Foto: Königin Silvia von Schweden © Wolfgang Borrs

Dankesrede der Preisträgerin Königin Silvia von Schweden

Herr Bundesaußenminister,
Exzellenzen,
Meine Damen und Herren!

Lassen Sie mich zunächst Ihnen, Herrn Bundesaußenminister Gabriel, für Ihre freundlichen Worte meinen herzlichen Dank sagen.

Es ist eine große Ehre für mich hier zu sein und diesen renommierten Preis entgegenzunehmen.

Ich freue mich - und ich bin stolz. Der Theodor- Wanner-Preis, gestiftet von der Dr. Linder Stiftung, ist eine wichtige Anerkennung - nicht nur für meine eigenen Anstrengungen- , sondern auch für die harte und zielgerichtete Arbeit vieler engagierter Menschen.

Ihnen, lieber Herr Dr. Linder, meinen herzlichen Dank dafür.

Es wird in unserer Gesellschaft immer Gruppen geben, die verletzlicher sind als andere: die ganz Jungen, die ganz Alten, die Kranken und die Menschen mit Behinderung.

An einem Punkt im Leben wird jeder von uns einer solchen Gruppe angehören.

Dank meiner Funktion, habe ich die Möglichkeit, die Aufmerksamkeit auf verschiedene Fragen zu richten und für jene zu sprechen, deren Stimmen oft ungehört bleiben.

Die von mir ins Leben gerufenen Initiativen und angestoßenen Dialoge, sind Antworten auf Fragen, denen ich täglich begegne:

Was müssen wir tun, dass Kinder nicht mehr Opfer oder Zeugen von Gewalt, Vernachlässigung und Ausbeutung werden und wie können wir ihnen helfen, wenn es doch geschehen ist?

Wie können wir Jugendliche unterstützen, ihre eigenen Stärken zu entwickeln, ihre Hoffnung an die Zukunft nicht zu verlieren und starke, eigenständige und selbstbewusste Menschen zu werden?

Diesen Aufgaben widmet sich die Mentor Stiftung, die ich 1994 gegründet habe. Sie ist heute eine internationale Organisation, die weltweit an der Prävention von Drogenmissbrauch arbeitet. Mit Zweigstellen in Deutschland, Lettland, Litauen, Schweden, Großbritannien, den USA und 22 Ländern der Arabischen Liga bietet Mentor evidenzbasierte Programme, die die Gesundheit und das Wohlbefinden junger Menschen fördern.

Forschungen haben gezeigt, dass Beziehungen zu Erwachsenen der Schlüsselfaktor sind, um negativen Verhalten unter jungen Menschen vorzubeugen. Eltern sind natürlich die wichtigsten Vorbilder. Aber auch andere Erwachsene können wichtig sein. Es kann für einen Teenager einfacher sein mit einem Erwachsenen zu sprechen -und ihm zuzuhören,- der weder Vater noch Mutter ist.

Mentor arbeitet mit auf Eltern ausgerichteten Aktivitäten und unterstützt damit Erwachsene in ihrer Rolle als Eltern.

Mentor bietet auch Mentoringprogramme an, bei denen ehrenamtlich arbeitende und von Mentor ausgebildete Erwachsene die Aufgabe übernehmen, Hilfe zur Selbsthilfe zu geben, zu inspirieren und zu motivieren. Ziel aller Programme von Mentor ist, Kindern und jungen Menschen ein Selbstwertgefühl zu geben, Gewalt und Drogen zu widerstehen, an sich selbst zu glauben und im Leben positive und richtige Entscheidungen zu treffen.

1996 war Stockholm Gastgeber des Ersten Weltkongresses gegen sexuelle Ausbeutung von Kindern. Ich hatte die große Ehre, Schirmherrin dieses Kongresses zu sein, an dem 122 Regierungen teilgenommen haben. Viele empfinden es als unangenehm über dieses Thema zu sprechen.

Aber, die Wahrheit ist, dass Schweigen nichts ändern wird. Wir können unsere Augen vor dem Missbrauch von Kindern nicht verschließen. Wenn die Rechte eines Kindes verletzt werden, können und dürfen wir nicht wegschauen!

Diese Kinder müssen gesehen werden und ihnen muss eine Stimme gegeben werden!

Die Stockholmkonferenz 1996 wurde für mich zu einem Startpunkt. Mit Hilfe und Großzügigkeit engagierter co-founder - u.a. von Daimler Chrysler und SAP- wurde 1999 die World Childhood Foundation gegründet. Heute ist Childhood auf der ganzen Welt tätig, um Missbrauch und Ausbeutung von Kindern vorzubeugen.

Zurzeit geht es in unserer Arbeit in Deutschland hauptsächlich darum, Kinder auf der Flucht zu unterstützen und das Bewusstsein über die Sicherheit von Kindern im Internet zu erhöhen.

Die Arbeit mit Childhood hat mir zudem die Augen für die beeindruckende Kraft der Unternehmenswelt geöffnet, wenn diese ihre besondere Verantwortung gegenüber gefährdeten und vernachlässigten Kinder ernst nimmt.

Im Jahr 2009 haben seine Majestät der König und ich das Global Child Forum gegründet: eine Diskussionsplattform für Führungskräfte aus der Wirtschaft, der Medien, der bürgerlichen Gesellschaft, der Regierungen und Hochschulen über die Frage, wie man das Bewusstsein für die Rechte von Kindern unterstützten und voranbringen kann.

