Themenreise "Einheit in Vielfalt – Religion und Toleranz in Deutschland" | Juli 2015

Besuch der Alevitischen Gemeinde Köln © ifa
Redaktion der Wochenzeitung DIE ZEIT, Berlin © ifa
Bode-Museum Berlin © ifa

Starke Bindungen im Kontext von Toleranz und Freiheit

Ein Bericht von Odila Triebel

Viel zitiert ist das vom ehemaligen Verfassungsrechtler Ernst-Wolfgang Böckenförde formulierte Paradox: "Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann." Gesellschaftliches Engagement braucht starke Überzeugungen, die der Staat jedoch nicht vorgibt. Deswegen geht der Satz des Verfassungsrechtlers, weniger oft zitiert, noch weiter: "Das ist das große Wagnis, das er, um der Freiheit willen, eingegangen ist." (Böckenförde 1967)

Das Verhältnis von Religion und Staat in Deutschland hält das der Rechtstheorie inhärente Schisma in einer delikaten Balance und garantiert zum einen, dass starke Überzeugungen auch andere starke Überzeugungen tolerieren können müssen. Zum anderen verhindert dieses System eine zu große Nähe von Religion und Politik, bis dato das Phänomen Zivilreligion. Wie sehen andere Länder dieses System? Kann man etwas davon lernen? Ist es auch unter den veränderten Bedingungen der Migrationsgesellschaft tauglich?

Im Rahmen einer vom ifa für das Auswärtige Amt durchgeführten Delegationsreise zum Thema "Einheit in der Vielfalt – Religion und Toleranz in Deutschland" traten führende Experten aus Religionsgemeinschaften, Verwaltung, NGOs und Medien aus zwölf Ländern (Belarus, China, Georgien, Indien, Iran, Kosovo, Litauen, Malaysia, Nigeria, Rumänien, Polen, Vietnam) in einen Dialog mit deutschen Experten.

Die Balance von Religion und säkularem Staat
Die Religionsfreiheit ist in Deutschland ein individuelles, wenn auch kollektiv ausgeübtes Grundrecht, geregelt u.a. in den Artikeln IV, Abs. 1 und 2 sowie Artikel VII, Abs. 2 und 3 des Grundgesetzes (GG). Es beinhaltet auch die Freiheit keiner Religion anzugehören. Das Recht auf Religionsfreiheit ist ein Abwehrrecht des Bürgers gegenüber dem Staat und beinhaltet auf der anderen Seite auch die Pflicht des Staates, die Ausübung von Religion zu garantieren. Es gibt in Deutschland keine religiöse Registrierungspflicht, die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft ist analog dem Vereinsrecht rein zivilgesellschaftlich gestaltet.

Was international weniger bekannt ist, ist das System, nach dem in Deutschland, wie auch in einigen anderen kulturell protestantisch geprägten europäischen Staaten, die Ausbildung von Geistlichen geregelt ist. Religionsgemeinschaften sind in Deutschland in der Gestaltung ihrer Inhalte und Ausübung frei, aber der Staat hat ein Interesse daran, an der Ausbildung von Geistlichen teilzuhaben. In welcher Weise erfolgt dies ohne Kontrolle auf die jeweiligen Inhalte auszuüben?

Jeder Geistliche und jeder Religionslehrer an Schulen in Deutschland muss zunächst ein akademisches Studium seiner Religion absolvieren, bevor er den praktischen Teil seiner Ausbildung durch die jeweilige Religionsgemeinschaft durchläuft. Damit garantiert der Staat wesentliche Bildungsinhalte einer aufgeklärten Moderne: ein historisch-genealogisches Verständnis der jeweiligen Überzeugungen, eine historisch-kritische Textlektüre der heiligen Schriften sowie ein grundsätzlich plurales Religionsverständnis. Damit bietet der Staat einen entscheidenden Rahmen für Fundamentalismusprävention: Aus den Religionsgemeinschaften heraus gibt es in Deutschland derzeit keine Bedrohung für fundamentalistische Ansätze.

Anders als in vielen anderen Staaten ist Religion, bzw. in einer nicht religiös gebundenen Variante als Ethik, Pflichtfach an Schulen. Es ist möglich, den Unterricht einer anderen Gemeinschaft als der seiner eigenen Zugehörigkeit zu besuchen, ebenso wie die Wahl auch nicht einmal an eine persönliche religiöse Bindung gekoppelt ist.

Religiöse Vielfalt in Deutschland
Mittlerweile haben sich mehr als 200 verschiedene religiöse Gemeinden in Deutschland etabliert. Die muslimische Gemeinschaft in Deutschland ist die zweitgrößte in Europa. Akzeptanz und Prävention vor Fundamentalismus sind wichtige Anliegen der muslimischen Verbände. Noch stellt die Finanzierung der Imame ein Problem für viele Gemeinden dar, die oft für eine eigenständige Finanzierung zu klein sind. Die Gründung islamisch-theologischer Fakultäten vor wenigen Jahren war ein wichtiger Schritt, der manchmal mit Ängsten vor Liberalisierungsschüben einhergeht, aber eine im Grundsatz akzeptierte Entwicklung darstellt.

