Motor für Emanzipation und Diskriminierung

Der moderne Sport ist untrennbar mit dem Parlamentarismus, der Industrialisierung und der Förderung des Konkurrenzprinzips verbunden: Der Verlierer hat immer ein Recht auf Wiederholung und auf ein "Comeback". Während die Logik des Gewinnens per definitionem undemokratisch, ja inhärent elitär ist, da es nur einen geben kann, ist der lange Prozess, so ein Gewinner zu werden, sehr wohl demokratiefördernd und -stiftend.

Von Andrei S. Markovits

Das Wort "Sport" entstammt dem mittelenglischen "disporten" oder auch "desporten", was am besten mit "sich amüsieren", "fröhlich sein", aber auch "sich ablenken" übersetzt wird. Sport hat also etwas mit Unterhaltung und Ablenkung zu tun, mit Spielen, wobei hier die englische Sprache mit ihren beiden Wörtern "game" und "play" – und eigentlich dem dritten, "match", mit seinen vier Bedeutungen von entfachen/anzünden, harmonieren/vereinen und sich bespielen/wetteifern, aber auch betrügen und bemogeln – viel nuancierter ist als die deutsche mit ihrem einzigen Begriff "Spiel" und die französische mit ihrem "jeu".

Und tatsächlich ist der moderne Sport eine Gabe der beiden anglofonen Demokratien, hauptsächlich Britanniens, aber auch der Vereinigten Staaten von Amerika, an die Welt. Natürlich hat fast jede Kultur seit jeher "Spiele" gespielt – ein absolut entscheidendes konstitutives Element des modernen Sports. Wie der große niederländische Kulturhistoriker Johan Huizinga bereits vor langer Zeit in seinem Klassiker "Homo Ludens" dargestellt hat, scheint es gleichsam in der Genetik des Menschen zu stecken, auf jeden Fall aber in der sozialen DNA, irgendwie und irgendwo zu spielen.

Spielen ist gleichsam eine ubiquitäre menschliche Betätigung. Und natürlich gab es körperliche Betätigung, ein ebenso entscheidendes Konstitutiv des Sports, gleichfalls ubiquitär in der Welt wie Spiele. Die Römer spielten Harpastum, eine Art Urfußball, die Chinesen betätigten sich ebenfalls in ballbezogenen Spielen, genauso wie die Ägypter, die Inkas und natürlich viele der Indianervölker Nordamerikas. In Europa war besonders Frankreich ein Hort vieler Ballspiele, die mittelalterlichen Fußballspiele Italiens und Englands leben bis zum heutigen Tage fort im Calcio fiorentino, das allsommerlich am Piazza Santa Croce in Florenz zur großen Begeisterung der Lokalbevölkerung und der angereisten Touristen stattfindet, und im Royal shrovetide football match, das jeden Faschingsdienstag und Aschermittwoch in Ashbourne in der Grafschaft Derbyshire als nur das berühmteste unter den zahlreichen stets noch gespielten sogenannten folk football games der Insel ausgetragen wird. Nicht zufällig gibt es zu folk football auch das Synonym mob football, da diese Spiele von einer großen und vor allem unbekannten Anzahl von Spielern in den beiden einander gegenüberstehenden „Mannschaften“ nach kaum existierendem Regelwerk, manchmal auch mit einer Portion Gewalt oder zumindest Rowdytum ausgetragen werden.

Da die vagen und zeitlich variierenden Regeln niemals in einem modernen Sinn institutionalisiert wurden, womit diese Spiele für Außenstehende unverständlich blieben, verloren sie niemals ihre provinzielle Eigenschaft und ihren lokalisierten Charakter, was nunmehr in unserer höchst mobilen und "globalisierten" Welt zu ihrem oft gut vermarkteten Charme gehört.

Das wichtigste Vermächtnis dieses shrovetide football, bei dem die Mannschaft der Up’Ards, aus Einwohnern von oberhalb des Flusses gebildet, gegen jene südlich des Flusses, passend Down’Ards genannt, stundenlang die ganze Stadt und deren Umland als Spielfläche benutzend das Spiel bestreiten, liegt natürlich in dem Wort Derby, das im Fußball große und traditionsbeladene Rivalitäten zweier innerhalb einer Stadt oder auf engem Raum existierender Mannschaften bezeichnet, was die romanischen Sprachen mit dem Terminus classico und das nordamerikanische Englisch mit dem der rivalry games ausdrückt. Es scheint, dass alle Kulturen Spiele solcher Art kannten und austrugen. Vor ein paar Jahren versicherte mir ein rumänischer Kollege, Baseball sei eine rumänische Erfindung, da es sowohl in Rumänien als auch anderswo zahlreiche Spiele der Bat-and-ball-Variante gab, aus denen dann moderne Variationen wie Tennis, Kricket, Baseball und andere Spiele hervorgingen, in denen es darum ging, mit Schlägern einen Ball zu treffen und zu schlagen.

Von besonderem Interesse ist allerdings die so grundlegende Änderung von gelegentlichem und natürlich auch lokalem Zeitvertreib zur Entwicklung des modernen Sports. Sie erforderte zwar nicht stringent hinreichende, dafür aber absolut notwendige Bedingungen, an deren Präsenz sich Großbritannien und in zweiter Linie auch die USA erfreuten. Ich möchte hier in erster Linie die Arbeiten der Berliner Historikerin Christiane Eisenberg (vor allem ihr Buch "English sports und deutsche Bürger") und die des legendären Harvard-Gelehrten Barrington Moore Jr. ("Social Origins of Dictatorship and Democracy") zu diesem Thema kurz skizzieren, um die für die Entwicklung des modernen Sports in England entscheidenden Faktoren – besonders in Kontrast zu deren Absenz in Deutschland, Österreich, Frankreich und anderen Ländern Kontinentaleuropas – hervorzuheben:

1. Die Durchlässigkeit der Grenzen zwischen Adel und Bürgertum. Der deutsche Adel war viel exklusiver als der britische, paradoxerweise aber auch zahlreicher und ärmer. Während der britische Adel durch und durch kommerzialisiert wurde, blieb der deutsche von dieser Entwicklung so gut wie unberührt. Ein wesentlicher Grund hierfür ist das Erbfolgeprinzip der Primogenitur beim britischen Adel: Mit der Tatsache, dass nur der älteste Sohn automatisch erbberechtigt war und die anderen der Familie sich einen Erwerb für ihr Leben anderswo als zu Hause suchen mussten, professionalisierte und eo ipso kommerzialisierte sich die britische Aristokratie erheblich. Sie "verbürgerlichte" sich damit quasi.

