Hochhäuser © Johannes Haile
Dame mit Kopftuch © Johannes Haile
Hochofen © Johannes Haile

Hochhäuser, High Heels und Hochöfen

Johannes Haile: Ein Leben für die Fotografie

Johannes Haile rahmte in Bilder, was die Menschen vor seiner Kamera empfanden: tiefes Vertrauen und Empathie. Seine Fotografien erlauben uns heute eine Reise in fast vergessene Erinnerungslandschaften: In den 1960er Jahren besuchte der äthiopische Fotograf die Bundesrepublik und hielt den Alltag vom industriellen Aufschwung in Bildern fest. Einen Teil dieser Aufnahmen hat die Anthropologin und Autorin Meskerem Assegued mit der Ausstellung "Mit anderen Augen" erstmals nach Deutschland gebracht. Im Interview spricht sie über ihre kuratorischen Entscheidungen und Hailes Leben mit und für die Fotografie.

Von Juliane Pfordte

ifa (Institut für Auslandsbeziehungen): 1962 wurde Johannes Haile von der Deutschen Botschaft in Addis Abeba beauftragt, das boomende Nachkriegsdeutschland zu porträtieren. Wie beschreiben Sie das Bild, das während seiner siebenwöchigen Reise entstand?

Meskerem Assegued: Johannes hielt die damaligen industriellen Aktivitäten fest, zum Beispiel die Arbeiter des Volkswagen-Werks in Wolfsburg oder in der Stahl- und Kohlestadt Oberhausen. Aber ihn bewegten immer eher die Geschichten der Menschen hinter den Maschinen. Er hat der Industrialisierung sozusagen ein menschliches Gesicht gegeben, indem er die persönlichen Geschichten der Menschen, die diesen Aufschwung ermöglichten, begleitete und fotografierte. Sehen sie sich nur das Bild des Schuhputzers in Berlin an! Wer käme auf die Idee, einen stolzen alten Schuhputzer auf der Straße inmitten einer aufblühenden Stadt abzulichten, die damals außerdem von den Spannungen durch den Mauerbau geprägt war?

Arbeiter; © Johannes Haile
Schuhputzer; © Johannes Haile
VW-Werk Wolfsburg; © Johannes Haile

ifa: Johannes Haile blickte hinter diese Aufregung. Seine Fotografien zeigen Frauen mit High Heels und Hochsteckfrisuren am Berliner Kurfürstendamm; oder ein ehrliches Lächeln, einen direkten Blick – seine Bilder erinnern an Henri Cartier-Bresson's Konzept vom entscheidenden Augenblick. Was macht seine Bilder für Sie besonders?

Assegued: Johannes hatte ein Auge und das Gespür für den richtigen Moment. Er wusste, wann der Auslöser zu drücken war. Seine Bilder sind nicht langweilig, sondern lebendig und künstlerisch. Jede einzelne Aufnahme ist wie ein komponiertes Gemälde, vor allem was Licht, Perspektive, das Nebeneinander von Motiven und Kontraste angeht. Kein einziges Bild wurde nachbearbeitet. Was all seine Bilder besonders macht, ist das tiefe Vertrauen, das der direkte Blickkontakt zwischen Sujet und Fotograf vermittelt. Ich habe versucht, ähnliche Bilder in Deutschland und an anderen Orten zu finden, aber seine Fotografien sind besonders.

ifa: Wie würden Sie den Titel der Ausstellung – "Mit anderen Augen" – erklären?

Assegued: Im Titel geht es um den Fotografen aus dem Ausland, der nach Deutschland kam, um das Land aus seiner Sicht zu fotografieren. Er mag etwas verwirren, da es in den Bildern gerade nicht um die Unterschiede zwischen Menschen, sondern um ihre Gemeinsamkeiten geht. Denn er verstand es, zu den Menschen, die er fotografierte, eine Verbindung aufzubauen – so als hätten sie sich schon lange vorher gekannt. Er porträtierte die Menschen in ihrer individuellen Einzigartigkeit, unabhängig von Hautfarbe, Kultur oder Herkunft. Möglicherweise fand er sich oft selbst in ihnen wieder, oder sah in ihnen Menschen, die er kannte.

ifa: Die Reise nach Deutschland war ein offizieller Auftrag. Wie unabhängig war er in der Auswahl der Orte, die er besuchte?

