Folge 5: Julian Heynen

1. Als Kurator des Deutschen Pavillons haben Sie 2003 die Arbeiten von Candida Höfer und Martin Kippenberger präsentiert, 2005 die Künstler Thomas Scheibitz und Tino Sehgal. Was war Ihre schönste Erfahrung als Kurator in Venedig?

Porträt Julian Heynen; Foto: Jeanne Hofer
Porträt Julian Heynen; Foto: Jeanne Hofer

Julian Heynen: Als 2003 kurz vor der Eröffnung Björk in den Pavillon kam, den gerade fertiggestellten "Metro-Lüftungsschacht" von Kippenberger sah, mit dem Kopf nickte und ihr Daumen nach oben ging. Und 2005, als mir Leute, die ich kannte, auf dem Biennale-Gelände zur Begrüßung "This is so contemporary" (nach Tino Sehgal) entgegensangen.

2. Im Vergleich zu anderen Kuratoren des Deutschen Pavillons haben Sie nicht das historische Erbe des Gebäudes thematisiert, das 1938 im Auftrag der Nationalsozialisten umgestaltet wurde. Was wollten Sie mit Ihren Beiträgen zeigen?

V.l.n.r.: Sven Bergmann, ehem. Pressesprecher der Kunstsammlung NRW, Candida Höfer, Julian Heynen); Foto: Ralph Müller, Candida Höfer-Stifung
V.l.n.r.: Sven Bergmann, ehem. Pressesprecher der Kunstsammlung NRW, Candida Höfer, Julian Heynen); Foto: Ralph Müller, Candida Höfer-Stifung

Julian Heynen: Aus deutschem Mund ist diese Frage fast so etwas wie ein pawlowscher Reflex: Ich war und bin der Meinung, dass man die nationalsozialistische Herkunft des Gebäudes nicht instrumentalisieren und zum legitimierenden Dauerbrenner der Ausstellungen in ihm machen soll. Ich wollte gute, in ihrer Zeit relevante Kunstwerke zeigen. Wenn es so etwas wie ein Hintergrundthema gegeben hat, dann war es bei den Bildern von Candida Höfer und dem "METRO-Net Lüftungsschacht" von Martin Kippenberger die Frage nach der Rolle des Ortes in Zeiten von Globalisierung, Digitalisierung, etc. Und bei Thomas Scheibitz und Tino Sehgal war es die Frage nach der Spezifik unterschiedlicher künstlerischer Medien in einer Zeit des Crossover.

3. Die Biennale Venedig ist die älteste Weltausstellung der bildenden Kunst. Welche gesellschaftliche und künstlerische Aufgabe hat sie Ihrer Meinung nach heute?

La Biennale di Venezia (Giardini), 2011 Foto: Bas Boerman (CC BY-NC 2.0), via Flickr
La Biennale di Venezia (Giardini), 2011 Foto: Bas Boerman (CC BY-NC 2.0), via Flickr

Julian Heynen: Ihre Bedeutung hat sich stark relativiert, zum einen wegen der weltweiten Konkurrenz ähnlicher Veranstaltungen und zum anderen wegen ihrer inhärenten Kommerzialisierung als Teil der Eventkultur. Da die Biennale in Venedig nun mal als "europäische" Nationalitätenschau angefangen hat, wäre es heute vielleicht interessant, die Vielzahl und Disparatheit der Vorstellungen von Kunst im globalen Maßstab zu zeigen – also paradoxerweise auf die Einrichtung von Pavillons aller Nationen hinzuarbeiten. Das ist womöglich unrealistisch, würde aber vielleicht den Trugschluss der "Global Art" relativieren.

3 ½ Und zum Schluss: Ihr persönlicher Geheimtipp für Venedig? Wo haben Sie sich in der Stadt immer besonders wohl gefühlt?

Die Scuola Grande di San Rocco ist die am besten erhaltene der sechs großen Schulen (italienisch "scuole") von Venedig. Sie ist berühmt für die zahlreichen Gemälde von Jacopo Tintoretto. (Foto: Emma Cragg [CC BY-NC-SA] 2.0), via Flickr)
Die Scuola Grande di San Rocco ist die am besten erhaltene der sechs großen Schulen (italienisch "scuole") von Venedig. Sie ist berühmt für die zahlreichen Gemälde von Jacopo Tintoretto. (Foto: Emma Cragg [CC BY-NC-SA] 2.0), via Flickr)

Julian Heynen: Ehrlich gesagt hatte ich früher ein etwas gespaltenes Verhältnis zu Venedig – nach dem Motto: Wer lebt schon gern in einem Museum? Das längere Arbeiten in der Stadt hat mich mit ihr gewissermaßen versöhnt. Ich habe keinen Geheimtipp, denn dann ist es womöglich bald keiner mehr. Aber wohl fühle ich mich zum Beispiel dort, wo Bilder von Tintoretto sind – nicht nur in der Scuola Grande di San Rocco.

Folge 1: Florian Ebner

Florian Ebner © Museum Folkwang
Florian Ebner, Kurator des Deutschen Pavillons 2015 © Museum Folkwang

Folge 3: Susanne Gaensheimer

Susanne Gaensheimer, Direktorin des Museums für Moderne Kunst in Frankfurt/Main. Foto: Renato Ribeiro Alves
Susanne Gaensheimer; Foto: Renato Ribeiro Alves

Folge 6: Clemens Kusch

Clemens Kusch; Foto: Michele Mascalzoni
Clemens Kusch, Architekt, zuständig für Bau- und Sanierungsarbeiten am Deutschen Pavillon; Foto: Michele Mascalzoni

Folge 2: Nicolaus Schafhausen

Nicolaus Schafhausen © Kunsthalle Wien 2014, Foto: Sabine Hauswirth
Nicolaus Schafhausen © Kunsthalle Wien 2014, Foto: Sabine Hauswirth

Folge 4: Udo Kittelmann

Udo Kittelmann kuratierte den Deutschen Pavillon 2001 © Juliane Eirich
Udo Kittelmann kuratierte den Deutschen Pavillon 2001 © Juliane Eirich

Folge 7: Manuel Reinartz

Manuel Reinartz war 2015 Technischer Leiter des Deutschen Pavillons. © ifa / Gögelmann
Manuel Reinartz war 2015 Technischer Leiter des Deutschen Pavillons. © ifa / Gögelmann

Julian Heynen, geboren 1951, ist Kunsthistoriker, freier Kurator und Autor für zeitgenössische Kunst. Von 2009 bis Juli 2016 war er Kurator der Kunststsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf. Nach seinem Studium der Kunst- und Literaturgeschichte absolvierte er ein Volontariat am Wallraf-Richartz-Museum/Museum Ludwig in Köln (1977-1978). Bis 1980 arbeitete er als Kurator am Wilhelm-Lehmbruck-Museum in Duisburg. Von 1982 bis 2000 war Heynen Ausstellungsleiter und stellvertretender Direktor der Krefelder Kunstmuseen (Haus Lange, Haus Esters, Kaiser Wilhelm Museum). Von 2001 bis 2009 übernahm er die künstlerische Leitung der K21 Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen. In den Jahren 2003 und 2005 war er Kommissar des deutschen Pavillons bei der 50. und 51. Biennale in Venedig, 2008 Ko-Kurator der Shanghai Biennale.
Zwischen 2007 und 2010 war er als Experte regelmäßig in der auf 3Sat ausgestrahlten Kunstsendung "Bilderstreit" zu Gast.