Christoph Sydow, Spiegel-Online-Redakteur, und Rüdiger König, Leiter der Abteilung für Krisenprävention, Stabilisierung, Konfliktforschung und Humanitäre Hilfe des Auswärtigen Amts; Foto: David Jungen

Syrien und Afghanistan – Krisenbewältigung in der Krise?

Wie geht die deutsche Außenpolitik mit internationalen Krisen um? Mit welchen Mitteln betreibt die Bundesregierung Ursachenbekämpfung? Und wie gehen Medien mit der Intensität von Krisen um? Am 20. Juni 2016 fand in der Reihe "Außenpolitik Live" eine Podiumsdiskussion zum Thema "Syrien und Afghanistan – Krisenbewältigung in der Krise" in Dresden statt. Die Veranstaltung wurde in Kooperation mit den International Friends, einem Verein zur Förderung von interkulturellen Beziehungen für ein weltoffenes Dresden, organisiert. Rüdiger König, Leiter der Abteilung für Krisenprävention, Stabilisierung, Konfliktforschung und Humanitäre Hilfe des Auswärtigen Amts, stellte sich den Fragen des Publikums. Christoph Sydow, Redakteur bei Spiegel Online und Gründer des Nachrichten- und Analyseportals alsharq.de, moderierte die Veranstaltung. 

Ein Bericht von Nathalie Saccà 

Christoph Sydow äußerte sich zu Beginn der Veranstaltung zur Rolle der Journalisten in der Krisenprävention und der -bewältigung. Er selbst sehe seine Rolle als Nachrichtenvermittler, der den Menschen seit vier Jahren gefühlt nur schlechte Nachrichten aus Ägypten, Syrien und dem Irak erklären müsse.  

Christoph Sydow, Spiegel-Online-Redakteur; Foto: David Jungen

Sydow sieht viele parallele Krisenentwicklungen, welche Deutschland direkt oder indirekt betreffen. Er erkennt die sehr zwiespältige Aufgabe der Medien an, Krisenprävention zu betreiben. Einerseits seien Nachrichten gebündelt und fokussiert, was zwangsläufig zu einer Mehrheit von negativen Schlagzeilen führe und demnach auch andere Krisenherde, wie Lateinamerika und den Jemen, vernachlässige. Dies falle nicht nur ihm selbst, sondern auch den Lesern auf. Der Vorwurf, die Medien betrieben Schwarzmalerei und redeten gar zwanghaft Krisen herbei, könne Sydow nur teilweise nachvollziehen. "Sagen was ist" sei schließlich das Motto des Spiegels. Andererseits seien Themen im Journalismus vergänglich. Wochenlang werde auf ein Thema gebannt geschaut, das dann plötzlich wieder aus den Schlagzeilen verschwinde. Grund dafür seien das nachlassende Interesse der Leser oder die oberflächliche Lösung des Konflikts. Sydow erkennt zwar ein stetiges Interesse der Leser, aber auch ihre gleichzeitige Ermüdung. Dem Wunsch nach neuen und aktuellen Informationen könne Spiegel Online als digitales Nachrichtenforum leichter entgegenkommen. Die Frage, ob bestimmte Punkte zu schnell aus dem Blickwinkel fallen, sei dennoch eine Frage, die sich Medien und Journalisten kritisch stellen sollten. 

Rüdiger König, Leiter der Abteilung für Krisenprävention, Stabilisierung, Konfliktforschung und Humanitäre Hilfe des Auswärtigen Amts; Foto: David Jungen

Demut auf dem Weg zur Krisenbekämpfung

Rüdiger König wies ebenfalls auf die momentane Intensität von aufeinanderfolgenden und parallelen Krisen hin, betonte aber auch, dass es keinen Grund zur Panik gäbe. Hinter jedem der weltweit 65 Millionen Flüchtlinge (UNHCR) stehe eine Ursache, der man mit zur Verfügung stehenden Mitteln begegnen müsse. Besonders wichtig seien hierbei Demut und der Wille, Krisenbekämpfung gemeinsam mit Partnern zu bestreiten. "Die Fülle der Krisen kann die Internationale Gemeinschaft nur gemeinsam lösen" – und das brauche Zeit. Seit 14 Jahren sei Deutschland in Afghanistan präsent und arbeite mit dem "Werkzeugkasten des Auswärtigen Amts", bestehend aus einem großen Netzwerk. In Afghanistan müsse Deutschland seinen vollen Werkzeugkasten benutzen. Besonders wichtig ist laut König beispielsweise der Kulturerhalt. Dieser sei für die Wiederherstellung der Identität nach langen Jahren des Krieges essentiell. 

