu Ausstellungen in Zusammenarbeit mit dem ifa und dem Goethe-Institut kommen regelmäßig die meisten Besucher, auch weil die ifa-Ausstellungen eine sehr starke kunsterzieherische Komponente haben."

"Ein bedeutendes Ereignis für das kulturelle Leben in Usbekistan"

"Günther Uecker. Der geschundene Mensch - 14 befriedete Gerätschaften", Taschkent 2009
Günther Uecker. Der geschundene Mensch -
14 befriedete Gerätschaften, Taschkent 2009
Foto: Edwin Bader

"Die Frage des Goethe-Instituts Taschkent, ob an einer Ausstellungsreihe moderner deutscher Kunst in Zusammenarbeit mit dem ifa Interesse bestehen könne, stieß bei der Galerie für bildende Kunst und dem Kunstpalast der Jugend einhellig auf positive Resonanz" berichtet Kamola Akilova: "Die meisten Künstlerinnen und Künstler kannten wir bereits aus unserem Studium. Damals konnten wir jedoch nicht davon träumen, Originale von Max Ernst, Gerhard Richter, Wols, Bauhausfotografie oder von Günther Uecker und Otto Dix bei uns in Taschkent zu Gesicht zu bekommen."

Zuerst waren 2006 grafische Werke von Max Ernst zu sehen, "imaginär, sehr unruhig und surrealistisch, voller Metamorphosen, Verformungen, deformierten Proportionen, irrealen Menschengestalten mit Vogelköpfen und fantastischen Wesen. Sie spiegeln die Haltung des Künstlers, der gegen die Heuchelei seiner Epoche und gegen die Brutalität des Krieges auftrat." 2007 folgten Gerhard Richter und Wols, dessen Fotografien "die Besucher in Staunen versetzten, da er das Zufällige, das sonst dem Auge entgehen würde, aufnahm und neue überraschende Zusammenhänge herstellte." 2008 brachte die Ausstellung Bauhausfotografie "dem usbekischen Publikum die Leistungen des berühmten Kunstzentrums im Bereich der Fotokunst näher."

"Ein bedeutendes Ereignis für das kulturelle Leben in Usbekistan", so Akilova, "wurde 2009 die Eröffnung der Ausstellung 'Der geschundene Mensch – 14 befriedete Gerätschaften' von Günther Uecker, der eigens zur Eröffnung nach Taschkent kam. Uecker versucht, grundlegende Antriebskräfte unserer Realität wie aggressives, verletzendes oder zerstörerisches Verhalten darzustellen. Neben den Objekten wurden auch Fotografien und ein Film gezeigt, in dem der Künstler sich selbst Verletzungen zufügt und diese verbindet. Die Besucher nahmen die Ausstellung als einen Appell wahr, alles Menschliche zu schützen."

"Obwohl sich die usbekische Fotokunst in den letzten Jahren rasant entwickelt hat", meint Akilova, "schaffte es die Ausstellung FotoKunst 2010 im Kunstpalast der Jugend, mit Fotografen verschiedener Schulen und Generationen wie Dieter Appelt, Anna und Bernhard Blume, Thomas Florschuetz, Jürgen Klauke, Astrid Klein, Sigmar Polke, Klaus Rinke oder Katharina Sieverding, usbekischen Künstlern neue Impulse zu geben."

Akilova fasst zusammen: "Durch diese Ausstellungen kamen das usbekische Publikum ebenso wie Künstlerinnen und Künstler mit neuen, unkonventionellen Richtungen der deutschen Kunst in Berührung, die auf diese Weise einen maßgeblichen Einfluss auf die Kunstszene Usbekistans nahm."