Bis heute wurden über tausend Projekte für eine sichere Kindheit, frei von sexuellem Missbrauch und Gewalt, auf der ganzen Welt von der World Childhood Stiftung unterstützt.

Und zu meiner großen Freude teile ich dieses Engagement mit meiner jüngsten Tochter, Prinzessin Madeleine.

Und immer geht es um den Dialog, um das einander Zuhören, das Wahrnehmen und die Öffnung für den anderen Menschen und seine Bedürfnisse.

Als meine Mutter an Demenz erkrankte, fragte ich mich, was kann ich tun, damit älter werdende Menschen, die von Demenz betroffen sind, ein würdiges und sicheres Leben führen können?

Ich weiß, wie schwer es ist, welche Kraft, welche Geduld es fordert , eine Person mit Demenz zu pflegen ohne die eigene Unruhe und Sorgen zu zeigen!

Zusammen mit Frau Professor Barbro Beck-Friis, unser Demenzexperten, mit Sofiahemmets Hochschule und Karolinska Institut in Stockholm, haben wir zweijährige on-line Kurse für die Behandlung von Demenz ausgearbeitet.

1996 haben wir Silviahemmet gegründet - eine gemeinnützige Stiftung zur Verbesserung der Lebensqualität von Menschen, die von Demenz betroffen sind, und deren Familien.

Bis heute hat die Stiftung über 800 Krankenschwestern und Krankenpflegehelfer, über 20 Ärzte und beinahe 60 Pflegeheime und Krankenstationen in Demenz geschult und zertifiziert. Die Schulungsprogramme von Silviahemmet werden auch in anderen Ländern, so auch hier in Deutschland durchgeführt.

Silviahemmet betreibt in Stockholm eine Tagespflegeeinrichtung für Senioren, aber auch für junge Menschen, die von Demenz/Alzheimer- betroffen sind. Gleich neben der Tagespflegeeinrichtung findet eine weiter spannende Entwicklung statt:

Silvia-Bo ist ein Pilotprojekt, das Ehepaare, - bei denen eine Person an Demenz leidet-, eine an diese Krankheit angepasste, mit allen notwendigen Hilfsmittel ausgestattete, aber doch erschwingliche Wohnung bietet.

Eine Wohnung, die geschmackvoll und gemütlich eingerichtet ist, in der Beide sich wohl fühlen können.

Wir hoffen es Ehepaaren damit zu ermöglichen, trotz der Krankheit, weiterhin zusammen leben zu können.

Und welche Kompetenzen brauchen pflegende Angehörige oder professionelle Pflegekräfte?

In Schweden gehen wir mit dem "Silviahemmet" neue Wege genauso wie in Deutschland u.a. in Zusammenarbeit mit dem Malteserorden und der St Clara Stiftung.

In den zwei Jahrzehnten, die seit der Gründung von Silviahemmet vergangen sind, ist die Lebenserwartung weltweit gestiegen. Die Anzahl der Menschen, die von Demenz und anderen altersbedingten Krankheiten betroffen sind, steigt rasant. Der Bedarf an Demenzpflege von hoher Qualität ist deshalb größer denn je, und es besteht großes Interesse aus dem Ausland an diesem einzigartigen Pflegekonzept von Silviahemmet.

Ich bin stolz über die Errungenschaften, die die Stiftung Silviahemmet bislang geleistet hat, um die Lebensqualität von Menschen, die von Demenz betroffen sind, und deren Familien zu verbessern. Ich freue mich auch sehr auf diese Weiterentwicklung.

Und für mich persönlich ist Silviahemmet ein wundervolles Beispiel dafür, wie die schwierigsten Erlebnisse im eigenen Leben manchmal, zu etwas besonders Positivem führen.

Wir alle haben eine Verantwortung, unsere Kinder und unsere älteren Menschen zu schützen, für ihre Rechte einzutreten und ihnen die bestmöglichen Lebensbedingungen zu bieten, und ich denke , wir sollten jede Gelegenheit ergreifen, um diejenigen zu ermutigen, die sich dieser wichtigen Fragen annehmen.

Initiativen ins Leben zu rufen, einen Dialog zu beginnen, Anstöße zu geben, den Ball ins Rollen zu bringen, ist manchmal langwierig, manchmal unbequem, aber immer lohnenswert.

Manchmal braucht es nur einen kleinen Impuls, eine Idee, den Mut Dinge anders und neu zu betrachten.

Das ist es, was in vielen Projekten das Leben der Mittmenschen schöner und lebenswerter macht.

Deshalb habe ich beschlossen, das Preisgeld des Theodor-Wanner Preises an den Deutschen Hilfsverein, Sociedade Beneficiente Alemä, in Sao Paulo, Brasilien, weiter zu leiten.

Der Verein bietet Pflege, qualifizierte Betreuung und Lebensqualität für ältere Menschen mit kognitiver Abhängigkeit, sowie ein Bildungsprogramm für rund 300 Kinder und junge Menschen in einem Elendsviertel von Sao Paulo. Hierzu wird Ihnen Herr Dr Linder sicher noch etwas erzählen.

Meine Damen und Herren! Der jetzt heilige Johannes Paulus II hat einmal gesagt:

"Eine Gesellschaft wird danach beurteilt werden, wie sie mit ihren schwächsten Mitgliedern umgeht!"

Ich danke Ihnen nochmals für diesen ehrenvollen Preis!