2. Die frühzeitige Machtbeschränkung der britischen Krone.

3. Die Entstehung des Parlamentarismus.

4. Frühe, schon vor der Industrialisierung einsetzende Kommerzialisierung von Wirtschaft und Gesellschaft.

5. Die Förderung des Konkurrenzprinzips in Wirtschaft und Gesellschaft.

6. Die Logik des Wettens, die ungleich Lotto – das auf reinem Glück beruht und vom Staat organisiert wird – in den Bereichen Boxen, Pferderennen, Golf und Kricket bereits im späten 18. Jahrhundert Informationswissen, Expertise, Training und geregelte Methodik in Denken und Handeln erzwang, die für den Erfolg ausschlaggebend waren. In bahnbrechenden Studien zum Zusammenhang von Können und Glück (Skill and Luck), vor allem im Bereich von Investitionen, Erfindungen in den verschiedensten Bereichen und im Sport, zeigt Scott Page von der University of Michigan, wie sehr die Kultur des Wettens auf sozial konstruierte Handlungen – wie die des Sports zum Beispiel – die Komponente von Können, also Expertise und Wissen und Datensammlung, fördert, im Gegensatz zu "reinen" Glücksspielen, in denen kaum kognitive Fähigkeiten investiert, geübt und erlernt werden.

Der englische Sportökonom Stefan Szymanski vergleicht die frühen Sportentwicklungen in Großbritannien und den USA einerseits und jene Frankreichs und Deutschlands andererseits und zeigt, dass der weitaus wichtigste Unterschied zwischen diesen zwei Gruppierungen die Stärke der bürgerlichen Gesellschaft in den ersteren und die der staatlichen Autorität in den letzteren waren. Bereits im 17. Jahrhundert entwickelten die Völker der britischen Inseln (besonders Englands und Schottlands), was Szymanski mit anderen "associativity" nennt, also eine Neigung zur gesellschaftlichen Gruppierung und Gruppenbildung in freiwillig organisierten, keinerlei staatlichen Interventionen unterliegenden Institutionen, unter denen die "Clubs" vielleicht die entscheidendsten waren.

Eklatante Sinnlosigkeit

Und solche Klubs entstanden aus den sonderbarsten Gründen, oft nur der Willkür und den persönlichen Vorlieben in Bezug auf den Zeitvertreib folgend, die seine Gründer und Mitglieder miteinander verbanden. Dazu gehörten eben gänzlich unwichtige Spiele, die an und für sich sinn- und zwecklos waren. Szymanski benennt diesen Punkt wundervoll mit dem Terminus "flagrant pointlessness", also eklatante Sinnlosigkeit, vielleicht Un-Sinn im wahrsten Sinne des Wortes.

Es ergibt ja auch keinen wahren Sinn und birgt keine zweckmäßige Lösung von Problemen irgendeiner Art, einen kleinen Ball in ein Hunderte Meter entferntes, auf einer Lichtung liegendes kleines Loch mit komischen Schlägern zu befördern, was zum in Schottland gegründeten Spiel "Golf"“ wurde. Am Anfang machten diese komischen Spiele wie Golf und Kricket an und für sich wenig Sinn. Aber sie entwickelten mit der Zeit komplexe und moderne Netzwerke miteinander konkurrierender Klubs, die bald ein wechselseitig verständliches Regelwerk aufbauten und so die Sprachen "Golf" und "Kricket" mit all ihrer Grammatik und ihren Regeln und Ausnahmen konstruierten und förderten. Zuallererst entstanden diese auf Bällen basierenden Spiele in einer Sinn- und Zwecklosigkeit a priori.

Sie hatten weder martialische Zwecke noch dienten sie der Ertüchtigung des Körpers in den verschiedensten, dem Staate potenziell dienlichen Angelegenheiten, wie dies in Deutschland und Frankreich sehr wohl der Fall war. Erst später, im postnapoleonischen und vor allem im Viktorianischen Zeitalter Großbritanniens, wurden diese Spiele für Zwecke wie "muscular Christianity" und andere erziehungs- und ertüchtigungsideologische Richtlinien natürlich fast ausschließlich für junge Männer gebraucht und in deren Namen legitimiert und gerechtfertigt. Im Gegensatz zu Großbritannien fanden dergleichen systemlegitimierende und dem Staat dienende ideologische Verbrämungen des Sports und insbesondere deren mannschaftliche Versionen in den USA erst später statt.

Es besteht kein Zweifel, dass die erfolgreiche Verdrängung von Kricket durch Baseball in der Sportkultur der Vereinigten Staaten im 19. Jahrhundert durch die vermeintlich eigenständige und somit amerikanische Identität des einen gegenüber der britischen und somit fremden Identität des anderen erfolgte. Bereits im 18. Jahrhundert sehen wir, dass in dieser sich neu entwickelnden Domäne, die sich in weiterer Folge Sport nennen sollte, letztendlich Leistung zum schlechthin wichtigsten konstitutiven Faktor avancierte.

Es war schließlich der sephardische Jude Daniel Mendoza (1764–1836), der nicht nur zum vielleicht ersten wirklichen Sportstar Großbritanniens und damit der damaligen Welt wurde, sondern noch immer auch als "father of scientific boxing" angeführt und anerkannt wird, der als Erster mit Erfolg moderne Methoden in diesen Sport integrierte.

Gentlemen und Player

Nur nebenbei bemerkt: Man sagt, dass Mendoza der erste Jude war, dem es gelang, mit King George III. zu sprechen. Die Meritokratie des Sports erlaubte es auch, dass im Marylebone Kricket Club (MCC), auf dem von John Lord 1786 gegründeten Spielfeld des nach ihm benannten (daher "Lord’s") Nord-Londoner Mekka des Kricket, auf dem Weg des 1787 kodifizierten Mannschaftssports Cricket sowohl "Gentlemen" als auch "Players" auf dem gemeinsamen Rasen, wohlgemerkt mit und gegeneinander in völliger Gleichheit, ihre Kräfte messen konnten. Und das, obwohl die Kabinen der "Gentlemen" und "Players" bis in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts getrennt blieben und Mannschaftskapitäne nur von den Ersten gestellt werden konnten. Hier ist es wichtig anzumerken, dass – im Gegensatz zu den etatistischen Entwicklungen in deutschen Landen und in Frankreich zur gleichen Zeit – die Prominenz des MCC als letztlich entscheidende Instanz in Sachen Kricket weder durch staatliche Intervention noch durch die Selbstdarstellung des Klubs entstand, sondern durch einen Prozess gradueller Einpegelung aller im Spiel relevanter und in der bürgerlichen Gesellschaft Englands verankerter Institutionen, ein Resultat der von Szymanski definierten "associativity". Schon damals beobachten wir, wie auch die zwei dem Sport inhärenten und bis heute bestehenden und bestimmenden Dimensionen nebeneinander agieren: die meritokratisch leistungs- und resultatsbezogene auf dem Feld, in der Arena, seitens der Akteure selbst, die verbindend und integrativ wirkt; und die gruppenaffirmierende, differenzbetonende außerhalb des Feldes, die dagegen auf Trennung und Separation hinausläuft.

