Bundesaußenminister Sigmar Gabriel hielt die Laudatio auf die Preisträgerin Königin Silvia von Schweden. Foto: © Wolfgang Borrs

Rede von Außenminister Sigmar Gabriel anlässlich der Verleihung des Theodor-Wanner-Preises an Königin Silvia von Schweden

Sehr geehrter Herr Dr. Graf zu Dohna,
lieber Herr Grätz,
Exzellenzen,
sehr verehrte Damen und Herren,
liebe Gäste,
aber vor allem: Majestät! Verehrte Königin Silvia!

Wir alle fühlen uns sehr geehrt, dass Sie heute Abend bei uns sind!

Und wir freuen uns sehr, dass Sie die Trägerin des diesjährigen Theodor-Wanner-Preises sind, denn wie wenige andere stehen Sie für Weltoffenheit, für Verständigung und für Mitgefühl.

Ich fühle mich persönlich sehr geehrt, dass ich die Laudatio halten darf. Das hat gleich mehrere Gründe:

Natürlich als Schirmherr des Theodor-Wanner-Preises und wie mir mein Ministerium aufgetragen hat zu sagen als größter Geldgeber des ifas.

Dann aber auch einen ganz persönlichen Grund: Ich bin Ihnen, Königin Silvia, mehrfach in meinem politischen Leben begegnet; im Jahr 2000 damals das erste Mal, als wir den Expo-Themenpark der Weltausstellung 2000 in Hannover gemeinsam besucht haben, und zwar unter Leitung von Martin Roth, der damals den Expo-Themenpark gemacht hat.

Aber, was Sie vermutlich nicht wissen, ist, dass Ihre Familie aus meinem Wahlkreis stammt. Genauer gesagt, Ihre Urgroßeltern kommen aus Leve, heute Gemeinde Liebenburg. Johann Friedrich Waldau war Bäckermeister. Das Haus steht heute noch. Dessen Tochter Erna hat 1887 den Kaufmann Sommerlath aus Hannover geheiratet.

Der dritte Grund ist, dass – gerade in diesen Tagen – in einer Ausstellung meiner Heimatstadt Goslar der Codex Caesareus Uppsaliensis ausgestellt wird. Das ist ein Evangeliar Heinrich des III., der vor 1000 Jahren geboren wurde. Das Evangeliar ist 1050 geschrieben worden. Heinrich der III. hat dieses Evangeliar anfertigen lassen. Heinrich der III. ist einer der Saalier-Kaiser, dessen Herz in meiner Heimatstadt begraben ist und dessen Körper in der Grablege in Speyer ist. Er ist der Vater des etwas weniger bekannten Heinrich, der nach Canossa gegangen ist. Dieses Evangeliar ist im Dreißigjährigen Krieg den Schweden zum Opfer gefallen. Anschließend ist es in Privatbesitz gelandet in Schweden und Ende des 18. Jahrhunderts an die Universität Uppsala gegeben worden. Diese hat dieses wunderschöne Evangeliar zum 1000jährigen Jubiläum des Geburtstags von Heinrich III. meiner Stadt geliehen, die es jetzt ausstellt. Wir sind Uppsala und Schweden sehr dankbar und keine Sorge: wir geben es zurück!

Also drei gute Gründe heute hier zu sein.

Ich finde wirklich bemerkenswert, was Sie in den letzten Jahren gerade im Bereich mit Kindern von sozialer Aufmerksamkeit geleistet haben und es gibt vermutlich in der Rolle als Königin einfachere, bequemere Wege, dem Amte nachzukommen.

Stattdessen haben Sie beschlossen, sich zu engagieren. Und zwar nicht irgendwie.
Sondern Sie kümmern sich gerade um die sensiblen, die schwierigen, die wichtigen Themen.

