Blick in die Ausstellung "Über den Teppich" in der ifa-Galerie Stuttgart, 2016 © ifa/Siri Gögelmann

Blühende Bleistifte und gewebte Bilder

Ein Gespräch über Kunst, Kultur und Handwerk

Als kleiner Junge spitzte Taysir Batniji am Ende der Schulferien stundenlang seine Stifte. Heute gehört ein Feld aus Farbstiftspänen zu seiner bekanntesten Performance. Der palästinensische Künstler wurde 1966 in Gaza geboren. Mitte der 1990er Jahre musste er seine Heimat verlassen. In seiner Installation "Hannoun" – aktuell zu sehen in der ifa-Ausstellung "In the Carpet ǀ Über den Teppich" – stellt Batniji zwei zentrale Dimensionen seines Lebens gegenüber: den Konflikt im Gazastreifen und das Leben im Exil. "In the Carpet ǀ Über den Teppich" beleuchtet die Wechselwirkungen zwischen Kunst und Handwerk sowie den Austausch von verschiedenen kulturellen Zentren in Europa und Marokko. Ebenfalls in der Ausstellung zu sehen, sind die Arbeiten von Amina Agueznay. Die in Casablanca geborene Künstlerin liebt die Zusammenarbeit mit marokkanischen Weberinnen und anderen Handwerkern. Acht Jahre lang arbeitete sie als Architektin in den USA. In ihren Textilinstallationen setzt sie sich mit traditionellen Motiven und überlieferten Handwerkstechniken auseinander.

Interview von Mustafa Yapakci und Siri Gögelmann

ifa (Institut für Auslandsbeziehungen): Mona Mekouar, eine der Kuratorinnen von "In the Carpet | Über den Teppich", hat Sie eingeladen, Ihre Werke in der Ausstellung zu präsentieren. Was war die größte Herausforderung im Entstehungsprozess Ihrer Arbeiten?

Amina Agueznay: Es ist eine große Ehre für mich Teil der Ausstellung zu sein und meine Werke neben denen von Sheila Hicks zu präsentieren. Genauso wie sie biete ich Workshops zur Teppichproduktion für Marokkaner an, die vom marokkanischen Ministerium für Handwerk gefördert werden. Eine große Herausforderung war für mich die Zusammenarbeit mit einer Kunsthandwerkerin, die auf dem Land wohnt. Das Konzept war zwar innerhalb einer Stunde fertig, aber das Weben dauerte eine ganze Woche. Deswegen konnte ich nicht dort bleiben und den Prozess beobachten. Die Herausforderung bestand daher darin, unvorhersehbare Ergebnisse zu akzeptieren.

Taysir Batniji vor seiner Installation "Hannoun", ifa-Galerie Stuttgart, 2016 © ifa/Juliane Pfordte
Taysir Batniji vor seiner Installation "Hannoun",
ifa-Galerie Stuttgart, 2016 © ifa/Juliane Pfordte

Taysir Batniji: Die größte Herausforderung war für mich, die Installation an den Raum anzupassen und dabei die ganzen Elemente wie Licht und materielle Beschaffenheit zu berücksichtigen. Jedes Museum und jede Kunstgalerie hat seine eigene Architektur und Charakteristik. Aber ich denke, in der ifa-Galerie ist es uns gelungen, gute Lösungen für die vielen kleinen Details zu finden. 

ifa: Die Ausstellung untersucht die Wechselwirkungen zwischen Kunst und Handwerk. Worin besteht für Sie der größte Unterschied?

Batniji: Eigentlich mag ich die Abgrenzung von Kunst und Handwerk nicht. Meine Arbeit ist Kunst, aber der Umsetzungsprozess nimmt die Form von Handwerk an. Ich mag die Konfrontation von meiner Arbeit und dem Handwerk. Ich arbeite mit verschiedenen Materialien wie Salz, Schokolade, Glas und Metall. Für die Installation "Hannoun" sowie für andere Werke nehme ich das Wesen eines Handwerkers an. Für mich spiegelt Handwerk die Bedürfnisse der Zivilisation wider, gleichzeitig aber auch einen ästhetischen Aspekt: der Wunsch des Handwerkers beziehungsweise der Handwerkerin, etwas durch die Arbeit auszudrücken. Die palästinensische Stickerei ist zum Beispiel nicht nur eine rein mechanische Praktik. Sie spiegelt auch das soziale und politische Leben der Menschen in der palästinensischen Geschichte wider.

Blick in die Ausstellung "Über den Teppich" in der ifa-Galerie Stuttgart, 2016 © ifa/Siri Gögelmann
Blick in die Ausstellung "Über den Teppich" in der ifa-Galerie Stuttgart, 2016 © ifa/Siri Gögelmann

Agueznay: Die Definition von Kunst und Handwerk hängt vom jeweils persönlichen Hintergrund ab. Ich denke, dass ein Teppich für die meisten Marokkaner Handwerk ist – ja, definitiv Handwerk, mit einer Betonung des grafischen Teils. Bei meiner Feldforschung zu Hause habe ich festgestellt, dass es zwei Arten von Teppichen gibt: den "zarbiya" und den "qtifa". Der "qtifa" ist der Vorgänger des "zarbiya", mit einem eher funktionalen Aspekt. Er hatte zwei Funktionen: Er wurde als Bett und als Decke genutzt. Teppiche sind Träger einer Geschichte, die sich von einem zum nächsten Stück verändert. Auch wenn meine Arbeitsweise mit den Stücken unterschiedlich interpretiert werden kann, gibt es immer wieder Veränderungen in dem Prozess vom Konzept bis zur Realisierung.

ifa: Was charakterisiert Ihren Arbeitsprozess und welcher Aspekt Ihrer Arbeit ist Ihnen besonders wichtig?

