Eine Welt in der Stadt, ifa-Galerie Stuttgart. Blick in die Ausstellung, 2017, © dieargelola
Eine Welt in der Stadt, ifa-Galerie Stuttgart. Blick in die Ausstellung, 2017, © dieargelola

Binnenwelten ... und was findet man dort?

Von Kaiwan Mehta

Wir alle sind mit der sogenannten Naturgeschichte vertraut, aber wie steht es um die Geschichte der Naturgeschichte? Ich selbst betrachte die Naturgeschichte als Manifestationen von Beziehungen, die Menschen und menschliche Zivilisationen mit der Natur und den Naturgegebenheiten eingegangen sind. Diese Beziehungen entsprechen der Weltsicht, die Menschen und Zivilisationen entwickelt haben und mit der sie leben. Wir durchwandern gerade eine Phase der menschlichen Geschichte, in der ein ausgeprägtes Gesundheitsbewusstsein, der Nachhaltigkeitsgedanke und extrem selektive Essgewohnheiten, wie etwa der Veganismus, weit verbreitet sind und quasi als natürlich gelten. Unsere Beziehung zur Natur ist in diesem Zusammenhang besonders unnatürlich. Menschliche Zivilisationen haben sich davon entfernt, sich als eine Spezies in Zusammenhang mit Pflanzen- und Tierarten zu sehen; sie sind zu Meistern des Domestizierens und Dominierens geworden. Es sind diese Prozesse, die ein Gefühl von Trennung zwischen Mensch und Natur herbeiführen, anstatt des Gefühls, dass der Mensch eine von vielen Formen der Natur ist. Seit es diese Trennung, Distanz und inhärente Hierarchie gibt, haben die Menschen immer wieder versucht, diese Kluft, diese Trennung zu theoretisieren und zu dramatisieren und sogar (wenn auch nur als Ritual, als Idee) zu überbrücken. 

Die Kluft zwischen Mensch und Tier

Zwei Bilder kommen mir beim Schreiben darüber, wie wir uns Welten schaffen und Tiere mit einbeziehen, in den Sinn: der Zeichentrickfilm mit den Figuren Tom und Jerry und der Trickfilm nach Rudyard Kiplings "Das Dschungelbuch". Im ersteren wird eine Welt von Haustieren geschaffen, die als Teil menschlichen Lebens und Wohnens existieren, aber in einer eindeutig eigenen Welt leben. Zwar sind einige ihrer Eigenschaften menschlich, sie selbst aber sind form- und materielos: Sie werden auseinandergezogen, gedehnt und erhalten aber dann wieder ihre ursprüngliche Form; sie werden geschlagen und überleben, sie nehmen die Form eines Behälters an, zu dem sie gehämmert werden – ein fast brutaler Film, der doch auch niedlich anmutet. Die wichtigste Grundlage der Serie ist die Nahrungskettenbeziehung zwischen einer Katze und einer Ratte oder Maus; die Nahrungskette findet ihren Ausdruck in spaßiger Feindschaft, spielerischem Sport, fröhlicher Neckerei usw. "Das Dschungelbuch" dagegen lässt zwar ein Gefühl für die Kluft zwischen Mensch und Tier aufkommen, aber es stellt nicht die universelle (Sinn-)frage, möge es auch so scheinen; es geht um die Frage, die im Kontext der Industrialisierung und der Kolonialisierung unter-schiedlicher Teile der Welt von Europa aus gestellt wird. Wieder geht es um die Nahrungskette, in noch größerem Maße in der neueren Literaturverfilmung, in dem der Dschungel ein beängstigender und gefährlicher Ort ist statt einer Spielwiese für Gesang und Tanz. Aber mit der Nahrungskette bringt der Film auch Fragen der Ethik und Moral mit ins Spiel als Basis für eine funktionierende gesunde und für beide Seiten vorteilhafte Gesellschaft – und stülpt der Natur so Zivilisationswerte über. 