Der Zentralrat der Juden in Deutschland charakterisiert die aktuelle Situation als paradoxal: Einem wachsenden Antisemitismus steht ein lebendiges und wachsendes jüdisches Leben in Deutschland gegenüber. Während man 1945 diskutierte, ob es überhaupt wieder jüdisches Leben in Deutschland geben könnte bzw. sollte, betrachtet man heute die 15.000 Überlebenden nach 1945 in Deutschland als Pioniere jüdischen Lebens in Deutschland. 2015 wurden sogar die Makkabi-Spiele im Berliner Olympia Stadium ausgerichtet.

Die Aleviten sind seit 2007 in Deutschland als Religionsgemeinschaft anerkannt, als Verband aber bereits seit 26 Jahren organisiert. Zur Anerkennung sind formale Kriterien der internen Organisation notwendig, wie das Recht der Mitglieder ein- und austreten zu können, eine klare Hierarchie sowie eine eigenständige religiöse Lehre. Obwohl nach eigenen Angaben in der Türkei 20 % der Bevölkerung alevitischen Glaubens sind, ist die Konfession dort nicht anerkannt. Der ihnen in Deutschland, Frankreich und Schweden gebotene institutionelle Rahmen als anerkannte Religionsgemeinschaft bietet Möglichkeiten didaktische Materialien zu entwickeln und über den alevitischen Glauben zu forschen, z. B. das große und vielfältige Liedgut überhaupt erst umfassend zu sammeln.

Wird der Staat auch in Zukunft mit den bestehenden Instrumenten in der Lage sein, die bestehende Diversität rechtlich zu organisieren? Während die Vielzahl der nichtchristlichen Religionsgemeinschaften zunimmt, werden die christlichen Kirchen sehr bald nicht mehr imstande sein das Territorialprinzip zu garantieren, nach dem in Deutschland flächendeckend ein Geistlicher vor Ort zuständig ist. Im Selbstverständnis haben die christlichen Kirchen nach wie vor eine wesentliche gesellschaftliche Funktion in der auch politischen Anwartschaft für sozial Schwache in Deutschland; sie wollen auch einen religiösen Raum in der Politik wach halten. Noch sind sie die bei weitem größten Religionsgemeinschaften. Und doch nehmen die Mitgliederzahlen kontinuierlich ab. Die Zukunft der Kirchen hängt vom Engagement der Christen selber ab. Davon, ob sie eine lebendige Spiritualität erhalten können und ihre Traditionen auch im Alltag als lebenswert angenommen werden.

Interreligiöser Dialog in Deutschland
Der interreligiöse Dialog ist in Deutschland etabliert und lebendig. Die Initiative des House of One als einem Beispiel, die ein Gebetshaus für die drei großen monotheistischen Schriftreligionen in Berlin schaffen will, in dem sie gemeinsam und trotzdem unvermischt diskutieren, beten und feiern können, überzeugte die Besucher der Delegationsreise. Und dennoch: Viele Teilnehmer fanden, dass Deutschland nicht nur innerhalb der eigenen Gesellschaft investieren, sondern Verantwortung übernehmen und sich in einem weit größeren Rahmen international für den interreligiösen Dialog engagieren sollte.

Leider ist neben den Anstrengungen einen interreligiösen Dialog in Deutschland verstärkt zu unterstützen die Tendenz festzustellen, dass antisemitische Einstellungen zunehmen und weit verbreitete Vorbehalte gegenüber Muslimen weiter bestehen, obwohl zahlreiche Projekte im Bereich Dialog und Prävention unter Jugendlichen gefördert werden und bspw. das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ein 40,5 Millionen Euro schweres Programm gegen Rechtsextremismus und Menschenfeindlichkeit neu auflegte.

Europas Sonderweg: Säkularisierung
Ein Staat sollte respektieren, dass für Gläubige Identität und Lebenssinn von der Ausübung ihrer Religion abhängen. Andererseits ist es eine immer wieder zu debattierende Frage, was eine zeitgemäße Form für die Prägekraft von Religionen auf die Gesellschaft sein kann - insbesondere angesichts eines Rechts- und Sozialstaates, der viele Desiderate von Gerechtigkeitsforderungen der Religionen erfüllt hat. Leicht international übertragbar sind die Antworten darauf jedoch nicht. Sofern ähnlich hoch entwickelte Rechts- und Sozialstaaten wie in Europa nicht vorhanden sind, muss die soziale Bindekraft von Religionen differenziert aus den jeweils anderen Kontexten heraus beurteilt werden.

