Theodor-Wanner-Preis 2014, Foto: Wolfgang Borrs
Theodor-Wanner-Preis 2014, Foto: Wolfgang Borrs

"Dieses Raumschiff braucht einen Kurswechsel"

Das hohe Alter sieht man ihm an, doch noch immer sind seine Gedanken und Worte so scharf wie eine Klinge: Der nicaraguanische Dichter, Theologe und Freiheitskämpfer Ernesto Cardenal wurde im Allianz Forum in Berlin mit dem Theodor-Wanner-Preis des ifa für sein kulturelles und soziales Lebenswerk ausgezeichnet.

Bericht von Dominic Konrad

Theodor-Wanner-Preis 2014; Foto: Wolfgang Borrs
Theodor-Wanner-Preis 2014
Foto: Wolfgang Borrs
Lutz Kliche, Preisträger Ernesto Cardenal, Bundestagspräsident Prof. Dr. Norbert Lammert; Foto: Wolfgang Borrs
Lutz Kliche, Preisträger Ernesto Cardenal,
Bundestagspräsident Norbert Lammert
Foto: Wolfgang Borrs

Weißes Leinenhemd, Jeans und Schlappen, die wallende weiße Mähne findet unter der schwarzen Baskenmütze Halt, die Augen verraten Wissen, Humor, Entschlossenheit und Kampfbereitschaft. Mit seinen 89 Jahren ist der Dichter, Theologe und Politaktivist Ernesto Cardenal noch immer ein ebenso streitbarer wie eloquenter Kämpfer für die Rechte der Armen, für einen weltoffenen Katholizismus und für seine Heimat Nicaragua. Sein lebenslanges Engagement für Freiheit, Frieden, Kultur und eine gerechtere Gesellschaft honorierte das ifa (Institut für Auslandsbeziehungen) nun mit dem Theodor-Wanner-Preis 2014.

Zur Preisverleihung am 25. Juni 2014 reiste Cardenal von Nicaragua nach Berlin. Im blau erleuchteten Atrium des Allianz Forums am Brandenburger Tor fanden sich rund 400 Besucher ein, unter ihnen hochrangige Vertreter von Politik, Diplomatie und Medien wie Bundestagspräsident a. D. Wolfgang Thierse,  Bundestagsvizepräsident a. D. Hermann Otto Solms und Publizist und Lateinamerikaexperte Peter B. Schumann.

ifa-Präsidentin Ursula Seiler-Albring; Foto: Wolfgang Borrs
ifa-Präsidentin Ursula Seiler-Albring
Foto: Wolfgang Borrs

ifa-Präsidentin Ursula Seiler-Albring begrüßte den Preisträger als "Symbolfigur für den leidenschaftlichen und mutigen Kampf gegen Unrecht und Elend" und "Anwalt der Schwachen und Unterdrückten". Es brauche immer wieder Menschen, die mit leidenschaftlicher Konsequenz gegen Unrecht angehen und auf Missstände aufmerksam machen, auch wenn es noch so schwierig sei, so Seiler-Albring – Menschen wie Ernesto Cardenal. Dass Theologie und Kultur auch in Politik und Wirtschaft etwas zu sagen hätten sehe man am Werk Cardenals, merkte  Volker Deville, Leiter des Allianz Forums Berlin, in seinem Grußwort an. Die schönen Künste seien schon immer nicht nur der Ästhetik, sondern auch dem Wirken in der Gesellschaft verpflichtet gewesen.

Laudator Prof. Dr. Norbert Lammert, Foto: Wolfgang Borrs
Laudator Norbert Lammert
Foto: Wolfgang Borrs

Dass der Theodor-Wanner-Preis nach fünf Jahren und mit vier renommierten Preisträgern mittlerweile eine "stabile Tradition" aufweise, hob Bundestagspräsident Norbert Lammert zu Beginn seiner Laudatio hervor. Ernesto Cardenal bekomme den Preis als Philosoph, Theologe, Schriftsteller und Revolutionär, "womit gewissermaßen mehrere virtuelle Planstellen gleichzeitig vergeben werden", so der Bundestagspräsident. In seiner Lobrede ließ Lammert den Lebensweg Cardenals Revue passieren: von der gescheiterten Aprilrevolution gegen Diktator Somoza García 1954 über das US-Exil und die urchristliche Kommune von Solentiname bis zur Übernahme des Amtes als Kulturminister und dem Bruch mit Präsident Ortega und der sandinistischen Partei. Auch wenn er als konservativer Politiker die politischen Überzeugungen des Kommunisten nicht teilen könne, so Lammert, dann doch seinen Glauben, "die Überzeugung, dass Religion nicht nur zu den Grundphänomenen menschlicher Gesellschaften gehört, sondern ganz offenkundig zu den vitalen menschlichen Bedürfnissen". Es zeichne Cardenal aus, dass er in seinem Denken weder in der Vergangenheit noch in der Gegenwart verhaftet sei, sondern sich mit der Zukunft beschäftige. Die bestehenden Verhältnisse messe er an den Möglichkeiten der Menschheit. Ernesto Cardenal habe immer wieder den Versuch unternommen, die Welt zu verbessern. "Das nötigt hohen Respekt ab und erklärt die Bewunderung, die er bei vielen im eigenen Land und weit darüber hinaus genießt", resümierte der Bundestagspräsident am Ende seiner Rede.

