Kunsträume: Orte für verlorenes Wissen

Von welchen Gemeinschaftskonzepten wollen wir lernen? Wie können weltweit gute Lebensbedingungen geschaffen werden? Die Ausstellung "Politik des Teilens – Über kollektives Wissen" eröffnet neue Gedankenwelten. Im Fokus steht die Auseinandersetzung mit kollektivem Wissen und verschiedenen Vorstellungen von Teilen. Im Interview erzählen die Künstler Gabriel Rossell-Santillán, Natalie Robertson und Daniel Maier-Reimer von ihrer Motivation und den Lebensbedingungen indigener Bevölkerungen in Neuseeland und Mexiko.

Interview von Siri Gögelmann

ifa (Institut für Auslandsbeziehungen): Gabriel, dein Kunstwerk basiert auf ethnographischer Feldarbeit bei den Huicholes in Mexiko. Natalie, du beschäftigst dich mit dem Lebensstil der Maori in Neuseeland. Wie kann man sich "Gemeinschaft" bei den beiden Gruppen vorstellen? Wie hat sich das Konzept in den letzten Jahrzehnten verändert?

Gabriel Rossel-Santillán: Ich denke es gibt viele Interpretationen von Teilen und verschiedene Vorstellungen von Gemeinschaft. Heute existieren keine indigenen Gruppen mehr, die keinen Zugang zur westlichen Welt haben. Trotzdem gibt es verschiedene Denkmuster und verschiedene Arten von Gemeinschaft, die zwar eine besondere Beziehung zur westlichen Welt haben, aber nicht außen vor sind.

Natalie Robertson,"Lady Arihia wharekai. Porourangi Marae, Waiomatatini. On the occasion of the 80th birthday of Canon Morehu Boysie Te Maro", 2010; With moral permission Canon Morehu Boysie Te Maro

Die Maori-Künstlerin Natalie Robertson untersucht kulturelle Landschaften in Neuseeland. In aktuellen Projekten setzt sie sich mit Umweltthemen und Konflikten zwischen den Siedlern und der indigenen Bevölkerung auseinander.

Natalie Robertson: In Aotearoa – das ist der Name der Maori für Neuseeland – ist es heutzutage sehr schwer intakte Gemeinschaften zu finden, in denen alle Menschen zusammen arbeiten, zusammen schlafen, zusammen leben und zusammen die Felder bewirtschaften. Die Kolonisierung hat die Lebensweise der Maori sehr verändert. Vor 100 Jahren haben mehr als 90 Prozent der Bevölkerung auf dem Land gelebt und nur 10 Prozent in Städten. Heute ist das genau andersrum. Meine Arbeit, die in der Ausstellung gezeigt wird, handelt von der Region in der mein Großvater, seine Mutter und seine Großeltern aufgewachsen sind. Durch dieses Gebiet fließt ein Fluss, in dem eine Fischart lebt, die aus dem Meer kommt. Der Fluss ist für uns unsere Mutter. Und der Fisch ist heilig für uns. Wenn wir definieren, wer wir sind, und über uns als Gemeinschaft nachdenken, sehen wir uns als Teil der Umgebung in der wir leben. Die anderen Spezies sind unsere Verwandten – sie sind ein Teil davon, was wir sind. Das ist unser Konzept von Gemeinschaft. Der steigende Meeresspiegel, die Abholzung von Bäumen und die Wasserverschmutzung zerstören unsere Umwelt und die anderen Arten. Als Ergebnis verlieren wir unsere Identität. Als die britischen Siedler nach Neuseeland kamen, brachten sie eine andere Art zu Denken mit, nämlich dass die Menschen über den anderen Lebewesen stehen.

ifa: In euren Werken geht es immer auch um die Beziehung zwischen Menschen und Natur. Welche Vorstellung von Natur finden wir in eurer Kunst und in welcher Form findet sich die Idee des Teilens in eurem Arbeitsprozess wieder? 

