Themenreise "In Vielfalt vereint – Religion und Toleranz in Deutschland" | Juli 2015

We need to live like brothers and sisters

Feedback der Teilnehmer. Von Sebastian Blottner

Wie kaum ein anderes Thema dominiert Religion, vor allem religiöser Fanatismus die aktuelle öffentliche Debatte. Wie so häufig bestimmen negative Schlagzeilen die Diskurse. Toleranz als Bedingung, nicht als Ausschlusskriterium für Religion gerät dabei oft völlig aus dem Blickfeld. Genau darum ging es auf der Themenreise "United in Diversity - Religion and Tolerance in Germany".

Mit seinem nichtlaizistischen Modell des Verhältnisses von Kirche und Staat hat Deutschland Erfahrungen mit einem stabilen verfassungsrechtlichen und politischen Rahmen gemacht, der die Vielfalt von Religionsgemeinschaften anerkennt und fördert. Diese Erfahrungen einer internationalen Teilnehmergruppe unterschiedlicher Herkunft zugänglich zu machen, war Ziel der Themenreise.

Viele Teilnehmer betonten die Organisation und das hohe Niveau der Gesprächspartner in den Ministerien, Universitäten und Religionsgemeinschaften. Auch die Bandbreite der Themen wurde hervorgehoben. Neben der inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem Thema spielte aber auch der Austausch unter den Teilnehmern eine wichtige Rolle. "I have many, many thoughts to bring home because of talking to the other participants. Because the situation is very different in every country", fasste Kamile Rupeikaite-Mariniuk, stellvertretende Direktorin für Forschung am Gaon State Jewish Museum in Vilnius, ihre Eindrücke zusammen. "That the group was so diverse was one of the positive aspects of this week", betonte Csaba-Ferenc Asztalos, Präsident des rumänischen Antidiskriminierungsrats.

Bleibende Eindrückende: zu Besuch in der alevitischen Gemeinde in Köln

Je nach persönlichem Hintergrund zeigten sich die Teilnehmer von verschiedenen Programmpunkten besonders beeindruckt. Bei Bischof Stephen Mamza Dami aus Nigeria hinterließen beispielsweise die Treffen mit Rabbi Daniel Alter in Berlin und der alevtitischen Gemeinde in Köln einen bleibenden Eindruck – zu beidem hatte er erstmalig in seinem Leben Gelegenheit. Journalist Piotr Jendroszczyk von der polnischen Tageszeitung Rzeczpospolita freute sich dagegen über aktuelle, journalistisch verwertbare Themen wie der Bau des "House of One" in Berlin: "Diese Initiative, in Berlin eine Gebetsstätte für drei Religionen zu gründen, war äußerst interessant".

Ein Themenkomplex stieß bei fast allen Teilnehmern auf besonders großes Interesse: die Gestaltung des Religionsunterrichts an öffentlichen Schulen und die damit verbundene akademische Ausbildung der Religionslehrer an eigens eingerichteten Lehrstühlen an deutschen Universitäten. Der erste Termin an der Humboldt Universität zu Berlin setzte für die folgende Woche etliche gedankliche Ankerpunkte. "I was very impressed with the meeting with the professor of the theologic faculty. The religious teaching was a good experience, we could apply to Vietnam, because Vietnam is also a multiethnic country and a multireligious country", sagte Doan Lam Tran, Vizepräsident der Publishers Association in Vietnam. Ähnliches Feedback kam Besiana Xharra, Journalistin aus dem Kosovo: "I found a lot of interesting issues about learning religion at schools. In Kosovo the state doesn’t allow it. So I’m going to use it when I go back and I will do a comparison to show how you deal with it here."

Von der Theorie zur Praxis: Wie wird religiöse Toleranz gelebt?

Vom in der deutschen Verfassung verankerten Grundgedanken der Toleranz verschiedener Religionsgemeinschaften untereinander sowie zwischen Gläubigen und Nichtgläubigen mussten die Teilnehmer dieser Themenreise nicht überzeugt werden. Wie er jedoch gesellschaftliche Realität werden kann, dazu bot das Programm vielfältige Anregungen. Außer Frage stand, dass sich deutsche Verhältnisse nicht ohne Weiteres auf andere Länder übertragen lassen – schon gar nicht auf Länder wie Nigeria, die von aggressivem Extremismus geplagt sind, oder auf multireligiöse Riesenstaaten wie Indien oder Staaten wie China. "The situations in Germany and China are very different. In China you need to ask the government, no matter what you want to do. We don’t have enough freedom. Here in Germany every religion is very free", brachte es ein katholische Priester aus China auf den Punkt.

"We cannot just apply the model of Germany but need to pick up the problems we have and than look for a dialogue from our perspective", sagte Kamile Rupeikaite-Mariniuk vom Jüdischen Museum in Vilnius und fügte an: "We have a tolerance center at our museum and we organize intercultural activities and intercultural dialogue and I would like to start now to organize something for an interreligious dialogue, too. That’s why this trip was very useful for me, to get an idea how it is done here and maybe to take some samples to bring back home and to apply."