Sie haben sich entschieden, sich ganz besonders dem Schutz von Kindern zu widmen. Dem Schutz derer, die besonders gefährdet sind, durch Armut, durch Gewalt, durch Misshandlungen jeglicher Art. Sie haben sich entschieden, ein Tabu aufzubrechen, das eine Kernfrage einer jeden Gesellschaft berührt, nämlich:

Wie gut sorgen wir für die Jüngsten, für die oftmals Schwächsten, wie gut sorgen wir für unsere Kinder?

Dazu braucht man eine ganze Menge Energie und Optimismus. Man braucht ein ganz gutes Paket Rückhalt, um Leid und Elend verarbeiten zu können. Aber zuallererst braucht man dafür: Mut.

Mut, diese Themen offen anzusprechen, auch in einer Gesellschaft wie in Schweden, die zu Recht stolz ist auf ihr starkes Sozialsystem.

Mut, dennoch Schwachstellen und Schwierigkeiten anzusprechen.

Mut, sich als Königin nicht davor zu scheuen, auch politisch für das Wohl von Kindern zu kämpfen, auch denen gegenüber, denen dieses Wohl scheinbar oder tatsächlich gleichgültig ist.

Dass Sie gleichzeitig auch noch Astrid Lindgren als die beliebteste Schwedin abgelöst haben, zeigt, wie sehr auch dieser Mut geschätzt wird. Und nicht nur in Schweden!

Majestät,

Sie engagieren sich schon seit Jahrzehnten.

Und ich glaube, neben den konkreten Ergebnissen Ihrer praktischen Arbeit ist es vor allem die Haltung, mit der sie diese Aufgaben angehen, die für Viele so prägend ist.

Eine Haltung, die besagt, dass Menschlichkeit nicht an Grenzen haltmacht.

Eine Haltung, die das Verbindende von Kulturen sucht und nicht zunächst das Trennende herausstellt.

Eine Haltung, die mutig Themen und Probleme anpackt, und sich nicht in den geschützten, gemütlichen Raum zurückzieht.

Dafür stehen Sie.

Diese Haltung ist dabei heute wichtiger denn je, hier bei uns in Europa, und gerade auch hier in Deutschland.

Denn ich glaube wir alle spüren, dass diese Haltung, diese Überzeugungen, die viele von uns teilen, verteidigt werden müssen – gegen Zweifel. Und manchmal auch gegen Anfeindungen.

Denn nationaler Egoismus taugt nicht als Ordnungsmodell für unsere Welt.

Genauso wenig, wie rückwärtsgewandte Engstirnigkeit Antworten für die Probleme unserer Gesellschaften bereithält.

Sie, verehrte Königin Silvia, zeigen, wie es anders gehen kann.

Sie leben vor, wie es gelingen kann, als höchste Repräsentantin eines Landes eben nicht das Enge, das Nationale zu betonen. Sondern der Engstirnigkeit Weltoffenheit und Menschlichkeit entgegenzusetzen, die nach Innen in unsere Gesellschaften hinein wirkt und nach Außen Verbindung zwischen Gesellschaften und Kulturen schafft, zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft.

Meine Damen und Herren,

dass Königin Silvia das so gut gelingt, liegt vielleicht auch darin begründet, dass in ihrer eigenen Biographie die Grenzen von Innen und Außen zu verschwimmen scheinen.

Denn sie ist geprägt durch das eigene Wandeln zwischen ganz unterschiedlichen Kulturen.

Sprachlich ohnehin, aber eben weit darüber hinaus.

Um es mit Ihren eigenen Worten zu sagen:

Sie haben ein "brasilianisches Herz, einen deutschen Kopf und eine schwedische Seele". Tolle Mischung!

Das bringt, wie ich finde, auf wunderbare Art und Weise auf den Punkt, was passieren kann, wenn man sich wirklich auf andere Kulturen einlässt, sie in sich aufnimmt, wenn man neugierig ist auf das Andere.

Übrigens: Das "brasilianische Herz" hat natürlich etwas mit Ihrer brasilianischen Mutter zu tun, aber, so vermute ich, auch mit Ihrer Jugendzeit in Brasilien.