Daniel Maier-Reimer: Am Anfang meiner Arbeit steht immer der relativ einsame Prozess des Gehens. Als ich das erste Mal über meine Beziehung zur Natur nachgedacht habe, war ich von der omnipräsenten Einstellung, Natur als etwas Nützliches für die menschlichen Bedürfnisse zu sehen, betroffen. Selbst Umweltschutzorganisationen wollen die Natur nur beschützen, weil sie wichtig für die nachfolgenden Generationen ist. Ich habe versucht einen anderen Blick auf die Natur zu entwickeln. Meine Vorgehensweise, am Ende einer Reise nur ein Bild auszuwählen und auf wenige Informationen zu reduzieren, geht mit der Illustration einer Existenzform einher. Man könnte es als eine Haltung verstehen, nichts aufdecken, nichts mitteilen zu wollen. Aber würde ich dieses Vorgehen ändern, hätte ich das Gefühl, die Seele meiner Arbeit zu betrügen. Es war interessant und bereichernd, andere einzuladen ihre Perspektive in meine Arbeit einzubringen und die Urheberschaft zu teilen. Gleichzeitig konnte ich dadurch meiner Arbeitspraxis treu bleiben. Das erste Mal habe ich die Aufgabe "meine Reise zu präsentieren" bei einer kleinen Wanderung in Italien abgegeben. Ich bin der Stadtgrenze von Florenz gefolgt. Ein relativ gewöhnlicher Fußmarsch, der fünf Tage dauert. Aber Florenz ist voll von Symbolik und Bildsprache. Das Foto, das aus dem Spaziergang entstanden ist, hätte überall entstehen können. Die Sicht von anderen auf meine Reisen hat mir geholfen, meine Arbeit besser zu verstehen. Auch wenn man am Ende immer das gleiche Bild sieht, hat die Position der anderen meiner Arbeit eine bedeutende Qualität hinzugefügt. 

Auckland-Christchurch 2015, 2015 © Daniel Maier-Reimer
Ausstellung "Politik des Teilens", ifa-Galerie Stuttgart 2016 © ifa / Gögelmann
Ausstellung "Politik des Teilens", ifa-Galerie Stuttgart, 2016 © ifa / Gögelmann

Daniel Maier-Reimers Kunst ist das Reisen, normalerweise zu Fuß. Diese fasst er in einem Foto zusammen. Seit 2013 entscheiden andere Menschen wie seine Arbeit präsentiert wird.

Rossel-Santillán: Zu teilen und mit Menschen zusammenzuarbeiten, die eine andere Erkenntnistheorie haben, ist zugleich herausfordernd und inspirierend. Einmal bin ich mit einem Wirrarika-Freund nach Mexiko-Stadt gefahren, um unser Hirsch-Projekt vorzustellen. Die Wirrarika sind ein indigenes Volk im Norden Mexikos, mit denen ich gelebt und gearbeitet habe. Auf der Fahrt habe ich geredet und geredet und irgendwann sagte ich: "Es ist bekannt, dass die Wirrarika die Natur beschützen und erhalten. Sie haben diese unglaubliche Beziehung zur Natur und sie machen keinen Unterschied zwischen sich und ihrer Umwelt." Der kluge Mann schaute mich einfach nur an. Aber später – bei einem Glas Wein – sagte er zu mir: "Gabriel, denkst du wirklich, dass die Menschen die Teotihuacán, Chichén Itzá und Palenque gebaut haben, sich selbst als das Gleiche wie die Natur sahen? Warum denkst du, haben sie diese geometrischen Formen, Gebäude und Pyramiden erschaffen? Die Vorstellung, indigene Völker würden sich selbst als Natur verstehen, ist ein Narrativ der katholischen Kirche aus der Kolonialgeschichte. Mit der Aussage, in Amerika gebe es nichts als Natur, haben sie gerechtfertigt, unser Land einzunehmen, zu zerstören und zu plündern."