Vermittlung der Tier- und Pflanzenwelt durch Geschichten 

Andererseits bevölkern Tiere durchweg die mythologische Welt: von der Affenarmee im Indischen Epos "Ramayan" bis zum Zaubervogel Simurg im persischen Epos "Shahnameh"; moderne Erzählungen erkunden in Form von Romanen und Geschichten Psychologie und Politik, sowohl in "Alice im Wunderland" als auch in "Farm der Tiere" von George Orwell. Welche Rolle nehmen Tiere ein, wenn sie auf diese Art und Weise in Beziehung mit der Menschenwelt gesetzt werden, in Erzählung und Geschichten, Fantasie und Politik? Oder, so könnte man fragen, welche Bedeutung hat die Welt anderer Lebewesen, wie die von Vögeln und anderen Tieren, für die menschliche Vorstellung vom Universum? Vegetation und Pflanzen bilden eine weitere Schicht in der menschlichen Weltsicht und Vorstellung vom Universum, wobei sie häufig in Geistergestalt in Erscheinung treten. Die mythologische Beschäftigung mit der Pflanzen- und Tierwelt ist eine Gesprächsform, in der die Erzählform, wie auch die ästhetische Struktur (die Poesie der Form und der Fantasie) zum Werkzeug wird, anhand dessen man dieses Gespräch mit Wesen führt, die nicht der eigenen Spezies angehören. Es ist kein Zufall, dass Formen und Abbildungen von Tieren und Pflanzen eine bedeutende Rolle als Ornamente auf Textilien, Keramiken, Gebäuden oder anderen Objekten des täglichen Gebrauchs spielen. Die Tier- und Pflanzenwelt wird immer mittels Geschichten verständlich gemacht, sei es in Form von Mythen oder Volksmärchen, oder aber durch die bildlichen Geschichten, die Verzierungen oder Muster erzählen.

Die Wirklichkeit der Natur hat sich von unserer Lebenswirklichkeit entfremdet

Zoos und botanische Gärten entstehen in den Geschichtszusammenhängen von Renaissance und Kolonisation in Europa. Es mag zuvor private Zoos gegeben haben, aber das Sammeln von Tieren und Pflanzen in einem eingegrenzten Umfeld zum Vergnügen der Öffentlichkeit (wenn auch eingeschränkt) entsteht mit der Betrachtungsweise der "Welt" seit der Renaissance und mit dem Vorgehen beim Sammeln und Messen von Wissen über die selbige. Die Natur ist unschuldig und schön, die Jungfrau, die von Geld oder Industrie unberührt geblieben ist, aber die Natur ist auch wild und sollte demnach domestiziert, eingesperrt und gezähmt werden, während man selbst die "Schönheit" weiter genießen kann. Das "Wilde" ist eine grundlegende Eigenschaft der Natur, eine Eigenschaft, die die Menschen zwar nicht ganz vergessen haben, die sie aber lieber verdrängen. Was für eine Vorstellung, dass Menschen einst in der unmittelbaren Nähe von wilden wie zahmen Tieren gelebt, gearbeitet und geschlafen haben, und dass sie, während Reptilien an ihnen vorbeikrochen, vielleicht irgendeine giftige Wurzel verspeist haben, während sie an eine saftige Frucht dachten, die sie Tage zuvor gefunden hatten! Die Wirklichkeit der Natur hat sich von unserer Lebenswirklichkeit entfremdet. Aber so sehr wir auch versuchen, Natur in lebensnahen Replikaten zurückzuholen – in romantischen Landschaftsgemälden, naturkundlichen Glasfenstern, in Spielzeugen aus Ton, Holz oder Plastik, oder im Zoo – Tiere und Pflanzen sind längst zu Objekten mit Unterhaltungswert oder, im Idealfall, mit Bildungswert geworden.