Assegued: Ihm wurde nicht vorgeschrieben, wie genau er den Auftrag umsetzen sollte. Aber seine Reise wurde von Inter Nationes geplant, einer Organisation, die 1951 zur Pflege des Deutschlandbildes im Ausland gegründet worden war. Sie stellten ihm Hotels, Transportmöglichkeiten und einen Assistenten zur Verfügung. Aber er besuchte auch Orte, die nicht auf dem Programm standen, zum Beispiel das kleine Dorf Alversdorf in Niedersachsen, das in den 1970er Jahren dem Braunkohleabbau weichen musste. Einen Tag fuhr er nach Ostberlin. Diese Geschichte werde ich nie vergessen: Nahe der Grenze hatte er einen iranischen Taxi-Fahrer kennengelernt, der ihn "nach drüben" fuhr. Johannes wollte immer wissen, wie diese "andere Seite" wohl aussah; ob die Geschichten stimmten, die man ihm erzählt hatte, zum Beispiel dass Fotografieren mit einer Haftstrafe geahndet wurde. Er konnte jedenfalls alle Bilder machen, die er wollte.

Kaiser Haile Selassie bei der Eröffnung der Ausstellung "Ein Äthiopier sieht Deutschland" in Addis Abeba 1964.
Oberhausen; © Johannes Haile
Berlin; © Johannes Haile

ifa: Im Jahr 1964 wurden die Ergebnisse seiner Reise in der Ausstellung "Ein Äthiopier sieht Deutschland" in Addis Abeba gezeigt. Warum ist die Ausstellung erst jetzt, mehr als 25 Jahre später, in Deutschland zu sehen?

Assegued: Die Ausstellung sollte ursprünglich schon in den 60er Jahren in Deutschland gezeigt werden, aber der verantwortliche Botschafter wurde versetzt und so kam auch die Ausstellung nicht zustande. Außerdem war Johannes dem Thema sehr skeptisch gegenüber, da ihm einmal eine Person, die ihm bereits eine Ausstellung zugesagt hatte, mit zahlreichen Bildern verschwand. Auch weitere Anfragen der äthiopischen Regierung und aus der Tourismusbranche lehnte Johannes immer ab.

ifa: Bis zum Jahr 2012, als er seine Meinung änderte und Sie darum bat. Aus insgesamt 700 Negativen haben Sie 84 für die aktuelle Ausstellung ausgewählt. Wie sind Sie bei der Auswahl vorgegangen?

Assegued: Es war sehr schwierig, die besten Fotografien auszusuchen, denn aus meiner Sicht sind sie alle fantastisch. Jede Aufnahme ist wie ein finales Bild, jede Fotografie steht für sich. Ich habe Monate gebraucht, um alle Bilder zu sichten und die Auswahl zu treffen. Erst habe ich alle Fotografien auf dem Boden ausgebreitet, bin tagelang um sie herumgelaufen, habe versucht sie zu verstehen und geschaut, welche mir besonders ins Auge fallen. Dann habe ich sie chronologisch und nach Themen wie Umwelt, Geschlecht, ländliche Gegenden, Städte, Familien, Kinder, Gebäude, usw. sortiert. Nachdem ich die Endauswahl getroffen hatte, habe ich jedes Bild anhand von Straßenschildern, Gebäudenamen und anderen Hinweisen recherchiert.

ifa: Leider ist Johannes Haile im April 2016 verstorben. Wie war Ihre Beziehung zu ihm?

