CCP-Stipendiat Nour Eddine Bellahbib beim Workshop in Stuttgart, Juli 2017 © ifa / Kuhnle
CCP-Stipendiat Nour Eddine Bellahbib beim Workshop in Stuttgart, Juli 2017 © ifa / Kuhnle

Migration aus marokkanischer Perspektive

CrossCulture Stipendiat Nour Eddine Bellahbib aus Marokko ist Programmkoordinator der Nichtregierungsorganisation "Association Beni Znassen pour la Culture et la Solidarité (ABCDS)". Im Gespräch mit dem ifa erzählt er von der Arbeit in seinem Heimatland und was er von seiner Arbeit bei dem Berliner Verein "Conflict Transformation and Civic Education (CRISP) mitnehmen möchte. Das ifa-Programm CrossCulture bietet jungen Berufstätigen, insbesondere aus muslimisch geprägten Ländern, die Möglichkeit, durch ein zwei- bis dreimonatiges Praktikum neue kulturelle und fachliche Eindrücke zu sammeln.

Interview von Leontine Päßler

ifa: Wie sieht deine Arbeit im Bereich Migration in Marokko aus und mit welchen Menschen arbeitest Du dort?

Nour Eddine: Hauptsächlich arbeiten wir mit Migranten, die aus Subsahara-Afrika über Algerien nach Marokko kommen. Im Jahr 2005 hat meine Heimatorganisation "Association Beni Znassen pour la Culture, le Développement et la Solidarité", kurz ABCDS, ihre Arbeit aufgenommen. Damals haben die Migranten in  Wäldern gehaust, da es überhaupt keine Unterstützungsangebote für sie gab. Auch wenn Marokko für sie eigentlich nur als "Durchreiseland" gedacht war, hat sich ihre Transitsituation oft länger ausgedehnt als geplant.
Mit Blick auf alles, was diese Menschen durchmachen mussten, um nach Marokko zu gelangen, haben meine Kollegen und ich die Notwendigkeit gesehen uns zu engagieren. Einer unserer ersten Arbeitsschwerpunkte war der Schutz von Frauen, da diese in ihrer Situationen besonders schutzbedürftig sind.

CrossCulture Stipendiaten diskutieren beim Workshop (Juli) über Herausforderungen ihrer täglichen Arbeit. © ifa/Kuhnle
CrossCulture Stipendiaten diskutieren beim Workshop (Juli) über Herausforderungen ihrer täglichen Arbeit. © ifa/Kuhnle

ifa: Wie ist das Verhältnis zwischen der marokkanischen Zivilgesellschaft und den Migranten?

Nour Eddine: In unserer Arbeit merken wir immer wieder, dass es der Zivilgesellschaft schwer fällt, mit dem Anstieg von Ausländern in Marokko klar zu kommen. Besonders, wenn kulturelle Unterschiede deutlich werden und die verbale Kommunikation aufgrund von Sprachbarrieren erschwert wird, kann es zu Missverständnissen und Konfrontationen kommen. Den meisten Migranten sind die gesellschaftlichen Normen Marokkos unbekannt, dadurch kann es zu Konflikten kommen. Ein einfaches Beispiel dafür ist der unterschiedliche Umgang mit dem Monat Ramadan. Da die meisten Migranten entweder eine andere Religion oder andere Traditionen haben, fasten sie vielleicht nicht und wissen nicht über die Rituale des Ramadans Bescheid. So kam es schon dazu, dass Marokkaner sich durch essende oder rauchende Migranten provoziert gefühlt haben.

ifa: Für die meisten Nichtregierungsorganisationen ist ehrenamtliches Engagement aus der Zivilgesellschaft jedoch sehr wichtig. Bekommt Ihr in eurer Arbeit Unterstützung von freiwilligen Helfern?

Nour Eddine: Es ist nicht wirklich einfach für uns, Freiwillige zu finden, da die Gesellschaft in Marokko nicht so sehr an Ausländer gewohnt ist, die andere Sprachen sprechen, anders aussehen und eine andere Religion beziehungsweise andere Traditionen haben. Viele fühlen sich überwältigt von der wachsenden Zahl an Migranten. Auch wenn wir aus Statistiken wissen, dass es gemessen an der marokkanischen Bevölkerung gar nicht so viele Migranten gibt, besteht der Eindruck leider bei vielen Marokkanern.
Für uns ist es daher einfacher, auf freiwillige Helfer zurückzugreifen, die selbst schon einmal im Ausland gelebt haben oder Freunde haben, die im Ausland leben. Wir bekommen auch oft Unterstützung von Freunden von Freunden. Trotzdem sehe ich es auch als unsere Aufgabe an, das Bewusstsein und die Akzeptanz für die Bedürfnisse und Perspektiven von Migranten in der marokkanischen Gesellschaft zu stärken.

ifa: Hat sich eure Arbeit über die Jahre verändert?