Das Sammeln fremder Dinge und Spezies

Der Zoo ist eine Artensammlung: Er sammelt Arten von Tieren, Pflanzen und Dingen und so entsteht innerhalb seiner Zäune eine Miniaturwelt. Beim Bereisen und Entdecken der Welt haben die Menschen immer Menschen, Kulturen und Orte angetroffen, die sich von den bekannten unterschieden. Das dringende Verlangen und der Kitzel, neue und andersartige Dinge zu entdecken, bilden einen Impuls für das Sammeln fremder Dinge und Spezies, die dann als Kuriositäten und Trophäen in neue Zusammenhänge gestellt werden. Sammlungen jedoch, wie die in einem Zoo oder Museum, wurden vom 17. bis zum 19. Jahrhundert zu Bibliotheken und Ateliers für Beobachtungen. Wer die menschlichen Gesellschaften, die natürliche Welt, Gestaltung oder Kultur studieren wollte, der fand in diesen Sammlungen Weltlaboratorien – und die an einem konzentrierten Ort ganz in der Nähe des eigenen Zuhauses.

Zurschaustellung der Vielfalt fremder Objekte und Kreaturen

Die großen Ausstellungen, wie die Londoner Industrieausstellung 1851, die erste Weltausstellung, berühmt für ihr wundervolles Ausstellungsgebäude aus Stahl und Glas, den Crystal Palace, wurden zu einer ganzen Arena für das Studium von Materialien, Künsten, Techniken und Kulturen der gesamten Welt, die jedem Londoner vor die Tür gebracht wurden. Von privaten und königlichen Kollektionen bis hin zu solchen öffentlichen Sammlungen lebendiger und von Menschen geschaffener Objekte – sie waren unterhaltsam, weil sie die Vielfalt fremder Objekte und Kreaturen zur Schau stellten, weil sie die große weite Welt fern des eigenen Zuhauses zur Betrachtung ausbreiteten. Durch sie entstanden auch Texte und Schulen, die zukünftigen Generationen die "Beschaffenheit der Welt" lehrten, so etwa das "Department of Science and Art", das in den britischen Kolonien aufgebaut wurde und Teil des Victoria and Albert Museum in London war. Technische und poetische Reproduktionen – als Skizzen, Wasserfarben, als Maßzeichnungen, aber auch präzise Dokumentarfotografien – wurden in und von diesen Laboratorien der "Weltobjekte" angefertigt – als wissenschaftliche Zeichnungen und Dokumentationen, die genau und exakt die "Realität" abbildeten und die als Lehr- und Lernhilfen eingesetzt werden können, ebenso wie für die Forschung und zur Erstellung von Schriften über Menschen, Kulturen und Verhaltensweisen der menschlichen und natürlichen Welt.

Die Welt der Wissensproduktion

Unterhaltung und Bildung gehen Hand in Hand; das zeigt besonders das Fernsehen, das oft klar verpackte Ansichten von der Welt in unsere Wohnzimmer bringt. Die Welt wird visuell transportiert und steht uns jederzeit zum Sehvergnügen und zu unserer Bildung im Alltag  zur Verfügung. Hochentwickelte Aufnahme- und Filmgeräte bringen uns die Realität in genauen Abbildungen, die der Wirklichkeit so nahe sind, dass sie wirklich erscheinen! Reproduktionstechniken von Maßzeichnungen über Fotografien bis hin zu Filmen: die Technologie bringt uns ständig noch wirklichkeitsnähere Reproduktionen – oder sie gibt zumindest vor, dies zu tun. Von Dürers Skizzen über Karl Blossfelds Fotografien bis hin zum Bild vom Auffangen des Milchtropfens, wenn er auf die Oberfläche der Flüssigkeit trifft – diese Bilder bringen uns immer wieder zum Staunen, weil sie so genau sind, weil sie Natur und Wirklichkeit so lebensnah wiedergeben. Sie bringen uns zum Staunen! Und sie wollen uns etwas "lehren"! Der Zoo ist ein Teil der Welt der Wissensproduktion; er bietet uns eine von verschiedenen  Möglichkeiten, die Welt zu sehen und aufzuzeichnen, unsere Geschichten von Liebe und Vorurteilen, wie auch unser dringendes Bedürfnis, die Welt in all ihrer Verschiedenheit zu erfassen. Sammeln, Dokumentieren und Reproduzieren sind Methoden, anhand derer wir die Welt und ihre unterschiedlichen Lebens- und Kulturformen zu verstehen hoffen. Die Geschichte des Sammelns, der Wissenschaften – von Kulturen wie auch Natur – sollte in Bezug auf Arbeitstechniken und -technologien hin betrachtet werden, hinsichtlich der Produktionen und Reproduktionen, der Analyseformen und Thesenbildung. 