Assegued: Ich kannte Johannes Haile seit Kindertagen. Mein Vater war viele Jahre eng mit ihm befreundet. Ich erinnere mich noch daran, wie ich auf seinem Couchtisch die Alben mit den Fotos anschaute, die er auf seinen Reisen durch Äthiopien gemacht hatte. Einige davon waren Fotos, die andere von ihm gemacht hatten; ein paar waren Porträts äthiopischer Familien. Er war damals einer der bekanntesten Fotografen in Addis Abeba. Obwohl es ein Privileg für mich war, mit ihm und seinen Fotografien aufzuwachsen, war mir die Tiefe seiner Bilder und sein Beruf als Fotograf nie ganz klar.

ifa: Wann hat sich das geändert?

Assegued: Ich denke, Erfahrung, Reife und das Kuratieren dieser Ausstellung haben es mir ermöglicht zu verstehen, was ihm die Fotografie bedeutete – auch wenn viele Fragen nach wie vor unbeantwortet sind. Johannes hat nie geheiratet, er hatte keine Kinder. Sein ganzes Leben drehte sich um die Fotografie. Und das war das Besondere an ihm. Ich erinnere mich, wie wir zu seinem Heimatdorf Harar im Osten Äthiopiens fuhren, weil er mir seinen Geburtsort zeigen wollte. Wir hätten ein Flugzeug nehmen können. Aber er hatte solche Angst, dass die Röntgendetektoren am Flughafen seine 35mm-Negative beschädigen, dass wir mit dem Auto fuhren und fast acht Stunden unterwegs waren.

ifa: Ende der 1940er Jahre wurde Haile offizieller Fotograf der Vereinten Nationen, wobei er auch immer wieder Aufträge am Hof von Kaiser Haile Selassie annahm. Inwiefern waren seine Fotos politisch beeinflusst oder voreingenommen?

Assegued: Obwohl sich manche seiner Bilder mit dem politischen Geschehen beschäftigten, war er sehr sensibel, was Politik anging. In der Gründungszeit der Afrikanischen Union 1963 wurde er beauftragt, die Ereignisse vor Ort zu fotografieren und freundete sich mit vielen afrikanischen Politikern an, darunter auch die neuen Präsidenten. Aber er distanzierte sich bewusst von jeglichen politischen Bewegungen, wenngleich er immer seine persönliche Sicht und Meinungen hatte. Beispielweise kam es im Jahr 1960 zu einem versuchten Staatsstreich gegen den Kaiser, an dem einer seiner Freunde beteiligt war. Dieser Freund wurde zur öffentlichen Hinrichtung durch den Strang verurteilt. Johannes war nicht nur Zeuge der Hinrichtung, er fotografierte sie. Ich glaube, das war seine Art, die Politik des Kaisers in Frage zu stellen.

ifa: Viele haben vermutlich noch die Fotos der vom Hunger gezeichneten Kinder aus dem Jahr 1984 im Kopf, als die Not in Äthiopien internationale Aufmerksamkeit erlangte. Wie ging Johannes mit dem zunehmenden Druck auf den Kaiser und das sich anschließende Regime von Mengistu Haile Mariam um?

Assegued: Inmitten in einer politischen Krise, über die schon alles im Fernsehen, Radio und in den Zeitungen berichtet wird, gibt es immer einen ganz anderen Teil des Lebens, der in Vergessenheit gerät. Und dort war Johannes. Er war kein Fotojournalist, der Bilder von dramatischen Ereignissen machte. Die politischen Aufstände, Brennpunkte und Konfliktregionen fotografierten andere. Johannes machte Bilder, die sich nicht direkt um die Hungersnot drehten, sondern um den Lebensstil der Menschen, die mittendrin steckten. Er kümmerte sich auf seine Art darum, die Geschichte zu bewahren. Er ging zum Beispiel in Dörfer und machte Bilder von Menschen, die wegziehen mussten, oder von ihren Reaktionen auf Neuartiges wie einen Hubschrauber, der auf ihren Feldern landete.