"In India the situation is different", resümierte der indische Jounalist Javid Parvesh Kaniyathu Kudiyil. "There are so many religions, in Europe there are only a few. It is very difficult for us to bring all the religious parties to one table." Mit noch viel größeren Barrieren sieht sich der nigerianische Bischof Stephen Mamza Dami konfrontiert, in dessen Heimat sich die Terrormiliz Boko Haram alles andere als dialogbereit zeigt:

Wenn auch meist nicht in so extremer Form, so ist der Umgang mit dem Islam bzw. mit Muslimen nicht nur für Bischof Dami ein allgegenwärtiges Thema. Aufgrund der Tagesaktualität war es auch in Gesprächen bei allen anderen Glaubensgemeinschaften präsent. Etliche Teilnehmer gewannen dabei ein sehr differenziertes Bild des Islam in Deutschland, abseits klischeehafter Vorstellungen und Vorurteile, die der iranische Rechtsexperte Parham Mehraram nichtsdestotrotz auch in der deutschen Gesellschaft ausmachte: "I found a lot of stereotypes about islam, I think german people should increase their knowledge about the islam and islamists and see different aspects of it to better understand it."

"Most muslim organisations are really for integration, for dialogue and for peace, this is a very positive thing which I learned here", fasste Dr. Kamile Rupeikaite-Mariniuk vom Jüdischen Museum in Vilnius zusammen, die einen interreligiösen Dialog nach ihrer Teilnahme nun auch in Litauen umsetzen möchte. Dass die Bereitschaft zum Dialog in vielen Ländern nicht vorausgesetzt werden kann, macht der Kommentar von Journalist Piotr Jendroszczyk deutlich: "Es gibt eine Meinung, die von der Mehrheit in Polen geteilt wird, dass aufgrund der Probleme mit dem Terrorismus es für Polen besser wäre, wenn wir keine Muslime im Land hätten, weil früher oder später Probleme auftauchen würden, die mit den Muslimen generell assoziiert werden, auch wenn das natürlich nicht richtig ist."

Kamile Rupeikaite-Mariniuk, stellvertretende Forschungsdirektorin am Vilna Gaon State Jewish Museum, Vilnius:

Auch wenn Deutschland keine universellen Lösungen für alle während der Themenreise angesprochenen Probleme bieten kann und die deutsche Gesellschaft derzeit gerade selbst intensiv mit der Verortung bestimmter religiöser bzw. mit Religion assoziierter Phänomene beschäftigt ist, wurde in der Feedbackrunde deutlich: Verglichen mit anderen Weltregionen sind bereits große Erfolge in der Umsetzung pluralistischen Denkens und toleranten Miteinanders von Religionen erzielt worden. Was nicht zuletzt der modernen deutschen Verfassung zu danken ist: "As I understand there is no special legal regulations in the federal law, the regulations of the constitution are enough for the religions to exercise their rights and their freedoms." (Archil Metreveli, Georgia, Head of the legal office, Agency for religious matters at the Prime Ministry of Georgia)

„You realize that you have to do something and your investments in this dialogue are very strong and very expensive but you realize that it’s necessary to do“, sagte Csaba-Ferenc Asztalos, Rechtsexperte der rumänischen Antidiskriminierungsbehörde, „for the different religious groups it is very important to have this stable constitution that guarantees freedom of speech, freedom of religion.“

"What I feel is that Germany has a clear idea about how to deal the new issues of religion and the clash between religions", zeigte sich der indische Journalist Javid Parvesh Kaniyathu Kudiyil überzeugt, "and after interacting with the different communities, especially the Alevi community and the muslim federations and the jewish community I know that the majority in entire Europe wants to have peace. They want this peace and they want prosperity". Die Art der in Deutschland staatlich garantierten religiösen Freiheit führe am Ende sogar nicht zu weniger, sondern zu einer besseren Kooperation der religiösen Gemeinschaften mit dem Staat, stellte der Rechtsexperte Parham Mehraram aus dem Iran fest:

Abschließend lässt sich sagen, dass sich alle Teilnehmer intensiv mit dem Thema "interreligiöser Dialog" beschäftigen und ihren Horizont auf die eine oder andere Weise erweitern konnten sahen – oft mit direkten Impulsen für die Arbeit in ihren Heimatländern. "I am part of 'Malaysians for Malaysia', we are actually dealing with all these issues. And it might be a coincidence but one of the things we want to focus on is unity in diversity. The program came in a very good moment for me. I am able to take back some of the analysis, the observations and most importantly the experiences of the people we met. There will be many instances where I might just be quoting from something I learned here in Germany." (Azrul Mohd Khalib, Malaysia, Acting Head of the RYTHM Foundation, Publicist in several media)

Javid Parvesh Kaniyathu Kudiyil, Chefredakteur Malayala Manorama, Indien:

Die Hoffnung auf Verständigung nicht aufzugeben und dass es keine Alternative zu friedlichem Dialog gibt, war wohl ein grundlegender Konsens aller Teilnehmer. "Where there is no respect, it is always very difficult to live in peace and unity. Even though I was involved in interreligious dialogue before, my coming here has enriched me more so that I will be able to have a better platform for mutual understanding with my muslim brothers", kommentierte diesbezüglich Bischof Stephen Mamza Dami aus Nigeria nochmals seine Eindrücke.

Was so einfach klingt und häufig doch so schwierig zu erreichen ist, brachte ein Teilnehmer aus China, ein katholischer Priester, auf den Punkt: "Interreligious dialogue is very important today. We need to respect each others faith. We need to live like brothers and sisters."