Themenreise "Der Weg zur Deutschen Einheit" | 2010

Inneres Zusammenwachsen – äußere Verantwortung

von Odila Triebel

Wende? Implosion? Revolution?
– "Das ist ein Zeichen einer großen Demokratie, wenn eine Gesellschaft sich darüber streiten kann", eine Stimme aus Mazedonien.
– "Unterschätzen Sie nicht den Anteil der sowjetischen Politik an 1989?", eine Stimme aus Serbien.
– "Wir wollen von Ihnen lernen!", eine Stimme aus Südkorea.
– "Die Vereinigung war teuer – haben Sie auch errechnet, was eine anhaltende Trennung gekostet hätte?", eine Stimme aus den USA.

Am 03.Oktober 2010 wurde in Deutschland der 20. Jahrestag der Deutschen Wiedervereinigung begangen. 2010 konnte auch der 20. Jahrestag der Zwei-plus-Vier-Verhandlungen in diesem Jahr gefeiert werden. Anlässlich des Jubiläums dieses Vertrages, der das Plazet für die Deutsche Einheit gab und Deutschland die volle Souveränität über seine inneren und äußeren Angelegenheiten zuerkannte, wurden eine Gruppe von internationalen Journalisten eingeladen, einen Einblick in den Prozess der inneren Einheit und äußeren Einbindung Deutschlands zu erhalten.

Auf dem Programm standen Gespräche mit Vertretern aus Ministerien, Forschungsinstituten und Bürgervertretungen; die Themenpalette umfasste die wirtschaftliche Situation, Infrastrukturentwicklung, Föderalismus, Umweltschutz, Aufarbeitung der Stasi-Vergangenheit, Kulturpolitik. Es wurde eine weltweit einzigartige sozialpsychologische Langzeitstudie an der Universität Leipzig vorgestellt. Bei einem Besuch eines früheren Grenzabschnitts bei Probstzella, der nun zum Umweltschutzprojekt Grünes Band Deutschland / Grünes Band Europa gehört,  wurden Einblicke in zwei Jahrzehnte gemeinsamer Umweltschutz möglich. Markus Meckel und Carsten Voigt referierten als Zeitzeugen der Zwei-plus-Vier-Verhandlungen über deren Nachwirkungen in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten.

Das Fazit ist facettenreich: 207 Milliarden Euro Transfer werden 2019 geleistet sein. Damit werden 30 Jahre Transferleistungen für 40 Jahre Teilung gezahlt. Gestartet seien die Neuen Bundesländer mit einer Arbeitslosigkeit von 20%, heute läge sie auf einem Niveau von 75% der Europäischen Länder. Wirtschaftliche Ungleichheiten der Regionen lägen weniger an der jüngsten Geschichte als an Strukturschwächen dünn besiedelter Region.

Berlin ist mittlerweile eine der meistbesuchten Metropolen der Welt. Dabei sei mehr als der Hälfte der Berliner Bevölkerung die Geschichte der Trennung durch die Mauer gar nicht mehr so bewusst: Die Zugezogenen machen inzwischen fast die Hälfte der Bevölkerung aus, hinzu kommen Jugendliche, die nach 1989 geboren sind und die die DDR wie eine Mär nur aus Erzählungen kennen.

Die Vereinigung ermöglichte Investitionen in infrastrukturelle Großprojekte, eröffnete Chancen für Denkmal- und Naturschutz durch EU-Förderungen. Aufgaben bleiben das politische Zusammenwachsen, die Förderung der föderalen Medienlandschaft, die Transformationsbewältigungen im Alltag der einzelnen Bürger: Die Sächsische Längsschnittstudie nimmt sich der Aufgabe an, den Bewusstseinswandel von Ostdeutschen des Geburtsjahrganges 1973 zwischen 1987 und 2009 in Zahlen zu fassen. Zwar herrschte auch Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung unter den Befragten der Konsens, dass die Wende richtig war. Aber sehr viele stellen inzwischen in Frage, ob die Ostdeutschen die erhoffte Freiheit tatsächlich erreicht hätten; ihre Bereitschaft zur politischen Partizipation ist von Jahr zu Jahr geringer geworden. 72% der Teilnehmer/-innen haben bis zum Jahr 2009 Erfahrungen mit Arbeitslosigkeit gemacht. Die damit verbundenen Zukunftsängste führten verstärkt zu Migration in den Westen und auch 25% geringeren Geburtenraten bei den von Arbeitslosigkeit betroffenen.

Im staatlichen Gedenken ist die DDR als Diktatur fest eingebunden. Das individuelle Gedächtnis ist stark von inneren Haltungen geprägt: Steht die Überwindung der Diktatur im Vordergrund oder wird mit Stolz das mühevolle Arrangement der eigenen Lebenswelt in schwieriger Machtsphäre erinnert? Oder wird im Gedächtnis der alten SED-Nomenklatura in der DDR eine Systemalternative erinnert? 

Die Vereinigung war ein historisch einzigartiges Experiment. Die vielleicht eindrücklichste Zusammenfassung eines Gesprächspartners zur ökonomischen Seite dieses Prozesses lautete: Für die Wiedervereinigung wurde kein Gutachten in Auftrag gegeben. Sie wurde nicht geplant, nicht  vorab kalkuliert. Nie wurde eine Kosten-Nutzen-Analyse erstellt. Es wurde eine einmalige und unwahrscheinliche Chance ergriffen. 

Gesamtgesellschaftlich bleibt die Gestaltung der Wiedervereinigung noch lange eine anspruchsvolle Aufgabe und tägliche Herausforderung.