Folge 6: Clemens Kusch

1. Seit 1996 ist Ihr Architekturbüro für das Projektmanagement des Deutschen Pavillons zuständig. Wie genau muss man sich Ihre Arbeit vorstellen? Was sind Ihre Aufgaben?

Clemens Kusch; Foto: Michele Mascalzoni

Clemens Kusch: Wir beschäftigen uns mit den deutschen Beiträgen zur Architekturbiennale seit 1996 und zur Kunstbiennale seit 2003. Ich werde von den gerade neu ernannten Kuratoren fast immer mit einer ganz banalen Frage kontaktiert: "Wir haben erfahren, dass Sie den Schlüssel des Pavillons haben! Können wir einen Termin ausmachen?" Dann treffe ich mich mit ihnen in Venedig, sie erläutern, was sie vorhaben und stellen viele, viele Fragen: "Welche Genehmigungen brauchen wir?", "Welche Umbauten kann ich am Pavillon vornehmen?", "Wie stark ist die Stromleistung?", "Was müssen wir für den Brandschutz und die Fluchtwege berücksichtigen?" Auf alle diese Fragen versuche ich mit meinem Team aus der Erfahrung bisheriger Biennalen sofort eine Antwort zu geben oder die notwendigen Informationen einzuholen. Anschließend konkretisieren wir die Planung, gemeinsam mit dem Kurator bzw. der Kuratorin, holen Angebote ein, vergeben die Aufträge, führen Vorgespräche mit Vertretern der Biennale und der Stadt Venedig, und holen eventuell notwendige Genehmigungen ein. Der Pavillon steht ja unter Denkmalschutz! Schließlich begleiten wir die Umsetzung, damit alles pünktlich zur Eröffnung fertig ist. Wenn die Biennale dann vorbei ist, sind wir auch in den Ab- und Rückbau involviert, damit der Pavillon wieder in seinen "Urzustand" zurück versetzt wird und für die nächste Biennale bereit steht.

 

 

2. Was war die herausforderndste Aufgabe, mit der Sie bisher für den Deutschen Beitrag betraut wurden?

Foto: Marsha (CC BY-NC 2.0), via Flickr
Foto: Marsha (CC BY-NC 2.0), via Flickr

Clemens Kusch: Es ist immer wieder eine neue Herausforderung, aber die vielleicht aufwendigste war der U-Bahn-Lüftungsschacht von Martin Kippenberger 2003. In den Boden des Pavillons wurde dafür ein Schacht aus Stahlbeton eingebaut: sieben Meter lang, eineinhalb Meter breit und vier Meter tief! Dafür musste ein noch größerer Bereich ausgehoben werden. Außerdem wurden große Ventilatoren und eine Audioanlage in den Schacht eingebaut. Von der ganzen Installation sah man im Pavillon dann allerdings nur ein in den Boden eingelassenes Gitterost. Alle paar Minuten hatte man den Eindruck, eine U-Bahn führe unter dem Pavillon durch, und das in der Wasserstadt Venedig! Der Effekt war absolut realistisch. In dem Jahr war es in Venedig auch besonders heiß, sodass sich die Besucher auf das Gitterost stellten, um sich von dem Wind, der aus dem Schacht kam, zu erfrischen.

3. Sie haben Architektur studiert und 1995 Ihr eigenes Architekturbüro in Venedig gegründet. Kann uns gute Architektur Ihrer Meinung nach zu besseren Menschen machen?

Die Forschungsgruppe Forensic Architecture verfolgt das Ziel, den genauen Hergang von Kriegshandlungen im Nahen Osten zu rekonstruieren, zum Beispiel in Rafah im Gazastreifen (siehe Bild); Foto: Marius Arnesen (CC BY-NC 2.0), via Flickr
Die Forschungsgruppe Forensic Architecture verfolgt das Ziel, den genauen Hergang von Kriegshandlungen im Nahen Osten zu rekonstruieren, zum Beispiel in Rafah im Gazastreifen (siehe Bild); Foto: Marius Arnesen (CC BY-NC 2.0), via Flickr