Dort waren Sie Schülerin der Deutschen Schule in São Paolo, mittlerweile eine der größten Deutschen Schulen im Ausland.

Majestät, sehr geehrte Damen und Herren,

gestatten Sie mir an dieser Stelle daher eine kurze Zwischenbemerkung.

Wenn wir heute darauf setzen, dass Deutsche Schulen im Ausland zu kulturellen Brückenbauern werden; wenn wir insgesamt in unserer Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik darauf setzen, Freiräume zu schaffen, für Austausch, für Öffnung über Grenzen hinweg, dann gehört auch zur ganzen Wahrheit: das war nicht immer so.

Ich glaube, angesichts des 100-jährigen Geburtstags des Instituts für Auslandsbeziehungen in diesem Jahr, kann man daran durchaus erinnern:

Das Institut ist einmal auch mit dem Gedanken gegründet worden, im Ausland das "Deutschtum" zu stärken.

Ich glaube, es hilft manchmal sich zu vergegenwärtigen, vor welchem Hintergrund eigener historischer Erfahrung wir unsere heutige Kulturpolitik betreiben.

Welch‘ ein radikaler Wandel bei uns notwendig war, um von der Idee der Stärkung des sogenannten "Deutschtums" zum diesjährigen ifa-Motto – zu den "Kulturen des Wir" zu kommen.

Und weil das so ist, plädiere ich dafür, dass wir diesen Erfahrungsschatz auch in unsere Kulturarbeit im Inland und Ausland einfließen lassen – und ich finde, wir dürfen nicht weniger davon wagen in den nächsten Jahren, sondern eher mehr. Und es könnte übrigens ein besonderes deutsches Angebot für Frieden und Versöhnung in der Welt sein. Wir sind nur deswegen ein geachtetes Mitglied der europäischen Gemeinschaft geworden, weil andere kurz nach dem Zweiten Weltkrieg den Mut hatten, ausgerechnet uns einzuladen, an den Tisch der zivilisierten Völker der Welt zurückzukehren. Warum taten sie das? Es muss ziemlich mutig gewesen sein, denn ich glaube nicht, dass die Bürgerinnen und Bürger Belgiens, Luxemburgs, Italiens, Frankreichs, der Niederlande so richtig gejubelt haben vor Begeisterung, als ihre Staatsmänner und Staatsfrauen gesagt haben: "Wir werden jetzt die Deutschen einladen, die gerade erst brandschatzend durch unsere Länder gezogen sind."

Das zeigt, dass es gelingen kann, dass aus Feinden Partner, und sogar Freunde werden. Das ist eine besondere Erfahrung. Wir haben es dem Mut der damaligen Feinde zu verdanken, uns zu Partnern und Freunden zu machen. Dieses Angebot können wir jetzt an die Welt machen: nichts ist unmöglich. Selbst nach den Verheerungen des Zweiten Weltkriegs ist es gelungen, in Europa Freundschaften zu schließen. Hierin liegt vielleicht das Besondere unserer Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik. Aber ich will, dass wir dies mit einem bewussteren Verständnis dafür tun, wieviel Umdenken erforderlich ist, bis sich geschlossene nationale Räume und Narrative öffnen.

Majestät,

Sie stehen mit Ihrer ganzen Persönlichkeit für dieses Verbindende zwischen Ländern und Kulturen.

Sie machen es sich nicht einfach. Sondern – Sie steigen in ganz konkrete Projektarbeit ein. Seit 1999 fördert Ihre World Childhood Foundation mittlerweile mehr als 100 Projekte in 17 Ländern – von Estland bis nach Brasilien.

Nur zur Illustration: Mithilfe dieser Stiftung fördern Sie bereits seit 2007 Integrationsprojekte, auch in Deutschland - Sie waren Ihrer Zeit voraus.

Zahlreiche aktuelle Projekte leisten Hilfe für traumatisierte, unbegleitete Flüchtlingskinder.