Nirgendwo sind diese beiden rivalisierenden und sich prima facie ausschließenden, trotzdem aber symbiotischen Charakteristika des modernen Sports besser beschrieben als in dem meines Erachtens besten Sportbuch aller Zeiten, "Beyond a Boundary" von C.L.R. James, in dem die kolonialisierend unterdrückenden und gleichzeitig meritokratisch befreienden Kräfte von Kricket so wunderbar dargestellt werden.

Norbert Elias hat schon recht, wenn er die Entwicklung des modernen Sports in Großbritannien und speziell in England – vor allem als Ausgangspunkt zahlreicher Mannschaftssportarten mit einem ballartigen Objekt – mit einer besonderen Phase der zivilisatorischen Entwicklung und der bürgerlichen Öffentlichkeit verbindet. Diese koinzidieren sowohl zeitlich als auch strukturell mit der Gründung der Bank of England, der Abschaffung der staatlichen Zensur und dem Beginn einer von einem Kabinett geführten Exekutive, die Jürgen Habermas für die demokratische Entwicklung und die Entstehung der bürgerlichen Gesellschaft Großbritanniens als zentral erachtet. Wie die Konzepte "Fair play" und "Amateur" verraten – oder wie der herrliche englische Ausdruck „to be a good sport“ bestätigt (sprich: ein guter Verlierer, ein wunderbarer Allrounder, alles andere als ein vom Ehrgeiz zerfressener Streber zu sein) –, beherbergen diese Strukturen eine gewisse Toleranz des Verlierens. Nur politische Systeme parlamentarischer Organisation, liberale Demokratien eben, für die eine gewisse Toleranz auch der schärfsten Opposition und Antinomie eine wesenserhaltende Norm darstellt, konnten Wettbewerbe systematisieren, in denen es stets Gewinner und Verlierer gibt, ja deren Attraktion genau in dieser Dichotomie liegt.

Der Verlierer hat allerdings immer eine "second chance", ein Recht auf Wiederholung und auf ein "Comeback". Während die Logik des Gewinnens per definitionem undemokratisch, ja inhärent elitär ist, da es letztendlich nur einen geben kann, ist der lange Prozess, so ein Gewinner zu werden, sehr wohl demokratiefördernd und -stiftend.

Es war kein so langer Weg von den Amateurspielen der Public Schools und im Kosmos von Oxbridge bis zu den Aussprüchen Vince Lombardis, des fast mythischen Ex-Coaches der Green Bay Packers, dessen Name heute die Meisterschaftstrophäe im American Football ziert, und der die Essenz des modernen Sports mit seinem Motto "Winning is not everything, it’s the only thing" (zu gewinnen ist nicht alles, es ist die einzige Sache) auf den Punkt brachte. Und das Bonmot Bill Shanklys, des nicht minder legendären einstigen Managers des FC Liverpool, der in diesem Fall Fußball nicht bloß als eine Sache von Leben und Tod bezeichnete, sondern als etwas noch viel Wichtigeres, ist wohl allgemein bekannt.

Substituieren Sie Fußball mit den "Big Four" Nordamerikas – Baseball, Basketball, Football und Eishockey –, Kricket in Pakistan, Indien, Australien und Neuseeland sowie durch einige andere dieser ballzentrierten Mannschaftsspiele in verschiedenen Ländern, und Sie haben die Essenz dieser Gebilde, die ich "hegemoniale Sportkulturen" nenne.

Nicht zufällig gleicht der moderne Sport dem Wesen seines Schöpfers, das heißt den liberalen Demokratien, in denen beim Start zumindest nominell alle die gleichen Zugangs- und Startbedingungen vorfinden, alle nach denselben von allen Partizipierenden approbierten und verstandenen Regeln unter gleichen Bedingungen spielen, aber es am Ende nur einen beziehungsweise sehr wenige Gewinner gibt.

Die Ungewissheit jedes Resultats, vielleicht der wichtigste Unterschied zwischen Sport und allen anderen Unterhaltungs- und Kunstbereichen, stellt ebenfalls ein demokratisierendes Moment dar – denn bei jedem auf dem Papier auch noch so hoffnungslos aussehenden Unterfangen gibt es Chancen auf ein "upset", die implizite Möglichkeit, dass David Goliath besiegt. Das Papier ist eine Sache, das Spielfeld eine ganz andere. Ohne diese Ungewissheit wird jeder Sport wiederum zur reinen Show wie beim "Entertainment Wrestling" wo die Rollen von "Sieger" und "Verlierer" inszeniert sind.

Kurz werde ich die emanzipatorischen und kosmopolitischen Dimensionen von Sport behandeln. Konkret mochte ich dies entlang dreier Achsen tun, nämlich denen von "class", "race" und "gender", also Klasse, Ethnie und Geschlecht/Gender – die heilige Dreifaltigkeit der gegenwärtigen amerikanischen Sozialwissenschaft. Fangen wir bei Klasse an. Grob gesprochen waren die Vorläufer des Sports bis zur postnapoleonischen Ära spontane, unorganisierte, oft wilde, gewalttätige und fast völlig ortsgebundene Angelegenheiten des Volkes, also der unteren sozialen Schichten. Dies ändert sich dann massiv mit den weitreichenden Reformen und der Rekonzeptionalisierung des Sports im Rahmen der "Mens sana in corpore sano"-Ideologie an den Public Schools sowie in Oxford und Cambridge.

Hochhalten des Amateurgedankens

Sport wird zur Domäne von Gentlemen, ein Zeitvertreib der Eliten, denen Beteiligung mehr bedeutet als Gewinnen, das eigentlich verpönt ist. Und um Gottes Himmels willen darf Sport ja nichts mit Geld zu tun haben – die Produzenten des Sports dürfen niemals bezahlt werden! Amateurismus und ambitionierter Dilettantismus wurden somit zum allgemeinverbindlichen Ideal erklärt.

