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Syafiatudina und Ferdiansyah Thajib (KUNCI), Foto: © Victoria Tomaschko

Interview mit Syafiatudina von Radio KUNCI

Noch bis Mai teilt die ifa-Galerie Berlin ihre Räumlichkeiten mit dem Künstlerkollektiv "KUNCI Cultural Studies Centre" aus Yogyakarta. Während des vierwöchigen Projekts verwandelt KUNCI die Galerie in eine temporäre Radiostation. Das Programm des Senders setzt sich auf kollektive Weise mit der indonesischen Praxis des "Numpang", der Kultur des Teilens, auseinander. Yeast traf die Kuratorin Syafiatudina zu einem Interview.

Yeast: Dina, seit wann bist du bei KUNCI?

Syafiatudina: Ich gehöre bereits zur "dritten Generation" von KUNCI. 2006 habe ich dort als Praktikantin angefangen. Ich habe Medienwissenschaft an der staatlichen Universität in Yogyakarta studiert. Kunst- und Kulturwissenschaften haben mich besonders interessiert. Aber an der Universität kam ich mir wie in einer Blase vor – es gab keine Verbindung zwischen der Universität und der Gesellschaft. Für mich gab es nicht genug Raum für kritische Diskussionen. Bei KUNCI konnte ich endlich mein Wissen einbringen. Dort habe ich die Diskussionen gefunden, nach denen ich gesucht hatte.

Yeast: Ihr habt den Deutschen das Wort "Numpang" beigebracht. Was bedeutet es?

Syafiatudina: "Numpang" ist ein umgangssprachlicher, indonesischer Begriff. Er bezeichnet die Idee der räumlichen Positionierung und örtlichen sozialen Interaktionen, die das Einverständnis anderer erfordern. Beispiele sind Carsharing, eine vorübergehende Unterkunft oder die Nutzung öffentlicher Räume. Meine deutschen Freunde haben mir erzählt, dass es keine passende Übersetzung für "Numpang" gibt.

Yeast: Was sind deine persönlichen "Numpang-Erfahrungen"?

Syafiatudina: "Numpang" ist stark mit der Geschichte von KUNCI verbunden. Wir sind ein Kollektiv von Künstlern, Autoren und Intellektuellen. Als KUNCI 1999 gegründet wurde, fanden die ersten Treffen im Schlafzimmer eines Mitbegründers statt. Erst später zogen wir in eine Bibliothek und dann in die Garage eines Verlags. Wir haben uns um die Räumlichkeiten gekümmert und durften sie dafür umsonst nutzen. 18 Stunden jeden Tag – wir haben viel gearbeitet. Das ist eine typische "Numpang" Situation…

Yeast: Sollte es in Deutschland mehr "Numpang" geben?

Syafiatudina: Ich bin erst seit einer Woche hier… Aber ich habe schon beobachtet, dass es hier eine klare Trennung zwischen Privatem und Öffentlichkeit gibt. Zum Beispiel bei den Haustüren – sie sind schwer und immer geschlossen. Zuhause in Yogyakarta sind sie immer offen. Jeder lässt seine Türe offen stehen. Das kann natürlich auch gefährlich sein und birgt das Risiko, dass die Offenheit ausgenutzt wird. Teilen bringt nicht immer nur Vorteile. Man muss wissen, wie man teilt und auch was man teilt.
Aber die Menschen sollten sich nützlich machen und diejenigen unterstützen, die Hilfe brauchen, wie zum Beispiel Flüchtlinge. Es sollte nicht nur Geld gespendet werden sondern auch einen Austausch von Zeit und Freundlichkeit zwischen den Gastgebern und den Neuankömmlingen geben. Ein Geben und ein Nehmen. Ja, ich denke es könnte noch ein bisschen mehr "Numpang" in Deutschland geben.

Yeast: Gefällt dir Berlin?

Syafiatudina: Ja, ich verstehe gut, warum meine Freunde die Stadt lieben. Aber ehrlich gesagt wäre ich gerade lieber in Yogyakarta. Zwei Tage bevor ich die Stadt verlassen habe zerstörte eine Gruppe radikaler Muslime einen Kunstraum in Yogyakarta. Sie akzeptierten nicht, dass dort Kunst gezeigt wurde, die sich mit Frauenrechten auseinandersetzt. Ich wäre jetzt gerne dort, um die Solidaritätsbewegung zu unterstützen. Es ist so wichtig die Gesellschaft widerzuspiegeln.

Yeast: Was passiert mit der Radiostation, wenn ihr die ifa-Galerie Mitte Mai wieder verlässt?

Syafiatudina: Ich werde sie mit ins Zentrum für Kunst und Urbanisik (ZK/U) in Moabit nehmen, wo ich momentan wohne. Dort möchte ich mich mit Indonesien auseinandersetzen und auch noch mehr über die deutschen Umstände lernen. Bisher habe ich noch keine genaue Vorstellung von Deutschland.

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