Neuseeland
Ausstellung "Politik des Teilens", ifa-Galerie Stuttgart, 2016 © ifa / Gögelmann

ifa: Umweltzerstörung und -verschmutzung sind aktuelle Herausforderungen in unserer Welt, für die wir noch keine Lösungen gefunden haben. Was können wir von anderen Gemeinschaften lernen?

Robertson: Neuseeland wird oft als sehr sauberes, grünes Land gesehen. Aber ich wurde am Fuße eines Vulkans an einem Fluss geboren, ganz in der Näher eines geothermischen Sees und einer giftigen Papierfabrik. Der See Rotoitipaku gehört dem lokalen Maori-Stamm. Der See war wunderschön, wie ein natürliches Bad mit warmem Wasser. Doch die Papiermühle hat den Fluss so lange verunreinigt, bis sich sogar die Landwirte Sorgen gemacht haben. Durch den giftigen Müll haben sie den See zerstört. Als ich noch klein war, sind Freunde von mir an Krebs gestorben – Kinder und Teenager. Das ist einer der Gründe warum ich meine Arbeit mache. Mit meiner Kunst schaffe ich Aufmerksamkeit und zeige, wie wir die Umwelt und die Menschen behandeln. Ich schlage keine Lösungen vor. Aber ich versuche denen eine Stimme zu geben, die nicht gehört werden. Deswegen mache ich Videos, nehme die Stimmen von Menschen und spreche mit ihnen. Einmal hat mir ein Mann von seiner Kindheit erzählt: Als er von der Schule nach Hause gelaufen ist, fand er Aale auf dem Weg. Sie waren vor dem Giftmüll aus dem See und aus dem Fluss geflohen und sind dann mitten auf der Straße verendet. Das ist das herzzerreißendste Zeugnis.

Maier-Reimer: Meine Kunst soll keine Lösungen anbieten. Für mich ist das als Künstler auch keine vielversprechende Position. Sehen, beschreiben und kommentieren – ohne die Intention Probleme zu lösen – ist immerhin schon etwas.

Rossel-Santillán: Als Künstler können wir einen Raum für andere Stimmen, Erfahrungen und Wissen in der Welt schaffen. Das Wissen kann uns helfen, die aktuellen Probleme zu lösen. Alleine können wir das nicht schaffen. Im letzten Teil meines Projektes baten mich die Wirrarika ein Archiv anzulegen. Ich fotografierte eine Zeichnung von einem 'Royal Woodpecker', einem Vogel, der in den Bergen bereits ausgestorben ist. Den einzigen Hinweis auf diesen Vogel gibt es in der ethnologischen Sammlung von Berlin Dahlem. Ich habe viel mit den Wirrarika darüber gesprochen, was es bedeutet, ein Archiv anzulegen. In den letzten 15 Jahren hat der mexikanische Staat Schulen in ihren Kommunen gebaut. Das ist ein Problem für die Wirrarika, denn die Schüler lernen dort westliche Denkweisen, wie die von Kant oder Nietzsche. Wir haben nichts gegen Kant oder Nietzsche, aber die Kinder sollten auch etwas über das Wissen und die Denker ihrer eigenen Vorfahren erfahren. Als westliche Welt müssen wir uns öffnen. Sonst kennen wir am Ende alle nur dieselben Autoren und reduzieren die Welt auf eine einzige Erfahrung, nämlich auf unsere eigene. Aber wir brauchen die anderen Menschen und ihr Wissen. Das Wissen der Wirrarika reicht bis ins zweite Jahrhundert nach Christus und ist heute noch intakt. Im Gegensatz zu unserem eigenen Wissen. Deswegen müssen wir mit den anderen in einen Dialog treten und ihr Wissen ernst nehmen.

ifa: Danke, dass Ihr eure Kunst, eure Ideen und eure Gedanken mit uns geteilt habt.  

Gabriel Rossell-Santillán: Obsidian; © Gabriel Rossell-Santillán

Gabriel Rossell-Santillán wurde 1976 in Mexiko-Stadt geboren. Seine Installationen zeigen die Entwicklung indigener Völker in Nayarit, Mexiko.