Blick in die Ausstellung in der ifa-Galerie Stuttgart © ifa/Henrike Hoffmann

ifa: Einige dieser Bilder sind auch in der aktuellen Ausstellung zu sehen. Was war beim Kuratieren die größte Herausforderung?

Assegued: Die emotionalste Herausforderung war definitiv sein plötzlicher Tod. Obwohl er körperlich gesund war, hat er das nahende Ende gespürt. Er musste sich oft ausruhen und hatte Angst davor, seine Unabhängigkeit zu verlieren. Manchmal wünsche ich mir, ich hätte die Ausstellung ein Jahr früher gemacht, dann hätte er hier sein und alles genießen können. Aber die Natur hat ihre eigenen Gesetze. Ich habe noch immer viele Ideen und Aufgaben, die ich umsetzen möchte. Zum Beispiel würde ich für zukünftige Ausstellungen gerne die Farbbilder mit dazu nehmen und die zahlreichen Porträts äthiopischer Familien.

ifa: Also gibt es möglicherweise einen zweiten Teil von "Johannes Haile"?

Assegued: Ich glaube, es wird viele weitere Teile geben, nicht nur von mir kuratierte sondern von vielen anderen und von fotografischen Institutionen. Mein Wunsch war es, Johannes' Werk in die Welt hinauszutragen – jetzt ist es an anderen, dies fortzuführen. Ich persönlich würde mich freuen, wenn die Ausstellung in Deutschland an so vielen Orten wie möglich gezeigt werden könnte. Und ich würde auch gerne einen ausführlicheren Katalog mit zusätzlichem Bild- und Recherchematerial erstellen.

ifa: Wir freuen uns auf eine Tournee der Ausstellung durch weitere deutsche Städte. Vielen Dank für das Interview!

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Überweg; © Johannes Haile

Bildergalerie | Am 23. August 1962 landet Johannes Haile in Frankfurt am Main. Im Gepäck: Kontakte des äthiopischen Rotary Clubs, mehrere Leica-Kameras und ein unersättliches Interesse an Menschen. Mehr Einblicke und Impressionen seiner Reise finden Sie auf www.kulturen-des-wir.de

Erinnerungen | "Von Johannes Haile fotografiert zu werden stand für Geschmack und Kultur. [...] Er war ein disziplinierter Gentleman von außerordentlicher Moral und Großzügigkeit." Wer war Johannes Haile? Kuratorin Meskerem Assegued erinnert sich...

Mit anderen Augen. Deutschland in den 1960er Jahren – Fotografien von Johannes Haile. – Berlin: ifa (Institut für Auslandsbeziehungen), 2016. – 88 S.

Mit anderen Augen – With Different Eyes. Deutschland in den 1960er Jahren – Fotografien von Johannes Haile. – Berlin: ifa, 2016. – 88 S.

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Johannes Haile, geboren 1927 in Addis Abeba, studierte Anfang der 1950er Fotografie in den USA. Anschließend eröffnete er in seiner Heimatstadt sein eigenes Porträtstudio und dokumentierte im Auftrag der Vereinten Nationen mehrere Missionen und landwirtschaftliche Entwicklungsprojekte in Afrika. Haile verstarb im April 2016, bevor seine Ausstellung in der ifa-Galerie Berlin eröffnet wurde.

Johannes Haile im Jahr 1955, Kalifornien (digitales Replikat, aufgenommen in der ifa-Galerie Stuttgart).

Meskerem Assegued, 1960 in Addis Abeba geboren, ist Autorin, Anthropologin und Kuratorin. 2002 gründete sie das Zoma Contemporary Art Center (ZCAC), ein ökologisches Artist-in-Residency-Projekt in Addis Abeba und Harla, einem Dorf in der Nähe von Dire Dawa in Äthiopien. Das ZCAC fördert multidisziplinäre zeitgenössische Kunst, den internationalen Künstleraustausch sowie nachhaltiger, innovative, umweltbewusste künstlerische Konzepte. Johannes Haile war ihr langjähriger Freund und Mentor.

Kuratorin Meskerem Assegued © Guenet Assegued