Amina Agueznay in der ifa-Galerie Stuttgart, 2016 © ifa/Siri Gögelmann
Amina Agueznay in der ifa-Galerie Stuttgart,
2016 © ifa/Siri Gögelmann

Agueznay: Die Zusammenarbeit ist sehr wichtig für mich. Ich bin keine Weberin, Töpferin oder Silberschmiedin, aber ich liebe den Austausch mit Kunsthandwerkern. Für das Projekt in der Ausstellung habe ich mit einer Kunsthandwerkerin aus Tiflet in der Zemmour-Region zusammengearbeitet. Ich habe ihr das Symbol gezeigt, das mich interessierte, gab ihr ein Blatt Papier und einen Bleistift und bat sie es zu zeichnen.

Die meisten Textilinstallationen von Amina  Agueznay zeigen ornamentale Strukturen,  ifa-Galerie Berlin, 2017 © ifa/Victoria  Tomaschko
Die meisten Textilinstallationen von Amina
Agueznay zeigen ornamentale Strukturen,
ifa-Galerie Berlin, 2017 © ifa/Victoria
Tomaschko

Sie sagte: "Ich weiß nicht, wie man mit einem Stift zeichnet. Lass es mich webend zeichnen." Ich habe interessante Videos gemacht, in denen sie tatsächlich dachte, sie würde weben, während sie zeichnete. Es war ein sehr faszinierendes Experiment. Die Webarbeiten für das Ausstellungsstück haben ziemlich lang gedauert. Danach wollte ich mich von der Weberin "befreien" und etwas anderes ausprobieren. Mit der Hilfe einer anderen Kunsthandwerkerin erarbeitete ich das dreidimensionale Kunstwerk in der Ausstellung. Es war zwar immer noch textil, aber eine andere Ausdruck von Materialität. Für mich ist das marokkanische Kunsthandwerk ein Ort mit Millionen von Ideen. Am Ende geht es immer um den Prozess und das Experimentieren. 

Batniji: Bei der Performance für die Installation "Hannoun" stehe ich die ganze Zeit. Manchmal höre ich Musik und denke über viele Dinge nach. Manchmal konzentriere ich mich nur auf das, was ich tue. Ich werde mit dem Material, dem Raum und der Tätigkeit vertraut. Die Performance ist jedes Mal neu für mich, denn ich muss immer neue Wege finden, mit den Formen umzugehen. Ich kann die Bleistifte nicht einfach ohne Strategie spitzen. Manchmal schaffe ich es, die Form, die ich wollte, herzustellen – manchmal nicht. Diese Performance habe ich wohl bereits angefangen, als ich noch zur Schule ging. Ich war ein guter Schüler, aber ich hasste die anstrengenden Hausaufgaben in den Ferien. In letzter Minute – kurz vor Schulanfang – versuchte ich meine Hausaufgaben zu erledigen. Aber stattdessen verbrachte ich meine Zeit damit, Bleistifte zu spitzen. Ich mag die Idee, dass ich diese performative Kunst damals begonnen habe und heute fortführe. 

"Hannoun"–Installation von Taysir Batniji in der ifa-Galerie Stuttgart, 2016 © ifa/Juliane Pfordte
"Hannoun"–Installation von Taysir Batniji in der ifa-Galerie Stuttgart, 2016 © ifa/Juliane Pfordte
Performance von Taysir Batniji in der ifa-Galerie Stuttgart, 2016 © ifa/Henrike Hoffmann
Performance von Taysir Batniji in der ifa-Galerie Stuttgart, 2016 © ifa/Henrike Hoffmann

ifa: Ihre Installation erinnert an ein Blütenfeld. Ganz hinten in dem Raum hängt ein Foto an der Wand. Was für eine symbolische Bedeutung haben das Blütenfeld und das Foto?

Batniji: Das "Mohnblumenfeld" ist eine Andeutung, etwas "dazwischen" – wie in einem Traum. In Palästina glauben wir, dass dort wo Mohnblumen blühen, Blut vergossen wurde oder Menschen getötet wurden, die ihre Heimat verteidigten. Das Foto im Hintergrund zeigt mein Studio in Gaza. Ich habe nur ein paar Stunden darin gearbeitet, denn kurz nachdem es fertig wurde, ging ich für eine Künstlerresidenz nach Deutschland. Nach sechs Monaten sollte ich zurück nach Gaza gehen, aber die Situation dort war sehr kompliziert und ich musste meine Arbeit in Europa fortsetzen. Mit meiner Arbeit wollte ich zwei Dimensionen gegenüberstellen: Das physische Atelier in Gaza – in dem man arbeiten kann, das aber unerreichbar ist – und den Raum der Ausstellung – in dem man arbeiten kann, der jedoch nur für die Zeit der Ausstellung geöffnet ist. Ich beginne die Performance hinten im Raum und bewege mich nach vorne. Ich kann niemals zurückgehen. Dahinter steckt die Idee eines gefangenen Territoriums. Viele meiner Werke der letzten zehn bis 15 Jahre reflektieren die Situation, in der ich lebe: das Leben zwischen zwei Ländern und zwei Kulturen.

ifa: Danke für die Zusammenarbeit und das Interview.

20.01. – 12.03.2017

ifa-Galerie Berlin

Linienstraße 139/140
10115 Berlin
Tel. +49.30.284491.40
fischer(at)ifa.de

Dienstag – Sonntag 14 – 18 Uhr
Montags und an Feiertagen geschlossen

In the carpet | Über den Teppich. – Stuttgart: ifa (Institut für Auslandsbeziehungen), 2016. – 91 S.

Ausstellungs-
katalog "In the carpet | Über den Teppich." – Stuttgart: ifa (Institut für Auslands-
beziehungen), 2016. – 91 S.

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