Ruinengärten 

Ist der Zoo eine Ruine der Gartenidylle? Botanische Gärten scheinen oft der Obsession des Sammelns von Objekten aus der ganzen Welt des 18. und 19. Jahrhunderts entsprungen zu sein, in der die Welt eine Ruine ist, vielmehr eine grüne Ruine – idyllisch, schön und doch in einem Zustand der Verwahrlosung, wo die Gedanken von Erleuchtung und Industrie wiedererlangt und erneuert werden, geprägt von Kolonialisierung und anderer ähnlicher Kulturbegegnungen. Das Pittoreske an der Kunst und der Landschaftsgestaltung entsteht oft gerade durch das Ruinenhafte des Gartens; eines Gartens, in dem Natur und Vergangenheit im Schönheitsgedanken zusammengehalten werden. In dieser Fantasie werden die Launen der Geschichte, die Brutalität der Natur erträglicher – wie auch die angespannte Beziehung, die man zur Geschichte, zu Erinnerungen an Zerstörungen wie auch zu unbezähmbaren Aspekten des Lebens hat: Der Ruinengarten bringt Natur und Geschichte unter die Kontrolle des Menschen, oder zumindest verkörpert er diese Vorstellung. 

Der Garten bringt die Welt bis zur eigenen Türschwelle

Zoo und Garten bringen auch eine Choreografie des Gehens und Sehens hervor, das Gefühl, Dinge, Objekte zu betrachten, aber gleichzeitig ein Teil von ihnen zu sein; im Moment des Besuchs wird man zu einem Teil dessen, was man ansieht, aber mit einer gewissen Distanz. Der Garten bringt die Welt – die Vergangenheit und die Gegenwart, das Exotische aus der Ferne, das Entlegene, wie man es bislang nur als Fantasie kannte – bis zur eigenen Tür-schwelle. In wenigen Gehstunden kann man unterschiedliche Kontinente und Geschichtsperioden durchwandert haben. Gleichzeitig wird hier auch Wissen angehäuft; eine Objektwelt wird an einen Campus für Studien und Wissensbildung herangetragen. Derjenige, der diese gesammelten Welten zusammengestellt hat, ist mächtig und kann verlangen, dass die Welt und ihr Wissen, dass Geschichte und Erinnerungen auf Abruf bereit stehen – zur Unterhaltung und Bildung. 

Die Natur der Natur

Die Erkenntnis aber, dass nach etwa einem Jahrhundert einige dieser botanischen Gärten oder Zoos zu Ruinen im Sinne von vernachlässigten Orte geworden sind beziehungsweise im Hinblick auf weitere Begegnungen mit der Welt der Dinge vergessen wurden – diese Erkenntnis bringt eine andere Beschaffenheit des Fantasierens an die Oberfläche: wie die Zeit Orte und Gedanken erodiert; die Ruine wird jetzt zur Realität. Das Grundgefühl einer kosmischen Zugehörigkeit, eingebettet in Zeit und Ort, auch über die eigene Lebensrealität hinaus, wird jetzt zu einer wirklichen materiellen Erfahrung, wenn man die Orte der Ruinengärten und -ausstellungen besucht. Man begreift durch sie die Natur der Natur – ihre Macht, am Ende und nach gewisser Zeit, die Dinge zu vereinnahmen, zu zerstören. Der Garten verliert so seine Choreografie, wird zu einem weiteren Buschwald, Käfige leeren sich durch Tod und rottendes Fleisch, wenn die Zeit-Natur die Kontrolle übernimmt. Was dann wohl bleibt, ist die Eitelkeit der menschlichen Natur: zu sammeln, zu kontrollieren, zu vermessen.