Der Hintergrund dazu ist klar: Der Amateurismus, fälschlicherweise und bewusst täuschend mit den Griechen der Antike verbunden, um die eigene Klassenexklusivität zu legitimieren und kulturell zu verbrämen, wurde von den Eliten in Oxbridge und der Public Schools erfunden und propagiert, um die Partizipation von Leuten minderer sozialer Herkunft zumindest zu erschweren, wenn nicht gar zu unterbinden.

Denken wir nur an den Grund, warum Tennis- und Kricketspieler stets in Weiß auftreten mussten: um den Schmutz besser, markanter und schneller sichtbar zu machen und somit ein dauerndes Sauberhalten zu erfordern, was für ärmere Leute zu der Zeit ein wahres Hindernis darstellte; oder warum Kricketspiele während der Woche und auf so lange Zeitdauer angesetzt wurden. Die Ethik und Metrik des Hochhaltens des Amateurgedankens blieb bis in die späten Dekaden des 20. Jahrhunderts die Legitimation schlechthin solch gewichtiger sportlicher Entitäten wie der "Rugby Union", vor allem aber der Olympischen Spiele.

Bis heute bleibt diese Elitenkultur von Oxbridger Studenten der sechziger und siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts auch die allumfassende Ideologie des amerikanischen College-Sports, der von sogenannten "Student Athletes" betrieben wird, was bei den meisten Beteiligten zwar einerseits den Tatsachen entspricht (nahezu alle der mehr als 430.000 gegenwärtigen Student Athletes erhalten keine Bezahlung, üben später einmal andere Berufe aus und betreiben ihren Sport während der vier Jahre ihres Universitätsaufenthalts als Undergraduates aus reiner Freude an der Sache), bei den kulturell sehr wichtigen Sportarten des College-Basketballs und des College-Footballs jedoch zu maßgeblichen Widersprüchen, Konflikten und Transgressionen führt.

Wandel der Klassenexklusivität

Diese Klassenexklusivität beginnt sich ab 1869 zu wandeln, als die Baseball-Mannschaft der Cincinnati Redstockings zur ersten voll professionalisierten Sportmannschaft der Welt mutierte, das heißt, dass zum ersten Mal auf der Welt 25 Individuen ein geregeltes Gehalt dafür erhielten, um vor Publikum ein Kinderspiel aufzuführen. Und siehe da, die meisten Spieler der Redstockings kamen aus sozial niedrigem Milieu, und vor allem war nur ein einziger Spieler aus Cincinnati dabei.

Von damals an sehen wir also, dass die Logik des Gewinnens zu einer Logik der besten Spieler führt, unabhängig von geografischer Herkunft, partikularistischen Hindernissen und restriktiven zugeschriebenen Charakteristika. Im Grunde genommen haben wir hier schon die Logik der Globalisierung, einer aufgrund der absolut dominanten Zielorientierung des Gewinnens inklusiven und damit kosmopolitischen sozialen Triebkraft.

Diese Demokratisierung von Baseball setzt sich dann fort mit der Gründung der ersten professionellen Sportliga der Welt, der "National League of Professional Baseball Clubs" im Jahre 1876. Analoge Entwicklungen spielen sich zeitgleich auf der anderen Seite des Atlantiks ab, wo der "Association Football" im Zuge der siebziger und achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts immer kommerzialisierter und damit auch professioneller und sozial inklusiver wird. 1888 wird die englische professionelle Fußballliga gegründet und macht somit dieses Spiel zum weitaus demokratischsten Sport der Insel.

Als Rugby sich explizit diesen demokratischen und auch kommerziellen Entwicklungen widersetzt und seinem elitären Amateurstatus quasi ewige Treue schwört, spalten sich die hauptsächlich im Arbeitermilieu der Midlands angesiedelten Vereine von der Rugby Football Association ab und schaffen 1895 mit der Rugby League nicht nur eine eigene, sich auf professionelle Spieler stützende Institution, sondern auch einen vom klassischen Union-Spiel abweichenden Code, mithin eine neue Sportsprache.

Das Union-Spiel hingegen professionalisiert sich erst im Sommer 1995, also genau 100 Jahre nach seiner Verpönung der von Arbeitern getragenen und dadurch professionalisierten Rugby League. Die Spannung und der Zwiespalt um die Professionalisierung und somit die Klassenherkunft und das Milieu von Association Football (also Fußball) und Rugby Union Football ist am besten mit folgenden Worten von Oscar Wilde beziehungsweise Rudyard Kipling (die Herkunft dieses Bonmots ist bis heute nicht ganz geklärt) charakterisiert: "Rugby is a game for barbarians played by gentlemen; Football is a game for gentlemen played by barbarians."

Setzen wir nun mit Ethnie fort – wobei ich dieser Rubrik auch Religion zuordnen möchte, da ich es müßig finde, mich damit herumzuschlagen, ob Jude zu sein eine religiöse oder eine ethnische Kategorie verkörpert. In jedem ethnisch pluralen Land sind alle jeweiligen Sportarten ethnisch kodiert und überlagert.

So zum Beispiel ist in der Republik Südafrika Rugby Football noch immer – auch trotz des Films "Invictus" und des Siegs beim World Cup 1995 – mehr oder minder mit den Weißen, genauer gesagt mit den Afrikaans des Landes assoziiert, während Association Football weiterhin fast ausschließlich die Sportkultur der schwarzen Bürger des Landes verkörpert.

In den USA waren Boxen und Basketball in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts qua ihrer Urbanität disproportional von Juden ausgeübte Sportarten und verlagerten sich unter Beibehaltung ihres städtischen Charakters in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts auf afroamerikanische Bürger.

Die ethnische Integration besonders von Baseball durch Jackie Robinson im Jahre 1947 markiert den absolut entscheidenden Beginn einer Reihe solcher Schlüsseljahre für die Gleichberechtigung schwarzer Bürger der USA: 1954 (Brown vs. Board of Education); 1964 (Civil Rights Act); 1965 (Voting Rights Act); 1967 (Loving vs. Virginia) und 1972 (Title IX of the Education Amendments of the Civil Rights Act); fortgesetzt durch die Wahl schwarzer Bürgermeister, Kongressabgeordneter, Senatoren, Universitätspräsidenten und letztlich des Präsidenten des Landes. Jackie Robinson, Willie Mays und Henry Aaron im Baseball; Jim Brown, O.J. Simpson, Walter Payton und Doug Williams (der erste schwarze Quarterback, der den Superbowl gewinnen konnte) im Football; Bill Russell, Wilt Chamberlain, Kareem Abdul-Jabbar, Earvin "Magic" Johnson und Michael Jordan im Basketball waren und sind aufgrund ihrer überragenden sportlichen Leistungen absolut zentrale Gestalten in der langen und noch immer währenden Emanzipation der afroamerikanischen Bürger der USA und wichtige Agenten dieses sozialen Wandels.

