Szuze-Annette Hasenfus; Foto: privat

Museum = langweilig?

Nicht das Donauschwäbische Zentralmuseum in Ulm!!!

Bericht von Szuze-Annette Hasenfus

Die Deutsche Selbstverwaltung in Tiedisch plant ein Heimatmuseum – insofern war das ifa-Hospitationsprogramm genau das Richtige für mich. Mit dem Stipendium in der Tasche bewarb ich mich beim Donauschwäbischen Zentralmuseum (DZM) in Ulm und begann die Hospitation im Oktober 2016. Das DZM ist ein wunderbarer Ort, um in die Geschichte der Donauschwaben einzutauchen und sie mit allen Sinnen zu erleben. Zusätzlich zur Dauerausstellung wurde im Herbst 2016 die Sonderausstellung "Unter Anderen. Donauschwaben im südöstlichen Europa" mit Fotografien von Dragoljub Zamurović gezeigt. Die mir auch persönlich bekannten Gesichter aus unseren Nachbarorten in Ungarn waren ein besonderes Erlebnis für mich. 

Von den Kolleginnen und Kollegen des Museums wurde ich freundlich aufgenommen, ich konnte dem Mitarbeiterteam bei der täglichen Arbeit über die Schulter blicken und es unterstützen. Ich lernte Routineabläufe kennen und verstehen wie letztendlich alles ineinander greift, auch wenn es auf den ersten Blick nicht zu erkennen ist. Meine Mentorin erklärte mir die vier wichtigsten Aufgaben eines Museums gemäß den "Ethischen Richtlinien" des International Council of Museum (ICOM): Sammeln – Bewahren – Erforschen – Vermitteln. Bis dahin hatte ich gedacht, die in der Ausstellung gezeigten Exponate seien die Schätze des Museums. Dass aber das Sammeln, das Bewahren und das Erforschen der Objekte den Löwenanteil der Arbeit ausmachen, war mir völlig neu. 

Nimmt das DZM eine Schenkung an, wird ein Übergabeprotokoll angefertigt, das Namen, Objekte, Fotos und Dokumente auflistet. Besonders wichtig sind die jeweils dazu gehörenden Geschichten. Sie sind die wahren Schätze des Museums! Während meines Aufenthalts wurden dem Museum Urkunden einer Familie angeboten, außerdem Bücher, Fotos und Tischwäsche. Zur Erfassung dieser Schenkung listete ich die Exponate auf, beschriftete sie und ergänzte weitere Details. Für die Inventarisierung wurden die Objekte exakt vermessen, beschrieben, fotografiert und die Daten in die Datenbank des Museums eingegeben. Insbesondere Papiere aber auch Textilien werden zur Aufbewahrung in säurefreie Mappen, Papiere oder Kartons verpackt; ehrenamtliche Mitarbeiterinnen des Museums zeigten mir die sachgemäße Lagerung von Kleidungsstücken bis hin zur Schädlingsbekämpfung im Textilmagazin. 

Ich bekam auch einen Einblick in die Recherchemöglichkeiten in den verschiedenen Archiven des Museums, z. B. über Jahreszahlen, Landkarten oder Geschichtsdaten und in die Bedeutung historisch verifizierter Daten. Alle diese Informationen werden mir helfen, die Objekte für unser Museum korrekt zu archivieren, richtig zu lagern und sie so zu erhalten. Mein Hauptaugenmerk wird aber den Geschichten gelten, die mir zu den Exponaten erzählt werden. 

Eine besondere Herausforderung war die Sonderausstellung "Impressionen aus Slavonien. Fotografien von Damir Rajle". Ihre Präsentation im Museum plante ich gemeinsam mit einem Freiwilligen des Bundesfreiwilligendienstes – von der Gestaltung des Raumes, der Auswahl der Bilder, ihrer Hängung bis zu den Informationstexten. Unser Grundgedanke: "Ein Raum zum (Augen) ausruhen und verweilen, um im Museum anzukommen, wenn man aus seinem hektischen Alltag hier aufschlägt." Anhand des Grundrisses entwickelten wir die Verteilung der Fotos und Formate, um den einzelnen Bildern genügend Raum zu geben. Wir entschieden uns für Landschaftsfotografien und Fotos mit Menschen, auch von Mädchen und jungen Männern in Trachten. Bewusst nahmen wir keines der zahlreichen Friedhofsbilder – es war November und der Monat ist düster genug. Wir stellten die ausgewählten Bilder an die Wände, platzierten die Sitzbänke im Raum und markierten den Platz für den Bildschirm mit weiteren Fotografien in einer Endlosschleife. Unsere beiden Mentorinnen – erfahrene Ausstellungsmacherinnen – gingen auf unsere Überlegungen ein und gaben uns eine qualifizierte Einführung in das Präsentieren von Bildern, u. a.

  • Menschen sollten sich anschauen, nicht wegschauen
  • Nichts sollte vor die Wand laufen oder fahren
  • Wie ist der Farbverlauf?
  • Passen die Formate nebeneinander?
  • Welche Linien kann ich aufnehmen?
  • Den Eyecatcher richtig platzieren – nicht ans Ende des Ausstellungsraums
  • Stimmung und Atmosphäre sind ganz wichtig
  • Die Texte sollen knapp und informativ sein.

Für diesen kurzen aber eindrucksvollen Einblick bin ich sehr dankbar. Das Mitwirken am Entstehen dieser Ausstellung war ein sehr kreativer, interessanter und spannender Prozess. Die dadurch erworbene Kompetenz werde ich zu Hause umsetzen und meine Erfahrungen direkt in die Arbeit in Tiedisch einfließen lassen. Aus dem Einblick in die Ausstellungsarbeit reifte die Idee, in unserem Museum den Wandel des Dorfes am Leben einer jetzt fast 85-jährigen Donauschwäbin in einer Fotoausstellung zu zeigen. 

Ich lernte außerdem museumspädagogische Methoden kennen, die richtige Nutzung von Vitrinen, Schränken und Regalen und den optimalen Einsatz von Leuchtkörpern. Leuchten sind zwar im Hintergrund, können aber die Exponate erst richtig zur Geltung bringen und sie im wahrsten Sinne des Wortes "ins rechte Licht" rücken. Viele weitere Mosaiksteinchen, die ich gar nicht einzeln aufzählen kann, wandern langsam an ihren Platz und ergeben so ein eindrückliches Bild, eine solide Wissensbasis für unser Projekt Dorfmuseum.


Szuze-Annette Hasenfus, ist Abgeordnete der Deutschen Selbstverwaltung in Tiedisch, Ungarn. Sie hat 2016 eine fünfwöchige Hospitation im Donauschwäbischen Zentralmuseum in Ulm absolviert.