"Unvergessliche und neue visuelle Erfahrungen"

Künstlergespräch, Nanjing 2012
Foto: ifa (Institut für Auslandsbeziehungen)

In China sind seit 1977 mehr als 60 ifa-Ausstellungen oft an mehreren Orten gezeigt worden. Anlässlich einer Dix-Ausstellung im Kunstmuseum der Universität der Künste Nanjing, zu der 93.000 Besucher kamen, fand am 21. November 2012 ein Künstlergespräch statt, an der neben Volker Adolphs, Kurator am Kunstmuseum Bonn, die Künstler/-innen Pauline Kraneis, Zhou Yiqing und Mao Yan sowie der Kunstkritiker Gu Chengfeng teilnahmen. Wie Chen Rui resümiert, reichten die zweihundert Sitzplätze nicht aus, um alle Besucher aufzunehmen. Das Gespräch über Konzepte der Zeichnung mündete in eine lebhafte Diskussion über Unterrichtsmethoden an chinesischen Kunsthochschulen.

Adolphs stellte einleitend neue Tendenzen der Zeichnung vor, die er mit Beispielen aus der von ihm kuratierten ifa-Ausstellung "Linie Line Linea" illustrierte, die derzeit durch Lateinamerika tourt. Zeichnung hat ihm zufolge die Funktion als Hilfsmittel zur Vorbereitung der Ölmalerei verloren und findet stattdessen zunehmend als eigenständige Kunstform Beachtung. Statt die sichtbare Realität abzubilden, kann sie Gedanken Ausdruck verleihen, neue Welten erfinden und dabei auch andere Medien mit einschließen. Pauline Kraneis, eine der zwanzig beteiligten Künstlerinnen und Künstler, vertiefte dies anhand eigener Arbeiten, die aus der Spannung von Fläche und Raum, Imagination und Realität, privater und öffentlicher Sphäre leben. Wie der Moderator Ding Yalei feststellte: "Die Werke von Frau Kraneis sind höchst eigenartig und sie geben uns nicht nur unvergessliche und neue visuelle Erfahrungen, sondern auch viele Anregungen."

Zhou Yiqing sieht keinen prinzipiellen Unterschied zwischen der europäischen und der chinesischen Auffassung von Zeichnung. Allerdings setzt er sich sehr stark für eine Öffnung des Kunstunterrichts ein. Studienanfänger hätten zu geringe kunsthistorische Vorkenntnisse, die Kunstpädagogik sei gefragt, ästhetisches Bewusstsein zu wecken. Gu Chengfeng glaubt umgekehrt, dass die Auffassung deutscher Künstler "vom Verständnis des in China verbreiteten Zeichnungskonzepts weit entfernt sei", wie Chen Rui schreibt. Gu betrachtet die von Adolphs und Kraneis vorgestellten Arbeiten eher als eigenständige Kunstform. Er macht einen kategoriellen Unterschied zwischen Zeichnung und Werk. Dagegen wandte sich Mao Yin. "Die direkten, polemischen Worte von Prof. Mao", so Chen, "erregten das Publikum, obwohl er in China für seine scharfe Kritik und seine Unbefangenheit bekannt ist. Er vertrat die Meinung, dass Zeichnung die reinste, die schlichteste Kunstform in der bildenden Kunst sei."

Was das Publikum, insbesondere die Studierenden bewegte, geht aus Chens abschließenden Bemerkungen hervor: "Auf Prof. Maos offene Kritik am Lehrplan für Zeichnen in chinesischen Kunsthochschulen reagierte das Publikum, besonders die Studenten, mit lang anhaltendem Beifall. Tatsächlich lernt man Zeichnung in China immer noch ausschließlich durch genaues und fleißiges Abbilden von traditionellen Klassikern. Der zweistündige Zeitrahmen der Veranstaltung konnte den Diskussionsbedarf seitens des Publikums nicht decken. Es überraschte nicht, dass vor allem die von den zwei deutschen Gästen vorgestellten neuen Konzepte der Zeichnung Interesse weckten. Dies zeigt, dass die chinesischen Kunststudenten der eintönigen und wiederholten Zeichenübungen überdrüssig sind und sich nach neuen Ideen im Unterricht und nach neuen Konzepten der Zeichnung sehnen."