Ethnische Integration von Baseball

Wie Lars Rensmann, mein Koautor und Kollege an der University of Michigan, über seine Heimatstadt Dortmund und seinen Lieblingsverein Borussia nachweist, haben die schwarzen brasilianischen Fußballspieler Dedê und Julio Cesar qua ihrer exzellenten Leistungen auf dem Spielfeld einen aufklärenden und ausgesprochen kosmopolitischen Einfluss auf die Kultur der Stadt und deren Bevölkerung ausgeübt.

Selbstverständlich gab und gibt es noch immer eingefleischte Rassisten und konterkosmopolitische Fans und Bürger, die gegenüber solchen Entwicklungen stets immun geblieben sind, ja sogar von ihnen in ihrem Ressentiment angespornt werden.

Doch gibt es keinen Zweifel, dass die Leistungen von Vertretern ethnischer und somit fast immer diskriminierter – sehr oft sogar verhasster und verachteter – Minoritäten auf dem Spielfeld aus zwei Gründen einen emanzipatorischen Charakter haben: Erstens, weil auch der größte Rassist eine hervorragende Leistung in dem Spiel, das er liebt, und für das Team, das er vergöttert, einfach achten und schätzen lernt, ja qua der Akzeptanz seines Milieus sogar muss. Und zweitens, weil die Spitzenleistungen von Vertretern solcher ethnischen Minoritäten ein unglaublich wichtiges Affirmationsmoment für diese verkörpern, ihnen somit Selbstbewusstsein verleihen und sie daher hinsichtlich ihrer Partizipation an der Gesamtgesellschaft und der eventuellen Akzeptanz derselben befördern.

Zinedine Zidane symbolisierte ein wichtiges Integrationsmoment vieler französischer Bürger maghrebinischer Herkunft; Joe Louis war entscheidend für das wachsende Selbstgefühl der schwarzen Bürger Amerikas; man kann die Integration amerikanischer Juden in den kulturellen Mainstream des Landes ohne "Hammerin’ Hank" Greenberg und Sandy Koufax nicht verstehen und nachvollziehen. Und in den Stadien der englischen Premier League nahm der Rassismus – obwohl er weiterhin präsent ist – direkt proportional mit der Zunahme von schwarzen Akteuren auf dem Spielfeld ab.

Kurz gesagt: Sportliche Leistungen und Erfolge von Vertretern diskriminierter ethnischer Minderheiten erleichtern deren Akzeptanz und Integration in die Gesellschaft. Je mehr solcher ethnischen Outsider als Erfolgsfiguren in den hegemonialen Sportkulturen existieren, desto akzeptierter werden deren Ethnien in der Gesellschaft als Ganzes. Wie immer besitzt Quantität jedoch auch in diesem Fall qualitative Züge. Akzeptiert zu sein, wohlgemerkt, heißt noch lange nicht respektiert, geschweige denn geliebt zu werden. Wie wir aus einschlägigen Studien aus den Vereinigten Staaten wissen, differenzieren Menschen sehr wohl zwischen schwarzen Stars aus dem Komplex Sport/Film/Fernsehen/Musik und „normalen“ schwarzen Bürgern auf der anderen Seite. Michael Jordan, Tiger Woods, Will Smith oder Oprah Winfrey (die bei Weitem reichste Frau der USA) werden eigentlich von einer breiten Masse der Bevölkerung nicht wirklich als Schwarze gesehen; ihr Ruhm verwandelte sie gleichsam zu Überstars, deren ethnischer Hintergrund irrelevant ist und nicht bewusst wahrgenommen wird.

Kommen wir nun zum dritten Faktor Gender/ Geschlecht. Mit Ausnahme weniger Religionen existieren in den heutigen liberaldemokratischen Industrieländern keine mir bekannten öffentlichen Institutionen und Strukturen, die eine derart undurchdringliche, konstante, stringente und a priori mit totaler Selbstverständlichkeit und voller Legitimität behaftete Geschlechtertrennung durchexerzieren wie der Sport: nicht die Politik, nicht die Wirtschaft, nicht Wissenschaft und Bildung, nicht die Kunst. „Sexual Apartheid“, wie es Paul Hoch vor Jahren so treffend formuliert hat – wenngleich ich lieber von „Gender-Apartheid“ sprechen würde, um damit das sozial konstruierte Geschlecht dem physisch determinierenden vorzuziehen –, definiert einzig und allein das Wesen des Sports.

Selbstverständlich dominieren auch in all den anderen genannten sozialen Sphären immer noch Männer. Das Patriarchat blüht und gedeiht weiter – it’s still a man’s world. Aber zumindest ist es Frauen in den letzten drei, vier Dekaden schon gelungen, die viktorianisch geprägte bürgerliche Hegemonie entscheidend herauszufordern und in ehemals komplett männlichen Institutionen partiell Fuß zu fassen. Doch dies trifft im Sport mit ganz wenigen Ausnahmen überhaupt nicht zu.

Keine Frage, natürlich gibt es vereinzelt Sportarten, die bis zur Ebene der Olympischen Spiele vollständig integriert sind, und wo Frauen und Männer tatsächlich gegeneinander im Wettbewerb stehen, etwa das Dressurreiten oder derzeit die Segelklassen Finn, 49er und Tornado. Und natürlich gab und gibt es immer wieder Frauen, denen es gelingt, das stahlharte Gehäuse des Männersports aufzubrechen und Vertreter des anderen Geschlechts direkt herauszufordern.

So besiegte 1973 Billie Jean King ihren männlichen Konterpart Bobby Riggs in dem zum ultimativen Geschlechterkampf hochstilisierten Tennis-Schaukampf "The Battle of the Sexes", so versuchten die schwedische Golferin Anika Sörenstam und ihre amerikanische Kollegin Michelle Wie punktuell auf der Männertour ihr Glück, so behauptet sich die amerikanische Rennfahrerin Danica Patrick schon seit einiger Zeit erfolgreich in der Männerdomäne des Motorsports, wobei sie 2008 sogar als erste Frau überhaupt ein Rennen der populären IndyCar-Serie gewinnen konnte.