Clemens Kusch: Auf jeden Fall! Architekturen, in denen man sich gerne aufhält, in die man immer wieder gerne zurückkehrt, die man gerne nutzt und bei denen Funktion, Ästhetik und Materialität in ein gutes Zusammenspiel gebracht werden, verbessern das soziale Zusammenleben und tragen dazu bei, den Menschen "besser" zu machen. Auf der Architekturbiennale 2016 "Reporting from the front“ waren dafür mehrere Beispiele zu sehen. In Ländern, die über weniger finanzielle Mittel verfügen, kann eine Architektur, die mit vor Ort zur Verfügung stehenden Materialien arbeitet, dazu beitragen, die sozialen Bedingungen zu verbessern und Orte des Austauschs und der Kommunikation zu schaffen. Besonders hat mich die Londoner Forschergruppe Forensic Architecture beeindruckt, die in Kriegsgebieten tätig ist und untersucht, wie man gezielt eingreifen kann, um die Lebensbedingungen zu verbessern.

3 ½ ) Sie haben deutsch-italienische Wurzeln und arbeiten als Kontaktarchitekt mit deutschen Büros zusammen. Aus der Sicht eines Kulturbotschafters: Was sollte man als Besucher auf der Biennale auf keinen Fall tun?

Foto: Cíntia Regina (CC BY-NC 2.0), via Flickr
Foto: Cíntia Regina (CC BY-NC 2.0), via Flickr

Clemens Kusch: Wenn es etwas gibt, das mich besonders stört, sind es respektloses Benehmen und respektlose Äußerungen. Das sind zum Beispiel die Hochseeschiffe, die regelmäßig in Venedig Station machen, aber von den Proportionen her überhaupt nicht zur Stadt passen. Respektlos sind meiner Meinung nach die Touristen, die in Schlappen und Badeshirts durch die Stadt ziehen und ganz allgemein diejenigen, die meinen, Träger von allgemeinen Wahrheiten zu sein und sich der "Differenzen" nicht bewusst sind. Aber "Differenzen" sind Reichtum und Vielfalt! Wenn man Respekt für seine Umwelt, seine Mitmenschen, die Stadt, ihre Kultur und Traditionen zeigt, kann man sich eigentlich (fast) alles erlauben!

Folge 1: Florian Ebner

Florian Ebner © Museum Folkwang
Florian Ebner, Kurator des Deutschen Pavillons 2015 © Museum Folkwang

Folge 3: Susanne Gaensheimer

Susanne Gaensheimer, Direktorin des Museums für Moderne Kunst in Frankfurt/Main. Foto: Renato Ribeiro Alves
Susanne Gaensheimer; Foto: Renato Ribeiro Alves

Folge 5: Julian Heynen

Julian Heynen, Kurator des Deutschen Pavillons 2003 und 2005; Foto: Jeanne Hofer
Julian Heynen, Kurator des Deutschen Pavillons 2003 und 2005; Foto: Jeanne Hofer

Folge 2: Nicolaus Schafhausen

Nicolaus Schafhausen © Kunsthalle Wien 2014, Foto: Sabine Hauswirth
Nicolaus Schafhausen © Kunsthalle Wien 2014, Foto: Sabine Hauswirth

Folge 4: Udo Kittelmann

Udo Kittelmann kuratierte den Deutschen Pavillon 2001 © Juliane Eirich
Udo Kittelmann kuratierte den Deutschen Pavillon 2001 © Juliane Eirich

Folge 7: Manuel Reinartz

Manuel Reinartz war 2015 Technischer Leiter des Deutschen Pavillons. © ifa / Gögelmann
Manuel Reinartz war 2015 Technischer Leiter des Deutschen Pavillons. © ifa / Gögelmann

Clemens F. Kusch, 1963 in Rom geboren, studierte Architektur an der Universität IUAV Venedig. 1995 gründete er das Architekturbüro cfk architetti, das in den Bereichen Planung und Projektsteuerung insbesondere in Zusammenarbeit mit deutschen Architekturbüros tätig ist. Seit 2002 ist er zuständig für die Umsetzungen der Ausstellungen im Deutschen Pavillon auf dem Biennale-Gelände in Venedig. Er ist Italien-Korrespondent der DBZ (Deutsche Bauzeitschrift), Herausgeber von monografischen Ausgaben über spanische, italienische und portugiesische Architektur und Autor verschiedener Publikationen wie dem "Architekturführer Venedig. Bauten und Projekte nach 1950". Von 2009 bis 2015 koordinierte er die Tätigkeiten der deutsch-italienischen Planungsgemeinschaft für den Wiederaufbau des Berliner Schlosses als Humboldt-Forum.