Adelheid Feilcke, Deutsche Welle (DW); Jon Worth , Blogger (jonworth.eu) und Berater u.a. für EU-Institutionen; Walter Palmetshofer, Netzaktivist und Ökonom; Diana Keppler, ifa-Expertin, Forschungsprogramm "Kultur und Außenpolitik" des ifa; © ifa/Zoll

Grenzenloses Web – grenzenlose Kommunikation?

Podiumsdiskussion auf der Frankfurter Buchmesse
15.10.2015 | Frankfurt/M.

Grenzenloses Web – grenzenlose Kommunikation?

Von Dorothea Grassmann

Twitter, Facebook und Co. sind viel genutzte Kommunikationswerkzeuge außen(kultur)politischer Akteure: Jeder EU-Parlamentarier besitzt einen Twitter-Account, nahezu jede Botschaft hat eine Facebookseite, um mit ihren Zielgruppen in direkten Kontakt zu treten.Gelingt ihnen ein "echter" Dialog im Netz jenseits von Likes? Welche Faktoren sind hierfür entscheidend?

Diese Fragen diskutierten Jon Worth, Blogger und Berater von EU-Institutionen, Diana Keppler, Expertin des ifa-Forschungsprogramms und Walter Palmetshofer, Netzaktivist und Ökonom mit Adelheid Feilcke, Deutsche Welle. Die Podiumsdiskussion von ifa und Deutsche Welle fand am 15. Oktober 2015 beim Weltempfang der Buchmesse statt.

Gesicht zeigen – Ohne Authentizität keine Glaubwürdigkeit

"Die überwiegende Mehrzahl der Twitter Accounts von EU-Parlamentariern ist uninteressant, weil lediglich PR-Botschaften ins Netz gespielt werden. An einem Dialog mit dem Bürger ist hier niemand interessiert", urteilt Jon Worth. Es fehle an authentischer Kommunikation. Eine der wenigen positiven Ausnahmen sei die EU-Parlamentariern Marietje Schaake. "Sie vertritt starke Meinungen zum Beispiel zur Türkei und Iran im Netz". Authentizität hält auch ifa-Expertin Diana Keppler für einen wichtigen Schlüssel für erfolgreiche Social-Media Nutzung. Sie empfiehlt Institutionen die Social Media Kompetenz zu dezentralisieren. "Das Wissen darf nicht nur in den Kommunikationsabteilungen liegen", so Keppler. Jon Worth ergänzt, dass es für Institutionen sinnvoll sei, dass neben der Institution auch der Direktor des Instituts einen personalisierten Twitter Account pflege. "Der Bürger möchte ein Gesicht sehen, dass verantwortlich ist", so Worth. Das britische Außenministerium habe hier eine Vorreiterrolle. Darüber hinaus rät Diana Keppler Institutionen auf die Fokussierung von Kernthemen. "So gelingt es, sich bei den Followern als Experte auf einem bestimmten Gebiet zu etablieren und sichtbar zu sein", erklärt Keppler.

Offene Kommunikation wagen

Im Gegensatz zu England und Frankreich sind lebendige politische Debatten in Deutschland im Netz eher selten. Diana Keppler führt das auf die Tatsache zurück, dass die Social Media Nutzung in Deutschland später angefangen habe. Zudem seien Deutsche im Umgang mit diesen Medien sehr viel vorsichtiger als zum Beispiel US-Amerikaner. Der Sicherheitsgedanke, schließlich bleibe alles im Netz sobald es online ist, stünde hier im Vordergrund.Um Partizipation zu erreichen, müssen die Akteure eine offene Kommunikation wagen. "Fakten müssen offen gelegt werden, denn ein Dialog mit den Bürgern auf Augenhöhe kann nur stattfinden, wenn jeder die gleiche Ausgangslage hat", betont Walter Palmetshofer. "Debatten im Netz müssen zugelassen werden, auch wenn es weh tut. Die Akteure müssen aus ihrer eigenen Twitterblase herauskommen, um die Meinungen der Straße zu sehen". Das bedeute, dass man auch wisse, was extreme Gruppierungen twittern oder auf ihrer Facebook-Pinnwand posten.

Partizipation im Netz erfordert Media-Literacy

Institutionen schrecken vor offener Kommunikation und der Zulassung von Debatten oft zurück, weil sie einen "Shitstorm" fürchten. "Das Problem hier ist", so Palmetshofer, "dass wir in Sachen Media-Literacy in den 1990er Jahren sind im Vergleich zu anderen Ländern". Viele Bürger kennen nur die Kommentarfunktionen traditioneller Medien im Netz. "Hier kommt es zu Frustrationen, weil Kommentare nicht freigeschaltet werden. Dass es sich um privatwirtschaftliche Firmen handelt und der Kommentarbereich moderiert wird, ist vielen nicht bewusst", so Palmetshofer. Bürger müssen wissen, dass es zahlreiche weitere Möglichkeiten gibt, zu partizipieren. Jon Worth nennt als Beispiel die Möglichkeiten eines Blogs: "Ich war genervt davon, wie europäische Fragen in England diskutiert wurden. So habe ich 2005 meinen Blog ins Leben gerufen."

Die Medienkompetenz zu stärken auch bei den "Digital Natives", ehrliche Kommunikation und Mut zu (politischen) Debatten im Netz, sind die einhelligen Empfehlungen von Jon Worth, Diana Keppler und Walter Palmetshofer: Nur so wird Vielfalt im Netz gestärkt und damit echte Partizipation geschaffen.