Aus globaler Perspektive ist zudem das sich selbst als säkular verstehende Europa als glaubensbasiert beschreibbar: insofern die Kultur sich primär stärker an Überzeugungen (auch rechtliche) als an Traditionen und Pragmatismus bindet. Sprechfähigkeit und ein differenziertes Wissen darüber, was daran Prägung monotheistischer Textreligionen ist, ist für die interkulturelle Verständigung hilfreich, sogar notwendig.

Eine sich als pluralistisch verstehende Gesellschaft sollte auch nicht aus Bequemlichkeit und Sorge politischer Korrektheit vermeiden über fundamentalistische Tendenzen und „hate speeches“ im Kontext von Religion zu reden. Die Ursachen von Extremismus und Terrorismus sind aber kritisch zu erforschen. Wichtig ist dabei zu beachten, dass auch diese vielfältig und in verschiedenen Gesellschaften unterschiedlich sind.

Mut zu Paradoxien
Kann es sein, dass über das Böckenförde-Paradox hinaus Freiheit generell und notwendig Paradoxien braucht? Ihr Kern die permanente Trennung Form von Inhalt ist? Das Böckenförde-Paradox also einen doppelten Boden der Demokratie beschreibt? Manche Paradoxie, die von außen bisweilen als Scheinheiligkeit oder Widersprüchlichkeit gesehen wird, ist so systemimmanent zu verteidigen:

Der Bedarf an Religionsunterricht wird von Pädagogen oft begründet damit, dass in der Primärbildung Kindern eine Welt versprochen werden muss- nur ein stabiler Rechtsrahmen aber garantiert mit den notwendig eintretenden Enttäuschungen später im Leben umgehen zu können.
Noch ein paar Beispiele: Das Gründungsmotto der Wochenzeitung DIE ZEIT bei Einführung der Redaktion "Glauben und Zweifel" war ein Zitat des englischen Schriftstellers Julian Barnes: "I do not believe in God - but I miss him."

Die während der Reise besuchten Kabarettisten des Pantheon Theater formulieren: Ja, wir wollen etwas ändern- aber es ist nur Kunst. Über schreckliche Dinge zu lachen schafft Distanz und damit Handlungskraft; Kunst ist aber nicht selber instrumentell aktiv.

Immer mehr Menschen verlassen die großen christlichen Religionsgemeinschaften in Deutschland – und immer mehr studieren Religionswissenschaften. Die eigene Tradition aus der Perspektive einer anderen zu sehen bedeutet kulturellen Reichtum. Offenbar ist aber auch eine kulturelle Tiefenstruktur latent wirksam: ein Bedürfnis Argumentationslogiken außerhalb der Rechts- und Politikwissenschaften zu kennen, um intellektuell tautologische Fallen zu vermeiden.

Dialog hat kein Ende
Und die Zukunft? Die Vielfalt der Migrationsgesellschaft und die Vielfalt durch globalen Austausch nehmen zu. Es ist nicht absehbar, dass die Bedeutung von Religion im Stiften von sozialen Bindungen global abnehmen wird. Diesen Tatsachen kann man nur mit einem prinzipiell irenischen Religionsverständnis begegnen, an dem die Religionen sich auch selber messen müssen. Alles andere ist fassbar mit sozialwissenschaftlichen Begriffen wie der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit.

Dialog kann man nur mit noch mehr Dialog erhalten – das Risiko der Freiheit, dass der Staat  in Deutschland auf sich nimmt, kann nur durch eine starke Zivilgesellschaft erhalten werden. Aus globaler Perspektive hat Europa einen Sonderweg eingeschlagen. Um der Verständigung und Kooperation willen müssen Europäer religiöse Gesellschaften besser kennen und verstehen lernen. Für sich selber hat sich dieser Sonderweg bislang aber als fruchtbar und Frieden sichernd erwiesen.

Handlungsempfehlungen für ein international kommunizierendes und agierendes Deutschland:

  • über das deutsche staatsrechtliche Modell verstärkt informieren: über die Entstehung des Staates durch Einhegung der weltlichen Macht der Kirche als Lernprozess aus den Religionskriegen, den Aspekt der positiven Neutralität (der den Dialog mit religiös geprägten Gesellschaften erleichtern kann), das Modell der akademischen Ausbildung der Geistlichen
  • weiterhin deutlich darauf hinweisen, dass staatliche Einflüsse auf Religionsgemeinschaften, von innen wie von außen, diesem Modell grundsätzlich zuwiderlaufen
  • international Plattformen für einen aufgeklärten Islam fördern
  • sehr genau analysieren und formulieren, wenn es um Gewalt im Kontext von Religionen geht; bei Politisierung religiöser exklusiver Identitäten den Definitionsrahmen der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit nutzen
  • in Solidarität gemeinsam mit Gläubigen Extremismus bekämpfen
  • kulturelle Intelligenz erweitern und mehr über das Selbstverständnis und Rechtssystem religiöser Gesellschaften lernen
  • vermehrt Diskussionen innerhalb der Medien über Darstellung von Religionen im Kontext von Gewalt führen.