In Würzburg berät der Verein "Wildwasser e.V." geflüchtete Familien bei administrativen Schritten. Und die Initiative "2WeltenMeister" bietet Kindern und Jugendlichen mit Flüchtlingshintergrund psychosoziale Unterstützung.

Diese wenigen Beispiele zeigen, wie in Ihrem Engagement die Grenzen zwischen Innen und Außen überquert werden, es nicht darum geht, wo jemand herkommt, oder in welchem Land die Hilfe gebraucht wird, sondern dass es um den Menschen selbst geht. Es geht Ihnen um die Menschlichkeit, die allen Kindern, und ich füge hinzu, möglichst auch allen Erwachsenen zuteilwerden soll.

Ihr Engagement insgesamt ist von dieser Menschlichkeit geleitet. Nicht von Gedanken der Abgrenzen und Ausgrenzung.

Auch deshalb initiierten Sie eine Stiftung zur Förderung des Behindertensports und eine weitere, die sich international gegen den Drogenmissbrauch einsetzt.

Die von Ihnen geleitete "Silvia Home Foundation" fördert die Forschung, Ausbildung und Pflege auf dem Gebiet der Demenz-Erkrankungen.

Der "Queen Silvia Jubilee Fund" hat das Ziel, die Lebensbedingungen behinderter Kinder zu verbessern.

Mit diesem breiten Engagement wirken Sie direkt in unsere Gesellschaften hinein.

Mit Ihrem ganz persönliche Engagement übernehmen Sie Verantwortung.

Mit Ihrem Einsatz knüpfen Sie an, an eine Tradition anderer großer Persönlichkeiten, die das Bild von Schweden in der Welt mitgeprägt haben. Ich möchte nur eine nennen.

Letzte Woche war ich in New York bei der Generalversammlung der Vereinten Nationen.

Und wenn man dann zu Fuß von der Deutschen Botschaft zum Gebäude der Vereinten Nationen geht, dann läuft man über einen kleinen Platz, den Dag-Hammarskjöld-Platz. Dag Hammarskjöld war Schwede und Generalsekretär der Vereinten Nationen. Ich habe am Wochenende dann etwas mehr über ihn gelesen – es war ja ein ereignisloses Wochenende...

Er war ein Weltbürger, der mit unerschütterlichem Mut für den Frieden gearbeitet hat. Einem Generalsekretär der Vereinten Nationen hat damals niemand etwas zugetraut. Doch mitten im Kalten Krieg, aus dem neutralen Schweden kommend, hat er allein durch seine Persönlichkeit und sein Engagement die schwerfälligen Vereinten Nationen dorthin bugsiert, wo sie gebraucht wurden, nämlich zu den Krisenherden dieser Welt.

Ich sehe bei ihm eine Grundhaltung, die ich auch bei Königin Silvia zu erkennen glaube:

Es kommt nicht darauf an, welches Amt, welche Position man innehat. Das allein bedeutet noch nicht viel. Sondern es kommt einzig und allein darauf an, wie man die Möglichkeiten dieser Position dann auch nutzt.

Sehr verehrte Damen und Herren,

Schweden kann froh und stolz sein, in Königin Silvia eine Persönlichkeit zu haben, die diese Position mit so viel Energie, Menschlichkeit und Mut füllt.

Zahllose Menschen in der Welt können dankbar sein, dass sie in Königin Silvia eine so engagierte Kämpferin für ihre Recht haben.

Und wir alle heute Abend dürfen uns glücklich schätzen und freuen uns gemeinsam mit Ihnen, dass Sie es sich eben nicht einfach gemacht haben sondern es auch weiterhin schwer machen wollen beim Erreichen Ihrer persönlichen Ziele für andere Menschen.

Ich gratuliere Ihnen sehr herzlich zum Theodor-Wanner-Preis 2017, der den schönen Namen trägt "für Frieden, Freiheit und Menschenrechte".

Herzlichen Glückwunsch!

Vielen Dank.