ifa-Generalsekretär Ronald Grätz übergibt den Theodor-Wanner-Preis an Ernesto Cardenal; Foto: Wolfgang Borrs
Theodor-Wanner-Preis 2014; Foto: Wolfgang Borrs
Preisübergabe durch Ronald Grätz
ifa-Generalsekretär
Fotos: Wolfgang Borrs

"Ich bin von weit hergekommen, weil ich um die Bedeutung dieses Preises weiß", begann Ernesto Cardenal seine Dankesrede, nachdem er den Theodor-Wanner-Preis 2014 von ifa-Generalsekretär Ronald Grätz entgegengenommen hatte. Kritische Worte fand der Dichter für die desolate Situation der Erde, sowohl in ökologischen als auch in gesellschaftlichen Fragen: "Unser Planet ist ein Raumschiff. Und dieses Raumschiff braucht einen Kurswechsel." Noch habe die Menschheit die Chance, einzulenken und die Welt zum Besseren zu verändern, doch nur dann, wenn endlich ein radikales Umdenken in der Gesellschaft stattfinde und die soziale Schere nicht weiter auseinandergehe. In den USA habe man die Erfahrung gemacht, dass die ärmsten Regionen und die Regionen mit der höchsten Umweltbelastung deckungsgleich seien. Ohne soziale Gerechtigkeit gebe es auch keine Chance für ausreichenden Umweltschutz, so Cardenal. Deshalb müssten die Freiheit und die Befreiung der Armen in der Welt absolute Priorität haben. Auch die Bibel gebiete dies: "Das Wort Evangelium ist ein griechisches Wort und es bedeutet 'gute Nachricht'", erklärte der ehemalige Priester. Den Terminus "Befreiung" halte er jedoch für einen Euphemismus. Er forderte eine Revolution der Armen, um die Welt gerechter zu machen. "Der Sinn, den ihm Jesus gab, war der einer guten Nachricht für die Armen, die Befreiungsnachricht. Und das ist dasselbe wie 'Revolution' zu sagen."

Rudi Zapf Quartett; Foto: Wolfgang Borrs
Rudi Zapf Quartett
Foto: Wolfgang Borrs
Foto: Wolfgang Borrs
Foto: Wolfgang Borrs

Um die Chancengleichheit der Armen in seiner Heimat Nicaragua weiter zu fördern, sprach Ernesto Cardenal das von der Alfred Ritter GmbH & Co. KG gestiftete Preisgeld in Höhe von 10.000 Euro zwei Hilfsorganisationen zu, die sich vor Ort engagieren: Pan y Arte und Solentiname. Heike Haftstein übergab den Scheck in Vertretung der Firmeninhaber Alfred T. Ritter und Marli Hoppe-Ritter an Henning Scherf, Bürgermeister Bremens a.D. und Vorstandsvorsitzender von Pan y Arte. Ernesto Cardenal verstehe Kultur als Lebensmittel, so Scherf: "Davon lebt eine Gesellschaft, davon lebt eine Person, wenn sie darüber verfügen kann, wenn sie darüber zu sich selber kommen kann und zu sich ja sagen kann." Pan y Arte fördert etwa durch das "Casa de los Tres Mundos" Musik- und Tanzprojekte und treibt mit einer fahrenden Bibliothek die Alphabetisierung in der nicaraguanischen Bevölkerung voran. Cardenals persönliche Stiftung Solentiname hilft den Bauern des Solentiname-Archipels, sich mit Kunsthandwerk eine solide Lebensgrundlage zu schaffen.

Die Preisverleihung endete mit der musikalischen Begleitung des Rudi Zapf Quartetts und Dankesworten des Vorsitzenden des ifa-Fördervereins Stephan Brübach. Auch 89-jährig hat Ernesto Cardenal den Kampf für Gerechtigkeit und Gleichheit in Nicaragua und in der ganzen Welt nicht aufgegeben.