Migration und kulturelle Integration in Europa

Konferenz
11.12.2013 | Brüssel

Integration – eine Chance für Europa

Von William Billows

Für Europa kommt es heute nicht nur darauf an, eine gemeinsame Antwort auf die Flüchtlingsproblematik an seinen südlichen Küsten zu finden, sondern auch eine Antwort auf die Integrationsproblematik in etlichen Ländern der EU. "Im sozialen Prozess der Integration kommt der Kultur eine bedeutende Rolle zu", konstatierte der Generalsekretär des ifa, Ronald Grätz, auf der Konferenz "Migration und kulturelle Integration in Europa", die am 11. Dezember 2013 in Brüssel stattfand. Europa sei schon immer ein Ort der Migration gewesen und die alternde Bevölkerung des Kontinents mache die Aufnahme von jungen Migranten heute wichtiger denn je.

Diesen Aspekt betonte auch der amtierende EUNIC-Präsident Charles-Etienne Lagasse: Eine Million junge Migranten pro Jahr seien in Europa nötig, um ein zu großes zahlenmäßiges Ungleichgewicht zwischen den Generationen zu verhindern. Für viele ärmere Länder des Südens wiederum seien die finanziellen Transferleistungen der in Europa lebenden Migrantengruppen in ihre Heimatländer von großer wirtschaftlicher Bedeutung.

Marcel Berlinghoff, Experte des ifa-Forschungsprogramms "Kultur und Außenpolitik" plädierte für eine Ausweitung des Kulturbegriffs, indem er betonte: "Kultur ist nicht auf die klassischen Künste beschränkt." Gerade im Bildungssektor böten sich viele Möglichkeiten, die für die Integration von Migranten genutzt werden könnten.

Neutralität des liberalen Staates

Ein Paradox machte der Berner Soziologe Christian Joppke aus: Die kulturelle Integration sei wichtig, doch es liege in der Natur des liberalen Staates, Neutralität zu wahren und die Kultur der Neuankömmlinge zu respektieren. Ein liberaler Staat tue sich daher schwer, einen Weg für kulturelle Integration vorzugeben.

In etlichen Staaten Europas, etwa in Deutschland, Frankreich und Großbritannien, hätten sich die Regierungen de facto von der Idee des Multikulturalismus verabschiedet. Unterschiedlich seien jedoch die Integrationsstrategien in Europa. Während man in Deutschland auf Integrationskurse mit Schwerpunkt auf Deutschunterricht setze, versuche man in Großbritannien den meist schon englischsprechenden Migranten angewandte Kulturfähigkeiten zu vermitteln – wie man eine Banküberweisung tätigt oder an der Bushaltestelle ansteht. Ferner sei für Deutschland, Frankreich und Österreich das niederländische Modell beispielhaft gewesen: Ein Eingliederungsvertrag, der Migranten verpflichtet, einen Kurs für Landessprache und Gesellschaftskunde zu besuchen und eine Prüfung darüber abzulegen.

All dies kontrastiert stark mit der Praxis in den Vereinigten Staaten, wo Einwanderer vor allem durch einen flexiblen Arbeitsmarkt und eine informelle Gesellschaft integriert würden. Hinzu kämen wichtige Integrationseffekte durch die amerikanischen Medien und nicht zuletzt die Filmindustrie in Hollywood. Gänzlich fehlen würden in den USA spezifische Institutionen zur Integration von Migranten.

Dialog und positive Rollenmodelle

Integration durch Bildung: Immer wieder hoben die Konferenzteilnehmer die Relevanz eines umfassenden Bildungssystems und des Zugangs von Migranten zu Schulen und Universitäten hervor. In Österreich, wo elf Prozent der Bevölkerung, in Wien sogar ein Drittel, ausländischer Herkunft sind, würden Sprachkurse für Imame angeboten, so Martin Eichtinger vom Bundesministerium für Europäische und Internationale Angelegenheiten in Österreich. In den letzten Jahren habe man sich zudem für eine einfachere Anerkennung ausländischer Qualifikationen eingesetzt, Kurse und Beratungsstellen gefördert und Mentoringprogramme für Migranten ebenso ins Leben gerufen wie "Welcome Desks" für Neuzuwanderer sowie ein "Dialogforum Islam" und Journalistenpreise. Zudem sei ein spezielles Dialog-Vademecum herausgegeben und ein Zentrum für den religiösen Dialog geschaffen worden. Jüngst sei eine Roma-Konferenz in Paris abgehalten worden. "In Österreich ist der Dialog auch eines der Hauptziele der Außenpolitik", sagte Eichtinger.

Für ein Gelingen der Integration komme es vor allem auf das Verbreiten positiver Rollenmodelle an. Beispiele erfolgreicher Integration müssten durch die Medien transportiert werden. Skeptisch zeigte sich Eichtinger in der Frage, ob bei 28 Mitgliedsländern der EU ein gemeinsamer Ansatz zur kulturellen Integration möglich sei. Hier müsse man sich wohl eher auf den Austausch von Best Practices konzentrieren.

Kulturelle Integration als Aufgabe europäischer Kulturinstitute

Die Tagungsteilnehmer stimmten darin überein, dass da, wo Integrationspolitik ihre Grenzen habe, die nationalen Kulturinstitute und EUNIC ins Spiel kommen könnten, da Politik nicht alles leisten könne und es auch auf die Zivilgesellschaft ankomme. Eine der Herausforderungen für EUNIC sei es, hierzu ein Programm zu entwickeln. In manchen Weltregionen, wie etwa in Nordafrika, könnte EUNIC eine wichtige Plattform sein, um
praktische Hilfe für künftige Migranten zu leisten, forderte Sarah Cooke O’Dowd, politische Analystin bei der Migration Policy Group, einer unabhängigen europäischen Non-Profit-Organisation, die sich mit Strategien zu Gleichheit und Mobilität beschäftigt. Sie könnten verstärkt als erste Anlaufstelle für Migranten dienen und ihnen eine Stimme geben. Ihre wichtige Rolle beim Spracherwerb könnte ausgebaut werden. Sie könnten helfen, Informationsdefizite abzubauen, indem sie über Europa, seine Vielfalt und seine Werte sowie die hiesige Lebensrealität informieren, bevor sich Migranten auf den Weg machen.

In Europa, so der Tenor der Tagung, sind Museen und Kultureinrichtungen gefordert, ihre Programme auch auf Migranten auszurichten und deren kulturelle Identitätsbildung zu fördern. Migration werde zunehmen und multiple Identitäten seien zusehends eine Realität, die auch Vorteile biete. Es sei damit auch Aufgabe von EUNIC mit seinem weltweiten Netzwerk für die europäische Vielfalt einzustehen, zu werben und Brücken nach Europa zu schlagen, um die Integration in die Aufnahmegesellschaften zu erleichtern.

ifa-Edition Kultur und Außenpolitik

Berlinghoff, Marcel: Migration and Cultural Integration in Europe. –

Berlinghoff, Marcel: Migration and Cultural Integration in Europe. Conference Report, Brussels, 11 December 2013. – Stuttgart: Inst. for Foreign Cultural Relations, 2014. – 26 S. (ifa Edition Culture and Foreign Policy)