Rare Gewalttätigkeit bei Frauen

Fest steht jedoch, dass derartige Phänomene eben Einzelfälle sind und eindeutig Ausnahmen darstellen. Vor allem eine Frage bleibt immanent: Warum erscheint es gerade im Bereich des Teamsports so überaus exotisch und abwegig, über eine weitreichende Gender-Integration auch nur ansatzweise nachzudenken?

Warum könnten Fußballmannschaften nicht mit fünf Frauen und sechs Männern auflaufen oder umgekehrt? Warum gibt es außer dem niederländischen Korfball keine Gender-integrierten Teams auf der höchsten Ebene des jeweiligen Sports, wobei auch dort die zwei Geschlechter zwar nebeneinander in der gleichen Mannschaft spielen, jedoch Frauen nur gegen Frauen und Männer nur gegen Männer direkt konkurrieren? Natürlich laufen Männer in der Regel schneller, springen höher und sind stärker als Frauen. Aber könnte die Logik von citius, altius, fortius nicht Gender-integrativ konstruiert werden? Warum akzeptieren wir diese Gender-Apartheid, diese klare Diskriminierung, voll und ganz und mehr oder minder approbierend im Bereich körperlicher Betätigung, wo wir dies doch im geistigen Bereich total ablehnen?

Trotz der existierenden Gender-Apartheid haben Frauen im Sport in den letzten vier Dekaden, wie Lars Rensmann und ich in unserem Buch „Gaming the World: How Sports Are Reshaping Global Politics and Culture“ zeigen, Welten durchbrochen und erobert, die vorher schlicht unvorstellbar waren. Denken wir doch nur an den unglaublichen Fortschritt des Frauensports in von Männern dominierten Teamsportarten, welche die hegemonialen Sportkulturen unserer westlichen Länder über ein Jahrhundert lang total dominiert haben.

Bis in die 1970er Jahre mussten etwa deutsche Fußballerinnen mit kleineren und leichteren Bällen spielen, ohne Stollen auf den Schuhen, nur 60 Minuten lang, hatten sich regelmäßig gynäkologischen Untersuchungen zu unterziehen und waren anderen derart diskriminierenden und demütigenden Zuständen ausgeliefert. In den USA mussten Frauen bis in die 1970er Jahre eine Basketballmannschaft mit sechs bis neun Spielerinnen konstituieren (statt den üblichen fünf bei den Männern) und durften darüber hinaus nur einmal, später dann zweimal und in den siebziger Jahren sogar dreimal dribbeln, bevor sie den Ball einer Mitspielerin zupassen mussten.

Die "National Collegiate Athletic Association", die Instanz des amerikanischen College-Sports, erlaubte erst 1982 die erste Basketballmeisterschaft der Frauen. Inzwischen avancierten die Spielerinnen der Spitzenmannschaften wie Connecticut, Tennessee, Maryland, Stanford, Texas oder Notre Dame zu wahren Stars, deren Spiele regelmäßig in mit bis zu 20.000 Leuten gefüllten Hallen und respektablen Einschaltquoten im Fernsehen von der amerikanischen Sportöffentlichkeit rezipiert werden.

Es gibt kein wirklich äquivalentes Phänomen zu der ehemaligen Tennisspielerin Anna Kournikova bei den Männern, jemand, der qua Sex-Appeal zum absoluten Weltstar wird, ohne dauerhaft sportliche Erfolge zu liefern.

Mithilfe von Interviews habe ich mit meiner Doktorandin Jennifer Carlsson von der University of California in Berkeley untersucht, wie Sexualität und Gender bei Sportlerinnen ganz anders konstruiert und diskutiert werden als bei ihren männlichen Kollegen. Dabei zeigen wir, dass die raren Gewalttätigkeiten bei Frauen in der Hitze des Gefechts – wie sie etwa im College-Basketball und im College-Fußball durchaus vorgekommen sind – sofort sensationalisiert und mit ganz anderen Kriterien von der Öffentlichkeit bemessen werden als ähnliche Vorfälle im Männersport, die mehr oder minder alltäglich sind.

Wenn sich Frauen im Sport gut auskennen, zeigt sich, dass ihre Expertise, ihr Wissen und ihre Begeisterung von den Männern nicht als gleichberechtigt und sie selbst nicht als Partner, sondern bestenfalls als tolerierte Partnerinnen gesehen und empfunden werden.

Interessant ist, dass eine solche Angst, Eindringling in einem neuen Milieu und darin nicht willkommen zu sein, sich bei diesen jungen College-Studentinnen nur beim Sport manifestiert, nicht bei Diskursen über Politik, Ökonomie, Kultur und Gesellschaft, und nicht bei irgendeinem studienverwandten Fach, auch nicht bei so männlich konnotierten Feldern wie Physik und Mathematik.

In der Welt der Sportsprachen und der Sportkulturen, die noch immer so männlich besetzt sind, gibt es keine derartigen Instanzen. Da muss die Akzeptanz quasi von den Beteiligten selbst kommen, und wie wir wissen, sind solche informell verliehenen Legitimierungen und "Einbürgerungen" oft schwieriger als solche, die "von oben" oder "von außen" passieren.

Es ist evident, dass von der Sekunde an, in der das Gewinnen und der Sieg das wichtigste Ziel wurden – und nicht nur die bloße Teilnahme, wie uns immer bei Olympischen Spielen und vielen anderen Turnieren medial vorgegaukelt wird –, feindselige, einschüchternde und diskriminierende Momente und Aktivitäten unter den Akteuren selbst, vor allem aber unter ihren Fans, das sportliche Tun begleiteten. Da das Siegen in jeglicher Konkurrenz mit Leidenschaft verbunden ist, wird es zu jeder Zeit und in jeder Konstellation Modi hervorbringen, die auch potenziell regelwidrige Vorgehen zumindest tolerieren, wenn nicht gar fördern, um den Sieg zu erreichen. "All is fair in love and war", heißt es auf Englisch – wobei ich dann immer hinzufüge, "and in sports".