Rüdiger König im Gespräch mit dem Publikum in Dresden, Foto: David Jungen

Kein magischer Schlüssel zur Lösung komplexer Krisen 

Ebenso wichtig wie Demut findet Rüdiger König die Geduld auf dem Weg zur Krisenbewältigung. Sowohl Medien und Politik als auch die Zivilgesellschaft erwarteten schnelle Lösungen für komplexe Probleme.  An dieser Stelle erwähnt König, dass die deutsche Regierung "keinen magischen Schlüssel in der Tasche hat" und vor großen Herausforderungen stehe. Zuletzt warnt König vor scheinbar einfachen Lösungen zu komplexen Krisen. Internationale Rückwirkungen und Wechselwirkungen seien zu beachten und zu berücksichtigen, um Erfolge zu verzeichnen und Konflikte zu bewältigen.

3 Publikumsfragen an

Die Veranstaltungsreihe "Außenpolitik live" ist ein Forum für den Dialog zwischen Diplomaten im Auswärtigen Amt und Bürgern. Der direkte Austausch mit der Zivilgesellschaft bietet die Möglichkeit, über aktuelle Themen der Außenpolitik zu diskutieren. Daher greifen wir an dieser Stelle drei Fragen aus dem Publikum und die Antworten des Botschafters auf.

Frage 1: Was wird konkret zur Ursachenbekämpfung vor Ort getan? Das Ergebnis, zum Beispiel in Afghanistan, ist momentan sehr unbefriedigend.

Rüdiger König: Ich glaube, wir sind noch mittendrin. Der Konflikt in Afghanistan ist noch lange nicht gelöst. Wir sind seit 14 Jahren vor Ort und die Ungeduld wächst. Ich glaube, dass wir in Afghanistan in vielerlei Hinsicht Fortschritte gemacht haben, was Krisenprävention angeht. Zudem ist Afghanistan das einzige Land, in dem wir keinen religiösen Konflikt haben zwischen Schiiten und Sunniten. Das finde ich sehr ermutigend. Was wir nicht gelöst haben, ist das ungeklärte Verhältnis zwischen Afghanistan und Pakistan und deren beider Beziehung zu den Taliban. Die Gesellschaft befindet sich mitten auf dem Weg der Selbstfindung und wir helfen Afghanistan dabei. Wir sind auf einem guten halben Weg. Dennoch haben die Afghanen noch einige Aufgaben vor sich, was auch einen weiteren Einsatz der Bundeswehr nicht ausschließt. Die afghanischen Streitkräfte sind noch nicht so weit, die hohe essentielle staatliche Bedrohung der Taliban zu bekämpfen. Ich würde dennoch nicht sagen, dass wir in Afghanistan versagt haben.

Frage 2: Gibt es Kompetenzgerangel zwischen den Staaten der internationalen Gemeinschaft? Sehen Sie die Krisenprävention als eine globale Aufgabe an?

Rüdiger König: Ja, Krisenprävention ist eine globale Aufgabe. Es gibt natürlich Unterschiede in der globalen Gewichtung für den jeweiligen Staat. Für Frankreich beispielsweise ist Afrika wichtiger als Afghanistan, dennoch ist Frankreich in Afghanistan vertreten. Über 50 Staaten engagieren sich in Afghanistan. Das ist erst einmal sehr positiv. Dennoch gibt es unterschiedliche Interessen, wodurch die Festlegung auf eine gemeinsame Strategie ein mühsamer Prozess ist. 

Frage 3: Ich habe den Eindruck, dass Nachrichten kürzer und kompakter geworden sind. Dadurch werden viele Themen nur angeschnitten und es entstehen schnellere oberflächliche Meinungen. Wie gehen Sie damit um?

Christoph Sydow: Zunächst einmal hat sich in den letzten Jahren der Medienkonsum stark gewandelt. Die Leute wollen nicht auf die Zeitung am nächsten Tag warten, sie wollen die Nachrichten im Zug in kleinen Häppchen lesen. Die Konflikte sind so komplex, dass es schwierig ist, beispielsweise den Syrien-Krieg kurz zu erklären. Dadurch kann es passieren, dass nur Halbwahrheiten entstehen. Der Journalist muss für sich selbst klären, was wichtig ist und was er dem Leser mitteilen will.

Kontakt

Institut für Auslandsbeziehungen
Außenpolitik live
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Kooperationspartner

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Rüdiger König trat nach seinem Studium der Politikwissenschaften, des Staats- und Völkerrechts und der Soziologie 1986 in den Auswärtigen Dienst ein. Nach Posten in New York und Pakistan hatte er zahlreiche Positionen im Inland inne, unter anderem Leiter des Sonderstabs Afghanistan-Pakistan im Auswärtigen Amt, von 2010 bis 2013 Botschafter in Kabul und 2014 bis 2015 Leiter des Krisenreaktionszentrums im Auswärtigen Amt. Seit 2015 ist er Leiter der Abteilung für Krisenprävention, Stabilisierung, Konfliktnachsorge und Humanitäre Hilfe im Auswärtigen Amt.

Christoph Sydow ist Journalist und seit 2013 Redakteur im Ressort Politik für Der Spiegel und Spiegel Online. Er studierte Islamwissenschaft und Geschichte an der Freien Universität in Berlin. 2005 gründete er den Nahost-Blog Alsharq und seit 2009 ist er Redakteur bei Zenith – Zeitschrift für den Orient“.