Die Mythologie

Die Mythologie ist ein Maß des Kontinuums und der unendlichen Vorstellung von Zeit und Raum. Die Mythologie sammelt die Welt als eine Serie von Symbolen und Metaphern, verwebt sie in eine Erzählstruktur, gibt Metaphern sichtbare Formen und körperliche Ausdehnungen; sie verschmilzt die Welten von Fantasie und Exotik mit realen Welten und täglichem Leben. Aber hier ist das menschliche Selbst ein Teil der Produktion und der Erzählung; es ist an diese Welt gebunden und nicht von ihr getrennt als Betrachter, als Zuschauer. Wann immer sie vorgetragen oder aufgeführt wird, ist die Mythologie ein erneutes Maß des Lebens und seine erweiterte Vorstellung in der Welt anderer Wesen und Dinge, Götter und Sterne (obwohl seine formale Grundstruktur sich wiederholt). 

Der Zoo ist ein Zustand der Wirklichkeit, der dazu bestimmt ist, eine Ruine seines eigenen Mythos zu werden. Es ist der zwanghafte Akt des Sammelns um zu besitzen, zu kontrollieren. Der Zwang ist das Schlüsselmotiv für seinen Ruin, wenn Zeit und Natur – ihrem Zwang nachgehend – die Kontrolle übernehmen.

Kuriositäten

Wenn der Mensch, seit der Renaissance, reiste, hielt er (selten sie, historisch betrachtet) sich im Zentrum einer Außenwelt auf. Einer Welt der Sterne und Götter, Wesen und Kreaturen, Pflanzen und Tiere, anderer Spezies und Geografien – alles befand sich im Außen und wartete darauf, erobert zu werden, gemessen, dokumentiert, in Miniaturformat nach Hause gebracht zu werden, in Form von Sammelstücken, Kuriositäten – der Wunderkammer. Die Stadt sammelt Architekturstücke aus der ganzen Welt, von London über Paris und Bombay bis Kairo; Details in Stil und Ornamenten machen die vorgestellte Einmaligkeit eines Ortes gegenüber eines anderen aus. Geografien und klimatische Gegebenheiten werden als jene "regionalen Kuriositäten" betrachtet, die man messen und kartieren, in der materiellen Welt produzieren kann, und so teilt man die Welt auf in charakteristische Einmaligkeitszonen, um innerhalb der großen Vorstellung von Natur oder Zeit subsumiert zu werden – Raum, der ausgeteilt und gesammelt wird, als Natur ausgeteilt und als Zeit gesammelt. Was man vergessen hat ist, wie Migrationen und Zuströme die Vorstellungen der Beziehung zwischen Natur und Ort herausfordern. 

Die Natur ist eine Welt und Zivilisation für sich

Die Welt sammelt sich selbst; und verteilt sich um bei jedem Sonnen- und Mondzyklus, Monsun und Sonnenwende. Die Welt expandiert in den Raum und kontrahiert in der Zeit mit jeder migrierenden Spezies. Die Natur ist eine Welt und Zivilisation für sich, die nicht wirklich auf jemanden wartet, der sie entdeckt. Die besten Geografen und Konservatoren, ob Alexander von Humboldt oder Verrijt Elwin, waren diejenigen, die die Natur als einen unmessbaren Raum gesehen haben, von dem man ein Teil sein musste – auch wenn Verluste zu verzeichnen waren oder es das Leben kostete –, um den wahren Maßstab des Lebens und seiner Unvorhersehbarkeit in jedem Moment und bei jedem Schritt zu erfahren. 