Die Grenzziehung zwischen fairem Fanverhalten und begeisterter, aber akzeptabler Unterstützung der eigenen Mannschaft einerseits und unfairem Benehmen andererseits ist eigentlich völlig unklar, ändert sich diachron genauso wie synchron und variiert vor allem von Sport zu Sport. Während es im Golf unakzeptabel ist, auch nur zu husten, geschweige denn zu schreien, herumzufuchteln oder den Spieler anderweitig in seiner Konzentration zu stören und abzulenken, gehört all das zum Beispiel bei einem Freiwurf im Basketball gerade zum guten Ton.

Mit der Demokratisierung des Tennis haben wir auch eine Verhaltensänderung bei den Fans erlebt, in der Weise, dass es in den letzten 20 Jahren Usus geworden ist, den eigenen Spieler lautstark bis knapp vor dem Aufschlag anzufeuern, und somit den Gegenspieler aus der Fassung zu bringen. Interessanterweise haben sich sowohl im Tennis als auch im Golf just in deren Mannschaftsversion – also im Davis Cup und im Ryder Cup beziehungsweise President’s Cup – die akzeptablen Formen von Fan-Unterstützung massiv geändert, sodass das offene Anspornen der Heimmannschaft mit einer ebenso offenen Verhöhnung und Ablehnung der Besucher total akzeptabel ist, ja sogar gefördert und gefordert wurde.

Als diese Turniere noch fast ausschließlich von amerikanischen, australischen und britischen Gentlemen bestritten wurden, beklatschte man den Gegner höflich und verhielt sich bei dessen Spiel mit Respekt. Man war sozusagen unter sich, bewegte sich innerhalb einer fast hermetisch abgeriegelten Insider-Gruppe, was die Kategorien von Gender, Klasse und Ethnie betrifft.

Ausschalten aller sozialer Normen

Als dann der Sport aber zunehmend offener und demokratischer wurde, und als vor allem die giftigste aller Leidenschaften, nämlich der Nationalismus, ins Spiel kam, wurde es gang und gäbe, die gegnerischen Mannschaften und Spieler zu verhöhnen, anzupöbeln, anzuspucken, mit Bier zu überschütten, mit Batterien und Münzen zu bewerfen et cetera – also mithin Handlungen zu vollziehen, die das eigene Team unter dem Deckmantel des „Heimvorteils“ mit allen erdenklichen Mitteln und unter Ausschaltung aller sozialer Normen und Konventionen zum Sieg treiben sollen.

Die Grenzziehung zwischen devotem Fan und Hooligan wird dabei stets amorph und unklar bleiben, denn es ist eben Teil des Wettkampfs, den Gegner zu verunsichern, ihn zu stören, ihm das Selbstvertrauen zu stehlen, damit er irgendwie das Spiel verliert. Und was ist erlaubt oder nicht erlaubt? Sollte man nicht über den Genuss des Watens in kniehohem Blut von toten Katholiken grölen dürfen, wie dies Anhänger der Glasgow Rangers mindestens dreimal im Jahr bei den Spielen gegen den Lokalrivalen Celtic Glasgow, den berühmt-berüchtigten "Old Firm"-Derbys, regelmäßig tun? ("Up to our knees in Fenian Blood", heißt es im loyalistischen Song "The Billy Boys" wortwörtlich.)

Oder sollte man nicht Auschwitz, Hitler, Judenmorde und Wortspiele zwischen Hamas und Gas einbringen dürfen, wie dies Schlachtenbummler von Ferencváros, Feyenoord oder Chelsea in den verschiedensten Variationen stets tun, wenn ihre Mannschaften gegen die "Judenmannschaften" MTK, Ajax Amsterdam beziehungsweise Tottenham Hotspur antreten? Ist es jenseits des Akzeptablen, wenn im entscheidenden siebten Spiel der NBA Finals die Gastmannschaft der Los Angeles Lakers in ihrer Umkleidekabine im Boston Garden an einem 30 Grad heißen Tag statt der Klimaanlage eine auf voller Leistung arbeitende Heizung vorfindet und – siehe da! – kein einziger Installateur aufzutreiben ist, der diesen „Defekt“ beheben könnte? Oder wenn im Hotel, in dem die besuchende Mannschaft absteigt, plötzlich um vier Uhr nachts der Feueralarm losgeht und einfach mysteriöserweise eine Stunde lang nicht abgestellt werden kann?

In den Kopf des Gegners kommen

Der Punkt ist klar: Es ist eine völlig legitime Komponente jedes Sports, den Gegner zu verunsichern – "to get into his head", "to play with his mind".

Im Zuge meiner Forschungsarbeiten zur Thematik mit einem Sozialpsychologen und Biologen will ich aufzeigen, dass der Hauptbestandteil dieses riesigen Plus nicht der fremde Ort, die ungewohnte Spielstätte, das Hotel, das auswärtige Essen oder die lange Reise ist.

Es liegt also nicht an logistisch-organisatorischen Dingen, sondern eben tatsächlich am zwölften Mann im Fußball, am siebten im Eishockey, am sechsten im Basketball und so weiter – mit einem Wort: am Publikum, den Fans und der Atmosphäre, die sie schaffen, die der Heimmannschaft hilft und für die Gastmannschaft nachteilig ist.

Wir wissen, dass Schiedsrichterentscheidungen in den nord-amerikanischen Big Four – wobei es ähnliche Studien auch zur deutschen Fußballbundesliga und anderen europäischen Fußballligen gibt – eine klare Heimtendenz aufweisen, also eine statistisch signifikante, die Heimmannschaft bevorzugende Varianz. Gleichzeitig zeigen Studien aus Italien, dass der Heimvorteil ganz verschwindet, wenn eine Mannschaft gezwungen ist, ihre Heimspiele vor komplett leeren Rängen auszutragen.

Auch die Schiedsrichter verlieren also zumindest einen Deut ihrer professionell aufgebürdeten Unparteilichkeit in der Hitze des Gefechts und bevorzugen die Heimmannschaft, sicherlich aus Gründen eines Selbstschutzes und wahrscheinlich auch, weil uns Menschen Lob und Liebe viel angenehmer sind als Drohungen, Demütigung und Hass.

Interessant ist es, in diesem Kontext zu erörtern, warum in den USA, einer Gesellschaft, die gemessen an den meisten Statistiken und Indikatoren eindeutig gewalttätiger ist als die Gesellschaften Europas, im Massensport, speziell in den überragenden Teamsportarten Baseball, Football, Basketball und Hockey, Gewalt, Hass, Diskriminierung und Ausgrenzung in einer viel geringeren Quantität und in einer anderen Qualität vorhanden sind als dies im europäischen Fußball der Fall ist, der in jeder Hinsicht das Äquivalent zu diesen amerikanischen Big Four bildet. Einige, hier nur kursorisch erwähnte Gründe sind:

1. Die viel höhere Anzahl von Frauen und Familien bei Spielen der Big Four als beim Fußball in Europa.

2. Die viel geringeren politischen, religiösen, ethnischen und anderen identitätsstiftenden und damit fanatisierenden Bindungen der Mannschaften in den Big Four als im europäischen Fußball.