Nour Eddine: Als wir angefangen haben, ging es insbesondere um die Sicherstellung von den minimalsten Grundbedürfnissen. Wir haben Essen, Kleidungen und Materialien zum Bau von Unterkünften verteilt. Neben dem Grenzschutz waren wir damals wahrscheinlich die ersten Marokkaner, die die Migranten gesehen haben.
Stark verändert hat sich unsere Arbeit 2013 und 2014 mit dem grundlegenden Wandel in der marokkanischen Migrationspolitik. Der Staat hat damals den Regularisierungsprozess gestartet, der es illegalen Einwanderern ermöglicht hat, einen Aufenthaltsstatus zu beantragen. Im Rahmen der Umsetzung dieses Prozesses ist ABCDS Teil der lokalen Regularisierungskomitees geworden. Ein großer Erfolg unserer Arbeit in dieser Zeit war die automatische Regularisierung von Frauen und Kindern, dafür haben wir uns sehr eingesetzt.

Nour Eddine Bellahbib im Gespräch mit Leontine Päßler (ifa). © ifa/Kuhnle
Nour Eddine Bellahbib im Gespräch mit Leontine Päßler (ifa). © ifa/Kuhnle

ifa: Wie können die durch wachsende Migration entstandenen Herausforderungen in Marokko deiner Meinung nach bewältigt werden?

Nour Eddine: Meiner Meinung nach können die Auswirkungen des "Phänomens der Migration", wie ich es gerne nenne, durch eine stabile Wirtschaft und kontinuierliches Engagement der Zivilgesellschaft aufgefangen werden. Ich denke jedoch, dass es am wichtigsten ist, uns der Perspektiven anderer bewusst zu sein. Bei der Arbeit mit Menschen verschiedener kultureller Hintergründe kann es keinen einfachen Lösungsansatz für alle geben. Eine Lösung kann außerdem nicht nur von "unserer Seite" kommen. Die Situation kann nur durch die Teilhabe der betroffenen Personen, in dem Fall der Migranten, verbessert werden. Wenn sie Teil der Entscheidungsprozesse sind, bedeutet das auch häufig, dass sie engagiert dabei sind. Und das ist sehr wichtig.

ifa: Jetzt bist du als CrossCulture Stipendiat in Deutschland. Warum hast du dich für das Programm beworben?

Nour Eddine: Mich hat interessiert, wie Deutschland mit dem Phänomen der Migration umgeht. Neugierig gemacht hat mich auch, dass selbst in Deutschland – Hochburg des Klischees der Präzision – nicht alles rund läuft. Deswegen will ich durch meine Teilnahme am CrossCulture Programm die Gelegenheit nutzen, um mit eigenen Augen zu sehen, wie Migrationsarbeit hier in Deutschland gemacht wird.

ifa: Hast du schon Pläne, wie du deine Eindrücke aus Deutschland zukünftig in deiner Heimatorganisation in Marokko einbringen möchtest?

Nour Eddine: Da meine Gastorganisation CRISP, "Crisis Simulation for Peace", auf Planspiele zur Bearbeitung politischer und sozialer Konflikte spezialisiert ist, denke ich, dass ich in diesem Bereich am meisten mitnehmen kann. Ich habe zwar schon ein paar Vorkenntnisse, allerdings bin ich mir auch sicher, dass ich noch viel lernen kann. Insbesondere in Bezug auf die Entwicklung und Durchführung von Planspielen möchte ich mich weiterbilden.
Besonders toll finde ich den Grundsatz der hinter der Arbeit von CRISP steht: Die Organisation arbeitet nicht mit vorgefertigten Lösungen, sondern bestärkt und fördert Teilnehmer darin, sich selbst einzubringen, um eigene Lösungen zu entwickeln. Diese Herangehensweise möchte ich mit nach Marokko nehmen.

Nour Eddine Bellahbib

Nour Eddine Bellahbib arbeitet als Programmkoordinator des Bereichs "Migration und Menschenrechte" der marokkanischen Nichtregierungsorganisation "Assocication Beni Znassen pour la Culture, le Développement et la Solidarité". Außerdem arbeitet er als Übersetzer. Sein CrossCulture Praktikum machte er 2017 in dem Berliner Verein CRISP, "Conflict Transformation and Civic Education". Im Bereich des Konfliktmanagements bietet CRISP verschiedenste interaktive Ansätze.

Kontakt

Institut für Auslandsbeziehungen
CrossCulture Programm
Charlottenplatz 17
70173 Stuttgart
Fax +49.711.2225.195
crossculture(at)ifa.de

CCP-Stipendiatin aus Bahrain

Saba Salem kam im Spätsommer 2016 nach Deutschland, um beim Landesamt für Denkmal-pflege in Esslingen am Neckar mehr über Methoden und Möglichkeiten zum Erhalt historisch-kultureller Schätze zu lernen. Zum Interview