In Italo Calvinos Buch "Die unsichtbaren Städte" wird die Welt anhand all dessen gemessen, was existiert, aber unsichtbar ist und welches sich nur dem kritischen Auge offenbart, dem Auge, das es der Vorstellung von der Welt erlaubt, den Menschen zu subsumieren. "Fabeltiere aus Oaxaca" von Jorge Luis Borges, wie auch andere derartige Berichte über bereiste Orte und kosmische Wesen, bringt eine Schilderung von Charakteristiken statt Formen hervor, Impressionen, die zu einem dokumentarischen Maßstab werden. Da wäre zum einen die Dokumentation von Formen, die wissenschaftlich (was hier mechanisch bedeutet) Objekte und ihre offensichtlichen und sichtbaren Merkmale und Charakteristiken dokumentiert. Aber was steckt oder versteckt sich hinter dem Sichtbaren? Der Geist der Wesen, lebendig oder unbeseelt, Gebäude und Kreaturen, Quälgeister und Ornamente (beide zieren auch Gebäude), entzieht sich stets jeglicher Dokumentation. Die Erzählform ringt darum, das, was unsichtbar oder fantastisch ist, einzufangen, aber dieses existiert ja gerade kraft seiner Eigenschaft, dem Gesehenwerden zu entkommen und nur der Fantasie innezuwohnen. 

Zeichnungen, Fotografie und Geometrie

Zeichnungen und Fotografien dominieren die Welt der Natur als wesentliche Methoden und Verfahren der materiellen und mechanischen Dokumentation – von Skizzen, die "Objekte in ihrer natürlichen Umgebung" wiedergeben bis hin zu technischen Zeichnungen, die anhand von Vermessungen von Tieren und anderen Spezies erstellt wurden. Stift und Papier haben einen großen Anteil an unserer Vorstellung von der Welt außerhalb unserer selbst. Die Fotografie hat sich schnell angepasst und hat eine Vorstellungswelt der "inhärenten Exaktheit“ mit sich gebracht. Die Disziplin, die in beiden Fällen am allumfassendsten funktionierte, war die Geometrie, weshalb sie auch als universelle und ewige Wissenschaft galt; Panofsky jedoch zerstörte in seinen Texten "Three Essays on Style" diesen Mythos der Geometrie als universelle Wissenschaft, die unter allen Umständen gleichbleibendes Wissen, gleichbleibende Wahrheit produziert. Aber Geometrie und Fotografie gelten beide als Disziplinen der Genauigkeit und Wahrhaftigkeit – was ihnen ihre Rollen innerhalb der Wissensproduktion und der Künste durch Reproduktionstechniken zuweist. Durch die Art und Weise, wie die Fotografien von Pflanzen von Karl Blossfeldt angefertigt wurden, konnten sie zu Werk-zeugen werden, mittels derer man sich die Pflanzengeometrie und die natürliche Welt so gut vorstellen konnte, dass diese dann als Gestaltungselemente in Stein oder Gusseisen oder Ähnlichem angefertigt werden konnten. Diese Fotografien, so sollte man bedenken, korrigierten alle natürlichen Diskrepanzen zur genauen Geometrie, wie man sie in der Natur zu sehen wünschte. 

Geht man von Ruskins Studium der gotischen Architektur aus, in dem er unzählige Pflanzen- und Tierdetails in der Ornamentstruktur skizzierte und zeichnete, um die Beziehung menschlicher Fantasie und Reproduktionen zu verstehen, und betrachtet man dann weiter den Gebrauch von Fotografien, um die Natur zu dokumentieren, und ihre "inhärente Wissenschaft“ (in diesem Fall die Geometrie) hervorzubringen, die dann später von Kunst- und Designschülern genutzt werden konnten, um Objekte herzustellen, so stellt das eine interessante Reihe an Reiserouten innerhalb der Geschichte der Dokumentation und des Verstehens der Beziehung zwischen Mensch und Natur, aber auch einen Aspekt der Ästhetik, von Kultur und Design dar. Ein klassischer Aufsatz, der diese letztgenannte Triade weiter ausführt, ist Adolf Loos' Aufsatz "Ornament und Verbrechen", der die Vorstellung des Reisens zwischen Natur (primitiv) und Zivilisation (modern) reproduziert, wie sie die Menschen und ihre Zivilisationen sich vorstellen und erwarten.