3. Die viel größeren Entfernungen zwischen den Austragungsorten, die die Anreise auswärtiger Fans mit ihrer Mannschaft weniger üblich als im europäischen Fußball machen.

4. Das Fehlen von zwei oder mehr rivalisierenden und benachbarten Mannschaften auf engem Gebiet, wie dies in fast allen europäischen Fußballstädten noch immer der Fall ist und vor nicht allzu langer Zeit noch prominenter war. Außer Los Angeles, New York und Chicago hat keine nordamerikanische Großstadt mehr als eine Mannschaft in einer Liga und in einem Sport, und dort, wo sich zwei befinden, spielen sie in einander selten überschneidenden Verbänden, der American und der National League im Baseball, sodass kaum Traditionen von bitteren Niederlagen und den damit zusammenhängenden Wünschen nach Revanche und Rache so eklatant existieren wie im europäischen Fußball.

5. Letztlich, und dies ist der alles entscheidende Punkt, gab es in den Vereinigten Staaten eine aktive und große Bürgerrechtsbewegung, der vieles sicherlich nicht gelungen ist, aber eines allemal: das Ächten von öffentlich artikuliertem und explizitem Rassismus, was es leider in den Stadien und Arenen Europas noch immer nicht gibt.

Ohne theoretisch zu weit in die Tiefe abtauchen zu wollen, sei an dieser Stelle dennoch auf den amerikanischen Sozialwissenschaftler Robert D. Putnam verwiesen. Der Sport verfügt nämlich wie wenige andere Strukturen sowohl über ein hohes Maß an "überbrückendem" als auch an "bindendem" Kapital, um dies mit den treffenden Worten aus Putnams Klassiker "Bowling Alone" zu bezeichnen (im Original spricht er von "bridging capital" und "bonding capital").

Und wenn das "bindende" das "überbrückende" Kapital konstant und massiv überwältigt, ist die Gefahr einer konterkosmopolitischen Haltung und deren Mobilisierung und schließlich Manifestation in Form von renitentem Verhalten bis hin zur Gewalt sehr groß.

Man spricht Fußball

Noch ein letzter Punkt: Für mich sind Sportarten das strukturelle Äquivalent zu Sprachen. Man "spricht" Fußball, man "spricht" Baseball, man "spricht" Basketball, man "spricht" Kricket. Genau wie bei richtigen Sprachen lernt man diese Sportsprachen umso besser kennen und beherrscht sie besser, je früher man sie gelernt hat. Wie bei allen Sprachen ist auch bei diesen Sportsprachen die Metaebene von überragender Bedeutung und führt zu den alles entscheidenden Mechanismen der Inklusion oder der Exklusion. Natürlich heißt dies nicht, dass man Sprachen – wie auch Sportsprachen – nicht auch in späteren Jahren perfekt erlernen könnte.

Aber die Wahrscheinlichkeit ist sehr groß, dass man diese Sprache stets mit Akzent sprechen wird, wenn man sie nicht bis zum Alter von etwa zwölf bis 14 Jahren erlernt hat. Sprachwissenschaftler wie James Flege zeigen dies definitiv. Akzent sagt selbstverständlich nichts aus über die Beherrschung der Sprache in Wort und Schrift.

Joseph Conrad, geboren als Józef Teodor Konrad Korzeniowski, lernte erst in seinen Zwanzigern fließend Englisch zu sprechen und tat dies sein Leben lang mit einem sehr markanten polnischen Akzent. Trotzdem wurde er zu einem der bedeutendsten englischsprachigen Schriftsteller aller Zeiten. Für mich ist das Erlernen von Sportsprachen wie von richtigen Sprachen ein glasklarer und unumstößlicher Beweis von Weltoffenheit und Kosmopolität.

Deswegen bin ich stets so erfreut, wenn einige meiner amerikanischen Studierenden sich als Experten oder zumindest Interessierte in puncto Fußball entpuppen; und wenn meine europäischen Studierenden sich äquivalent und parallel für die nordamerikanischen Sportsprachen der Big Four von Baseball, Basketball, Football und Hockey interessieren, und sich aus eigenem Antrieb darin vertiefen.

Denn in beiden Fällen handelt es sich um eine aktive Aneignung einer neuen Kultur, einem Interesse und einer Anteilnahme an etwas Fremdem, das man sich aktiv durch intellektuelles und emotionales Engagement zu eigen macht. Genau wie das Erlernen von Sprachen Horizonte erweitert und den Eintritt in bisher fremde Kulturen ermöglicht, verhält es sich bei der polyglotten Welt des Sports. Es kann keine besseren Gründe geben, ein wahrer Fan, Kenner und Liebhaber des Sports zu sein.

Globales Spiel – Sport, Kultur, Entwicklung und Außenpolitik / EUNIC, … (Hg.). – Göttingen: Steidl, 2016. (Kulturreport, EUNIC-Jahrbuch)

Globales Spiel – Sport, Kultur, Entwicklung und Außenpolitik / EUNIC,... (Hg.). – Göttingen: Steidl, 2016. (Kulturreport, EUNIC-Jahrbuch)

Andrei S. Markovits unterrichtet Politikwissenschaft, Soziologie und German Studies an der University of Michigan in Ann Arbor. Als Sohn ungarischsprachiger jüdischer Eltern in Timişoara (Temeswar) in Rumänien 1948 geboren, emigrierte er als Neunjähriger mit seinem Vater nach Wien. 1967 wanderte Markovits in die Vereinigten Staaten aus, wo er an der Columbia University in New York alle fünf seiner postsekundären Diplome erwarb. Er unterrichtete an zahlreichen namhaften amerikanischen Universitäten und war Gastprofessor an mehreren Universitäten in Deutschland, der Schweiz, Israel und Österreich. Markovits gewann viele Forschungsstipendien, darunter am Wissenschaftskolleg zu Berlin und am Center for Advanced Study in the Behavioral Sciences der Stanford University. Dieser Beitrag geht auf einen Vortrag im Rahmen der "Wiener Vorlesungen" zurück, die im Picus Verlag erscheinen.

Andrei S. Markovits

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