CCP-Stipendiatin Nora Schlebusch beim Workshop in Stuttgart, Februar 2017 © ifa / Kuhnle

"Die Rolle der Neugierigen & Wissensdurstigen"

Jedes Jahr tauschen beim CrossCulture Programm mehr als 80 junge Menschen ihren Arbeitsplatz: Zwei bis drei Monate lernen sie den Arbeitsalltag in einem anderen Land kennen. Die meisten von ihnen kommen aus überwiegend muslimisch geprägten Ländern. Aber auch Deutsche nehmen am CrossCulture Programm teil und arbeiten für einige Monate in einer Organisation in einem der insgesamt 35 teilnehmenden Länder. Nora Schlebusch ist eine von ihnen. Im Interview spricht sie über ihr Gefühl von Heimat, Selbstbefähigung und ihre Rolle als Europäerin in Tunesien.

Interview von Franziska Lengerer

ifa (Institut für Auslandsbeziehungen): Du hast bereits an vielen verschiedenen Orten gelebt. Unter anderem in den USA, Kenia und in den Niederlanden. Was bedeutet der Begriff "Heimat" für dich?

Nora: Heimat ist für mich ein Ort, an dem ich mich wohlfühle und vertraute Menschen um mich habe. Im Moment ist das die Stadt Essen. Ich weiß aber auch, dass ich mich woanders zurechtfinden würde. "Heimat" könnten somit auch andere Orte für mich werden.

ifa: Du reist sehr gerne – woran liegt das?

Nora: Mir gefällt es, den Alltag an neuen Orten zu erleben und andere Perspektiven kennenzulernen. "Empowerment" ist in diesem Kontext ein wichtiger Begriff. Der Begriff steht für alle Arbeitsansätze in der psychosozialen Praxis, die Menschen zur Entdeckung der eigenen Stärken ermutigen und ihnen Hilfestellung bei den Punkten Selbstbestimmung und Lebensautonomie vermitteln. Im Kern geht es darum auszuloten, welche Möglichkeiten und Strategien in Frage kommen, um in einer fremden Umgebung klarzukommen.

ifa: War diese Selbstbefähigung auch während deines dreimonatigen CrossCulture Aufenthaltes in Tunis wichtig?

Nora: Ja, das war sehr wichtig. Es hilft ungemein, Gespräche zu suchen und Probleme nicht auszusitzen. Meine gute Freundin Amina war eine wichtige lokale Bezugsperson, mit der ich mich austauschen konnte. Sie konnte mir auch zu kulturellen Aspekten wichtigen Input geben und meine Wahrnehmung um ihre Perspektive erweitern. Bei Problemen war es hilfreich, aus der Situation herauszutreten und nach Alternativen zu suchen, die man möglicherweise zuvor nicht auf dem Schirm hatte. Improvisation ist ein wichtiger Begriff – das Spiel mit den Möglichkeiten.

"Heimat ist für mich ein Ort, an dem ich mich wohlfühle und vertraute Menschen um mich habe", sagt Nora Schlebusch. CCP-Stipendiatin 2016 © ifa / Kuhnle

ifa: Wie hast du dich in deiner Rolle als Europäerin in Tunesien gefühlt? Hattest du damit Probleme?

Nora: Ich habe versucht, mich nicht als jemanden zu sehen, der "kommt und hilft". Ich nehme lieber die Rolle der Neugierigen an, der Wissensdurstigen, der Reflektierenden. Wichtig ist mir, nicht auf alle Probleme eine Lösung parat zu haben, sondern echtes Interesse an Hintergründen zu äußern: Was sind die politischen Hintergründe? Wie funktioniert das System vor Ort? Wie gestaltet sich das soziale Miteinander?

ifa: Bei deiner CrossCulture Bewerbung erwähntest du, dass dir der Abbau von Stereotypen, die du möglicherweise selbst in dir trägst, wichtig ist. Glaubst du, das ist dir gelungen?

Nora: Ich glaube nicht, dass ich befreit bin von Stereotypen. Viel wichtiger ist für mich die innere Auseinandersetzung damit. Ich versuche stets, mich auf neue Situationen einzulassen und meine Standpunkte zu hinterfragen. Gespräche während meiner Zeit in Tunesien haben diesen Prozess der Reflexion stark gefördert. Insofern würde ich diese Frage mit "Ja" beantworten. Ich habe viel über mich selbst und über die anderen erfahren.

ifa: Danke für dieses Gespräch.

Nora Schlebusch

Die studierte Kunsttherapeutin (Bachelor of Arts therapy in Nijmegen, Niederlande) arbeitet für das  Jugendwerk der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Essen. Von Oktober 2016 bis Januar 2017 war sie im Rahmen des CrossCulture Programms für die Organisation "Culture for Citizenship“ in Tunis (Tunesien) tätig.

Bewerber aus Deutschland

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CCP-Stipendiatin aus Bahrain

Saba Salem kam im Spätsommer 2016 nach Deutschland, um beim Landesamt für Denkmal-pflege in Esslingen am Neckar mehr über Methoden und Möglichkeiten zum Erhalt historisch-kultureller Schätze zu lernen. Zum Interview