Menschen distanzieren sich in ihrer Beziehung zur Natur immer mehr

Die Natur wird heute zu einem Schauplatz für etwas so Sinnloses wie "Edutainment". Die Menschen distanzieren sich in ihrer Beziehung zur Natur immer mehr, einer Beziehung des Risikos und des Kampfes, der Nahrungskette und der Territorialität. Sie verspüren dennoch verstärkt  das Bedürfnis, Voyeure der Tierwelt zu sein – zuzusehen, wie Tiere jagen, sich paaren, kämpfen usw., alles aus der Gemütlichkeit ihres Wohnzimmers heraus. Man macht den Kampf und Streit zwischen den unter-schiedlichen Spezies in der Welt der Abenteuershows zu einem Fetisch, gerade so, wie Naturpfade und -lager oder das Versprechen, Wildnis oder Spiritualität zu erleben, wodurch man sich mit der natürlichen Welt "wieder verbindet“. Dies vergrößert aber noch die Distanz desjenigen, der von der Natur getrennt ist, wieviel auch immer er im Wald herumlaufen möge. Der Wald verschlingt, einer tötet den anderen und kämpft ums Überleben oder um Nahrung; die Natur ist gewaltig, kraftvoll, üppig und auch trügerisch. Die Natur ist auch das Ökosystem der Netzwerke, nicht der Objekte – sie ist nicht die Arche Noah, aber vielleicht eine Art göttlicher Garten. 

Der Zerfall schreitet fort, Dinge verrotten, und wir laufen heute durch die Ruinen vergangener Zeiten und Zeitalter; Früchte verfaulen, und wilde und wahnsinnige Vegetation nimmt die bebaute Umgebung ein. Der Zoo schläft in seinen Schutzzonen, während Zeichnungen und Bilder Gefühle von Wachstum und Zerfall, Tod und Schöpfung einfangen. Ökosysteme sind verloren und kämpfen ums Überleben, während der Mensch sich nicht mehr an das Gefühl, auf der Erde zu sein, erinnert, sondern immer weiter danach hungert. 

Die künstlerischen Arbeiten in der Ausstellung treffen innerhalb einer Erzählstruktur unzähliger dieser Themen zusammen

Die künstlerischen Arbeiten in der Ausstellung treffen innerhalb einer Erzählstruktur unzähliger dieser Themen zusammen – vom Sammeln kosmischer Objekte und Karten verlorener Zeiten, bis hin zum Dasein in Ruinen, die einst malerische Gärten waren und dem meditativen Sich-Bewegen innerhalb verschlingender Landschaften oder verrottender Früchte – während der Schlaf den Körper mit Leben formt und die Wachheit von Zeichnungen laufend unsichtbare Welten neu erschafft. 

Kaiwan Mehta, Foto: ifa / Gögelmann

Kaiwan Mehta ist Kurator der Ausstellung "Eine Welt in der Stadt", die vom 5. Mai bis 2. Juli 2017 in der ifa-Galerie Stuttgart zu sehen ist.

ifa-Galerie Stuttgart

Charlottenplatz 17
70173 Stuttgart
Tel. +49.711.2225.161
alber(at)ifa.de

Dienstags – sonntags 12 – 18 Uhr
Montags und an Feiertagen geschlossen

Eine Welt in der Stadt: Zoologische und botanische Gärten / ifa (Hg.). – Stuttgart, 2017

Eine Welt in der Stadt: Zoologische und botanische Gärten / ifa (Hg.). – Stuttgart, 2017. – 64 S. – 12 €.

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